Ausgabe 
24.12.1915
 
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nicht durch die Vereinbarung ausgeschlossen sei. Die Bestimmung, daß Tage, an denen nicht gearbeitet wird, nicht bezahlt werden, müsse nach Treu und Glauben und mit Rücksicht auf die Verkehrs⸗ fitte ausgelegt werden. Hiernach könne die Vereinbarung dahin i werden, daß gesetzliche Feiertage nicht bezahlt würden. Der 16 sei durch die Vereinbarung nicht ausgeschlossen. Eine durch Krankheit verursachte Arbeitsversäumnis von einer Woche sei eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit, die der Klägerin be⸗ zahlt werden müsse. 5 85

Das Lohnbeschlagnahmegesetz ist ja bei der Urteilsbegründung nicht weiter mit herangezogen worden. Doch muß sich ein Ar⸗ beiter nach§ 616 B. G.⸗B. anrechnen lassen, was er in der Krankheitszeit aus einer Zwangskrankenkasse an Einnahme bezieht.

Wo die Arbeiter gensigende Freiheit haben, sollten sie über⸗ haupt keine Arbeits⸗ oder Tarifverträge annehmen, in denen die sozigl wichtige Bestimmung des 8 616 abgedingt wird. Die Ge⸗ werkschaften drängen schon lange nach dieser Richtung.

Wie soll der Christbaum geschmückt werden?

Mehr Geschmack beim Schmücken des Weihnachtsbaumes forderte s. Z. der Kunstwart, indem er schrieb:Aetsch, unser Ehristbaum dreht sich mit Musik!Und unser Vater hat lauter eleptische Lampen draufmachen lassen, rote und blaue und grüne und weiße ätsch! Das ist aus einem gehörten Kindergezänk. 65 könnke einem bange werden, wenn man sieht, wie sogax beim kindlichsten der Feste Tausende der jungen Seelen um die Freude am Einfachen, Geraden und darum Natürlichen und Schönen be⸗ trogen werden. Denn der kunstvolle Spielautomat mag den Choral Vom Himmel hoch noch sorein intonieren, er gübt doch nur ein jämmerliches Surrogat für Kindergesang; und mau mag die Drähte der Glühlampen noch so gut verstecken können, und es mag noch soeffektvoll fein, wenn der Vater nur am Schaltknopf zu drehen braucht, um im Nu blendendes Licht über den ganzen Baum zu zaubern es ist doch und gergde deshalb traurige Mache und kein Ersatz dafür, daß die Mutter die Kerzen eine nach der andern angezündet hat, während der wohlige Duft des schmelzenden Wachses im Zimmer auf So oft und soviel auch schon gegen ent⸗ stellende Verzierungen des Weihnachtsbaumes gesagt und geschrieben worden, und so oft das Gesagte guch schon wiederholt worden ist immer wieder weiß die schreiende Reklame Käufer zu locken. So ist es mit dem meisten von allem, was als Christbaumschmuck auf den Maxkt kommt. Sollte es wirklich jemand geben, der es für natürlich hielte, daß meist noch dazu greulich gefärbte bunte Glas⸗ und Blechkinkerlitzchen oder gestanzte Papier⸗Engel oder Papier⸗ Blumen an die Zweige gesteckt oder gehängt werden oder Karten mit Bildern und Sprüchen? Also weg damit und weg mit all dem 25 olten und Gesuchten, mit dem der Baum überladen wird!

das soll er denn sein, ein grüner Lichterbaum oder ein Aufhänge estell? Wo man die Zeit hat, Nüsse zu vergolden un sonst seichtesHausgemachtes für den Baum herzustellen sch n. In alle die Stunden, die man dran gearbeitet, glänzt er daun schon voraus, und wenn die Sachen am Baume hängen, daun hängt wieder die Erinnerung an diese lieben Stunden mit daran. 56 ist mehr wert, als auch einwandfreierdekorativer Behang,

n dem e käuflichen Krame gar nicht zu reden. Wo aber die Zeit zu solchem Selberhelfen fehlt, da kaum die käufliche . Ware nicht⸗ helfen. Und es ist kein großes Unglück darun. Denn

s Schönste ist und bleiht der Baum ohne Behang, der grüne 2 sohn nur im verheißenden Lichterglanz und im wür zenden

