Nr. 232
Erna und Ilse.
Roman von D. Feußner.
(Fortsetzung).
„Ja, Hedwig, du bist meine liebe gute Schwester, «rd du kannst Gott danken, datz wir die Rollen, welche wir im Lebensdrama zu spielen verurteilt find, nicht vertauschen konnten, datz ich es bin, die ein herb .Geschick von der glatten, ebenen Bahn aus eine rauhe, steile geschleudert, denn du," fie hielt einen Moment inne, „du wärest nicht stark genug, um die undankbare Rolle entsprechend zu Ende spielen zu können. — Aber sorge dich nicht allzusehr um mich, sei gewitz, ich werde nicht aus meiner Rolle satten, sondern mit Scelenstärke alle meine Empfindungen bemeistern, bis — der Vorhang fällt." .
Sie drückte einen heitzen Kuß auf die Stirn der älteren Schwester, aber ihr Auge blieb tränenlos, ihr Schmerz war viel zu groß, als datz er in lindernden Tränen Erleichterung finden konnte.
„Wundersames Wesen." sagte Hedwig und gab die Schwester frei, mich däucht es ganz unmöglich, datz das Geschick noch weiter gegen dich so grausam sein sollte, es mutz eine Wendung eintreten, eine Grenze geben, an welcher du aus der Wüste in ein Paradies treten darfst, denn auch du hast noch anderen Bestimmungen nachzukommcn und ihnen gerecht zu werden. Jede Blume blüht als etwas Gottgewolltes und ist da ein Wesen zu erfreuen, und sei es den tändelnden Schmetterling, der sie umgaukelt: und so wirst auch du blühen für ein hohes seliges Glück."
„Du versuchst mich zu trösten," erwidette Erna weich, „ich danke dir. Wenn du nur recht, recht glücklich wirst, so wird dieses Bewußtsein für mich die Quelle eigenen Glückes sein, aus der ich Kraft schöpfen werde. Schweres zu ertragen."
Hedwig wußte nichts mehr zu erwidern, und so schritten sie schwelgend dem Hause zu, achtlos des herrlichen Blumenflors, der sie umgab und die Lust mit balsamischem Wohlgeruch erfüllte: beide waren zu erregt, um ihrer Umgebung irgend welche Beachtung zu schenken.
„Und Ilse wird unsere Freundin, unsere Schwester bleiben!" unterbrach Erna das Schweigen, „nicht wahr, Hedwig?"
„Gewiß, Ema, auch ich will ihr gut sein, denn etwas Unaussprechliches zieht mich zu ihr hin — ja sie soll auch meine Schwester sein," setzte sie warm hinzu.
Die Schwestern verabschiedeten sich voneinander, und Erna suchte die Kranke auf. Als sie Ilses Zimmer betrat fand sie diese wach im Bett liegen. Bleich, aber gefaßt trat sie an das Lager und sah Ilse einen Moment wortlos an. Ihr Blick schien in dem Anaesicht der Kranken lesen zu wollen, sie erwartete d're Frage in den bleichen Zügen zu finden: „Kommst du jetzt, nm inir Ausschluß zu geben über dein Benehmen von vorhin?"
Aber aus dem zarten Eesichtchen des kranken Mädchens lag auck nichr die geringste Spannung: kein noch so leiser Windhauch schien die Wellen dieser Menschenseele auch nur zu kräuseln, aus jedem Zuge dieses Antlitzes sprach nur das eine Wort: „Friede, Friede!"
Mit mattem Lächeln erfaßte sie die ihr zum Gruß gebotene Rechte Ernas und sagte weich: „Liebe gute Erna —."
Herzliche Teilnahme sprach aus den wenigen Worten, so datz Erna fragte: „Was hast du, Ilse?"
Stumm sahen sie sich eine Weile an, ehe diese antwortete: „Verzeihe mir. wenn ich vielleicht ein wenig zu weit gehe — du bist tief unglücklich und suchst mit dies zu verbergen."
Ein Zittern ging durch Ernas schlanke Gestalt nnd mit bebender Stimme erwiderte sie: „Latz Begrabenes ruhen: ich habe eben etwas zur Ruhe gebettet in meines Herzens Schrein — vielleicht zur ewigen Ruhe."
