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Enischluß, das Blatt La guerre sociale(Der soziale Krieg) von nun an La victoire(Der Sieg) zu nennen.. Herrn Heros wird dieser Schritt erhaben vorkommen— uns
0 kann er bei der ganzen Situation des Vierverbandes und ganz be⸗
sonders Frankreichs nur lächerlich erscheinen. Aber wenn Herr Hervé die Zimmerwalder Lonferenz zum Anlaß nimmt, sich äußerlich ganz vom Sozialismus loszusagen, so zwingt er zu dem Schluß, daß das Verlangen nach Beendigung des grauenvollen Krieges immer mehr vom französischen Sozialismus überhaupt empfunden und wohl auch schon erhoben wird. Wäre das wirklich der Fall, so könnten wir es nur begrüßen. Die Versöhnung des deutschen und französischen Volkes rückte dann näher. Und dieses Ziel ist wohl das Opfer wert, Herrn Hervs zu verlieren! Sleuerfragen.
Der Ankündigung des Reichsschatzsekretärs, daß der Krieg jedenfalls, wie immer es sich auch mit der Kriegsent⸗ schädigung verhalten werde, eine„kolossale Steuerbelastung“ bringen werde, folgt bereits das Rätselraten, das neuen Steuervorlagen stets vorausgeht. Der Lokal⸗Anz. weiß be⸗ reits zu melden, daß die Einführung von Reichsmono⸗ po len vorläufig noch nicht vorgeschlagen werden solle; zu⸗ nächst werde man eine Erhöhung der Zigaretten⸗ steuer und anderer Steuern, die nicht die große Masse des Volkes treffen, ins Auge fassen. Bei der riesigen Verbrei— tung, die das Zigarettenrauchen von Jahr zu Jahr ange— nommen hat, wird man nicht sagen können, daß dieses Pro— jekt die große Masse des Volkes nicht treffen würde. Warum man nicht schon jetzt an die Einführung von Monopolen gehen will, ist nicht einzusehen. Der Krieg hat so gewaltige Eingriffe des Staates in das private Wirtschaftsleben ge⸗ bracht, daß man wohl auch vor diesem Schritt nicht zurück⸗ zuschrecken brauchte. Ein Reichstabakmonopol würde sogar sehr angebracht sein; da unsere Krieger jetzt Rauchwaren ge⸗ liefert bekommen, würde die Bezahlung dafür bei einem Monopol wieder an das Reich fließen, ohne daß Privat-Kapi⸗ talisten daran verdienen würden.
Dasselbe Blatt hält den Behauptungen von einer bevor⸗ stehenden Verdoppelung der preußischen Steu⸗ erzuschläge entgegen, daß darüber noch nicht entschieden sei. Die Entscheidung werde„offenbar von der Gestaltung der Friedensbedingungen in maßgebender Weise beeinflußt werden.“ Sind wir denn so nahe schon dran? Und wenn nicht— wird Herr Lentze nach dem lockenden Vorbild Bay⸗ erns, Sachsens und Badens noch länger sich gedulden wollen? Wir werden es ja bald wissen, wenn erst die Feste vorbei sind,
kommt ja der preußische Landtag.
Spannung zwischen Griechenland und
dem Vierverband.
Die Neuen Zürcher Nachrichten berichten, daß aus Athen soeben aus zuverlässiger Quelle Nachrichten eintreffen, nach denen die Lage zwischen Griechenland und dem Vierverband sich immer mehr zuspitzt. Die Zumutungen und Gewalt⸗ tätigkeiten des letzteren sind bis ins Unerträgliche und Ent⸗ würdigende gestiegen. Es ist nicht mehr genug, daß man die griechische Neutralität verletzt, sondern man tritt auch die griechischen Hoheitsrechte mit Füßen. Die Erregung steigt von Tag zu Tag. Der völlige Bruch mit dem Vier⸗ verband erscheint unausbleiblich, trotzdem die griechische Re— gierung immer noch an ihrer bisherigen Haltung festhält. Die Verantwortung hierfür trifft ausschließlich den Vierverband.
Der französische Sozialistenkongreß.
Bern, 26. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Bei dem Pariser Soztalistenkongreß erhob sich eine heftige Aussprache darüber, ob die sozialistischen Abgeordneten, die kein Mandat als Kongreßteil⸗ nehmer haben, dem Kongreß beiwohnen dürften. Die Pariser er⸗
hoben wegen der Vorfälle im Seinekongreß am letzten Sonntag da⸗
gegen Einspruch. Ein Antrag wurde angenommen, wonach ein Abgeordneter Zutritt hat. für den ein Delegierter bürgt; für die Presse wird täglich ein Protokoll herausgegeben werden.