Wachsduft. Man glaube dach nicht, daß man die Kleinen nicht auch zur Mitfreude an dem gewinnen könnte. Ihren Scherz, ihr Spiel⸗ zeug, ihren bunten Kram müssen sie nur ehen auch haben, es ist 1 8 nicht gesagt, gerade am Baume. Der reine Lichterbaum macht 19 0 ihnen keinen kleinen, sondern einen starken und tiefen Eindruck, wenn man durch Aufstellung und Umgebung dafür sorgt, daß er als das zur Geltung kommt, was er sein soll. Hübsche S. selsachen, Bücher usw. kann er auch inn Moos unter sich mit seinen grünen Zweigen überdecken.

Gegen den Völkerhaßß. Es gibt Leute, welche der Masse einzureden suchen, der Krieg sei vom Haß der Völker gegeneinander verursacht. Und es hat auch nicht an Leuten gesehlt, die den Haß zu entfachen und aufzustacheln suchten,

wir erinnern nur an den famosenHaßgesang gegen Eng⸗ land von Lissauer. Dieser hat ja später sich seines Wahn⸗ sinns⸗Produkts felber geschämt und es abzuschwächen versucht, aber es ist doch da und in England zur Blamage des deutschen

0 bekannt geworden. In Wirklichkeit kennen die Bölker gar keinen Haß gegeneinander. Warum auch? Sie kennen sich ja gar nicht, haben also zu Haß gar keinen Grund;

viele Angehörige des einen Volkes sind mit denen eines anderen fogar eng befreundet und verwandtschaftlich ver bunden. Wo Haß zwischen den Völkern besteht, ist er meistens durch Hetzer hervorgerufen und angestachelt worden und in der Regel verfolgen diese Leute dabei den Zweck, zu profi⸗ tieren. Noch nicht einmal die Krieger, die täglich gegen⸗ einander kämpfen, haben Haß gegeneinander. So druckte vor

einiger Zeit das Protestantenblatt die Zuschrift eines im

Felde Stehenden ab, der sich wie folgt aussprach:

Wir im Felde, wir kennen den Feindeshaß kaum. Wir wissen nur zu gut, daß die Leute uns gegen⸗ über im feindlichen Schützengraben genau so hungernde, durstende, frierende oder schwitzende, von Ungeziefer ge plagte, sich nach der Heimat sehnende Menschenkinder sind wie wir, und wenn unsere französischen, alsofeindlichen Quartierwirte in Noyon von den französischen Soldaten immer als von unserenKameraden sprachen, so hatten sie im Grunde gar nicht so unrecht. Unser Empfinden ist wirklich derart: Kameraden, aber infolge der Tücke des Schicksals im feindlichen Lager....

5 Und nun, die Freunde in der Heimat? Sie leben ich habe es selbst ja auch drei Monate mitgemacht und kann daher mitreden alle mehr oder weniger unter dem Druck der Tatsache, daß sie nicht mittun können, daß sie bei den großen Ereignissen der Gegenwart untätig zuschauen müssen. Sie möchten aber gern etwas tun, und weil sie

mit der Waffe auf die Feinde nicht losschlagen können, so schlagen sie wenigstens los mit dem Munde und mit der Feder und reden und schreiben sich in einen Haß hinein, der manchmal geradezu lächerliche Formen annimmt. Und damit bei den Worten die Taten doch nicht ganz fehlen, so ändert man die Firmenschilder, setzt Dichter und Schrift⸗ steller fremder Nationen auf den Index und kommt sich dabei ungeheuerdeutsch vor. Es muß einmal ausge⸗ sprochen werden, wie unsagbar peinlich dieses Gehabe auf uns im Felde wirkt, beinahe ebenso peinlich, wie, wenn mann uns alle blindlings zuHelden stempelt.

Der Mann hat zweifellos recht. Ein Trost für alle ver⸗ nünftig Denkenden ist es, daß mindestens neun Zehntel der Bevölkerung von jedem Völkerhasse frei ist und wenn es der großen Mehrheit des Volkes nachginge, so hätten wir über⸗ haupt keinen Krieg.

