Ausgabe 
29.12.1915
 
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aber französische und eng

Organ für die Interessen des werktätigen der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

Volkes

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Nr. 305

Gießen, Mittwoch, den 29. Dezember 1915

10. Jahrgang a

Die Begründung.

Von Dr. Paul Lensch.

An dem Vorstoß der 20 Separatisten wirkt nichts

lich, wie die Dürftigkeit seiner Begründung. Die Erlln, die der Genosse Geyer am 21. Dezember im Keichstage vorlas, begann mit dem Satze, daß die Militär d 5 1 Zwanzig unmöglich mache, außerhalb des pauses lung zu der Kreditvorlage zu begründen. Man hätte nun denken sollen, daß nunmehr endlich die Gelegenheit benutzt würde um den Bourgeoisparteien samt ihrer kapitalistischen Regierung die abgrundtiefe und unüberbrückbare Kluft zu zeigen, die zwischen ihnen und den Interessen des arbeitenden Volkes gähne, daß dieser ein kapitalistischer Krieg sei, der das Proletariat nichts angehe, dem es vielmehr in internationaler Solidarität ge⸗ schlossen gegenüberstehe. Aber wer erwartet hatte, daß Genosse Gever dergestalt seine revolutionäre Mähne schütteln würde, der wurde arg enttäuscht. Ein paar armselige, durch und durch oppor⸗ tunistische Argumente wurden an den Haaren herbeigezogen. Da hatte der alte Spahn im Auftrage der bürgerlichen Parteien einen Satz überGebietserweiterungen hergemümnelt, da hatte der Kauzler nicht die naive und unmögliche Beteuerung abgegeben, daß nach Abschluß dieser ungeheuren Weltrevolution, die wir Krieg nennen, alles bis auf die letzte Turbanmütze im Orient genau so am alten Platz wieder hingestellt werden würde, wie es vorher war. Ja, war denn das den Genossen bis dahin unbekannt, daß noch kein Krieg der Weltgeschichte ohne Grenzverschiebungen oder Machtveränderungen geendet hat? Und da sollten die herrschenden

Klassen irgend eines Landes beteuern, daß sie alles daran setzen würden, den größten Krieg, den die Weltgeschichte kennt, den jetzigen Weltkrieg, ohne Gebietsveränderungen abschließen zu

wollen! Eine solche kindliche Zumutung haben weder die englischen, noch die französischen und am allerwenigsten die italienischen Sozialisten an ihre Bourgeoisien gestellt. Im Gegen⸗ teil, sie schreien mit ihren Annexionspolitikern um die Wette nach Eroberungen und Grenzerweiterungen. Aug in Deutschland ist die sozialdemokratische Fraktion nicht so naiv gewesen, von den kapita⸗ listischen Klassen zu verlangen, sie sollten antikapitalistische Politik machen und ausdrücklich auf jede Gebietserweiterung ver⸗ zichten. Sie begnügte sich damit, Einspruch gegen Vergewaltigung und schrankenlose Annexionen zu erheben. Nur den 20 Separa⸗ tisten blieb es vorbehalten, die Haltung der bürgerlichen Parteien zum Vorwand zu nehmen, um die Kredite abzulehnen.

Und dabei ist das bürgerliche Gerede über Annexionen auch Heute nicht viel mehr, als das Verteilen des Bärenfells, während der Bär noch sehr munter am Leben ist. Denn es ist nicht wahr, es ist eine gefährliche und leichtfertige Behauptung, wenn es in der Erklärung der Zwanzig heißt:Unsere Landesgrenzen und unsere Unabhängigkeit sind gesichert, nicht der Einfall feindlicher Heere droht uns. Das wagt man auszu⸗ sprechen angesichts der Tatsache, daß Millionen unserer Brüder noch jetzt Tag und Nacht in den Schützengräben liegen, um den im Osten wie im Westen drohenden Einbruch überlegener Heere ab- zu wehren! Das spricht man aus, obwohl man ganz genau beiß, daß Engländer und Franzosen seit Monaten einen neuen gewaltigen Durchbruchsversuch vorbereiten, noch furchtbarer, noch entsetzlicher als der letzte, der uns allein an Gefangenen herbe Ver⸗ luste beibrachte, und der nur abgeschlagen werden konnte, weil unsere Söhne und Brüder mit dem letzten Hauche ihrer Kraft wochenlang dem zermalmenden Trommelfeuer, den giftigen Gasen, den wütenden Infanterieangriffen stand hielten. Und da stellen sich im deutschen Reichstage deutsche Arbeiter, deutsche Sozjaldemo⸗ kraten hin und erklären: uns droht kein Einbruch feind⸗ licher Heere! Wozu haben sie eigentlich ihr Leben gelassen, jene Taufende deutscher Jungen, damals im September und Okto⸗ ber bei Arras und Loos, bei Souchez und in der Champagne? Sie glaubten, es drohe ein Einfall feindlicher Heere. Die Toren! Hätten sie doch vorher bei Geyer und Haase, bei Horn und Zubeil angefragt! Die hätten ihnen sachverständig erklärt: uns droht kein Einfall feindlicher Heere! e 5