Kein Sonderfrieden Rußlands.
T. U. Kopenhagen, 27. Dez. Die Birschemija Wjedomosti meldet aus Petersburg: Unter dem Vorsitz des Grafen Bobrinski hielt die Rechte des Reichsrates eine Sitzung ab,
um zu den Gerüchten Stellung zu nehmen, wonach die Rechts⸗ parteien Rußlands gewillt seien, mit Deutschland einen Sonderfrieden zu schließen. Es wurde eine Resolution an⸗ genommen, worin diese Gerüchte empört zurückgewiesen wur⸗ den und betont wird, die gesamte Rechte wünsche den vollen Sieg über Deutschland.
Die Räumung Sollums.
Bern, 26. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Eine Mel⸗ dung des Temps aus Rom ergänzt die frühere Meldung über Kämpfe zwischen Engländern unter dem Oberst Gordon und Arabern in der Gegend von Motruch östlich von Tripolis da⸗ hin, daß Sollum infolge der Angriffe arabischer Aufständi⸗ scher von der Garnison geräumt worden ist. Verstärkungen seien unterwegs.
Automobilzusammenstoß.
T. U. Wien, 27. Dez. Vom Semmering wird gemeldet, daß fünf Automobile an einer steilen Stelle zusammenstießen, wobei zwei Personen schwer, mehrere andere leichter verletzt wurden. Die Insassen waren Mitglieder des Roten Kreuzes aus Rußland und Schweden, welche vom Besuch der Gefangenenlager zurückkehrten. Die Verwundeten wurden in Wien in verschiedenen Spitälern
untergebracht. 5 Kriegsussizen.
„Bund der italienischen Lehrer für den Nationalkrieg“ nennt sich eine neugegründete Organisation, die schon eine stattliche Reihe von Mitgliedern und zahlreiche Ortsgruppen hat. Die Aufgabe besteht in Aufklärung des Volkes über die idealen Beweggründe des italienischen Feldzugs und in Aufrechterhaltung der Stimmung. In erster Linie aber in Exrichtung von„Volks⸗Sekretariaten“, d. h. Schreibstuben, in denen die Lehrer die Korrespondens zwischen Soldaten und ihren Angehörigen führen.
Ein kriegsfreiwilliger Gardist Baptiste Conduche aus Sauvagnas anerkannte— so schreibt die Sentinelle— vor seiner Abreise an die Front, seinen eben geborenen außerehelichen Sohn als den seinen an und äußerte die Absicht, die Mutter zu heiraten. Da er bald darauf verwundet wurde und auch während der Rekonvaleszenz die Formalitäten noch nicht erfüllt waren, ernannte er bei seiner zweiten Abreise an die Front einen Freund als Stellvertreter bei der Verheiratung. Am 17. November fand die Hochzeit statt: wenige Tage nachher erfuhr die junge Frau, daß Conduchd am 27. September, 3 Tage nach seiner Abreise, gefallen sei. Die Heirat wurde für nichtig erklärt, trotzdem der jungen Frau die Witwen⸗ pension von seiten des Staates zugewiesen.
Für die ersten 7 Monate des Jahres 1915 wurden in Rußland Waren im Betrage von 244,2 Millionen Rubel Cngeführt gegen die Waxeneinfuhr im Betrage von 782,8 Millionen Rubel der ent⸗ sprechenden Monate im vorigen Jahre. Die Warenausfuhr betrug 126 Millionen Rubel gegen die im Betrage von 781,2 Millionen Rubel der entsprechenden Monate im vorigen Jahre.
Nach der Rietsch kostet der Krieg dem russischen Staate 24 Mil⸗ lionen Rubel täglich. N
Zur Einberufung eines neuen Kongresses der Semstwo⸗ und Städteverbände, der für die erste Dezemberwoche in Moskau ge⸗ plant war, wird von der russischen Regierung die Erlaubnis ver⸗ weigert.
Der Herald meldet: Das den Frieden darstellende Decken⸗ gemälde von Albert Bernard, das von der französischen Regierung leihweise für die Ausstellung, die am 2. Januar eröffnet werde: soll, zur Verfügung gestellt worden war, ist von dem Wier der Transatlantischen Kompagnie, wo es vorläusse untergebracht wor⸗ den war, verschwunden. Man glaubt, daß es gestohlen worden ist. Das Bild war mit dem Dampfer„Espagne“ am 15. Dezember angekommen und sollte ein Hauptzugstück der Ausstellung bilden. Es war mit 20 0000 Pfund Sterling versichert, dem Betrage, den der französische Staat an den Künstler bezahlt hatte.
