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Beilage zur Obe
Gießen, Freitag, den 24. Dezember 1915.
Hessen und Nachbargebiete.
Gießen und Umgebung. Heilige Nacht.
Stille Nacht, heilige Nacht.
Fern, so sern halten Wacht unsere Lieben im Feindesland, schützen uns und das Vaterland treu vor jeder Gefahr. Stille Nacht, heilige Nacht.. Sehnsucht weint durch die Nacht
nach den Lieben, die draußen in Not die von Tod und Gefahren umdroht 4 kämpfen um endlichen Sieg.
Stille Nacht, heilige Nacht
übe nun Deine Macht,
schütze unsere Lieben im Feld,
breite Frieden über die Welt,
stille, heilige Nacht! Karl Petersson.
Friede auf Erden?
Als im vorigen Jahre die Weihnachtsbetrachtungen an dieser Stelle angestellt wurden, hätte kein Mensch es für mög⸗ lich gehalten, daß das gräuliche Völkermorden auch noch das diesjährige Weihnachten überdauern würde. In dieser Hoffnung sehen wir uns aber bitter getäuscht. Noch immer, moch stärker als voriges Jahr tobt der Kampf; es haben seit⸗ dem noch mehrere andere Staaten an dem allgemeinen Wür— gen und Schlachten sich beteiligt, von dem noch kein Ende abzusehen ist. Und viel mehr als im Vorjahre feiern dies— mal ein trauriges Weihnachten. Hunderttausende Fami— lien sind ihres Ernährers beraubt worden, oder haben sonst ein teures Mitglied verloren; überaus zahlreich sind die— jenigen, welche für zeitlebens als Krüppel sich durch die Welt schleppen müssen. Daß unter solchen Umständen keine Fest— freude aufkommen kann, ist ganz erklärlich.— Dazu kommt noch der Kampf um die täglichen Lebensbedürfnisse. Vielen Familien ist es nicht mehr möglich, das Notwendigste für den Lebensunterhalt herbeizuschaffen. Niedrige Spekulanten, ge— wissenlose Lebensmittelverteuerer benutzen die allgemeine Not, sich die Taschen zu füllen und das Volk in unerhörter Weise auszubeuten. Immer wieder verstehen sie es, den behördlichen Maßnahmen zum Trotz! Und zu allem Ueber— fluß bezeichnen sie sich noch als„Patrioten“!
Unsere Partei weiß sich frei von Schuld an diesem Elend und Jammer. Sie hat jederzeit getan, was in ihrer Kraft stand, den grausigen Völkermord zu verhüten, sie hat stets durch Wort und Tat für den Völkerfrieden gearbeitet. hat auch dafür gekämpft, daß alle Volksschichten auf die Lei⸗ tung der Staatsangelegenheiten Einfluß erhalten; wäre das der Fall gewesen, hätten die Völker über Krieg oder Frieden zu bestimmen gehabt— es wäre nie zum Kriege gekommen!
Ste
Unsere Partei ist es gewesen, die stets im Sinne der Weih⸗
nachtsbotschaft„Friede auf Erden“ gearbeitet hat. Und sie wird so weiter tun!
Obgleich die Verhandlungen im Reichstage über den neuen 10Milliardenkredit eine Spaltung in unseren Reihen zeigten, so glauben wir nicht, daß unsere Bewegung einen dauernden Nachteil davon hat. Die sozialdemokratische Ar⸗ beiterschaft wird ihren Weg finden und ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. In Deutschland, wie in allen anderen Ländern, mögen auch manche Führer sich vom Wege verirrt haben. Das eine Gute dürfte der Krieg im Gefolge haben: daß viele Tamsende, die vorher von der Sozialdemokratie nichts wußten oder wissen wollten, zu besserer Erkenntnis ge⸗ langt sein und unsere Reihen stärken werden. In dieser Zu⸗ versicht allen Genossen und Lesern
Gute Weihnachten!
Eine herzliche Bitte an die Mütter.