Und solche Argumente hielten die Zwanzig für stichhaltig genug, um nicht nur die Disziplin der Fraktion zu brechen, sonderg auch um die Kredite abzulehnen. Und ebenso küm m erlich und spießbürgerlich wie die Argumente war die Tat, die ihr folgte. Von den bürgerlichen Parteien des Reichstages wurde die Kreditverweigerung der Zwanzig wie eine Kuriosität auf⸗ genommen, wan lächel ke, man schwieg, und so ging als harmloser Zwischenfall vorüber, was als eine revo⸗ lutionäre Aktion gedacht war. Zu Beginn des Krieges, als man noch des Glaubens leben konnte, daß ein Weltkrieg die kapitalistische Gesellschaft binnen wenigen Monaten aus den Angeln heben umd die sozialistische Internationale in allen ndern gemeine sam ihre Stimme gegen den Krieg erheben würde, da hätte eine solche Erklärung vom Standpunkt des internationamlen Sozjialis⸗ mus sicherlich eine andere Beurteflung gefunden, als sie heute finden muß. Denn heute sind wir 17 Monate weiter, heute wissen wir, daß nicht die kapitalistische Gesellschaft aus den Angeln gehoben ist, sondern die Juter nationale. Der Kapitalismus, be⸗ sonders in seiner deutschen Spielart, hat eine Lebensfähigkeit, 0 Geschmeidigkeit erwiesen, wie sie selbst seine besten bree e Kenner und Freunde nicht für möglich gehalten. Umgekehrt. die Internationale eine Zerbrechlichkeit und Ohnmacht an den 155 gelegt, wie sie ebenfalls ihre besten Freunde für unmöglich 980 10 In dlesen beiden fundamentalen Punkten ist also das volle 1 teil dessen eingetreten, was man vor dem Kriege in den weitesten Kreisen der Partei angenommen hatte. Heute kann man 1 5 klären, daß der Fraktionsbeschluß vom 3. August 5 a e sst Kredite durch die Tatsachen vollkommen gerechtfertigt war 1 Eine Ablehnung der Kriegskredite läßt n e sozia Nr schen Standpunkte nur rechtfertigen als in tern e Aktion, d. h. unter der Voraussetzung, daß in den e Ländern die sozialistischen Pavtesen ebenso handeln: dun Znlange nationalität beruht auf Gegenseitigkeit. So. 1 90

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springen, so lange kann von einer internationalen Aktion gegen den Krieg, und nun gar von einer einseitigen Verweigerung der Kriegs⸗ krodite keine Rede sein. War schon am 4. August, wie nunmehr durch die geschichtliche Entwicklung festgestellt ist, die Kreditver⸗ weigerung unmöglich, so ist sie es jetzt erst recht.

Freilich: die gute Absicht! Die Zwanzig glaubten durch ihren Vorstoß dem Frieden zu mitzen.Ich pfeife auf Absichten pflegte Marx zu sagen, und in der Tat kommt es in der Politik nicht auf Absichten, sondern auf Erfolge an. DerErfolg dieses Schrittes aber wird in doppelter Hinsicht für Deutschland und besonders flir seine Arebfterklasse verhängnisvoll sein. Er wird die Bourgesisien des feimdlichen Auslandes mit neuer Hoffnung erfüllen und es ihnen leicht machen, ihre fanatisierten Arbeitermassen, in die der Blitz sozialistischer Erkenntnis noch niemals eingeschlagen hatte, in neue Verachtung gegen unser Volk und in neue Siegesgewißheit gegen die endlich schwankenden Reihen diesesAuswurfs der Menschheit, als der ihnen Deutschland gilt, hineinzuhetzen. Im Innern aber werden unsere Arbeiterfeinde triumphieren: Endlich haben wir die Sozialdemokraten da, wo wir sie schon lange hin haben wollten. Die Pest über den 4. August! Der 21. Dezember, das ist unser Tag, von da an schießt unser Weizen wieder in die Halme!