Soziales. Die Arbeiter-Sekretariate im Jahre 1914.
In der Nummer 51 des Korrespondenzblattes der Generalkommission werden die Erhebungen über die Ar⸗ beiter⸗Sekretariate im Jahre 1914 veröffentlicht. Die Ein⸗ wirkungen des Krieges machen sich auch bei dieser Erhebung geltend, obgleich nur 5 Kriegsmonate neben 7 Friedens- monaten in Betracht kommen. Die Zahl der Sekretariate ist nicht kleiner geworden, es wurden im Gegenteil im Jahre 1914 9 Sekretariate neu errichtet, fast alles Bezirks⸗Sekre⸗ tariate, deren Errichtung zu einer Notwendigkeit dadurch wird, daß in vielen Fällen jetzt der Rekurs nicht mehr zu⸗ lässig ist. Die Oberversicherungsämter entscheiden endgültig,
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und dies macht mündliche Vertretung vor ihnen erwün Es sind jedoch auch einige Sekretariate so vom Krieg in Mit— leidenschaft gezogen worden, daß sie entweder eingegangen sind, oder daß sie keinen Bericht geben konnten. Es beträgt deshalb die Zahl der berichtenden Sekretariate 130 gegen 129 im Jahre 1913. Die Gesamtzahl der Auskunftsuchenden ist gegen das Vorjahr etwas zurückgegangen. Sie beträgt 647 461 gegen 683 890. Die Auskunftsuchenden haben sich demnach um 36 429 verringert. Wie sehr hier der Krieg ein⸗ gewirkt hat, geht daraus hervor, daß die Zahl der männlichen Besucher um 78 467 sank, während die der weiblichen Besucher um 32 911 stieg. Dies zeigt, daß in außerordentlich vielen Fällen an Stelle der einberufenen Männer deren weibliche Angehörige das Sekretariat aufsuchten. Wie es in der Natur der Sache liegt, stellten die gewerkschaftlich organisierten Ar⸗ beiter die Mehrzahl der Besucher, 450 724 oder 67,07 Prozent. Auskünfte sind im ganzen 692 590 erteilt worden. Sie haben sich um 33 502 verringert. Natürlich verteilt sich diese Verringerung nicht auf all die Gebiete der Auskunfts⸗ erteilung. Auf manchem sind sie sogar ganz erheblich ge⸗ stiegen. So stiegen z. B. die Auskünfte über das Militär⸗ wesen von 8443 im Jahre 1913 auf 24 451, wobei noch nicht einmal die Auskünfte eingerechnet worden sind, die bedingt waren durch die vielen Anfragen über die Unterstützung der Familien der Kriegsteilnehmer, die nicht weniger als 18 080 Auskünfte notwendig machten, sodaß im allgemeinen die Auskünfte, die das Militärwesen mit sich brachte, sich um 34 088 vermehrt Auch auf dem Gebiete der Arbeiterver⸗ sicherung zeigen sich interessante Verschiebungen. Auskünfte über Unfallversicherung wurden im Berichtsjahre 15074 weniger als im Fahre vorher erteilt. Die Zahl fiel von 117 211 auf 102 137, während die über die Krankenversiche⸗ rung von 40 711 gestiegen ist auf 48 287. Diese Verschiebungen erklären sich daraus, daß nach Kriegsausbruch die Berufs⸗ genossenschaften auf Ersuchen des Reichsversicherungsamts zunächst mit ntenkürzungen zurückhielten, während andererseits die die Krankenversicherung betreffenden Gesetze vom 4. August 1914 eine derartige Verschiebung der Rechte und Pflichten der Krankenkassenmitglieder brachten, daß sich daraus ohne weiteres die Steigerung der Anfragen erklärt. Schriftsätze sind 180 381 angefertigt worden. Auch hier hat sich die Zahl etwas verringert, obgleich allein auf dem
neuen Gebiete der Unterstützung der Familien der Kriegs⸗