Das ist meine Bitte: Laßt dem Kinde die Puppe das gange Jahr, laßt ihm sein Spielzeug überhaupt 5 N nehmt ihm nicht nach den Feiertagen das ee en 0 800
Das Spiel, die Zerstreuung, die Freude des Kindes sind doch
f 0 zar Ihr denn dem der einzige Zweck des Geschenkes. Warum wollt Ihr N kleinen Menschenkind schon in der Jugend seine Feiertage abe
zählen? Bedenket doch, daß es sich nie wieder in keine, de ssein en Lebenslagen Fest⸗ und Feiertage sestsetzen 15 7 Gefühl sie zerlangt, drum laßt ihm in einer 5 Wage für über seine Feiertage. Denket daran, was es dem Erwa 12 7 1 1 eine Ueberwindung und Entsagung kostet, gerade e wien schönen Tag wieder in die alte Tretmühle des 0 qu e die man(sich zur eigenen Aufmunterung) ee 1 5 190 5 statt den herrlichen Tag und seine eigene 5 5 e nutzen zu können und eine Wanderung in die la 0 0 g 1 We treten. Oder wie oft möchte man so gern 5 5 1 15 such machen, den Vortrag hören, in das Konzert 1
bilden, gepflegt werden, aber da darf man nicht so strenge
Buch lesen, aber das harte Muß steht davor; Wien ed ban Ain 1 wine le Entelchen in uns zusammen, trösten uns, wie ele ee. re tröstet, gie bel schmußigem Wetter nicht e ee 1 weißen Schuhe anziehen dürfen, daß vielleich 70 ch. geit ist, Luft Tag, den des Lebens weise Einrichtung uns gi 225 bas Buch nicht zu schnappen, ein anderes Konzert zu besuchen, 1100 155 1 115 fortläuft usw usw. Dem Kind entflieht die 9197 1 e kommt nicht mehr, drum bietet ihm, Gelegenheit, 995 selbst piei Die Kinder werden in unserem Zeitalter 11„ früher ernste fertige Menschen, ners, ern Jugend zu vertiefen und in die Breite zu erm Ihr Euch von een 390195 Ihr Leben nennt, eine Eurer überhasteten, verdichteten Hetze, 901 e 1 10 5 Viertelslunde abzwacken könnt. Ja, spielt 55 werdet es nicht übers aber dann selber ganz als Kinder, und Ihr hne am es ihn Herz bringen, dem Kind das Spielzeug wegzunehmen,
3 en. 5 e , Es i mir dle manche Mutter Fe 15 955 Sachen zu teuer und zu empfindlich seien,
Kinde alle Tage zu lassen. Dem kann man dae ge ver dem man sich bein, Einkauf alle Zwecke des 5 1 ich b führt und danach kauft. Bei dem Spielzeug 1 5 e kisthetische Gefühl mit praktischem Sinn ver 15
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lich— ist es so schlimm, wenn beim täglichen Gebrauch die Puppe oder das Pferdchen, oder was es auch sein mag, beschädigt wird. Ich wenigstens hatte die Puppe, die die Hand verloren hatte, oder der die Nase fehlte, oder die sonstwie invalide war, immer lieber als die anderen, denn sie hat außer der Liebe auch mein Mitleid be— ansprucht. Glaubt mir, das weiche Kinderherz ist in höherem Maße liebevoll als ordnungsverlangend. Gewiß, das ästhetische Empfinden, die Korrektheit, kurz alles, was zu einem wohlerzoge⸗ nen Menschen gehört, soll beim Kinde an den Sachen, die seine Welt und kategorisch vorgehen, sonst gewöhnt sie sich das Kind, weil es sie als etwas Tyrannisches erblickt, erst recht nicht an. Ich hätte es wenigstens nicht getan. Also zum Schluß noch einmal die herzliche Bitte: Laßt den Kindern nach Weihnachten alles Spielzeug. Laßt das Kind seine Jugend mit dem Spiel ausfüllen, damit es in das arbeitsüberxeiche Leben mit frischer froher Kraft trete, und dann wird das Alter ein ruhiges und zufriedenes Zurückblicken sein. Für viele kleine Lieblinge: Hilde.
