Ausgabe 
13.12.1915
 
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Die Friedensinterpellation im Reichstage.

Parteigenössische Preßstimmen.

Der Vorwärts teilt an der Spitze des Blattes mit: Wir wollten über die Reichstagssitzung einen Artikel brin⸗ gen, der die Verhandlungen von unserm Standpunkt aus einer Würdigung unterzog. Leider sind wir nicht in der Lage, den Artikel unseren Lesern zur Kenntnis bringen zu können. Wir müssen es deshalb den Genossen überlassen, sich auf

Grund des Verhandlungsberichtes selbst ihr Urteil über die

historischen Vorgänge dieses Tages zu bilden.

Die Breslauer Volkswacht schreibt:

Das erlösende Wort, das Abgeordneter Scheidemaun von ihm verlangte, hat der Reichskanzler Bethmann⸗Hollweg nicht ge⸗ sprochen, aber er hat doch seiner Bereitschaft zum Abschluß eines zhrenvollen Friedens Ausdruck gegeben und wir werden abwarten miissen, welches Echo diese Erklärung im feindlichen Auslande finden wird. Schade, daß sie sast ertrank in der bis ins Kleinste gehenden Polemik gegen einzelne Reden, unb Handlungen der Feinde, schade daß sie abgeschwächt wurde durch einen Satz der Er⸗ klärung, die Abgeordneter Spahn im Namen der bürgerlichen Parteien abgab. Er geht weit über das hinaus, was der Reichs- kallgler selbst sagte und ist geeignet, wie Abgeordneter Landsberg später ausführte, die Gegner aufzupeitschen, das heißt den Krieg zu verlängern und seine furchtbaren Opfer zu vermehren. Eine zolche Verantwortung sollte niemand auf sich nehmen. Die

Lanzlerrede selbst wird von dem Geschick nicht bewahrt bleiben, in

der verschiedensten Weise ausgelegt zu werden. Während Abgeorb neter Landsberg die Hauptbetonung in den Worten sieht: Wir vollen keine fremden Völker unter jochen und sind zu einem ehrenvollen Frieden bereit, sieht der Kreis um die Tageszeitung ihre Hoffnung in den Sätzen, daß es in Zu⸗ Anf eine Einfallstore im Westen und im Osten ehr geben darf.

Dieser Kreis steht allerdings in starkem Gegensatz zu den Worten des Kanzlers: Für uns ist der Krieg geblieben, was er gon Anfang an war: ein Verteidigungskrieg! Und gegen die Pro⸗ vagandisten des endlosen Weiterkriegens war der Satz Scheide⸗ nanns gemünzt: Auch bei uns gedeihen Kriegswüteriche, Maul⸗ und Federheldentum in umgekehrtem Verhältnis ¹ 155 Felddienstfähigkeit steht. Mancher Feldoͤgraue hat schon gewünscht, daß man solche Brüder zu ihnen in den Schützengraben stecken möge, um sie abzukühlen.

Wie grundverschieden die Erklärungen des Reichskanzlers im Reichstage auch in der sozialdemokratischen Presse beurteilt werden, davon hier ein sprechendes Beispiel an zwei sächsischen Parteiblättern. Die Leipziger Volkszeitung schreibt: 4

Wir können das ungefähr war der Gedankengang des leitenden Staatsmanns vom Frieden und seinen Bedingungen nicht eher reden, als bis die Feinde zur Erkenntnis ihrer Schuld und zu einem Verständnis für ihre ungünstige Lage gelangt sind. Sie müssen den ersten Schritt tun.