Kein Weihnachtswetter? Der eingetretene Frost hat bald wieder milderem Wetter Platz gemacht. Schon gestern vormittag verwandelte sich der Schnee in den Straßen der Stadt zu der gefürchteten Patsche, und wird bald ganz ver⸗ schwunden sein. Angenehm ist das gewiß nicht, für diese Zeit hätte jeder gerne trockenes Frostwetter, das ja nicht gleich 20 Grad Kälte zu bringen brauchte.

Brotkarte auch im Frieden. Die Deutsche Tagesztg., das agrarische Hauptorgan in Berlin, hat sich kürzlich für Beibehaltung der Brotkarte auch im Frieden ausgesprochen. Dsa Blatt schrieb u. a.:

Wir werden nach menschlicher Voraussicht auch nach einem günftigen Frieden die Brotkarte zicht sofort ver⸗ schwinden lassen können. Vielleicht bleibt sie mit einigen Abänderungen und Abschwächungen eine dauernde Ein⸗ richtung, und das würde gewiß nicht schaden. Die deutsche Landwirtschaft wird sicher noch lange Zeit imstande sein, den Bedarf der Bevölkerung zu decken; aber eine gewisse umsichtige und haushälterische Sparsamkeit wird notwendig bleiben.

Eigentlich hat es ja wenig Wert, jetzt darüber zu dis⸗ kutieren, Hauptsache wäre, daß erst der Frieden mal da wäre. Aber bezüglich der Deckung des Bedarfs durch die deutsche Landwirtschaft ist doch ein Wort am Platze. Vor dem Kriege, als es den Agrariern darauf ankam, hohe Brot- und Fleisch⸗ zölle durchzudrücken, konnte man tausendfach die Behauptung wiederholen hören, daß die deutsche Landwirtschaft imstande sei, das Volk zu ernähren. Von unserer Seite ist dem unter Hinweis auf die Einfuhrziffern stets widersprochen worden, Der Krieg haͤt klar gezeigt, wie recht wir hatten; die deutsche Landwirtschaft ist eben nicht imstande, den Bedarf des Volkes zu decken. Nebenbei muß bezüglich der Brotkarte noch gesagt werden, daß sie doch bloß ein Mittel in der Not darstellt. Man wird vernünftigerweise die nicht geringen Mühen und Kosten, die sie verursacht, sparen, wenn man sie nicht unbedingt haben muß.

Abschlachtung der Nußbäume. Gegenwärtig wird das Nußbaumholz sehr begehrt und es verzeichnet daher auch einen hohen Preis; der Kubikmeter lostet etwa 150 Mk. und noch mehr. Das veranlaßt viele Besitzer von Nußbäumen, diese zu verkaufen und sie werden massenhaft gefällt. Nun ist aber der Baum keines⸗ wegs sehr zahlreich in Deutschland vertreten und es besteht die Gefahr, daß die jetzige Abschlachtung zu seiner Ausrottung führt. Das wäre sehr zu beklagen und ein großer Schaden; denn wenn die

Nüsse einigermaßen geraten, bringen sie einen guten Gewinn, da

der Baum fast gar keine Pflege erfordert. Aber auch das für Möbel, Schnitzereien usw. fehr gut verwendbare Holz ist sehr wert⸗ voll, weshalb man dafür sorgen sollte, daß die Rußbäume lieber mehr angepflanzt als alle verbraucht werden. Meistens wird das Holz jetzt zu Gewehrschäften verbraucht.

Den Schueidertarif als zwingendes Recht erklärt hat der Ober⸗ befehlshaber in den Marken, Generaloberst von Kessel. Er hat bestimmt: 1. Für alle von Bekleidungsämtern vom 1. Januar 1916 ab in Auftrag gegebenen und in Privatbetrieben seines Bezirks erfolgenden Anfertigungen von Mannschaftsbekleidungsstürken (Schneider⸗ und Mützeumacheranfertigungen, Halsbinden, Helm⸗ bezüge, Armbinden, Salzbeutel, Aufnähen der Buchstaben und Nummern bei Helmbezügen) dürfen keine Vereinbarungen ge⸗ troffen werden, welche von den Lohnabreden in den vom Kriegs⸗ bekleidungsamt des Gardekorps in Berlin(Lehrter Straße 57) am 15. Dezember 1915 herausgegebenen allgemeimen und besonderen Vertragsbedingungen abweichen. 2. Zuwiderhandlungen wer⸗ den auf Grund des Paragraphen 9b des Gesetzes über den Be⸗ lagerungszustand bestraft. 1