Gute Absichten! Gewiß, sie haben's alle so herzlich gut gemeint, die Zwanzig!

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8 Der Zustand im russischen Heere.

zer nowitz, 27. Dez. Ein gesangenex russischer Offizier be⸗ lichtet, daß im russischen Heere in der letzten Zeit umfangreiche Meutereien ausgebrochen seien. Als Ursache für die Demorali⸗ sation bei den russtschen Truppen gab der Offizier die lange Dauer des Krieges an. Einige Regimenter hätten von der Front ins Hinterland geschafft werden müssen. Die Uebertreibungen ge⸗ legentlicher Plänkeleien in den russischen Kriegsberichten er⸗ klärten sah daraus, daß die Heeresleitung durch fingierte Siege den Mut der Truppen heben wolle. Das Intendanturwesen habe sich trotz der langen Dauer des Krieges nicht gebessert, die Zufuhr. durch den Train funktioniere noch immer schlecht, Unterschlagungen seien an der Tagesordnung.

Verhinderte Anknüpfung internationaler

Beziehungen in England und Frankreich.

Die Voss. Ztg. läßt sich aus Kopenhagen berichten:

Die sozialistische Partei sowie die vereinigten Gewerk⸗ schaften Dänemarks beabsichtigten, zur Aufrechterhaltung der internationalen Beziehungen zwei Vertreter, nämlich die Herren Stauning und Hedebol, nach England zum Besuche der dortigen Arbeiterverbände zu entsenden, doch verweiger⸗ ten ihnen das englische Konsulat und die englische Gesandt⸗ schaft in Christiania die Pässe, weil sie annehmen, daß die beiden Sendlinge die Reise zu Friedenszwecken benutzen wollten. Auch das französische Konsulat und die französische Gesandtschaft stellt ihnen keine Pässe aus. Stauning, wel⸗ cher Geschäftsführer der dänischen Sozialdemokratie ist, weilte vor einigen Wochen unbeanstandet in Deutschland. Daß England und Frankreich solche Besuche bloß wegen etwaiger Friedenserörterungen scheuen sollken, ist weniger wahrscheinlich, als daß sie durch einen neutralen Besuch eine merwünschte Verbreitung der Wahrheit über die Kriegslage fürchten. N Der Niedergang der italienischen Hotelindustrie.

Eine düstere Darstellung über den Niedergang der italienischen Hotelindustrie und des gesamten vom Fremdenverkehr lebenden italienischen Handels entwirft nach zuverlässigen Daten die vom Seuator Doumer redigierte Pariser Opinion. Die Verluste be⸗ tragen Hunderte von Millionen Lire. In Weihnachtsbriefen aus Rom, Oberitalien, Sizilien an den Pariser italienischen Hilfsver⸗ ein gelangt die bittere Enttäuschung über die sozialen Folgen des bisherigen Kriegsverlaufes zum Ausdruck.

Die Fordsche Friedensfahrt.

Stockholm, 27. Dez. Ueber die Gründe der Heimreise Fords teilt dessen persönlicher Stellvertreter mit: Ford sei bereits bei seiner Abreise überanstrengt gewesen; die Stra⸗ pazen der Ueberfahrt und die Kälte in ungeheizten Hotels verschlimmerten sein Befinden. Der norwegische Arzt be⸗ fahl die Heimfahrt und eine längere Ausspannung an. Man hegt die Hoffnung, daß Ford nachkommt und im Haag wieder zur Expedition stößt. Hier nehmen nur die Ftiedensfreunde darunter Bürgermeister Lindhagen und der sozialdomokrati⸗ sche Jugendklub von der Expedition Notiz.

