Ausgabe 
23.12.1915
 
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Die Russen vor Warna?

Nach einer Secolo⸗Meldung aus Athen beschießen ein russischer kreuzer und zwei Torpedoboole, die sechzehn russische Truppen⸗ ransporte begleiten, den bulgarischen Hafen von Warna im Schwarzen Meer.

Italienische Blätter über die Situation.

T. U. Lugano, 21. Dez. Tehr ungewiß schreiben die italieni⸗ chen Blätter über die Ereignisse, die sich in Mazedonien vor⸗ eiten mögen. MWährend die einen vor gefährlichen Abmachungen Briechenlands mit den Zentralmächten warnen, rechnen andere auf zerwürfnisse, und versteifen sich, wie der Secolo, auf einen Sonder⸗ frieden Bulgariens. An Tatsachen wird nur gemeldet, daß seit echs Tagen an der englisch-franzöfischen Front, die vom Feinde etzt etwa 30 Kilometer entfernt ist, Ruhe herrsche und die vor⸗ zeschobenen Kavalleriepatrouillen selbst jenseits der Grenze keinen Feind entdecken können, daß der Bahnhof von Doiran von 50 jriechischen Soldaten besetzt ist und daß die Besestigungsarbeiten, owie die Landungen fortgesetzt werden. Im übrigen wird viel on den italienischen Unternehmungen in Albanien gesprochen.

Der türtische Bericht.

Die Beute bei Ari Burnn und Anasorta. Konstantinopel, 21. Dez.(W. T. B.) Das Hauptquar⸗ tier teilt mit: An der Jrakfront bei Kut⸗el⸗Amara dauern die örtlichen Kämpfe mit Unterbrechungen fort.

An der Kʒaukasusfront wurde in unserm Zentrum, im Abschnitt von Id, ein von ungefähr einem Regiment unternommener feindlicher Angriff gegen unsere durch zwei Kompagnien verteidigte Vorpostenstellung leicht angehalten

An der Dardanellenfront ist die Zähbung des bei Ari Bur nu und Anasorta vom Feinde zurückge⸗ lassenen Kriegsmaterials und von Miligärausrüstungsgegen⸗ ständen aller Art noch nicht abgeschlossen. Unter der bei Ari Burnu gemachten Beute befinden sich zwei schwere Ge⸗ schütze und ein Schneider⸗Feldgeschütz, große Mengen von Munition, namentlich Gewehr- und Maschinen⸗ gewehrmunition, eine große Zahl Maultiere, sowie Muni⸗ tionswagen, Zelte voll Lebensmittel, Telephon⸗ und Pionier⸗ material. Die feindlichen Schifse beschossen gestern abend mit Heftigkeit ihre verschiedenen Lagerstellungen, um die von, ihnen preisgegebene Beute zu vernichten, was ihnen aber nicht gelang. Bei Sedd⸗ül⸗Bahr auf dem rechten und dem linken Flügel nichts von Bedeutung. Das feindliche Zentrum unternimmt hin bud wieder Angriffe, die jedesmal zurückgeschlagen werden.

Die Vertreibung der Engländer aus Gallipoli.

Aus Konstantinopel, 21. Dezember, wird der Frankf. Ztg. kelegraphiert: Die Vertreibung der Engländer vom Nord flügel der Gallipoli⸗Halbinsel, von Anaforta und Ari Burnu, bildet einen historischen Abschnitt von außerordentlicher Tragweite. Die nach zwei⸗ tägigen blutigen Schlußkämpsen unter dem Schutze des

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dichtesten, fast 50 Stunden währenden Nebels, der nicht ge⸗

stattete, zehn Schritt vorwärts zu sehen, vollzogene Flucht der übriggebliebenen englischen Streitkräfte dieses Nordflügels

bedeutet nicht nur eine schwere Niederlage Eng⸗

lands, sondern die beschämendste Erniedrigung die es jemals erfuhr. In der laut aufhorchenden is lamiti⸗ schen Welt wird sich England von diesem wuch tigen-Schlag niemals erholen können. Unge⸗ heuer groß ist die Beute der Türken an zurückge⸗ lassenem Kriegsmaterial und Proviant. Bis zum Meere hinunter, wo gestern noch englischer Hochmut hinüberblickte, halten jetzt türkische Maschinenabteilungen Wacht. Die Ver⸗ treibung der Franzosen vom Südteil der Darda nellen kann nur eine Frage kurzer Zeit sein. Die gesamte Presse begrüßt in den wärmsten Ausdrücken die standhafte ottomanische Armee.

