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werden können.
wieder auf einige Zeit aus, weil die Budgetkommission mit ihren Arbeiten wohl kaum bis Ende dieser Woche fertig werden wird. Von dem Abschluß dieser Arbeiten hängt es ab, wie die Weitertagung des Reichstags verlaufen wird. Das Urteil im Berliner Kriegslieferungsprozeß. In dem Armeelieferungsprazeß wider den Schuhwarenhändler Arthur Jacoby u. Gen., der seit dem 15. November die 4. Straf⸗ kammer des Landgerichts Berlin J unter Ausschluß der Oefsentlich⸗ keit beschäftigte, wurde am Montag nachmittag das Urteil in öffent⸗ licher Sitzung gesprochen. Der Gerichtshof hielt Landesverrat im
Sinne des§ 89 Str.⸗G.⸗B. nicht für vorliegend, auch nicht Ver⸗
letzung des§ 329(Nichtinnehaltung von behördlichen Lieferungs⸗ austrägen für die Armee), da unter Behörde nur eine deutsche Be⸗ hörde verstanden werden kann. Dagegen liege Betrug gegen den öslerreichisch⸗ungarischen Staat vor bei Lieferung von Stiefeln für die Armee im weitesten Umfange vor. Es wurden demgemäß ver⸗ urteilt der Schuhwarenhändler Arthur Jacoby zu 5 Jahren 2 Monaten Gefängnis, 5 Jahre Ehrverlust, Kaufmann Karl Kohn⸗ München zu 4 Jahren 6 Monaten Gefängnis, 5 Jahre Ehrverlust, Bankangestellter Ernst Schmidt zu 1 Jahr 6 Monate Gefängnis, Handlungsgehilse Franz Urban zu 4 Monaten Gefängnis, Hand⸗ lungsgehilfe Eppler zu 3 Monaten Gefängnis. Die drei letzteren wurden wegen Beihilfe zum Betruge verurteilt. Der sechste An⸗ geklagte Joseph Kohn wurde freigesprochen. Die Ernährungsfragen vor dem Haushalts⸗ Ausschuß des Reichstags. Sitzung vom 6. Dezember.)
Abg. Fischbeck(Fortschr.): Die Regelung der Ernährungs- frage ist die Voraussetzung für den endgültigen Sieg. Kein Zweifel daran, die Agrarier wollen höhere Preise heraus⸗ schlagen. Daß die Landwirtschaft mit Schwierigkeiten zu rechnen hat, soll nicht bestritten werden, das ist aber berücksichtigt worden bei Festsetzung der Höchstpreise, die weit über die Friedenspreise hinausgehen. Wenn es nach den Wünschen des Laudwirtschafts⸗ rates ginge, dann hätten die Produzenten-Höchstpreise für Kartoffeln auf 4,75 Mark festgesetzt werden müssen. Jetzt machen sich die Folgen unserer Zollpolitik bemerkbar. Man hat das Verlangen nach hohen Zöllen immer mit dem Hinweis auf den Krieg begründet, der Landwirtschaft sind damit riesige Werte zuge⸗ führt worden, und jetzt können die Preise nicht hoch genug sein. Hätte man die Fleischeinfuhr aus Argentinien nicht unmöglich ge⸗ macht, dann wäre ein Fleischmangel nicht eingetreten. Die Land⸗ wirte haben mit den hohen Schweinepreisen große Gewinne erzielt. Grund zu klagen haben nicht die Landwirte, sondern die Kon⸗ sumenten, der Handel und das Gewerbe. Bei Fleisch und Kartoffeln ist die Spannung zwischen den Produzenten und den Konsumenten⸗ preisen zu gering, sodaß der Handel es ablehnt, diese Artikel zu führen. Die Verteilung läßt sehr viel zu wünschen übrig, am meisten benachteiligt sind die Großstädte. Die kommandierenden Generäle dürfen nicht, wie in Bayern Aus fuhrverbote er⸗ lassen. Daß die Regierung endlich etwas schärfer zugriff, das üst der Presse zu danken, die nicht, wie Abg. Roesicke be⸗ hauptete, das Volk verhetzt hat. Die Höchstpreise für Wild haben dazu geführt, daß auf dem Berliner Markt Wild nicht mehr zu haben ist. Die Linke des Reichstags hat von Ansang an auch gegen die hohen Gewinne der Industrie, z. B. der Lederindustrie, angekämpft. Die Klagen des Abg. Roesicke litten an maßlosen Uebertreibungen; von der Lage des Handwerks hat er offenbar keine Ahnung. Es ist völlig unberechtigt, immer nur für die Landwirte in Anspruch zu nehmen, daß sie Deutschland das Durchhalten er⸗ möglicht haben.