Der Krieg und die Jugendlichen.
Auf eine Umfrage der deutschen Zentrale für Jugend— fürsorge haben 20 deutsche Jugendgerichte Antworten erteilt, aus denen hervorgeht, daß die Kriminalität der Jugendlichen im ganzen Reiche gestiegen ist. Diese traurige Erscheinung scheint sich auch auf die Mädchen zu erstrecken. Aus manchen Städten werden auch Rlickfälle nach dem Amnestieerlaß, der bei Kriegsbeginn erging, gemeldet. In zahlreichen Fällen erfolgten die Verurteilungen allerdings wegen Ver⸗ gehen gegen das Kriegszzustandgesetz, Tragen von Schuß⸗ waffen und dergleichen, woraus man an sich noch nicht eine Verschlechterung der sittlichen Begriffe unter den Jugend— lichen schließen könnte. Aber verschiedene Jugendgerichte stellen ausdrücklich fest, daß der Krieg die Moralität der Ju⸗ gendlichen ungünstig beeinflusse und zwar besonders dort, wo der Vater im Kriege, die Mutter auf Arbeit war und daher die Jugendlichen die Aufsicht und Erziehung entbehren mußten. Solche Erfahrungen haben wir in Offenhach be— kanntlich auch in großem Umfange gemacht. 5
Ein Berliner Blatt weist auf die verschiedenen Maßnah⸗ men hin, die zur Behebung dieses Uebelstandes getroffen wurden, wie z. B. Einrichtung von Jugendhorten und Asylen Wanderkolonien und Lesestuben, Beaufsichtigung der Stra— ßenjugend durch ehrenamtliche Helfer. Es wird da auch aus der Umfrage der Schluß gezogen, daß das Zusammenarbeiten aller Jugendorganisationen unbedingt nötig und daß die Arbeit an der Jugend des Volkes eine Ehrenpflicht geger das Vaterland ist. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen. Wir möchten aber darauf hinweisen, daß die Erkenntnis von der Notwendigkeit des Zusammenarbeitens aller Jugend⸗ organisationen erst jetzt im Kriege aufzukeimen beginnt, wäh⸗ rend man vorher gerade die größten Jugendorganisationen keineswegs in ihrem ganzen sittlichen Wert anerkennen wollte. So sehr wir wünschten, daß die freiwillige Arbeit von Vereinen und Einzelpersonen an der Jugend und für sie vollen Erfolg haben möchte, so wenig können wir uns leider der Ueberzeugung entschlagen, daß der Krieg eben nicht dazu angetan ist, die Sittlichkeit im allgemeinen und im höheren Sinne zu heben.
Der Arbeitsmarkt in Hessen, Hesseu⸗Nassau und Waldeck im November 1915.
Erstattet vom Milteldeutschen Arbeitsnachweisverband.