Das Ur eil Neutraler.

Der Haager Nieuwe Courant sagt in einer längeren Be sprechung:Alles, was das Dardanellenabenteuer bis jetzt zutage

gefördert hat, ist, daß einige Quadratkilometer am Ssidpunkt durch,

das Vierverbandsheer besetzt gehalten werden und es fragt sich, wie lange dies noch dauern kann. All' das hat, hl..

wie im britischen Parlament mitgeteilt wurde, bis zu Beginn des Oktober bereits nahezu 100000 Mann, nämlich 1185 Offiziere und 96 897 Mann allein an Toten gekostet, eine Zahl, die seither natürlich lange die Hunderttausend überschritten hat. Denkt

man noch an die Verwundeten, die Gefangenen, die verlorenen Schlachtschiffe, Kreuzer, Torpedo⸗ und Unterseebvote, denkt man

vor allem an den Verlust an Ansehen für die Nation, die sich in dieses Abenteuer stürzte, vor allem beim Islam, dann kann man sich die Genugtuung vorstellen, die die Tir ken und ihre Verbündeten über das jetzige Erliegen haben müssen. Die Balkanexpedition schien zuerst gut zu machen, was auf Gallipoli verloren wurde. Seitdem ist dort der Erfolg der Vierverbandstruypen in einen Mißerfolg verwandelt worden und inzwischen erhielten die Türken die Verfügung über Kriegs⸗ material und Anführer, die sie in den Stand setzten, die Gelegen⸗ heit, die sich ihnen jetzt bietet, auszunützen.

Die englischen Verluste in Mesopotamien.

Konstantinopel, 21. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Die Agentur Milli meldet: Die amtlichen englischen Mitteilungen vom 9. Dezember über unsere großen Verluste in Meso⸗ potamien sowie die Einzelheiten über die vollständige Ver nichtung einer unserer Divisionen sind vollständig erlogen. Nicht eine türkische Division, nicht einmal ein türkisches Bataillon ist während dieser Kämpfe vernichtet worden. Unsere Einheiten, die zu Beginn der Schlacht bei Ktesiphon in den Kampf verwickelt waren, bestehen noch ganz vollzählig. Die Engländer verheimlichen die Hälfte ihrer Verluste. Tausende von Leichen, die sie auf dem Schlachtfelde ließen, wurden mit großer Mühe aufgelesen. Abgesehen davon ist die Zahl ihrer Verwundeten ungeheuer. Die Engländer ver mochten nur von einem der drei Schiffe, die wir erbeuteten, die Waffen zu entfernen; zwei dieser Schiffe werden jetzt gegen sie verwendet. Einige der sechs den Engländern ab⸗ genommenen Flugzeuge führen Flüge über den feindlichen Stellungen aus. Die Beute, die wir an Waffen, Munition, Ausrüstungsgegenständen und Lebensmittelvorräten gemacht haben, ist ungeheuer.

Die Wirkung der englischen Niederlagen.

Neuere Berichte des Heereskommandos in Mesopotamien stellen fest, wie die Politische Korrespondenz erfährt, daß die moralische Wirkung des türkischen Sieges bei der arabischen Bevölkerung fortwährend zunimmt. Das Ansehen der Engländer hat dadurch einen so schweren Schlag erlitten, daß die Araberstämme, auf die sie fest bauten, sich von ihnen abwandten. Der Rückzug an Stelle des Einzuges in Bagdad hatte im indischen Lager eine ungeheure Wirkung hervorgerufen, sodaß die Fahnenflucht der indischen Truppen immer größer wird.

Militärlieferungsgauner in Frankreich.