Abg. Dr. Matzinger(3tr.) beschäftigt sich hauptsächlich mit dem wirtschaftlichen Unterschiede zwischen dem Süden und dem Norden Deutschlands. In Bayern habe man ch leider auch an⸗ gewöhnt, von einer„Begehrlichkeit der Landwirt⸗ schaft“ zu reden. Der kleine Bauer kennt sich mit den massen⸗ baften Verordnungen überhaupt nicht mehr aus. Vor einer Be⸗ schlagnahme der Schweine ist dringend zu warnen. Bayern hat den Butterverkauf organisiert. Daß die Ausfuhr verboten ist, trifft nicht zu. Die n gegen die Zollpolitik sind nicht berechtigt; das deutsche Volk will Gefrierfleisch nichts wissen.
Abg. Kreth(Kons.): Wenn die Landwirtschaft leistungsfähig bleiben soll, dann muß man hohe Preise haben. Diese Preise verhüten, daß Nahrungsmittel verschleudert werden. Die Presse hat mit ihren Angriffen auf die Landwirtschaft den Burg⸗ frieden bedroht, weil sie nicht auch die Schwierigkeiten betont hat, unter denen die Landwirtschaft heute arbeitet. Wenn einzelne Landwirte wie Wendorff und Hofer behaupten, der Land⸗ wirtschaft gehe es gut, so kann sich das nur auf ihre Güter, nicht aber auf die Landwirtschaft im allgemeinen beziehen. Diese Herren stehen auch nicht im Felde, sie können ihre Wirtschaft selber leiten. Wenn die Landwirtschaft heute mehr flüssiges Kapital hat, so nur deshalb, weil dringende Bedürfnisse der Wirtschaft nicht gekauft Die Freihändler haben keinen Anlaß, die Zoll- politik anzugreifen, denn ohne Zölle hätte die Landwirtschaft nicht leisten können, was sie geleistet hat. Wenn man die russische Futter⸗
gerste nicht so billig hereingelassen hätte, dann wären in Deutschland
mehr Futtermittel angebaut worden.
Unsere Schutzzollpolitik hat sich in diesem Kriege glänzend bewährt. Die Gemeinden müssen eben die Mittel zur Verfügung stellen, damit die ärmere Bevölke⸗ rung die hohen Preise bezahlen kann. Die weiteren Maßnahmen des Reiches müssen dahin gehen, daß auch die besitzende Klasse sich Einschränkungen auferlegen muß. Die Futtermittel müssen den Landwirten billig zur Verfügung gestellt werden, nur dann kann der Viehstapel vermeßrt werden. preußischen Landwirtschaftsminister als einen Mann von be⸗ sonders hohem sozialen Verständnis hinzustellen.