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Gouverneur Hanna aus Nord-Dakota, das vornehmste Mit⸗ glied der Ford⸗Expedition, kam an typhusähnlichen Symptomen schwer erkrankt in Kopenhagen an, wo er in einem Krankenhaus Untergebracht wurde. Sein Begleiter Mr. Clark erklärte einem Vertreter Politikens, daß unter den Mitgliedern der Expedition unleugbare Uneinigkeit herrsche, weil in ihr zu viele Ele⸗ mente mit verschiedenartigen Interessen zusammengetrommelt worden seien. Der ernsteste Streitpunkt war, wie schon mitgeteilt wurde, die Resolution, die den Verteidigungsplan Wilsons miß⸗ billigte. Einige Erpeditionsmitglieder erklärten, man könne nicht in Europa Frieden predigen und gleichzeitig amerikanische Rüst⸗ ungen unterstützen. Edison nehme darum nicht an der Expedition teil, weil ex als technischer Konsulent der Regierung den! ameri⸗ kanischen Rüstungsplan unterstütze. Die Friedenserpedition wird Donnerstag in Kopenhagen erwartet. Wahrscheinlich wird der Friedenskreuzzug hier aufgelöst. Die meisten Mitglieder kehren nach Amerika zurück, nur wenige setzen die Reise fort. Der Grund hierzu liegt in dem fehlenden Anschluß aus den fkandinavischen Ländern sowie in Paßschwierigkeiten.

Die christlichen Kirchen und der Weltkrieg.

Ein Parteigenosse schreibt uns:

Das jetzige Oberhaupt der römisch⸗katholischen Kirche, Papft Benedikt XV. nahm kurz nach seiner Wahl am 9. September und 1. November 1914, sowie Ende Juli dieses Jahres in zwei Rund⸗ schreiben und einem Aufruf Veranlassung, die kriegführenden Völker, unter Hinweis auf bas entsetzliche Unglück, das die Mensch⸗ heit durch den völkerverheerenden Weltkrieg betroffen und die Erde mit Blut getränkt und mit Millionen Toten und verwundeten Menschenleibern bedeckt habe, zum Frieden zu ermahnen. Am Schlusse feiner Veröffentlichungen fordert der Papst die gesamte katholische Bevölkerung auf, zu Gott zu beten und von ihm den Frieden zu erflehen. Mit diesen kirchlichen Verordnungen, die im besten Falle nichts anderes als ein Beruhigungsmittel für ängst⸗ liche, gläubige Gemüter sein können, jedoch in, keiner Weise ge⸗ eignet erscheinen, auch nur den geringsten Einfluß auf die kriegeri⸗ schen Verwicklungen auszuüben, wird die päpstliche Ohnmacht in der Lösung weltpolitischer Fragen dokumentiert. Alle Friedens⸗ vermittlungsversuche des Papstes scheiterten an dieser Tatsache. Ja sogar der recht bescheidene Vorschlag, an Weihnachten 1914 eine Ruhepause von einigen Tagen eintreten zu lassen, konnte keine all⸗ gemeine Annahme finden.