Auch die persönlichen Vertretungen sind etwas geringer geworden, 6178 gegen 6717. Die Minderung entfällt fast ausschließlich auf die Vertretungen vor den Gewerbe- und Kaufmanns⸗ gerichten, die von Auf das Kassengebaren der Sekretariate hat der Krieg natürlich auch eingewirkt. Dies sei nur illustriert an den 2 Zuschüssen, die die Generalkommission geleistet hat. Im Jahre 1913 leistete diese an 8 Orten Zuschüsse in Höhe von 17 260 Mark. Im Jahre 1914 mußte sie an 20 Sekretariate mit insgesamt 34 120 Mark Zuschüsse geben, wobei aller⸗ dings zu berücksichtigen ist, daß bei den Bezirks⸗Sekretariaten die Zuschüsse von vomherein in Betracht gezogen waren. Erwähnt mag werden, daß das Sekretariat in Frank- furt a. M., das seither beständig an erster Stelle gestanden hat, im Berichtsjahr an die zweite Stelle gerückt ist. Es ist überholt worden vom Arbeiter⸗Sekretariat Berlin, das 35 110 Auskünfte erteilte, während in Frankfurt 30 533 er⸗ teilt wurden. 4 N 2 Auskunftsstellen der Gewerkschaftskartelle haben nur 117 gegen 232 im Vorjahre berichtet. Hier hat der Krieg stärker eingewirkt, als bei den Sekretariaten. Die Zahl der von ihnen erteilten Auskünfte sank auf 42 229, wobei zu beachten ist, daß die fehlenden Auskunftsstellen zumeist bis zun Kriegsausbruch oder bis zur Einberufung der Auskunft⸗ erteiler noch tätig waren, ihre Auskünfte aber nicht mitge- zählt werden konnten, weshalb Vergleiche mit dem Vorjahre nicht möglich sind. 3 E rr
teilnehmer 7812. angefertigt wurden.
Barfüßele. 8
Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.
Der Oberknecht des Rodelbauern kam auf Amrei zu und sie schauerte schon in sich zusammen voller Erwartung, aber der Oberknecht sagte:
„Da, Barfüßele, heb' mir meine Pfeife auf, bis ich ge— tanzt habe.“ Und viele junge Mädchen aus dem Orte kamen, von der einen erhielt sie eine Jacke, von der anderen eine Haube, ein Halstuch, einen Hausschlüssel, alles ließ sie sich aufhalsen, und sie stand immer mehr bepackt da, je mehr ein Tanz nach dem andern vorüberging. Sie lächelte immer vor sich hin, aber es kam niemand. Jetzt wurde ein Walzer auf— gespielt, so weich, das geht ja, wie wenn man darauf schwim⸗ men könnte, und jetzt ein Hopser, so wild rasend, hei! wie da alles hüpft und stampft und springt, wie sie alle in Lust hoch aufatmen, wie die Augen glänzen, und die alten Weiber, die in der Ecke sitzen, wo Amrei steht, klagen über Staub und Hitze, gehen aber doch nicht heim. Da... Amrei zuckt zusammen, ihr Blick ist auf einen schönen Burschen geheftet, der jetzt stolz in dem Getümmel hin und her geht. Das ist ja der Reiter, der ihr heute morgen begegnete, und den sie so schnippisch abgefertigt. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, wie er, die linke Hand auf dem Rücken, mit der rechten die silber— beschlagene Pfeife hält, sein silbernes Uhrbehänge tanzt hin und her, und wie schön ist die schwarzsamtne Jacke und die schwarzsamtnen weiten Beinkleider und die rote Weste. Aber schöner ist noch sein runder Kopf, mit gerolltem braunen Haar, die Stirn ist schneeweiß, von den Augen an aber das Antlitz tief gebräunt, und ein leichter voller Bart bedeckt Kinn und Wange.
„Das ist ein Staatsmensch,“ sagte eine der alten Frauen.
„Und was hat der für himmelblaue Augen!“ ergänzte eine andere,„die sind so schelmisch und so gutherzig zugleich.“
„Woher der nur sein mag? Aus der hiesigen Gegend ist er nicht,“ sprach eine dritte, und eine vierte fsigte hinzu:
„Das ist gewiß wieder ein Freier für die Amrei.“
Barfüßel⸗ zuckte zusammen. Was soll das sein?
Was
soll das heißen? Sie wird bald belehrt, was damit gemeint ist, denn die erste sagt wieder:
„Da dauert er mich, die Schmalzgräfin führt alle Manns⸗ leut' am Narrenseil herum.“
Ja, auch die Schmalzgräfin hieß Amrei.