Abg. Schmidt- Berlin(Soz.) Es ist ausgeschlossen, die not⸗ leidenden Massen mit den heutigen Zuständen auszusöhnen. Dazu hat die Preistreiberei einen zu großen Umfang angenam⸗ men. Das Zahlenmaterial, das der Schatzsekretär vorgelegt hat, ist nicht zu verwenden. Die Preisstefgerung in Deutschland ist in der Tat höher als im Ausland. Redner belegt das an einer Reihe von Beispielen an der Hand amtlicher deutscher Zahlen. Die Kaufkraft der Massen ist ganz erheblich gesunken. Es ist nicht richtig, wenn der Schatzsekretär annimmt. die Zuwendungen auf dem 400 Millionenfonds habe die Kaufkraft der Massen ge⸗ hoben. Allein durch die Verteuerung des Raagens legt man den Konsumenten eine Mebrbelastung von 400 Millionen Mark auf. Mit solchen Tatsachen kann man das Volk nicht beruhigen. Die vorgetrogenen Ernteschötzungen bleiben hinter dem wirklichen Er⸗ trag erheblich zurück. Die Behauptung, daß wir beute Kartoffeln zu Friedenspreisen bekommen, ist nicht richtig. Mit den Preisen, die beute bezahlt werden, muß die Landwirtschaft auskommen. Die Geschäftsberichte der Aktiengesellschaften müssen auf das Volk auf ⸗ reizend wirken. Die Höchstpreise sind viel zu hoch, sonst könnten solche Profite nicht erzielt werden. Jede Verordnung muß immer wieder eine neue zeitigen, weil die Spekulanten immer sofort ver⸗ suchen, die Verordnungen zu umgehen. Nicht nur die Landwirt⸗ schaft ist schuld, sondern zu einem großen Teil auch der Handel. Die Landwirtschaft hat keinen Grund zu klagen. Die Löhne in der Landwirtschaft sind nicht gestiegen. die Lage der Landarbeiter hat sich im Gegenteil verschlechtert. Die Naturalleistungen hat man bei den Landarbeitern unter den Höchstpreisen mit Geld abgelöst. Die Erbitterung unter den Landarbeitern ist ganz ge⸗ waltig: die Besitzer erzielen hohe Preise und der Landarbeiter bekommt kein Futter für das Schwein, das er sich halten kann. Ar⸗ tikel über die Löhne der Landarbeiter sind von der Zensur unter⸗ drückt worden. Die Höchstpreise für Butter sind viel zu spät sest⸗ gesetzt worden. Dem Staatssekretär ist der Vorwurf zu machen, daß er vielfach versagt hat: er darf sich nicht davor scheuen, bei den agrarischen Führern Unzufriedenheit zu erregen, ibm muß die Ver⸗ sorgung des Volkes mit Lebensmitteln in erster Linie stehen. Die Kartoffeln werden auch jetzt noch zurückgehalten: die Kommissions⸗ gebühren von 20 Pfa. pro Zentner sind viel zu boch, handelsüblich sind nur 10 Pfg. Redner schildert die Schwierigkeiten, die den Städten in der Kartoffelversurgung bereitet werden. Das preußische Verwaltungssystem paßt nicht für die Durchffihrung solcher Maß⸗ nahmen, man treibt da geradezu vassive Resistenz. Jetzt wieder die Verordnumg, wonach ausländische Butter teurer verkauft wer⸗ den darf! Wo bleibt da die Kontrolle? Wir müssen die vor⸗ handenen Lebensmittel gleichmäßig verteilen. dann wird verhütet, daß der einzelne sich große Vorräte zulegen kaun. Die Margarine üßte für jene Kreise reserviert werden, die sich Butter nicht kaufen Kein Meusch verkennt die vorhandenen Schwierigkeiten, men aber durch eine vernünftige Organisation bemeistert werden.
Staatssekretär Delbrück bestreitet, daß die Maßnahmen der Regierung auf den Widerstand der Landwirte gestoaßen sind. Die Frage der Fettversorgung ist besonders schwierig. Die Margarine, die aus den von der Regierung beschafften Fetten hergestellt wurde, wird nicht in den freien Verkehr gebracht, sondern den Kommunen zur Verfügung gestellt werden, um damit die ärmere Bevölkerung
zu versorgen. Der Staatssekretär schildert noch einmal die Ver⸗ hältnisse auf dem Buttermarkt und legt klar, weshalb in dieser
Sache das Oberkommando in den Marken eingreifen mußte. Die inländische Butter soll vorzuasweise für die ärmere Bevölkerung reserviert werden, während die Besitzenden die teuere Auslands⸗ butter kaufen sollen. Zu einer Rationalisierung werde man kom⸗ men, sobald genügend Vorräte sichergestellt sind.
Abg. Sayda(Pole): Im Interesse der breiten Massen liegt es, daß überhaupt gensigend Lebensmittel beschafft werden. Der Preis darf keine Rolle spielen. Aus den besetzten Gebieten Russisch⸗Polens sind große Mengen an Getreide und Kartoffeln nach Deutschland eingeführt worden. Daraus erwächst der Regierung die Pflicht. auch auf die Versorgung der dortigen Bevölkerung be⸗ dacht zu sein.
