Ausgabe 
24.12.1915
 
Einzelbild herunterladen

* 1 0 0 1 U

19 anderen Abgeordneten stimmten auch im Plenum gegen

der Vorwärts folgendeRechtfertigung schreiben:

tagen gefaßten Beschlüsse Partei wird durch das Vorgehen der Minderheit in keiner

die Einheit der Partei stärke, Methode, die Parteieinheit zufördern, hat aber doch mehr

der Beweggründe der Minderheit zu folgendem Resultat:

Zaren und die Vertreter noch einiger anderer Länder in Kenntnis

künftige Grundlage aller Beziehungen anzusehen. eine derartig einfachePolitik den separatistischen Abgeordneten

Sonnenstrahl ihre geschlossenen Lippen, die im

44. In der Fraktion stimmten 66 sozialdemokratische Abge⸗ ordnete für die Kredite. Mithin haben ½ für, ½ sich gegen diese erklärt. In der Plenarsitzung gab Genosse Geyer für folgende 20 Abgeordnete die Erklärung ab: Bernstein, Bock, Büchner, Dr. Oskar Cohn, Dittmann, Geyer, Haase, Dr. Herzfeld, Horn, Henke, Kunert, Ledebour, Dr. Liebknecht, Rühle(nicht Brühne, wie es irrtümlich in unserem gestri gen Berichte hieß. D. R.), St dthagen, Stolle, Schwartz, Vogtherr, Wurm, Zubeil. Bernstein konnte wegen Krank⸗ heit an der Abstimmung im Plenum nicht teilnehmen. Die

die Kriegskredite. Von den 24 Abgeordneten, die ferner in der Fraktion gegen die Bewilligung sich erklärt hatten, stimmte im Reichstag für die Bewilligung Stubbe. Stücklen fungierte als Schriftführer im Plenum. Die übri⸗ gen Abgeordneten befanden sich während der Abstimmung außerhalb des Saales. Es waren das die Genossen Albrecht, Antrick, Baudert, Brandes, Emmel, Dr. Erdmann, Ewald, Edmund Fischer, Fuchs, Hoch, Hofrichter, Hüttmann, Hugel, Jäckel, Krätzig, Leutert, Peirotes, Reißhaus, Ryssel, Raute, Simon, Schmidt-Meißen.

Der Abgeordneten Hoch hat im Anschluß an den Rücktritt des Genossen Haase vom Amt des Fraktionsvorsitzenden seinen Posten als Mitglied im Vorstand der sozialdemokrati schen Fraktion niedergelegt.

Von einem Mitgliede der Fraktionsminderheit läßt sich

die Fraktionsmehrheit hält an dem durchaus verfehlten Standpunkt fest, daß das Verhalten der Minderheit einen Disziplin⸗ bruch darstelle. Zn Wahrheit hat die Minderheit lediglich ihre Pflicht erfüllt. Die Fraktionsmitglieder sind Vertreter der Ge⸗ samtpartei, und die von der Ansicht der jetzigen Fraktionsmehrheit abweichende Anschauung kann außerhalb des Parlaments zur Zeit nicht zur Geltung kommen. Deshalb war die Minderheit in die Notwendigkeit gesetzt, die Gründe für ihre Abstimmung da dargu⸗ legen, wo es allein noch möglich ist, auf der Tribsine des Parla⸗ ments. Dadurch hat sie gegen keinen Parteitagsbeschluß verstoßen. Sie ist überzeugt, daß sie vielmehr im Sinne der auf den Partei⸗ gehandelt hat. Die Einheit der

Weise gefährdet, sondern im Gegenteil gestärkt, denn es steht außer allem Zweifel, daß eine große Anzahl Parteigenossen auf das Schärfste enttäuscht wäre, wenn nicht endlich im Reichstage das ausgesprochen wäre, was sie selbst infolge der jetzigen Umstände nicht öffentlich sagen können. Diese Genossen werden durch das Vorgehen der Minderheit wieder stärker an die Partei gefesselt und damit wird die Geschlossenheit der Partei für die Zukunft gefestigt. Das Vorgehen der Parteiminderheit spaltet nicht, sondern fördert die Einheit der Partei. ö