'„Erna, du willst deine Liebe begraben, ich weiß es! O hätten wir uns schon früher kennen gelernt, dann —“
Reue Tagesz eitung. Samstag, den 3. Oktober iai«
Ilse stockte, sie war sich nicht recht klar darüber, ob sie das, was fie sagen wollte, auch sagen durfte. Ihr Herz war so voll, ihr Gemüt so erregt, — trotzdem fie vorhin ein Bild des ttefsten Friedens bot — daß es ihr unmöglich wurde einen logischen Gedanken zu fassen. Auch hätte sie Ema gem gesagt, datz sie wisse wer sie sei, aber sie fürchtete eine Taktlosigkeit zu begehen und deshalb schwieg sie lieber.
Ema kam ihr zu Hilfe, denn sie ahnte, was in Ilse vorging. Stolz aufgerichtet, stets gewohnt ihre Empfindungen zu beherrschen stand sie da, und ihre Sttmme klang ruhig und gefaßt als sie sagte: „Der Zufall hatte, wie so oft im Leben, seine Hand im Spiele, und die Würfel sind gar sonderbar gefallen. Ich glaube mich in der Annahme nicht zu irren, datz du weißt, wer ich bin. ebenso wie ich nicht im Zweifel darüber bin, wen ich in dir vor mir habe. Wir wollen darum nicht länger Verstecken spielen und uns in Mysterien hüllen, sondern einander rückhaltslos vertrauen. Nimm von mir zugleich die Versicherung entgegen, datz ich der Braut des Mannes, der mir einst das Leben rettete, keine Abneigung entgegenbringe, sondern sie lieben will als Freunoin, als Schwester. Ein anderes Sehnen und Verlangen, das mir schon unendliches Weh geschaffen, will ich zu Grabe tragen und mich still weiden an deinem Glück."
„Erna! Ema!" Jubelnd rangen sich die Worte von Ilsens Lippen.
„Erna." fuhr sie fott, „du herrliches Mädchen. — O, ich täuschte mich nicht in dir, nein, dein großes Herz ist zum Hassen zu edel! Aber auch du selbst wirst einst noch glücklich werden, denn wenn dies eine verdient, dann bist du es!"
„Der Zufall und das Schicksal sind dem Strome gleich, der über einen jähen Felsen herniederstürzt und durch eigene Gewalt zu Staub zerschellt — keines Menschen Macht vermöchte ihn vor seinem Fall zu schützen, wäre imstande die übereinander stürzenden Wassermassen zu glätten, ihr Toben zu besänftigen! Aber laß ihn die Ebene erreichen und er fliegt dahin in majestätischer Ruhe und spiegelnder Glätte. Dies ist das Bild meines Inneren, nur mit dem Unterschiede, datz das Tosen und Branden sich nicht erst in der Ebene des Lebens verliett, in welcher der Strom friedlich dahinflietzt, sondem schon viel früher im Sande der Entsagung verläuft. — Der eine stirbt an der Wunde, dem anderen bringt die barmherzige Zeit Genesung, aber auch dann bleibt fast immer eine Narbe zurück."
„Ich verstehe dich ganz, Erna," sagte die Kranke, „aber nun will auch ich aussprechen, was ich vorhin schon sagen wollte. Hätte ich dich früher kennen gelernt, so wäre es dem bescheidenen Veilchen nicht eingefallen, der um vieles schöneren und edleren Rose ihren Sonnenschein zu rauben, aber" — ihre Stimme sank zum Flüstern herab, „aber, glaube mir, das unscheinbare Veilchen wird schon längst verwelkt sein, wenn die Rose erst ihre volle Schönheit entfaltet, um in vollen Zügen Sonnenschein nnd Himmelstau zu ttinken."
„Nicht weiter," flehte Erna, „schone mich, es tut mir weh dich so sprechen zu hören! Du wirst neu ausleben und glücklich werden und ich will mich deines Glückes freuen. Es blüht für mich ein Glück, aber — wo anders —“
„Noch einmal mutz ich ihn sehen, ihn küssen und dann —"
Wie im Traume hatte sie die letzten Worte gemurmelt und ihre Gedanken eilen hinweg aus dem stillen Zimmer, über Berg und Tal und Meer, dem Aufgang der Sonne entgegen und wie eine Vision stand vor ihrem geistigen Auge die Gestalt des Mannes, der ihr alles war, dem sie alles ifu geben bereit war, ohne zu wissen, womit er ihr vergalt.