Wie ist diese Stellung zu rechtfertigen? Warum in aller Welt kann Deutschland nicht vorangehen? Warum kann die deutsche Regterxung nicht durch ein erneutes, gerades Bekenntnis zu den Grundsätzen, mit denen sie ihrer eignen Versicherung nach in den Krieg eingetreten ist, den Versuch zu einer Verständigung mit den fremden Regierungen machen, und wenn dieser Versuch fehl⸗ 1 1 7 sollte, vor den Augen der eignen Nation und aller Welt die volle Verantwortung für die Fortsetzung des grauenvollen Blütvergleßens der Entente aufbürden? Der Reichskanzler hält das für untunlich. Aber er hat dann diesen Standpunkt der ein⸗ fachen Ablehnung doch noch wieder verlassen, um Kriegsziele nicht auszusprechen, aber anzudeuten, die einen geradezu fteuetischen Beifall bei der Rechten und jubelnde Zustimmung bei den eroberungslustigen Heimkriegern auf den Tribünen des Hauses jervorriefen. Er sprach von der Würde und Sicherheit Deutsch⸗ lands, von der Notwendigkeit der Verrammelung der Einfallstore iu 1 und West, von der Verschärfung der Friedensbedingungen

be: längerer Ausdehnung des Krieges, kurz und gut, er sprach so,

daß selbst ein Reventlow ihm alles wird abbitten müssen, was er Büses über ihn geschrieben und ausgebacht hat.

Wir müssen sagen wir es offen dem Kanzler dankbar sein für die Worte, an denen nur die Feigheit zu drehen und zu deuteln vermag. Und nicht geringerer Dank gebührt den

bürgerlichen Parteien, die durch den Mund des Zentrums⸗

führers Spahn klipp und klar dieerforderlichen Gebiets⸗ erweiterungen verlangt haben. in einer Form, die eine nachträgliche Ableugnung und Abbröckelung nicht gestattet, ihre wahren Absichten von der Tribüne des Reichs⸗ tags verkündet.

Eine erhebliche andere 1 175 der Bedeutung der Kanzlerworte bekundet die Dresdener Volkszeitung, indem sie ausführt:

deren

Zum erstenmal haben sie

stchtigkeit löste bei uns einheitlicher

Nun kam Beihmann⸗Hollweg auf den Kern der sozialdemo⸗ kratischen Interpellation: Wie steht es mit seinen eigenen

antragen? 5 einesteils von dem ab,-was wir Sozialisten in der jetzigen Stunde für richtig und wünschenswert halten, muß aber zum anderen Teil durchaus begrüßt werden. er ein Friedensangebot an die Gegner nicht richten kann, den Frieden noch nicht wollen. 1 5 unserer Seite wäre eine Torheit, die den Krieg nicht verkürzen, sondern verlängern würde, und über einzelne 8 bedingungen könne erst dann gesprochen werden, wenn überhaupt bie Gegner eine Bereitschaft zeigten, in Unterhandlungen einzu⸗ treten. Diese Darlegung des Reichskanzlers muß, wie sich versteht, aufs sorgfältigste beachtet werden. Es wäre ein nicht gutzu⸗ machendes Unglück, wenn jemand in der guten Absicht, den Frieden herbeizuführen, die Gegner nun erst recht in der Ansicht, daß Deutschland voll Furcht vor dem Kommenden sei, bestärken und so das Gegenteil des Gewünschten erreichen würde. Gleichwohl halten wir diese Besorgnisse des leitenden Staatsmanns für viel zu weitgehend. Ein klares und freimütiges Aussprechen der deutschen Kriegsziele wobei gewiß nicht in die Einzelheiten ein⸗ gegangen werden muß würde, so meinen wir, den zweifellosen Erfolg haben, daß im Auslande die gehässigen Unter⸗ stellungen über wilde Eroberungspläne Deutsch⸗ lands zurückgewiesen werden, daß daraufhin bei den Völkern [der geguerischen Staaten die auch dort mächtige Friedensfehnsucht sich mehr und mehr zur Friedensbereitschaft entwickelt.