Die französische Kammer hat sich mit den Liefexungsskandalen beschäftigt. Nouanet schreibt als Einleitung zu dem Kammer⸗ bericht in der Humanité vom 15. Dez.: Mein Bericht ist nur ein schwacher Abklatsch der unerhörten Tatsachen, die Simyan in vier⸗ stindiger Rede enthüllte und die die Kammer in schmerzliche Er⸗ starrung versetzte. Je weiter er kam, desto mehr wuchs die Angst wegen der Schande, die ein derartiger Skandal über unser Land bringt, das das Opfer einer solchen Verwaltung ist. Trotzdem müssen die Tatsachen bekannt werden, da es sonst kein Gegenmittel gibt. Alle schriftlichen Proteste sind ohne Wirkung auf diese blöd⸗ sinnigen Beamten, die sich von schamlosen Schurken prellen lassen; ich sage blödsinnig, weil ich hoffe, daß sie sich begaunern lassen, ohne selbst einen Vorteil von den verbrecherischen Kontrakten zu haben, die sie abschließen. All das ist in Abwesenheit des Parla⸗ ments geschehen. Sechs Monate einer unpersönlichen und unver⸗ antwortlichen Diktatur haben genügt, diese Nester von Verbrechen und Durchstechereien entstehen zu lassen. Die Kommissionen kamen zu spät, um sie zu zerstören.Schluß damit! war gestern der ge⸗ meinsame Schrei in der Kammer. Es ist ausgeschlossen, daß es nicht morgen der der ganzen Regierung ist.

Die Unterdrückung der deutschen Handels durch England.

Manchester, 21. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Manchester Gardian bespricht in einem Leitartikel abfällig die Bestrebungen, alle deutschen Handelsgesellschaften in England aufzuheben und sagt, es handle sich dabei nicht darum, die Zufuhr an den Feind, oder andere materielle Unterstützung während des Krieges zu verhindern,

sondern darum, den deutschen Handel in England nicht nur während des Krieges, sondern dauernd auszurotten. Das sei geradezu eine Beschlagnahme des Privatvermögens. Jede Regierung, die Ver⸗ antwortungsbewußtsein besitze, sollte sorgfältig die Folgen einer solchen Politik überlegen, die ihr aufgedrängt werde. Der gegen⸗

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wärtigen britischen Regierung liege besonders dringlich d ab, klug zu handeln. Das Blatt betont, daß die deutsche Reglarm bisher kelne solchen Schritte gegen englische Firmen unternommel babe, wie sie der englischen Regierung angeraten sosen, obwohl ssch bedeutende britische Handelsinteressen in Deutschland befänden, deutschen Vergeltungsmaßregeln ausgesetzt wären. Der Art fährt fort: Die Vertreter der Konfiskationsidee heabsich zweierlei, den Zustand der Feindschaft mit Deutschland zu dauernden zu machen und ihn nach Beendigung des Krieges a Handelsbonkott fortzusetzen, sowie während des Krieges das zollsustem so fest zu begründen, daß es nach dem Kriege nicht af gehoben werden könnte. Das Blatt schließt: Keine Regierung dür 5 solche Politik verfolgen, ohne ihre Absichten dem Parlament und der Nation darzulegen und ihre Zustimmung einzuholen; außerdem habe das Koalstsonskabinett, das auf der Grundlage des Burg⸗ friedens begründet worden sei, kein Recht, eine Schutzzollpolitik ins Auge zu fassen. 1 Wieder ein Oberbefehlshaber gestürzt. T. U. Petersburg, 21. Dez. Ein kaiserlicher Ukas ent hob General Rußki seiner Tätigkeit als Oberbefehlshaber der Nordarmee unter Belassung seiner Stellung im Reichs⸗

rat und im obersten Kriegsrat.

Die Frellassung des Generals Dewet.

Johannesburg, 20. Dez.(W. T. B. Nichamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. General Dewet und 118 andere Gefangene, die wegen Hochverrates verurteilt worden waren, wurden freigelassen. 0

Vom Balkan. 4 Die Lage ist unverändert. 3 T. U. Von der schweizerischen Grenze, 22. Dez. Wie der Korrespondent des Temps aus Athen meldet, hat sich auch bis zum 19. ds. die Lage nicht geändert. Während die Bul⸗ garen an der griechischen Grenze Wacht halten, organisieren 0 sich die englisch⸗französischen Truppen im Lager von Saloniki. Jeder Tag, so behauptet der Temps⸗Korrespondent, macht ö die Alliierten stärker und verringert die Aussichten des Jeindes. N Zusammenstoß zwischen griechischen und 9 bulgarischen Vorposten. 5 T. U. Amsterdam, 22. Dez. Reuter meldet aus Brindisi: ö In der Provinz Epirus fand ein Zusammenstoß zwischen griechischen vorgeschobenen Posten und bulgarischen Vorhuten statt. Offiziell wird dazu aus Athen berichtet, daß der Zu⸗ sammenstoß auf albanischem Gebiete stattfand. Es kamen beiderseits Verwundungen vor, aber keine Toten. Die Ruhe ist wieder hergestellt. Euglischer Nückeug von Gallipoli. Ueber den Abzug der Engländer wird dem Berliner Lokalanzeiger aus Konstantinopel berichtet: Die Engländen mußten ihre Kranken und Verwundeten sowie zahlreiches Kriegsmaterial zurücklassen, da ihr Rückzug, obgleich er an⸗ geblich planmäßig war, Hals über Kopf vor sich ging. Mißglückte russische Anleihe,