Im allgemeinen haben sich auf dem Arbeitsmarkt gegenüber dem Vormonat die Verhältnisse nicht geändert. Es herrschte eine sehr starke Nachfrage nach Facharbeitern in allen Branchen, die aber nur in einzelnen Fällen befriedigt werden konnte. Nur die Nachfrage nach Schreinern konnte einigermaßen gedeckt werden. Der Mangel an Arbeitskräften führte seitens des Verbandes zu eingehenden Verhandlungen mit dem Stellvertretenden General- kommando des 18. Armeekorps über den Ersatz von kriegsver⸗ wendungsfähigen Arbeitern durch garnisonsverwendungsfähige und arbeitsverwendungsfähige Arbeiter aus den Ersatztruppen⸗ teilen. Der Erfolg der mit dem Stellvertretenden Generalkommando getroffenen Vereinbarungen über den Meldeverkehr der offenen Stellen und der auf Grund der Meldungen bei den Ersatztruppen⸗ tilen zuzuweisenden Ersatzkräften wird abzuwarten sein. Zur Ab⸗ stellung des Mangels an Facharbeitern für das Handwerk und für die kleinen Betriebe ist von der Stadt Frankfurt g. M. beabsichtigt, ein gemeinsames Gefangenenlager einzurichten. Die Ein⸗ richtung dürfte voraussichtlich Anfang Januar in Betrieb genom⸗ men werden. Dem Städtischen Arbeitsamt in Frankfurt a. M. wird hierbei die Aufgabe der Verteilung an die Arbeitgeber ob⸗ liegen. Ueber die Arbeitsmarktlage in den einzelnen Berufen ist noch folgendes hervorzuheben: Jufolge des eingetretenen Frostes waren zeitweise Waler und Weiß binder außer Arbeit. Von größerem Einfluß auf den Arbeitsmarkt ist jedoch diese Beschäfti⸗ gungslosigkeit nicht gewesen, da das Baugewerbe fast überall voll⸗ ständig ruht. Im Gastwirtsgewerbe waren die Arbeitsverhältnisse gegenüber dem Vormonate dieselben. Infolge des früheren Ein⸗ bringens der Ernte war die Beschäftigungsgelegenheiet für land⸗ wirtschaftliche Arbeiter im Berichtsmonat schlechter als im gleichen Monat des Vorjahres. Die Vexhältnisse auf dem landwirtschaft⸗ lichen Arbeitsmarkte sind im allgemeinen durch die Gefangenen⸗ und Ausländerbeschäftigung zufriedenstellend. Auf dem weib⸗ lichen Arbeitsmarkt machte sich ein verstärktes Angebot von Dienstboten bemerkbar, es meldeten sich namentlich viele Mädchen von auswärts. Im Gegensatz zu Friedenszeiten übersteigt das Angebot von Dienstboten die offenen Stellen. Das verstärkte An⸗ gebot ist sowohl auf das Zurückströmen aus den Kur- und Bade⸗ orten, als auch auf die allgemeine Einschräukung der Dienstboten⸗ haltung zurückzuführen. Die Herrschaften, Geschäftshäuser und der⸗ gleichen behelfen sich vielfach mit Monatsfrauen, sodaß an diesen zeitweise Mangel herrschte. In der weiblichen gewerblichen Ab⸗ teilung des Städtischen Arbeitsaantas Frankfurt a. M. war der Andrang von Stellensuchenden für Näh⸗ und Fabrikarbeit stärker als im Vormonat. Auch Heimarbeiterinnen meldeten sich wieder in größerer Zahl. Ungünstig war der Arbeits⸗ markt namentlich für Heimarbeiterinmen. Auch sehlte es vielfach an Beschäftigung für solche Frauen, die infolge häuslicher Verhält⸗ nisse nicht in der Lage sind eine ganztägige Arbeit anzunehmen. In Frankfurt a. M. ist in Verbindung mit der Betriebswerkstätte für Heimarbeiterinnen und dem Nationalen Frauendienst Vorsorge getroffen worden, daß in größerem Umfange wieder Strick⸗ arbeiten bereitgestellt werden. Die Nähstube des Nationalen Frauendienstes gewährt ihren Arbeiterinnen zunächst für den Winter Teuerungszulagen von 25— 33% Prozent des Wochenver⸗
dienstes.
rhessischen Volkszeitung Nr. 302
Schickt Bücher ins Feld!