Stadttheater Gießen. Viele Abwechslung bringt der Spiel⸗ plan der Feiertage. Am 1. Feiertag gelangt als Gesamtgastspiel der Darmstädter Hofoper und Hofmusik die Mozartsche OperDie Gärtnerin aus Liebe zur Aufführung. Diese Vorstellung beginnt um 5% Uhr. Der zweite Feiertag bringt für den Nach⸗ mittag eine Wiederholung des beliebten SchwankesHerrschaft licher Diener gesucht, für den Abend die erste Wieder⸗ holung der so außerordentlich erfolgreichen GesangsposseDer Juxbaron mit Musik von Walter Kollo(Komponist vonWie einst im Mai). Am 27. Dezember wird nachmittags das Kinder⸗ märchenHänsel und Gretel gegeben. Am 27. Dezember abend findet eine Wiederholung des neuen liebenswürdigen Lust⸗ spiels von Presber und SteinDie selige Exzellenz statt, das jüngst bei der Erstaufführung hier so vorzüglich ange⸗ sprochen hat. Es sei darauf hingewiesen, daß die Kasse an den Feiertagen jeweils von 111 Uhr vormittags geöffnet ist.

Stadttheater Gießen. Spielplan. Sonntag den 26. Dezember(2. Feiertag), nachmittags 3% Uhr:Herrschaftlicher Diener gesucht, Schwank in 3 Akten von Eugen Burg und Louis Taufstein. Ende Uhr. Kleine Preise. Abends 7% Uhr: Der Jurbaron, Posse mit Gesang und Tanz in 3 Akten von Por⸗ des⸗Milo und Hermann Haller. Musik von Walter Kollo. Ende gegen 10% Uhr. Gewöhnliche Preise(ermäßigt). Montag, den 27. Dezember(3. Feiertag), nachmittags Uhr: Kinder⸗Vorstellung: Hänsel und Gretel. Ein Märchenspiel in 4 Bildern von Sieg⸗ fried Stutz. Ende 5 Uhr. Volks⸗Preise. Abends 7% Uhr: Die selige Exzellenz, Lustspiel in 3 Akten von Rudolf Presber und Leo Walter Stein. Ende 10½ Uhr. Kleine Preise. Diens⸗ tag(Bad Nauheim), den 28. Dezember, abends 8 Uhr:Der Jux⸗ baron. Ende 10% Uhr. Mitwoch, den 29. Dezember, abends 8 Uhr: 9. Dienstags⸗Abonn.⸗Vorstellung: Neuheit:Armut, Ein Trauerspiel in 5 Akten von Anton Wildgans. Ende gegen 10%

Uhr. Gewöhnliche Preise(ermäßigt). Samstag, den 1. Januar (Neujahr), abends Uhr: Außer Abonnement:Die selige Exzellenz. Ende 10½ Uhr. Kleine Preise. Sonntag, den

2. Januar, nachmittags Uhr: Kinder⸗Vorstellung:Häusel und Gretel. Ein Märchenspiel in 4 Bildern von Siegfried Stutz. Ende 5 Uhr. Volks⸗Preise. Abends Uhr:Der Juxbaron. Ende gegen 10½ Uhr. Gewöhnliche Preise(ermäßigt). 5

Zauberkünstler Strack⸗Bellachini aus Marburg gibt am 1. und 2. Feiertage im Sgale des Café Leib Vorstellungen. Wir weisen auf das Insergt im heutigen Blatte hin, aus welchem Näheres ebsichtlich ist. Bellachini versteht es vortrefflich, sein Publikum zu unterhalten und mit den wunderbarsten und un⸗

möglich scheinenden Leistungen zu verblüffen. Er ist gewohnt, mit reichhaltigem und interessantem Programm aufzuwarten und wir können den Besuch seiner Vorstellungen nur empfehlen.

Auszahlung der Familien⸗Unterstützung. Vom Mittwoch, 29. bis 31. Dezember wird die Reichs- und Kreisunterstützung an die Angehürigen der zum Heeresdienst Einberufenen ausgezahlt, vom Montag den 3. Januar bis Mittwoch den 5. Januar die städtische Unterstützung und am Donnerstag, den 6. Januar, wer⸗ den die Mietbeträge an die Vermieter ausgefolgt. Wir verweisen auf die Bekanntmachung im heutigen Blatte.