Die Entdeckung, daß der Disziplinbruch der Minderheit; ist köstlich. Diese schöne

wie die Hälfte derjenigen Fraktionsmitglieder, die innerhalb der Fraktion gegen die Kriegskredite stimmte, nicht mit⸗ machen wollen. Warum nicht? Weil sie die öffentliche Ab sonderung von der Fraktion nicht für eine Förderung, sondern mit Recht für eine schwere Schädigung der Einheit der Partei hielt. f

Von den wenigen Parteiblättern, die bisher schon für den Disziplinbruch in der Fraktion eintraten, ihn, wie die Leipziger Volkszeitung und der Braunschweiger Volksfreund, geradezu forderte, liegen uns Aeußerungen noch nicht vor.

Das Hamburger Echo kommt bei der Untersuchung

Womit die Separatisten der Fraktion ihre Stellungnahme begründen, das erfahren wir aus der von Geyer abgegebenen Er⸗ klärung auch nicht! Man müßte denn schon daraus lesen, daß durch Verweigerung der weiteren Mittel zur Verpflegung, Aus⸗ rüstung und Bewaffnung unserer Truppen die Reichsregierung ge zwungen werden soll, sofort Herrn Asquith, Herrn Briand, den;!

zu setzen, daß sie jetzt den Krieg aufgeben wolle und bitte, ihn als nicht geschehen zu betrachten, sondern den Status quo als die Da wir aber

Barfüßele. f

Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.

Der Reiter ritt davon, und Barfüßele saß lange Zeit hinter einer Haselhecke und mußte allerlei in sich hinein⸗ denken, und ihre Wangen glühten von einer Röte, die der Zorn über sich selbst, über die spitze Antwort auf eine harm lose Frage, die Betroffenheit und ein unbegreifliches inneres Wogen anfachte, und unwillkürlich drängte sich ihr das Lied auf die Lippen:

Es waren zwei Liebchen im Allgäu,

N Die hatten einander so lieb..

So zu Jubel gespannt hatte sie den Tag begonnen, und jetzt wünschte sie sich den Tod.Hier hinter der Hecke ein schlafen und nicht mehr sein, o wie herrlich wäre das! Du sollst keine Freude haben warum noch so lange herumlaufen? Wie zirpen die Heimchen im Grase, und ein warmer Dampf steigt auf von der Erde, und eine Grasmücke zwitschert immerfort, und es ist, als ob sie mit ihrer Stimme immer in sich hinein lange und frische, noch innigere Töne heraus hole und sich gar nicht genug tun könne, das so recht von gan zem Herzen zu sagen, was sie zu sagen hat, und da droben sin gen die Lerchen, und jeder Vogel singt für sich, und keiner hört auf den anderen, und keiner stimmt dem anderen bei, und doch ist alles...

Noch nie in ihrem Leben war Amrei am hellen Tage und nun gar des Morgens eingeschlafen; und jetzt, sie hatte ihr Kopftuch über die Augen gezogen, und jetzt küßte der hlafe noch immer wie trotzig gepreßt waren, und die Röte auf ihrem Kinn färbte sich röter. Sie schlief wohl eine Stunde, da wachte sie zuckend plötzlich auf. Der Reiter auf dem Schim⸗ mel war auf sie zugeritten, und jetzt eben hob das Pferd seine heiden Vorderfüße, um sie auf ihre Brust zu stellen.

Es war ein nur Traum gewesen, und Amrei schaute sich um, als wäre sie plötzlich vom Himmel gefallen; sie sah stan nend, wo sie war, betrachtete verwundert sich selbst, aber Musikklang aus dem Dorfe weckte schnell alles, und sie ging neu gekräftigt ins Dorf zurück, wo bereits alles noch leben

dicer Eacden war. Sie würte es, ße halte sich ausgeruht

nicht zutrauen, müssen wir schon annehmen, es habe sich für sie lediglich um eine Demonstration gehandelt.