Was bist du, Leben? Was bist du, Liebe? Und du, o brennende Sehnsucht? Wenn du nicht hinfllhrst an den paradiesischen Ort, zu dem von der Statur gewollten Ziele, zu der beglückenden Freistatt der Wunschlosigkeit? Ein gaukelndes Märchenbild, eine
_ Seite
trügerische Fata Morgana. Göttliche Strahlen, warum blendet rhr die schmerzerstarrte Seele mit Reflexionen, daß sie bewundemd und hingerissen von eurer Pracht ihr Weh vergißt und ihre Schwingen ausbreitet, um eurem Bannkreise zu nahen, wenn ihr euch einhüllen wollt in den Schleier des Unerreichbaren, und so die Seele in die winterliche Nacht der lebenvernichtenden Entsagung zurück sintt! Warum? Warum?
___ (Fortsetzung folgt.) y
Kirchliche Anzeige».
Evangelische Gemeinde.
17. Sonntag nach Tein., 4. Ottober Gottesdienst in der Stadtkirchc.
Vorm. 9y, Uhr: Herr Pfarrer Ritter.
Abends Uhr: Herr Direktor Schoell.
Gottesdienst im Stndireil Fauerbach.
Vorm. 10 Uhr: Herr Pfarrer Zatzman». .»
Beichte und hl. Abendmahl.
Katholische Gemeinde 18. Sonntag nach Pfingsten, Rosenkranzfest, 4. Ott.
Gelegenheit zu beichten Samstag nachm, von 4 Uhr, Sonntag früh von % 6 Uhr an.
'AI Uhr: Frühmesse.
8 Uhr: Singmeffc mit Predigt Militärgottesdienst).
’AIO Uhr: Hochamt mit Predigt.
Nachm. 2y, Uhr: Feierliche Rosenkranzbruderschaft.
Während des Monat Oktober ist an aNcn Werktagen Abeirds A8 Uhr Rosenkranzandacht mit Segen und fallen infolgedessen die seitherigen Bittandachten am Mittwoch und Freitag Abend au?.
Wchertilch.
Soweit man in den gegenwärtige» Zeiten von geschäftliche» Erfolgen reden kann, muh jedenfalls die von der Zeitschrift Der
Gu-kkasten, München, seit Beginn des Krieges den einzelnen Nummern beigefügte Kriegs-Chronik als eine sehr erfolgreiche Erweiterung des Inhalts der Zeitschrift bezeichnet werden.
Der Guckkasten ist schon lange in den weitesten Schichten der Bevölkerung beliebt, er wird sich aber durch seine von pa< triotischem Sinne erfiillten, dem Ernst der Zeiten und der Komik der politischen Situationen gleich gerecht werdenden Illustrationen, Gedichte und Scherze, die er jetzt jede Woche herausbringt, noch eine ganze Reihe neuer Freunde hinzugewinnen.
Solange es für ein Witzblatt nur möglich war, zu dem Meinungsaustausch der Parteien eine mehr oder minder ausgesprochene Stellung einzunehmen, hat es sich der Guckkasten versagt. politische Fragen zu behandeln. Heute aber, da nur ein Streben di- ganze Nation erfüllt, ist der Guckkasten seinem Inhalt nach zwar kein politisches, aber doch ein nationales Witzblatt geworden. Es ist für den genaueren Beobachter interessant, zu »erfolgen, wie sich die Mitarbeiter der Zeitschrift auch auf dem erweiterte» Gebiete sicher betätigen und wie sic auch dort viel Treffendes zu sagen wissen. Manche der von dem Guckkasten in diesen Tagen gebrachten Illustrationen oder Satiren über unsere Feinde, manches ernstc Gedicht oder Bild verdient in den weitesten Kreisen bekannt zu werden.
Abonnements auf den Guckkasten können jederzeit begonnen werden. Der Abonnementsbetrag beträgt ohne Porto Mk. 3.— vierteljährlich, jedes Postamt und jede Buchhandlung nehmen Bestellungen, auch auf einzelne Monate, an.
Bestellungen nnf die
Neue Tageszeitung
für das 4. Vierteljahr 1014
werden bei allen Postanstalten sowie bei unfern Zeitungs-Agenturen entgegengenommen.
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