Oberhessischer Kunstverein. Die Verhandlungen, welche seither mit Künstlervereinigungen und Künstlern stattsanden, haben zu dem erfreulichem Ergebnis gefsührt, daß die Reihenfolge der Ausstellungen schon bis Juli 1916 festgelegt werden konnte. Am 0. Januar wird die Berliner Künstler⸗Gilde, welche das Aus⸗ stellungsunternehmen der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossen⸗ schaft ist, im Oberhessischen Kunstverein ihren Einzug halten. Diese Ausstellung von 6 bis wöchentlicher Dauer mit zweimgligem Wechsel der Gemälde wird eine leihe huchinteresfauter Kunüwerke

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der bekanntesten Künstler aufzuweisen haben. Dann folgt die Ausstellung der Deutsch⸗Oesterreichischen Künstler, welche zuvor in den Städten Nürnberg, Stuttgart und Mannheim ie ien urde. Nach dieser gelangen zwei Sammlungen des Portraits⸗ und Land⸗ schaftsmalers Jung, des Tiermalers Weczerzick und Werke des Bildhauers Scheiber zur Ausstellung. Sodann wird die ebenfalls neu zusammengestellte Ausstellung des Dresdener Künstlerbundes hier zum erstenmale ausgestellt. JuniJuli stellt wieder ein Teil der Ausstellung die Berliner Künstler⸗Gilde, wobei nochKunft⸗ gewerbliche Arbeiten mit zur Ausstellung gelangen sollen.

Kreis Alsfeld⸗Lauterbach.

Die Beerdigung des Landtagsabg. Lutz, der in einem Münchener Lazarett starb, erfolgte am Dienstag in seinem Heimatsorte Elpenrod unter sehr starker Beteiligung der Abge⸗ ordneten und der Bevölkerung. Landtagspräsident Köhler widmete

dem Verstorbenen einen warmen Nachruf.

Kreis Wetzlar.

n. Arbeitsveteranen. In den Buderusschen Eisen⸗ werken sind eine ganze Anzahl Arbeiter und Beamte beschäftigt, die 25 bis sogar 40 Jahre dort arbeiten. Diesen wurde für die ununterbrochene Dienstzeit eine Belohnung ausbezahlt. Es kommen 28 Leute in Betracht, die Beamten erhielten je 100, die Arbefter

je 75 Mark.

Von Nah und Fern.

Ein Bankier verhaftet. Aus Darum stadt wird berichtet, daß dev dortige Bankier Levpold Kahn wegen Untreue perhaftet wurde. Er soll zahlreiche Depots von na Beträgen, die bei ihm eingezahlt waren, unterschlagen haben. Er befindet sich seit einiger Zeit in Zahlungsschwierigkeiten infolge von Speku⸗ lationen und Verlusten an Papieren, die durch den Krieg erklärt waren. Vergleichsverhandlungen hatten bisher keinen Erfolg. Die Unterbilanz wird n auf eine Million Mark geschätzt.

Parteinachrichten.

Der Karlsruher Sozialisteuprozeß g ist nun vom Oberreichsanwalt soweit vovbereitet, daß die Anklage⸗ schrift den beteiligten Genossen und Genossinnen zugestellt worden ist. Es sind angeschuldigt des versuchten L Sperrats, ngen durch Verbreitung eines Flugblattes, die Genossen Georg vie Bernhard Kruse, Willi Zimmer, Jakob Trabinger, Frau Hager, sämtlich in Karlsruhe;: Frau Klarg Zetkin⸗Zundel und Friedrich Westmeyer in Stuttgart; Hans Tittel, Karl Schwarz und Albert Wintergerst in Ulm. Dem letzteren dresen legt die Anklagebehörde auch noch eine Anveizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Ge⸗ walttätigkeiten zur Last.