Wenn wir also eine weitergehende Friedenspolitik des Kanzlers für möglich und richtig halten, so ist auf der anderen Seite die erfreuliche Tatsache zu verzeichnen, daß er mit der offensten Bekundung seiner Friedensbereit⸗ schaft nicht zurückgehalten hat. Die Besorgnis, sagte er, sei unberechtigt, als wolle er der Möglichkeit eines ehren⸗ nollen Friedens aus dem Wege gehen, als werde er vernünftige Friedensangebote, die uns gemacht werden, ablehnen, weil wir alle eroberten Länder behalten und noch neue dazu erobern wollen. Ferner erklärte er:Friedensangebote unserer Feinde, die der Würde und Sicherheit des Deutschen Reiches entsprechen, ich wieder⸗ hole es immer wieder sind wir allezeit bereit zu diskutieren. Und weiter: Wir lehnen jede Verantwortung für die Fortsetzung des Unheils ab. Es soll nicht heißen, daß wir den Krieg auch nur um einen Tag verlängert haben, weil wir noch dieses oder jenes Faust⸗ pfand dazuerobern wollen. Gewiß forderte der Reichskanzlers ferner auch, daß Belgien und Polen in Zukunft nicht wieder als Aufmarschgebiete und Einfallstore Englands und Frankreichs gegen uns ausgerüstet werden sollen. Aber dieser Hinweis, so vieldeutig er ausgelegt werden kann, hat jedenfalls einen ganz anderen Klang als die klirrenden Forderungen der Annexionisten, die in gewissen Eingaben hervortraten und auf den Kanzler eigen Druck auszu⸗ üben suchten.

Angstpolitik der Bürgerlichen im Reichstage.

Unser parlamentarischer Mitarbeiter hatte gestern den häßlichen Zwischenfall im Reichstage, die Wortverweigerung an Genosse Dr. Landsberg, als verhältnismäßig harmlos und als auf einem Mißverständnis beruhend darge stellt. Zu einer doch wesentlich anderen Auffassung der Sach⸗ lage kommt aber Genosse Dr. Quarck. Er schildert den Vor⸗ gang und seine Ursachen in unserem Frankfurter Parteiorgan wie folgt:

... Das war noch alles vom Reichskanzler ohne verletzende und aufreizende Schärfe, sondern als sachlicher Ausdruck uner⸗ schütterlicher Ueberzeugung gesagt, mit der man rechten mag, wie viele unserer Genossen, die aber geachtet werden muß. Was dagegen jetzt folgte, war ein Stlick häßlicher und sinnloser bür⸗ gerlicher Gewaltspolftik, für die es keinerlei Ent⸗ schuldigung gibt. Die gemeinsame Erklärung der bürgerlichen Parteien, die Herr Spahn abgab, ging noch, obgleich sie am Schluß mit ganz unnötiger und unkluger Schärfe, die sich offensichtlich auch gegen den Reichskanzler richtete, die Notwendigkeit von Grenzregulierungen betonte. Dann aber kam das Unbegreifliche: durch einen rasch angenommenen Schlußantrag schnitt man unserem zweiten Redner das Wort ab. Und nicht bloß dies! Aus der in dieser Lage ganz besonders häßlich anmutenden Geschäftsordnungs⸗ debatte, in der unsere Redner ohne Unterschied der Richtung die versuchte Vergewaltigung brandmarkten und unsere Fraktion durch minytenlanges Rufen erst die Möglichkeit einer solchen De⸗ batte erzwingen mußte, stellte sich folgendes heraus. In eindring⸗ lichen Verhandlungen hatte unsere Parteileitung den bürgerlichen Parteien das Unheil vorgestellt, daß sie heraufzubeschwören im Be⸗ griffe waren. Diese hatten aber darauf bestanden, daß unser zweiter Redner entweder vor ihrer Erklärung und nicht am Schlusse, oder gar nicht sprechen solle. Sie suchten jede Kritik ihrer Haltung durch uns und die Zusammenfassung der De⸗ batte durch die Sozialdemokratie zu verhindern. Diese Kurz⸗ und leidenschaftlichen

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Friedens bedingungen, wolle er den anderen den Frieden Was der Reichskanzler hierüber gesagt hat, weicht

Der Kanzler ist der Meinung, daß 0 80 e e 6 a eil diese Zehens der Schriftführer nicht bis zum Präsidenten gelan

Ein Friedensangebot von

Friedens welche Unklugheit sie zu begehen im Begriff gewesen

gut fand, veröffentlicht hat.