Kopenhagen, 21. Deß. Verschiedene Petersburger Blätter melden, daß die m für die neue Kriegsanleihe bis zum ö

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1. Januar verlängert worden ist, da die Zeichnungen äußerst spär⸗ lich und die Zeichnungsbelräge sehr niedrig seien. a ö

Verschärsung imAucona-Nonflikt?,

Laut Kölnischer Zeitung berichtet Reuter aus Washington? ö Der österreichisch-ungarische Geschäftsträger hat auf eine Mit⸗ teilung der Doppelmonarchie den Rat erhalten, sich bereit zu halten, in möglichst kurzer Zeit abreisen zu können. Dem⸗ selben Bureau zufolge sind entsprechende Weisungen den amerikanischen Konsuln in Oesterreich⸗Ungarn erteilt wor⸗ den.(Eine Bestätigung dieser Reutermeldung bleibt abzu⸗ warten.)

N

Ford schwer erkrankt. 79 T. U. Kopenhagen, 22. Dez. Der amerikanische Millionär Ford.

der mit 170 Amerikanern in Christiania eingetroffen ist, um seine bekannten, vorläufig noch unklaren Friedenspläne, zu verwirk! ö lichen, ist in der norwegischen Hauptstadt schwer erkrankt und ha 0 die geplante Weiterreise nach Schweden, Dänemark und Holland 9 wahrscheinlich endgiltig aufgegeben. Ford scheint sich in 1 950 15 Schwierigkeiten selines Unternehmens bewußt gewor⸗ en zu sein. N mu.

Barfüßele. 20

Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.

Nein, um Gottes willen nicht; ich trage nichts, was nicht mein ist. Ich tät' mich in den Boden hinein schämen vor mir selber.

Ja, aber so kannst du nicht gehen. Oder hast du viel⸗ leicht noch selber etwas?

Barfüßele erzählte, daß sie allerdings einen Anhänger habe, den sie als Kind von der Landfriedbäuerin erhalten, der aber wegen Damis Auswanderung verpfändet sei bei der Witwe des Heiligenpflegers.

Barfüßele mußte nun stillsitzen und versprechen, sich nicht im Spiegel zu besehen, bis die Bäuerin wieder käme, die nun forteilte, um das Kleinod zu holen und selber für das Darlehen zu bürgen.

Welche Schauer flossen nun durch die Seele Barfüßeles, wie sie nun so dasaß, sie, die allezeit Dienende, nun bedient, und in der Tat fast wie verzaubert. Sie fürchtete sich fast vor dem Tanze, sie war jetzt so gut und so freundlich behan delt wer weiß, wie sie herumgestoßen wird, und keiner sieht nach ihr um, und all ihr äußerer Schmuck und ihre in nere Lust ist vergebens!Nein! sagte sie vor sich hin,und wenn ich weiter nichts habe, als daß ich mich gefreut habe, das ist nun genug; und wenn ich mich gleich wiederum ausziehen und daheim bleiben müßte, ich wäre schon glückselig.

Die Bäuerin kam mit dem Schmucke, und das Lob des Schmuckes und Schimpfen auf die Heiligenpflegerin, die einem armen Mädchen solche Blutzinsen abnehme, ging selt sam durcheinander. Sie versprach, noch heute das Darlehen

zu bezahlen und es Barfüßele allmählich am Lohne abzu

ziehen.

Jetzt endlich durfte sich Barfüßele betrachten. Die Frau hielt ihr selber den Spiegel vor, und aus den Mienen beider glänzte es und sprach es wie ein jauchzender Wechselgesang der Freude.

Ich kenn' mich gar nicht! Ich kenn' mich gar nicht! sagte Barfüßele immer und betastete sich auf und nieder mit beiden Händen im Gesicht.Ach Gott, wenn nur mein! Mutter mich so sehen könnte! Aber sie wird Euch gewiß vom Himmel herab segnen, daß Ihr so gut zu mir seid, und sie wird Euch beistehen in der schweren Stunde; brauchet nichts zu fürchten.