Der Bursche war mehrmals durch den Saal gegangen und ließ die Augen um und um schweifen, da plötzlich bleibt er stehen, nicht weit von Barfüßele, er winkt ihr, es über⸗ läuft sie siedend heiß, aber sie ist wie festgebannt, sie regte sich nicht. Und nein, er hat gewiß jemand hinter ihr ge— winkt, dich meint er gewiß nicht. Er drängt vor, Amref macht Platz. Er sucht gewiß eine andere.
„Nein, dich will ich,“ sagte der Bursche, fassend.„Willst du?“
Amrei kann nicht reden, aber was braucht's dessen auch? Sie wirft schnell alles, was fie in der Hand hat, in einen Winkel: Jacken, Halstücher, Hauben, Tabakspfeifen und Hausschlüssel. Sie steht flügge da, und der Bursche wirft einen Taler zu den Musikanten hinauf, und kaum sieht der Krappenzacher Amrei an der Hand des fremden Tänzers, als er in die Trompete stößt, daß die Wände zittern, und fröhlicher kann es den Seligen nicht erklingen beim Jüngsten Gerichte, als jetzt Amrei; sie drehte sich, sie wußte nicht wie, sie war wie getragen von der Berührung des Fremden und schwebte von selbst, und es war ja gar niemand sonst da. Freilich, die beiden tanzten so schön, daß alle unwillkürlich anhielten und ihnen zuschauten.
„Wir sind allein,“ sagte Amrei während des Tanzes, und gleich darauf spürte sie den heißen Atem des Tänzers, der ihr erwiderte:
„O wären wir allein, allein auf der Welt! Warum kann man nicht so fort tanzen bis in den Tod hinein?“
„Es ist mir jetzt grad',“ sagte Amrei,„wie wenn wir zwei Tauben wären, die in der Luft fliegen. Juhu! fort, in den Himmel hinein!“ und Juhu! jauchzte der Bursche laut, daß es aufschoß wie eine feurige Rakete, die zum Himmel aufspringt, und Juhu! jauchzte Amrei mit, und immer seliger schwangen sie sich, und Amrei fragte:„Sag', ist denn auch
ihre Hand
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noch Musik? Spielen denn die Musikanten noch? Ich höre sie gar nicht mehr.“ 5 „Freilich spielen sie noch, hörst du denn nichts?“ „Ja, jetzt, ja,“ sagte Amrei, und sie hielten inne, ihr Tänzer mochte fühlen, daß es ihr vor Glückseligkeit fast schwindlig zumute werden wollte. 4 Der Fremde führte Amrei an den Tisch und gab ihr zu trinken, er ließ dabei ihre Hand nicht los. Er faßte den Schweden⸗Dukaten an ihrem Halsgeschmeide und sagte:„Der hat einen guten Platz.“ 5 „Er ist auch von guten Hand,“ erwiderte Barfüßele. „Ich hab' den Anhänger geschenkt gekriegt als kleines Kind.“ „Von einem Verwandten?“ f „Nein, die Bäuerin ist nicht mit mir verwandt.“ 0 „Das Tanzen tut dit wohl, wie es scheint?“ 5 „O wie wohl! Denk' nur, man muß das ganze Jahr so viel springen, und es spielt einem niemand auf dazu. Jetzt tut das doppelt wohl.“. „Du siehst kuglig rund aus,“ sagte der Fremde scherzend, „du mußt gut im Futter stehen.“ 5 »Rasch erwiderte Amrei:„Das Futter macht's nicht aus, aber wie's einem schmeckt.“ 5 1 Der Fremde nickte, und nach einer Weile sagte er wieder halb fragend:„Du bist des Bauern Tochter von. 2 „Nein, ich dien',“ sagte Amrei und schaute ihm fest ins Auge, er aber wollte das seine niederschlagen, die Wimper zuckte, und er hielt das Auge gewaltsam auf, und dieser Kampf und Sieg des leiblichen Auges schien das Abbi dessen, was in ihm vorging; er wollte fast das Mädchen stehen lassen, doch wie im Selbsttrotze sich zwingend, sagte er: „Komm', wir wollen noch einen tanzen.“ a Er hielt ihre Hand fest, und nun begann von neuem Jubel und Lust, aber diesmal ruhiger und stetiger. Die bei⸗ den fühlten, daß die Gehobenheit in den Himmel nun wohl zu Ende sei, und wie aus diesem Gedanken heraus sagte Amrei: N a „Wir sind doch glückselig miteinander gewesen, wenn wie uns auch unser Lebtag nimmer wiedersehen, und keines weiß,
wie das andere heißt.“ Gortsetzung folgt.)
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