Jeder kennt diese Mahnung, und wer irgend kann und
dein Ziel weiß, hat sie wieder und wieder befolgt. Aber es kommt schwerlich darauf an, Bücher zum Zeittotschlagen zu versenden. Reiflich soll jedermann sich überlegen, was er schickt. Denn die Minuten, die draußen ans Lesen gesetzt werden können, sind kostbar. Das Buch, das seinen Zweck erfüllen soll, muß vor allem eine Kraft haben: die Verbindung mit der Heimat muß es frisch erhalten, ein Gegengewicht muß es sein gegen die abstumpfenden Wirkungen des Krieges, die von Feldsoldaten in vielen Kundgebungen als Tatsache fest⸗ gestellt worden sind. So käme es also, was uns betrifft, darauf an, Bücher zu senden, die das geistige Band zwischen den Brüdern und Freunden da draußen und uns straff lebendig bleiben läßt. Welche Bücher da die richtigen sind, geht etwa aus dem Verzeichnis hervor, das die Buchhandlung Vorwärts in Berlin SW. 68, Lindenstraße 3, jedem Feld⸗ grauen auf Verlangen schickt. Mögen unsere feldgrauen Freunde ihre Wünsche in die Heimat melden. Wer von unseren Lesern einem Feldgrauen eine Weihnachtsfreude mit einem guten Buche machen will, kann das Verzeichnis von unserer Expedition verlangen. Ein gutes Buch ist immer das beste Weihnachtsgeschenk gewesen. Und wenn ihr ohne weiteres wißt, was für die Arbeiterkrieger geeignet ist, so handelt danach. Jeder von euch hat wohl gehört, wie draußen unsere Zeitungen und Schriften von Hand zu Hand gehen, wie sie die geistige Gemeinschaft derer, die zusammenstehen und zusammengehören, fördern. Deshalb noch einmal: Schickt solche Bücher ins Feld! 4
Nationalstiftung für die Hiͤterblichenen der Gefallenen.
Unter dem Vorsitz des Staatsministers von Ewald fand am Montag in dem Sitzungssaale der Zweiten Ständekammer eine Sitzung des Landeskomitees der Nationalstiftung für die Hinter⸗ bliebenen der im Kriege Gefallenen statt. Mit dem Dank gu die Erschienenen verband der Vorsitzende die Mitteilung, daß die Tätigkeit der Nationalstiftung alsbald, also noch vor Beendigung des Krieges, beginnen solle, da deren Hilfe jetzt schon nötig sei. Den Landesausschüssen werde ein großer Teil der gesammelten Gelder zur Verfügung gestellt, die aber nur in Fällen dringender Not, wo die Reichshilse nicht ausreicht, zur Verwendung kommen sollen. Geh. Legationsrat Neidhard machte hierauf eingehende Mitteilungen über die Organisation der Nationalstiftung, nach deren Satzungen die Hauptaufgabe darin besteht, für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen ergänzend einzutreten, wo die gesetzlich bestimmten Unterstützungen des Reichs nicht aus⸗ reichen. Die Stiftung kann allen Witwen und Waisen der im Kriege Gefallenen, ohne Unterschied des Standes und Glaubens, teils durch Bargelb, teils durch geschäftliche Förderung und Aus⸗ bilbung, Beruss⸗ und Familienberatung jeder Art gewährt wer⸗ den. Ausdrücklich wird erklärt, daß die Schaffung weiterer Kriegs⸗ waisenhäuser nicht unterstützt wird. Es sollen Bezirks⸗ und Unterausschüsse gebildet werden, die in Gemeinschaft mit den be⸗ stehenden Einrichtungen für Witwen- und Waisenpflege und Mit⸗ hilfe des Roten Kreuzes und der Frauen ihren Zweck erreichen. sollen, um die Wunden zu heilen, die der Krieg geschlagen hat.— Oberbürgermeister Dr. Göttelmanun⸗Mainz bringt die Be⸗ fürchtung zum Ausdruck, daß durch sofortiges Beginnen der Tätig⸗ keit vor Beendigung des Krieges das Reich, welches doch in erster Linie zur Unterstützung verpflichtet sei, seine Aufgabe nicht in dem Maß erfüllen werde, wie es nötig sei.— Der Vorsitzende weist darauf hin, daß die Bedenken des Vorredners nicht begründet seien, zudem die Tätigkeit des Nationalkomitees jetzt nur in wirk⸗ lich dringenden Fällen eintreten soll.— Geh. Regierungs⸗ rat Dr. Dietz ist der Ansicht, daß das Reich sich seinen Verefleb⸗