Jetzt mach' aber ein ander Gesicht, sagte die Bäuerin, nicht so ein Gotteserbarm; aber es wird schon kommen, wenn du die Musik hörst.

Ich mein', ich höre sie schon, sagte Barfüßele.Ja, horchet, da ist sie. In der Tat fuhr eben ein großer Leiter wagen, mit grünen Reisern besteckt, durch das Dorf, und dar⸗ auf saß die ganze Musik, und der Krappenzacher stand mitten zwischen den Mufikanten und blies die Trompete, daß es schmetterte.

Nun war kein Halt mehr im Dorfe, alles machte sich eilig davon. Die Bernerwägelein, einspännig und zwei⸗ spännig, aus dem Dorfe selber und aus den benachbarten, die hier durch mußten, jagten fast einander wie im Wettrennen. Rosel stieg zu ihrem Bruder auf den Vordersitz, und Bar⸗ füßele saß hinten im Korbe. Es schaute immer vor sich nie⸗ der, so lange man durch das Dorf fuhr, so schämte es sich. Nur beim Elternhause wagte es aufzublicken: die schwarze Marann grüßte heraus, der rote Gockelhahn krähte auf der Holzbeige, und der Vogelbeerbaum nickte:Glück auf den Weg!

Jetzt fuhr man durch das Tol, wo der Manz die Steine klopfte; jetzt über den Holderwasen, wo eine alte Frau die Gänse hütete. Barfüßele nickt ihr freundlich zu. Ach Gott, wie komm' denn ich dazu, daß ich hier so stolz und geschmückt vorbeifahre, und ist's denn nicht eine gute Stunde bis End⸗ ringen, und man meint doch, man wäre kaum eingesessen, und jetzt heißt's schon: absteigen! und die Rosel ist schon be⸗ grüßt und umstanden von allerlei Gefreundeten, und:Ist das eine Schwester deiner Schwägerin, die du da bei dir

hast? heißt es vielfach.

Nein, es ist nur unsere Magd, antwortete Rosel. Mehrere Bettler aus Haldenbrunn, die hier waren, betrach⸗ teten Barfüßele staunend, sie kannten sie offenbar nicht, und erst als sie sie lange angesehen hatten, riefen sie:Ei, das ist ja das Barfüßele. 75

Das ist nur unsere Magd. Dieses Wörtchennur ö war Barfüßele tief ins Herz gedrungen, aber sie faßte sich ö schnell und lächelte, denn in ihr sprach es:Laß dir nicht von ö einem Wörtchen deine Freude verderben. Wenn du das an⸗ fängst, da trittst du überall auf Dornen. 1

Die Rosel nahm Barfüßele beiseite und sagte: N ö

Geh' du nur einstweilen auf den Tanzboden oder an⸗ derswohin, wenn du sonst Bekannte im Orte hast. Bei der Musik sehe ich dich hernach schon wieder. 0

Ja, da stand Barfüßele wie verlassen, und sie kam sich vor, als hätte sie ihre Kleider gestohlen und gehöre garnicht daher, sie war ein Eindringling.Wie kommst du dazu, daß du zu so einer Hochzeit gehst? fragte sie sich und wäre am liebsten wieder heimgekehrt. Sie ging durch das Dorf aus und ein, dort an dem schönen Hause vorbei, das für den Brosie erbaut worden war, und worin auch heute viel Leben sich zeigte, denn die Oberbaurätin hielt mit ihren Söhnen und Töchtern hier ihre Sommerfrische. Barfüßele ging wie⸗ der das Dorf hinein und schaute sich nicht um, und doch wünschte sie, daß jemand sie anrufe, damit sie sich zu ihm; geselle. 8

Am Ende des Dorfes begegnete ihr ein schmucker Reiter auf einem Schimmel, der das Dorf herein ritt. Er trug eine fremde Bauerntracht und sah stolz drein; jetzt hielt er an, stemmte die Rechte mit der Reitgerte in die Seite, mit der Linken klatschte er den Hals seines Pferdes und sagte? Zane Morgen, schönes Jungferle! Schon müde dom Tanz?

Für unnötige Fragen bin ich schon müde, lautete die Antwort.

(Fortsetzung folgt.)