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3 77 Protest aus. Inzwischen mag die ee.

gerlichen Führern 1 haben, welches Unheil sie Jane Als Genosse Dr. Landsberg, unser zweiter Re tellte, daß er sich infolge der Verhandlungen unter de an der Stelle vor Spahn auf die Rednuerliste zwar ha lassen, daß er sich sedoch nachher wieder als Schlußrel Wort gemeldet und daß diese Wortmeldung infolge ei

zu 1 scheine, trat man allfetig auf diese Brücke um aus 92 K 5 heit herauszukommen. Die bürgerlichen Parteien hatten gen f

1

Herr Payer selbst beantragte die Wiederaufnahme der Debat Genosse Landsberg hielt seine Schlußrede zur Interpellatio .. In allen, die die bedeutsame Sitzung miterlebten, ha die Ueberzeugung befestigt, daß die bürgerlichen Parte nichts vergessen und nichts lernen können und von ihnen esne Wendung in der inneren Politik Deutsch nicht ausgehen wird. Sie haben dafür heute den endg tigen Unfähigkeits nachweis erbracht. Wer eine günstige Situation durch beschränkteste A n u ff gründlich verfahren kann, wie heute, über den ist politisc Urteil gesprochen.... N Die Kämpfe am Balkan. Aus Saloniki wird gemeldet, daß die Engländer zu gehen mußten, während die Franzosen sich beim Baß Strumitza noch halten. Man nimmt an, daß die im G befindliche Schlacht sich auf griechisches Gebiet hinüberzi werde. Die gesamten englisch⸗französischen Streitktä reichen höchstens 110000 Mann, andere 40 000 Mann in Saloniki. 5 Der serbische Generalstab ist in Skutari angekommen, w sich bereits die Regierung und der König aufhält. Die N gekommenen serbischen Truppen werden zwischen Skutart Durazzo Lager beziehen, für dessen Verpflegung sorgt Italie Ueber das Los der österreichisch-ungarischen Kriegsgefan nen werden haarsträubende Einzelheiten berichtet. J Aermsten verhungern buchstäblich am Wege oder stürzen sit auf Pferdeleichen, um sich zu sattigen. g f Das Elend der serbischen Heeresreste. T. U. Lugano, 11. Dez. Magrini drahtet unterm 9. D aus Saloniki: Halb verhungert, zu Skeletten abgemager leberlebende aus einem Schiffbruch treffen die serbischen 8 6 linge über Albanien in Salontki ein. Ihre Erzählungen 905 9 5 haft, Schwärme von Adlern, Geiern, Raben und Wölfen e b 0 1 ö

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sich an den Leichen der Menschen, Ochsen, Pferden und Mault Entsetzlich sind die Leichen der österreichischen Gefangenen a Dezember⸗Kämpfen vorigen Jahres. Man sah einzelne von ih 5 gefallene Pferde in Stücke gerissen 90160 um ihren Hun stillen. N bracht. Die Frauen der serbischen Minister Draskowitsch, g vitschitsch und Jovanowitsch mußten den Weg von Ljuna bis Dita 4 sast ganz zu Fuß zurücklegen. i f 5 f Griechische Trausportschisse von den Engländern torpediert. f T. U. Budapest, 11. Dez. A Vilag meldet aus Athen griechische Regierung stellte fest, daß im Hafen von A griechische Transportdampfer tatsächlich von einer englisck Flotteneinheit torpediert wurden. 5 Die Kriegskosten Italiens. 5 T. U. Lugano, 11. Dez. Dem Avanti zufolge beträgt Eugland aufgenommene italtenische Auleihe drei Milliarden. man(von der amerikanischen Anleihe ganz abgesehen) hie vom Schatzminister eingestellten 572 Milliarden, so betragen Kriegskosten Italiens bis Ende November Milliarden.