Daß unter einem Kulturvolk, wie das deutsche, nur sehr, sehr wenige sind, die den Krieg nur des Krieges willen hinnehmen, liegt auf der Hand. Die Notwendigkeit der Vaterlandsverteidigung wurde aber im August des vorigen Jahres von allen eingesehen und es verstand sich von selbst, daß dafür jedes Opfer gebracht wer⸗ den mußte. Der Krieg aber komplizierte sich, nicht durch Deutsch⸗ land, sondern durch die Bemühungen der feinblichen Koalition, immer neue Mächte gegen Deutschland aufzubieten. Der einfache Begriff der Landes verteidigung lag nicht mehr so klar vor Augen, nachdem die Verteidigungslinje weit in Frankreich und Rußland hineingeschoben und im Südosten sogar nahe an die gricchische Grenze gelegt worden ist. Daß nun von einem Eroberungskrieg gesprochen wurde und daß feindlich⸗neutraleSozjalisten mit neuem Lärm über dendeutschen Imperialismus herfielen, ge⸗ hört zu den Erscheinungen, über die man nicht viel Worte verliert nach den gemachten Erfahrungen. Doch die durchaus natürliche Sehnsucht nach Frieden, nach einem Abschluß des fürchterlichen Krieges, drängt den einzelnen, im Feld wie daheim, nach allem aus⸗ zuspähen, was wie eine Friedenstaube aussieht. Erwägungen über die Zwe ßigkeit oder Unzweckmäßigkeit etwaiger Aktionen werden nicht angestellt; für den Augenblick findet der Beifall, der eine Lippe diskiert, d. h. demonstriert.

Doch in dem Moment, da die Verweigerung der Kriegskredite mehr wäre als eine Demonstvation, in dem Moment, da sie das Heer tatsächlich der Verpflegung und Versorgung mit Kriegsbedarf entblößen würde, da sie es nötigte, wehrlos zurückzugehen, wäre es vorbei mit der Popularität jener, die einmaleine Lippe riskierten. Die schlagenden Argumente der Kosaken wären ein⸗ drucksvoller als die schönsten Zitate.

Da jedoch unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Ver⸗ weigerung der Kriegskredite nur eine Demonstration ist und nichts konnte sie ohne Schaden unternommen werden. Ohne Schaden für das Vaterland nämlich, denken die Separatisten; denn sie wissen, das Geld wird doch geschafft, die Truppen bleiben die⸗

selben wie zuvor und hm! die unmittelbare Kriegsnot

bleibt unserm Volk ja doch erspart. Und nachher sind wir die Prinzipiellen, die Unantastbaren, die Hüter des heiligen Grals.

Die Breslauer Volkswachf führt aus:

.. Aber nehmen wir den klaren Fall, daß die Minderheit von gestern die Mehrheit des Reichstags wäre und daß ihre Weigerung von der Regierung beachtet würde: Deutschland würde den Krieg einstellen, weil keine Mittel mehr dazu bewilligt werden! Würden das dann die Feinde auch tun? Würde der Zar seine Kosalen zurückkommandieren, weil man in Deutschland den Krieg beendigen will? Wir dürfen es leider nicht einmal von Frankreich oder England erwarten, daß sie dann den geplanten Marsch nach Berlin uns zuliebe aufgeben würden, denn ihre Machthaber haben bis gestern als unverrssckbares Ziel die Zer⸗ schmetterung Deutschlands erklärt! Der Krieg würde also weiter gehen, würde noch furchtbare Opfer fordern und unser Volk noch viel, viel mehr belasten! Sein Ende hängt nicht von uns allein ab und deshalb hätte die Minderheit, die gestern gegen die Kredite stimmte, dafür gestimmt, wenn sie die Mehrheit des Reichstags wäre und die Verantwortung für das, was kommt, vor dem Volke auf sich nehmen müßte. 0