Mancherlei sonstige von der Osservatore Romano so rühmlich hervorgehobenen Erfolge des Papstes, die eine Milderung der Schärfen des Krieges herbeiführten, sind gewiß zu begrüßen. Jedoch sind derartige Erfolge, in bezug auf die ursprünglich beabsichtigte Mission des Papstes und mit Rlicksicht auf seine kirchliche Autorität, vor der sich zu früheren Zeiten Kaiser und Könige beugen mußten, von recht untergeordneter Bedeutung. Genährt wird die welt⸗ politische Einflußlosigkeit des Papstes noch durch die gegenseitige Hetze, die die Seelenhirten der kriegführenden Länder in recht un⸗ christlicher Weise betreiben. Ein recht drastisches Beispiel hierfür bietet der englische Erzbischof von Glasgow, der in einem Aufru alle jungen unverheirateten Männer aufforderte, für das Vater⸗ land die Waffen zu ergreifen, um zu streiten für Religion und Kultur in Europa, gegen die Mächte der Finsternis, gegen Betrug, Hartherzigkeit und Hab sucht. Dieser gewiß nicht von christlicher Liebe triefende Aufruf ist an einem Sonntag von allen Kirchen der Diözese verlesen worden. Wie in England, so wird nun auch in allen kriegführenden Staaten fleißig gebetet und gegen die feindlichen gottlosen Völker vom Leder ge⸗ zogen. Die christliche Presse, protestantische wie katholische, glaubt die Zeit gekommen, wo eine christliche Wiedergeburt in Deutsch⸗ land erstehe, wo Tausende unter dem Schrecken des Krieges ihren Glauben wiedergefunden und noch viel mehr Laue in ihrem Glauben gefestigt worden seien. Auch der bekannte konserpative Reichstagsabgeordnete Dr. Oertel, der der evangelischen Kirche angehört, hatte in der Deutschen Tageszeitung seinem gepreßten Herzen Luft gemacht und in demalten undkerngesunden Gottesglauben die einzige Rettung für die verlorenen und nun wiedereroberten Christenkinder gefunden. Mit einem Schlage ver⸗ nichtet er die Gottesleugner, die nun stillgeworden seien und um⸗ lernen mußten. Im Gegensatz dazu erklärt eine katholische Autori⸗ tät und zwar der Professor der Kirchengeschichte an der Universität Freiburg im Breisgau, Dr. Pfeilschifter:In jeder Nation werden die religiösen Kräfte teilweise in sehr hohem Maße herangezogen und ausgenutzt, wohl bei keiner Nation so stark wie bei uns. Wir müssen uns aber hüten, voreilige Schlüsse zu ziehen, über eine religöse Wiedergeburt des ganzen deutschen Volkes. Es wäre ver⸗ kehrt, wenn man die Höhenlage des Außerordentlichen, des Helden⸗ tums und der Begeisterung im religiösen Leben während des Krieges mit jener religiösen Wiedergeburt verwechseln würde. Das ganze religiöse Wesen werde mit dem Ende des Krieges wieder herabsinken in eine dauernde Allgemeinlage. Eine weitere Er⸗ klärung einer katholischen Größe, die sich Herr Dr. Oertel in seinem Herzen recht tief einprägen möge, wollen wir hier nicht un⸗ erwähnt lassen. Es ist dies der Jesuit Döring, Bischof von Prona in Indien, der berichtete, daß der Krieg die Mission um Jahrzehnte zurückgeworfen habe.Mau predige den Heiden die Nächstenliebe und gewinne sie durch Liebestätigkeit und im Kriege sehen sie nun das Gegenteil von Liebe. Wenn wir nach dem Kriege zurückkehren, wird man uns Missionaren sagen:Reformiert ihr Christen nur zuerst euch selber, wir Heiden sind besser als ihr. Selbst die bekannten orthodoxen katholischen Trierer Petrus⸗ Blätter halten von derKanonenfrömmigkeit nicht viel und müssen schon ein Abflauen des Kirchenbesuches konstatieren.

Mit dem Eintritt Italiens in den Krieg ist die päpstliche Friedenspropaganda etwas ins Wanken geraten. Mau hat sich inzwischen, da die Anrufung um Gottes Hilfe wenig zu nützen ver⸗ mochte, an den Präsidenten Wilson, das Oberhaupt desjenigen Staates gewandt, der durch die Munitions⸗ und Waffenlieferungen an die Verbündeten die Länge des Krieges verschuldete, die Friodens⸗ vermittelerrolle zu übernehmen. Der Papst, der mit der Ent⸗ endung seiner Nobelgarde an die italienische Front auch seine Vater⸗ landsliebe bekundete, mußte sich von jetzt ab etwas Reserve aus⸗ erlegen, zumal ihm die italienische Regierung, wie der Kardinal⸗ sekretär Gaspari sagte, guten Willen bewiesen habe, mehrere Schwierigkeiten beizulegen, die der Vatikan in Kriegszeiten als unvermeidlich betrachtete. Es spielt da noch eine andere Frage eine große Rolle. Gleich nachdem Italien in den Krieg eingetreten war, verlangte die deutsche Zentrumspresse, daß die Wiederein⸗ setzung des Papstes in seine weltliche Herrschaft bei den Friedensbedingungen mit aufgenommen werden müsse. Auch der Zentrumsführex Spahn hielt eine internationale Regelung dieser Frage für unbedingt notwendig. Der durch seine überschwänglichen Katholikentagsreden bekannte Abg. Max ver⸗ langte sogar, daß diese Frage an erster Stelle der Friedens⸗ bedingungen stehen müsse. Die Erfüllung dieser Forderung dürfte auch diesmal wieder und zwar im Interesse der religiösen Toleranz für lange Zeit von der Bildfläche verschwinden.

Die päpstliche Erklärung für die Entstehung des Krieges in der katholischen Bevölkerung den entsprechenden Widerhall ge⸗ funden hat, ist recht interessant. In seiner Ansprache, die er im Januar dieses Jahres im Konsistorium hielt, erklärte der Papst, daß der Friede ohne den göttlichen Willen die Erde nicht verlassen habe, daß Gott gestatte, daß

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