Amerika verlangt die Abberufunz des österr

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Mehr als 20 000 wurden aus Elbasan nach Dura

ungarischen Generalkonsuls. g

Die Unionsregierung hat von Oesterreich⸗Ungarn num

mehr auch die Abberufung des österreichisch⸗ungarischen G

ralkonsuls Nuber in New⸗Nork verlangt.

Kriegsus izen. l

Die alldeutsche Post teilt am Freitag morgen ihren Lesern ut

Durch Verfügung des Oberkommandos in den rken

das Erscheinen der Post bis auf weiteres verbe worden.

Berlin, den 9. Dezember 1915. Die Schriftleitung det

Das Verbot ist erfolgt, weil die Post die Kriegsziele d

konservativen Partei, die eine ie e Vorstandsftt

noch kurz vor der zu erwartenden Reichskanzlerrede festzulegen

94 Barfüßele. 11 Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.

Die barmherzige Schwester.

Das war nun ein volles Leben im Hause des Rodel bauern. Barfüßele, so hieß man nun fortan Amrei, war an stellig zu allem und wußte sich gleich bei allen beliebt zu machen; sie wußte der jungen Bäuerin, die fremd ins Dorf und ins Haus gekommen war, zu sagen, was hier der Brauch sei, sie lehrte sie die Eigenschaften ihrer nächsten Angehörigen lennen und sich danach richten, und dem alten Rodelbauer, der den ganzen Tag trotzte und sich nicht befriedigen konnte, weil er sich so früh zur Ruhe begeben, wußte sie allerlei Ge fälligkeiten zu erweisen und ihm zu erzählen, wie gar gut die Söhnerin sei, und es nur nicht von sich zu geben wisse; und als in der Tat kaum nach einem Jahr das erste Kind kam, zeigte sich Amrei darüber so glücklich und in allen Erforder nissen so geschickt, daß jedes im Hause ihres Lobes voll war; aber nach Art dieser Leute so voll, daß man sie bei dem klein sten Ungeschick eher dafür zankte, als daß man sie je in der Tat lobte.

Aber Amrei wartete auch nicht darauf, und namentlich dem Großvater wußte sie das erste Enkelchen immer so gut zuzutragen und zur geschickten Zeit wieder zu entziehen, daß man seine Freude daran haben mußte.

Beim ersten Zahn des Enkels, den sie dem Rodelbauer zeigen konnte, sagte dieser:Ich schenke dir einen Sechsbätz⸗ ner, weil du mir die Freude machst. Aber weißt du? den, den du mir gestohlen hast an der Hochzeit; jetzt darfst du ihn ahrlich behalten.

Dabei war aber die schwarze Marann nicht vergessen. Es war allerdings ein schwer Stück Arbeit, mit ihr wieder ins Gleis zu kommen. Die Marann wollte vom Barfüßele nichts mehr wissen, und ihre neue Herrschaft wollte nicht dul den, daß sie zu ihr hinging, besonders nicht mit dem Kinde, da man noch immer fürchtete, daß ihm durch die Hexe ein

die schwarze Marann mehrmals besuchte. Das wurde als ein wahres Wunder im ganzen Dorfe berichtet. Aber die Be suche wurden bald wieder eingestellt, denn die schwarze Marann sagte einmal:Ich bin jetzt bald siebzig Jahre und ohne die Freundschaft eines Großbauern ausgekommen; es ist mir nicht der Mühe wert, das noch zu ändern.

Auch Dami war natürlich oft bei seiner Schwester, aber der junge Rodelbauer wollte das nicht dulden, denn er sagte nicht mit Unrecht, er müsse dadurch den großgewachsenen Burschen auch ernähren; man könne in einem solchen Hause nicht aufpassen, ob ein Dienstbote ihm nicht allerlei zustecke. Er verbot daher außer Sonntag nachmittags Dami den Be⸗ such des Hauses.