Nichts ist erreicht und konnte erreicht werden durch die Sonderaktion als die Zertrümmerung unserer Dis ziplin, das werden die Außenseiter am meisten bedauern, wenn die anderen einmal so handeln wie sie und wenn der feste Bau der deutschen Arbeiterbewegung dabei tiefe Risse erhält. Die Minderheit hat, so einwandsfrei sie sich äußerlich hielt und so schwierig ihre Lage gegenüber der eigenen Ueber⸗ zeugung war, weder dem Vaterlande noch der Partei mit ihrem Verhalten genützt. Möge sich wenigstens die Auseinandersetzung über den Fehltritt in sachlichen Formen bewegen. Und möge daraus nicht eine Verlängerung des Krieges entstehen, weil die Gegner auf die Uneinigkeit Deutschlands rechnen und sie nun ihre Anstrengungen erhöhen!

Die Dortmunder Arbeiterzeitung sagt:

... Ein großer Teil der Minderheit hat also, wie wir von vornherein angenommen hatten, die Sonderaktion nicht mitgemacht. Trotzdem ist das Unglisck groß genug, schon des schlechten Beispieles wegen: es ist ein Aergernis, das weiter fressen wird, wenn der demnüchstige Parteitag nicht mit größter Ent⸗ schlossenheit und Willenskraft sein Veto einlegen wird. Die aller⸗ schärffte Verurteilung ist hier geboten, die strengsten Mittel sind ge⸗

rade recht, wenn man nicht will, daß die Organisation, die von der ganzen Welt bewundert wurde und Gegenstand des Neides der ge-

samten Gegner war, der Auflösung verfallen und der Anarchie Platz machen soll. Die Magdeburger

folgendermaßen:

5 V

1

Volkszeitung äußert sich

ie Gruppe um Geyer hat eine schwere Verant⸗

*

15 mit an ber Spitze der Disziplin breche marschieren. Die zu Hütern ber Parteleinheit Bestellten gehen n schlechtestem Beispiel voran. Das ist die traurigste Seite in die traurigen Kapitel der Parteigeschichte. 5 5 Wir sind allerdings nicht der Meinung, daß das Schicksal d deutschen Arbeiterschaft von der persönlichen Entschließung von 20 mehr oder weniger wichtigen Parteigenossen abhängig sei. Der Lauf der Entwicklung wird früher oder später die Einhei wiederschaffen, die jetzt mutwillig zerstört wurde. Aber für d Gegenwart und die nächste Zukunft wird das sehen und der Einfluß der Partei geschmäler das Vertrauen der Massen in die Sozialdemokratie erschüttert, langer schwerer Arbeit wird es bedürfen, sie wiederzugewinne Was aber will man in der Zukunft sagen, wenn eine jeweilige Minderheit, die nicht den Anschauungen der in der Mehrheit be⸗ findlichen Haase und Bock zustimmen kann, das Recht beansprucht, ihre abweichende Ansicht ebenfalls im Reichstage vor⸗ zutragen? Will man den anderen verbieten, was man selbst als unveräußerliches Recht beansprucht? Es sind dieselben Genossen, die sonst nicht genug die Notwendigkeit der Disziplin betonen konnten. Wir erinnern nur an Haases Aeußer⸗ ungen auf dem Magdeburger Parteitag, an Liebknecht, der- die Disziplin mit der Muttermilch einsog, an Dittmann, der in Magdeburg der Führer jener Gruppe war, die jeden Disziplin⸗ brecher aus der Partei ausschließen wollte. Und nun? Nun sind sie selbst der Sünde bloß. 0 Es ist traurig, das alles in dieser schwersten aller Zeite sagen zu müssen. Aber wir haben zu dem gefunden Sinne der organisierten Arbeiter das Vertrauen, daß sir das böse Beispi nicht befolgen werden, das ihnen am Tage der längsten Nacht im Kriegsjahr 1915 von einem Teile ihrer parlamentarischen Ve treter gegeben wurde. l. Die Chemnitzer Volksstimme schreibt: Die große, lange angekündigte und von Leipzig und Bremen planmäßig geforderte und geförderte Sonderaktion der Minderheit in der Partei ist also gestern zur Ausflihrung gelangt. 20 sozjal⸗ bemokratische Reichstagsabgeordnete haben gestern gegen die 3 Kriegskredite gestimmt, denen sie vorher zweimal zug stei mimt und bei denen sie sich vorher zweimal der Stimm enthalten hatten. Endlich beim fünften Kriegskredit fanden sie das Richtige. Denn daß sich in der Gefährdung Deuts lands durch seine Feinde zwischen jetzt und dem vierten Krie kredit etwas geändert hätte, ist von niemandem auch nur be⸗ bauptet worden. ese 20 sind eine Minderheit der Minderheit: denn von den 44 Reschstagsabgeordneten, die gegenwärtig für eine Ablehnung der Kriegskredite gewesen wären, haben sich 24 loyal den Beschlüssen der Mehrheit gefügt und nur 20 sind ihre eigenen Wege gegangen. f* Zur Begründung der Haltung der 20 hot Fritz Geyer eine Erklärung verlesen. Man hatte sich den besten Mann gewählt Wurde doch der Name Fritz Geyers in der Partei nie häufiger ge⸗ nannt als in der Zeit der sächsischen Wahlrechtsligs, da Brun Schönlank und seine Freunde entgegen dem Beschluß d. Landesparte! den Bonkott der Landtagswahlen durchzusetzen su ten, während Geyer, Pinkau und Manfred Wittich, besonders abe Geyer, einen unermüdlichen Kampf gegen diese 2. de führten. Wer damals Geyer gesagt hätte, daß er noch einmal an der Spitze eines kleinen Häufleins die Disziplin brechen wülrde, den hätte Fritz Geyer sscherlich für verrückt gehalten. l Aber was steht denn nun in der Erklärung der 20? Kein Wort, das nicht auch in der Erklärung der Fraktfonsmehrheit stünde. Beide protestiexen gegen Annexionen, beide fordern den Frieden, sobald er möglich ist, beide eine ausreichende Unterstützung der Kriegerfrauen. Wenn die Minderheit nichts anderes zu 12 N Sonderaktion