Seitens der Verteidigung ist gegen die Eröffnung eines Haupt⸗ verfahrens ein Einspruch erhoben worden. Sollte es de zur Verhandlung vor dem Reichsgericht kommen, so wird ei it⸗ lichkeit in der Verteidigung herbeigeführt werden. Wahrscheinlich wird der badische Landtagsabgeordnete Muser, Rechtsanwalt in Offenburg, für sämtliche Angeschuldigte in Leipzig die Verteidigung führen. Es befinden sich immmer noch in der Untersuchungshaft die Genossen Dietrich, 5 1 Schwarz und Wintergerst. Der Genosse Trabinger ist in der Heil⸗ und

f flegeanstalt Illenau in ärztlicher Behandlung; gegen ihn soll das Pere vorlegen gestellt werden. Auch wird der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben.

Arbeiterbewegung. Der Krieg und die Thermometerindustrie.

Thermometer werden fast nur in Deutschland angefer⸗ tigt, hauptsächlich in Thüringen. Im Ausland ist die Pro⸗ duktion eine fast geringe und auch dort werden fast nur deutsche Arbeiter verwandl Die Fabrikation erfolgt fast aus⸗ schließlich in der Heimindustrie, nur ganz vereinzelt findet man in größeren Städten einige Thermometerarbeiter. Auch diese werden verschwinden, denn mit der Heimarbeit kann die Industrie in der Großstadt den Konkurrenzkampf nicht auf⸗ nehmen, weil die Bezahlung der Heimarbeiter eine so schlechte ist, daß man von einer Elendsindustrie reden kann. Der Heimarbeiter fertigt den Tag drei, höchstens Dutzend ärztliche Thermometer an, und da für das Dutzend Thermo⸗ meter nur ein Lohn von 80 Pfg. gezahlt wird, so verdient er 2,40 bis 2,80 Mark. Von diesem Verdienst gehen aber die Unkosten für die Glasröhren und Quecksilber ab, sodaß der Verdienst wesentlich geringer wird. Die Lohnverhältnisse der Heimarbeiter gestalteten sich aber immer trüber, da kaum in die Lehve getretene junge Leute sichselbständig machen und ihre Erzeugnisse zu ganz geringen Preisen absetzten, um überhaupt Beschäftigung zu haben. Dadurch wurden die Löhne oder Verkaufspreise der Heimarbeiter immer tiefer herabgedrückt.

Beim Kriegsausbruch trat eine wesentliche Aenderung in der Produktion ein. Die Regierung erließ ein Ausfuhr⸗ verbot für Thermometer, auch nach neutralen Staaten durften die Erzeugnisse nur unter der ausdrücklichen Zustimmung der Regierung ausgeführt werden. Mit dem Ausbruch des Krieges stieg die Nachfrage nach ärztlichen Thermometern ganz erheblich. Für die Thermometer⸗Arbeiter brach da⸗ durch eine günstige Zeit an. e

Die Organisation tat ihr möglichstes, um geordnete Arbeitsverhältnisse zu schaffen. Zunächst wurde mit den Händlern ein Tarifvertrag abgeschlossen, der vom 1. Mai bis zum 20. November Gültigkeit hatte und der Lohnerhöhungen von 30 bis 50 Prozent vorsah. Wenn man aber die vorher gezahlten niedrigen Löhne in Erwägung zieht, so konnte trotz der erheblichen Lohnerhöhung noch nicht von hohem Verdienst der Thermometerarbeiter gesprochen werden. Für eine längere Vertragsdauer waren die Händler nicht zu haben, sie erklärten, daß nach Beendigung des Krieges es für 17 nicht mehr möglich wäre, die hohen Löhne zahlen zu önnen.

Bereits vor Ablauf des Tarifvertrags trat die Arbeiter⸗ organisation erneut an die Unternehmer heran, um einen neuen Tarifvertrag abzuschließen. Die Händler waren dazu nicht zu bewegen, dagegen zeigten sie sich geneigt, wesent⸗ liche Zugeständnisse zu machen. Leider muß gesagt werden, daß der Tarifgedanke auch bei den Arbeitern nicht so aus⸗ geprägt war; sie selbst erklärten teihweise, daß ihnen höhere Löhne angenehmer wären, als die Vertragsdauer. So scheiterte die Einführung eines neuen Tarifs; dagegen wur⸗ den die Löhne erneut um 50 bis 100 Prozent erhöht.

Es wäre nur zu wünschen, daß diese Arbeiterschicht den Wert der Gewerkschaftsorganisation besser zu schätzen lernt und auch nach dem Kriege sich stark genug fühlt, die errunge⸗ nen Vorteile sicher zu stellen. 5

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