Dami hatte indes selbst zu sehr in das Behagen hinein⸗ geschaut, in einem so reich erfüllten Bauernwesen zu stehen; ihm wässerte der Mund danach, auch so mitten drin zu sein, und sei es nur als Knecht. Das Steinmetzleben war gar so hungrig. Barfüßele hatte viel zu widersprechen; er solle be denken, daß er nun schon das zweite Handwerk habe und dabei bleiben müsse; es sei nichts, daß man immer wieder anderes anfange und glaube, dabei sei man glücklich; man müsse auf dem Flecke, auf dem man steht, glücklich sein, sonst werde man es nie.

Dami ließ sich eine Zeitlang beschwichtigen, und so groß war bereits die selbstverständliche Geltung Barfüßeles, und so natürlich die Annahme, daß sie für ihren Bruder sorge, daß man ihn immer nurdes Barfüßeles Dami hieß, als wäre er nicht ihr Bruder, sondern ihr Sohn, und doch war er um einen Kopf größer als sie, und tat nicht, als ob er ihr untertan sei. Ja, er sprach oft aus, wie es ihn wurme, daß man ihn für geringer halte als sie, weil er nicht solch Maul⸗ werk habe.

Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Beruf ließ er zuerst und immer an der Schwester aus. Sie trug es ge

duldig, und weil er nun vor der Welt zeigte daß sie ihm ge⸗

Leid geschehe. Es bedurste großer Kunst und Ausdauer, um horchen müsse, gewann sie dadurch nur immer mehr an 2 diese Feindseligkeit zu besiegen; aber es gelang dennoch. Ja, sehen und Uebermacht in der Oeffentlichkeit; denn jedes Barfüßele wußte es dahin zu bringen, daß der Rodelbauer] sagte, es sei brav von dem Barfüßele, was sie an ihtem

Bruder täte, und sie stieg dadurch noch, daß sie sich von ihm gewalttätig behandeln ließ, während sie für ihn sorgte wie eine Mutter; denn in der Tat wusch und nähte sie ihm den Nächten, daß er zu den Saubersten im Dorfe gehörte und bei zwei Paar Rahmenschuhen, die sie als Teil Lohnes jedes halbe Jahr bekam, hatte sie beim Schuhmacher noch draufbezahlt, damit er solche ihrem Dami mache, denn sie selber ging allzeit barfuß, und nur selten sah man sie ein⸗ mal des Sonntags in Schuhen in die Kirche gehen. Barfüßele hatte viel Kummer davon, daß Dami, ma wußte nicht wie, allgemeine Zielscheibe des Spottes und der Neckerei im Dorfe geworden war. Sie ließ ihn scharf darum an, daß er das nicht dulden solle; er aber verlangte: sie möge es den Leuten wehren und nicht ihm, er könne nicht dagegen aufkommen. Das war nun nicht tunlich, und innerlich war es dem Dami auch eigentlich gar nicht unlieb, daß er überall ge⸗ hänselt wurde; es kränkte ihn zwar manchmal, wenn alles über ihn lachte und viel jüngere sich etwas gegen ihn heraus nahmen, aber es wurmte ihn noch weit mehr, wenn man ihn gar nicht beachtete, und dann machte er sich gewaltsam zum Narren und gab sich der Neckerei preis. f 1 Bei Barfüßele dagegen war allerdings die Gefahr, der Einsiedel zu werden, den die Marann immer in ihr erkenne wollte. Sie hatte sich an eine einzige Gespielin angeschlossen es war die Tochter des Kohlenmathes, die aber nun schon seit Jahren in einer Fabrik im Elsaß arbeitete, und mat hörte nichts mehr von ihr. Barfüßele lebte so für sich, daß man sie gar nicht zur Jugend im Dorfe zählte; sie war mit ihren Altersgenossen freundlich und gesprächsam, aber ihre eigentliche Gespielin war doch nur die schwarze Maran Und eben weil Barfüßele so abgeschieden lebte, hatte sie keinen Einfluß auf das Verhalten Damis, der, wenn auch gen und gehänselt, doch immer des Anschlusses bedürftig war nie allein sein könnte wie seine Schwester.(Jortsetzuna 0