hatte, dann lohnte sich das große Geschrei um die wahrlich nicht....

Die Sonderaktion der Minderheit ist aber nicht nur keine Förderung oder Jeschleunigung des Friedens sondern so schmerzlich es ist, das auszusprechen, es muß helge, icerden sie verlängert den Krieg und verzögert die Rückkehr des Friedens. Ein ganz sicherer Gewährsmann schreibt uns aus der Schweiz, daß der französische Minister Sembat bereits am 6. September gesagt hat, Frankreich müsse das Kriegsgeschäft Jiquidieren, wenn es feststehe, daß die deutsche Arbeiterschaft bis zum Ende durchhielte: aber glücklicherweise habe er sehr beruhi gende Nachrichten, daß sich ein großer Umschwung anbahne. Das ist charakteristisch! In der Hoffnung auf eine Zersplitterung des deutschen Volkes setzt Frankreich den Krieg fort. Ohne Gey 1 und Bernstein wäre Deutschland dem Frieden näher, als es o ist. 1

3 2 5

1

von dem Allerlei, was heute schon mit ihr vorgegangen war. Jetzt sollten sie nur kommen, die Tänzer! Sie wollte tanzen bis zum andern Morgen und nicht ausruhen und nicht müde werden.

Die frische Röte eines Kinderschlafes lag auf ihrem An⸗ gesicht, und alles sah sie staunend an. Sie ging nach dem Tanzboden; da tönte Musik, aber in den leeren Raum, es waren keine Tänzer da. Nur die Mädchen, die heute zur Be dienung der Gäste gedungen waren, tanzten miteinander herum. Der Krappenzacher betrachtete Barfüßele lange und schüttelte den Kopf. Er schien sie offenbar nicht zu kennen. Amrei drückte sich an den Wänden hin und wieder hinaus. Sie begegnete Dominik, dem Furchenbauer, der heut in voller Freude strahlte.

Mit Verlaub, sagte er, gehört die Jungfer zu den Hochzeitsgästen?

Nein, ich bin nur eine Magd und bin mit meiner Haus tochter, des Rodelbauern Rosel, gekommen.