ungen nicht entziehen werde, es liegen aber jetzt schon zahlreiche Fälle vor, in denen Hilfe absolut nötig sei. Dank der Tätigkeit ver⸗
bisher 501000 Mk. eingegangen, davon 336000 Mk. allein in Offenbach, Darmstadt 27000 Mk., Gießen 25 000 Mk., Groß⸗Gerau 14600 Mk., Friedberg 13 000 Mk., Heppen⸗ heim 5600 Mk., Bensheim 4300 Mk. usw. Einzelne Kreise haben bisher überhaupt noch nicht mit der Sammlung begonnen. Man solle die Unterstützungstätigkeit micht hinausschieben. Auf eine Anfrage des Geh. Kommerzienrats Hardt⸗Mainz teilt der Vor⸗ sitzende mit, daß die Sammlungen fiberhaupt bis jetzt etwa 10 Millionen Mark eingebracht haben werden.— In der weiteren Aussprache wünscht Geheimrat Fey⸗Darmstadt alsbaldiges Be⸗ ginnen der Tätigkeit und zwar in Gemeinschaft mit den bestehen⸗ den Einrichtungen. Fabrikant Feistmann⸗Offenbach for⸗ dert Vertretung eines Arbeitnehmers im Landesausschuß, ferner des Oberbürgermeisters von Offenbach, sowie der Damen. — Der Vorsitzende weist darauf hin, daß die Ergänzung des Aus⸗ schusses Aufgabe des Landesausschusses selbst sei und schließt mit Worten des Dankes die Versammlung.
In der anschließenden Sitzung des Landesausschusses wurde die Zuwahl eines Arbeitervertreters beschlossen. Der Ausschuß setzt sich also zusammen: Vorsitzender: Der Staatsminister, Stell⸗ vertreter: Geheimrat Dr. Dietz, ein Vorstandsmitglied vom Roten Kreuz, dle Vizepräfidentin vom Alice-Frauenverein, Abg. Brauer, Fabrikant Feistmann-Offenbach, Geh. Kommerzienrat Harth⸗ Mainz, Freiherr Heyl zu Herrnsheim, Geh. Legationsrat Neidhart, Kaufmann Sachs⸗Erbach, Landgerichtsrat Wiener-Gießen.
Lohnzahlungen bei Krankheiten.
Nach S 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches muß dem Arbeiter doch der Lohn gezahlt werden, wenn er für eine den Umständen nach unerhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegen⸗ den Grund ohne sein Verschulden an der Arheit verhindert ist. Kurze Krankfeierzeiten fallen in der Regel unter diese Bestimmung. Nun ist zwar der§ 616 B.⸗G.⸗B. nicht als genügendes Recht hinge⸗ stellt worden, er kann durch den Arbeitsvertrag„abgedingt“ wer⸗ den, doch gilt dies nur für Lohn oder Gehalt über 2000 Mark im Jahr. Darunter ist der Lohn vor der Pfändung geschützt und es kann auch gar nicht vorweg über zustehende Lohnansprüche verfügt werden. Geschieht es doch, dann ist es ohne rechtliche Wirkung.
Dies gilt auch für den„Verzicht“ in Arbeitsordnungen auf den § 616 B.⸗G. B.
Soweit das Lohnbeschlagnahmegesetz der Abdingbarkeit des § 616 nicht im Wege steht, kommt es auch darauf an, wie weit die Abdingung erfolgt. Eine Arbeiterin klagte vor dem Berliner Gewerbegericht den Lohn für eine Woche ein, während der sie krank und arbeitsunfähig war. Der Unternehmer berief sich auf den abgeschlossenen Arbeitsvertrag, in dem es hieß:„Tage, an denen nicht gearbeitet wird, werden nicht bezahl t.“ Das Ge⸗ richt kam zur Verurteilung.„Es hieß, zweifelhaft sei, ob die Klägerin als gewerbliche Arbeiterin oder als Handlungsgehilfin zu gelten habe. Doch komme es im vorliegenden Fall nicht darauf an. Würde sie Handlungsgehilsin sein, dann wäre die Vereinbarung auf Grund des Handelsgesetzbuches ungiltig. Als gewerbliche Ar- beiterin habe die Klägerin Anspruch auf S 616 B. G. B. falls dieser
schiedener Kreise seien