Gut, so geh' hinauf auf den Hof zur Bäuerin und sag' ihr, ich schick' dich, du wolltest ihr helfen; man kann heute nicht Hände genug in unserem Hause haben.

Weil Ihr es seid, recht gern, sagte Amrei und machte sich auf den Weg. Unterwegs mußte sie viel daran denken, daß der Dominik auch Knecht gewesen sei und....ja, so etwas kommt nur alle hundert Jahre einmal vor. Und es hat viel Blut gekostet, ehe er zu dem Hof gekommen ist, das ist doch arg.

Die Furchenbäuerin Ameile hieß die Ankommende, die im Anerbieten ihrer Dienste zugleich die Jacke abzog und sich eine große Schürze mit Brustlatz ausbat, freundlich willkom⸗ men; aber die Bäuerin tat es nicht anders, Amrei mußte vorher selber sattsam Hunger und Durst stillen, bevor sie an⸗ dere bediente. Amrei willfahrte ohne viel Umstände, und

schon mit den ersten Worten gewann sie die Furchenbäuerin, sa will nur gleich zugreifen, ich muß ge⸗

denn

tehen, ich bin hungrig und will Euch nicht viel Mühe machen mit Zureden. Amrei blieb nun in der Küche und gab den Auftragenden

alles so geschickt in die Hand und wußte bald alles so zu

stellen und zu greifen, daß die Bäuerin sagte: Ihr beiden

Amreis, du da und meine Bruderstochter, ihr könnt jetzt schon alles machen, und ich will bei den Gästen bleiben. Die Amrei von Siebenhöfen, die sogenannte Schmalz⸗ gräfin, die weit und breit als stolz und trutzig bekannt war, benahm sich ausnehmend freundlich gegen Barfüßele, und die Furchenbäuerin sagte einmal zu Barfüßele:Es ist schad', daß du kein Bursch' bist; ich glaub', die Amrei tät' dich auf dem Fleck heiraten und dich nicht heimschicken wie alle anderen Freier. 5 g Ich hab' einen Bruder, der ist noch zu haben, aber er ist

in Amerika, scherzte Barfüßele. 7 Laß ihn drüben, sagte die Schmalzgräfin,am besten wär's, man könnte alle Mannsleute hinüberschicken, und wir blieben allein da. 1 9 Amrei verließ den Hof nicht, bis wieder alles an den Platz gestellt war, und als sie ihre Schürze auszog, war sie noch so weiß und unzerknittert wie beim Anziehen. 7 Du wirst müd' sein und nimmer tanzen können, sagte

die Bäuerin, als Amrei endlich mit einem Geschenke Abschied nahm, und diese sagte: 5 Was müd' sein? Das ist ja nur gespielt. Und glaub mir, es ist mir jetzt wohler, daß ich heut schon etwas geschafft habe. So einen ganzen Tag bloß zur Lustbarkeit, ich wüßl ihn nicht herumzubringen, und das ist's gewiß auch gewesen, warum ich heute morgen so traurig war; es hat mir was ge⸗ fehlt; aber jetzt bin ich vollauf zum Feiertag aufgelegt, ganz aus dem Geschirr; jetzt wäre ich erst recht aufgelegt zum Tanzen wenn ich nur Tänzer kriege. 35 Ameile wußte Barfüßele keine bessere Ehre anzutun, als indem sie sie wie eine vornehme Bäuerin im Hause herum⸗ führte, und in der Brautstube zeigte sie die große Kiste mi den Kunkelschenken(Hochzeitsgeschenken) und öffnete die hohen, blaugemalten Schränke, drauf Name und Jahrzah geschrieben war, und darin vollgestopft die Ausstener und zahlreiches Linnenzeug, alles mit bunten Bändern gebunden und mit künstlichen Nelken besteckt. Im Kleiderschran n. dostens dreißig Kleider, daneben die hohen Betten, di die Kunkel mit den schönen Spindeln, um und um derzeug behangen, das die Gespielen geschenkt hat (Fortsetzung folgt.