Aba. Dr. Roesicke(Bund d. Landw.) behauptet, daß die Verwendung von Gefangenen in der Landwirtschaft keine Ver⸗ billigung der Arbeitskräfte bedeutet. Es ist völlig unbe⸗ rechtigt, wenn vorgeschrieben wird, daß die Gefangenen täglich Fleisch befommen sollen. Der Gefangene kommt pro Tag auf 2 Mk. zu steßen, dabei leistet er weit weniger als der deutsche Ar- beiter. Die Landwirte ersparen auf diese Weise dem Reiche Geld! Die Arbeitslöhne auf dem Lande sind erhöht worden; die Natural⸗ leistungen wurden zum vollen Betrag abgelöst. Den Tamilien der im Felde stehenden Landarbeitern ist Wohnung und Deputat be⸗
Redner bemüht sich dann, den.
1 rden. Di irt d bestrebt, die assen worben. Die Landwirte sin 181555 Ausnah
Staatssekretär Delbrück mahnt zu einer Behandlung der angeschnittenen Fragen. Die Bevölkerung muß die Schwierigkeiten zu erkennen versuchen, die zu überwinden sind. Es hat keinen Zweck, jede Verordnung sofort zu verurteilen, wen erlassen worden ist, ohne ihre Wirkung abzuwarten. Man ern dem Vaterland den größten Dienst, wenn man sich auf den B. der Tatsache stelle. 5
Damit schließt die Generaldiskussion. Vor Eintritt in die zelberatung macht Unterstaatssekretär Michaelis vertrau Mitteilungen über die voraussichtlichen Ernte⸗Ergebnisse.
Die Beratung wird Dienstag fortgesetzt.
In Saloniki.
Nach einlaufenden Nachrichten landeten neue franzö isch englische Streitkräfte mit großer Eile in Saloniki. Von Gallipoli, Egypten und Marseille treffen neue Truppentra porte ein. Diese starken Truppentransporte deuten dar hin, daß die Entente den verzweifelten Kampf fortzuse gedenkt. g
Russische Vorbereitungen in Reni.
Bukarest, 7. Dez.(Meldung der T. U.) Aus Galatz wird gemeldet: Der Hafen Reni war vorgestern für den Personen⸗ und Warenverkehr vollständig gesperrt. Samstag trafen neue Truppenabteilungen aus Bender in Reni ein. Fünf englische Meilen von Taltscha entfernt, i der Nähe des rumänischen Dorfes Palageanoe, haben Russen viel Kriegsmaterial, Lebensmittel und Viehfutt aufgehäuft. Die Bestände werden ständig ergänzt. und Nacht bringen Schlepper neues Material heran. Ismail und Odessa wurde viel Munition herantransportiet
Die Gallipolitruppen der Entente in Nöten
Az Est meldet: Aus Konstantinopel eintreffende üb einstimmende Meldungen besagen, daß infolge erhöht Tätigkeit der türkischen Truppen auf der H insel Gallipoli die Lage des Expeditionsheeres von Tag Tag gefährlicher werde. Der Eintritt des Winters behin nunmehr auch einen endgültigen Rückzug. Die Schi könnten sich dem Ufer tagelang nicht nähern. Alle Landung stellen, deren Errichtung oftmals grösfte Mühe gekostet h stehen unter Wasser, oder sind ganz zugrunde gegangen. sehr gut informierten Kreisen rechnet man infolgedessen nit nur darauf, daß die Expeditionstruppen in Kürze von Halbinsel verjagt werden, sondern auch darauf, daß Teil in Gefangenschaft geraten wird.
Frankreichs Eisenbahnschmerzen.
T. U. Genf, 7. Dez. Im Journal vom 3. Dezember erz George Prade in einem Artikel über Frankreichs Transpor schwierigkeiten von dem unglaublichen Eisenbahn-Wirrwarr. Er er⸗ wähnt zunächst den tausendfachen Widerhall seiner früheren 2 klagen und gibt dann neue Belege für die Wirtschaftslähmu und den immer kritischeren Wagenmangel. So fange man z. B ganzen Westen an, die Apfelernte im Werte von 300 Millionen als Mist in die Erde zu graben, da keine Abfuhr möglich sei. Dabe seien Wagen in Menge vorhanden, nur jeder Ueberblick sei verlo gegangen. Prade kommt dabei auf den neulich schon von ihm e wähnten„vergessenen Eisenbahnzug im Bahnhof von Cognac“; sprechen und fährt fort: Ich war naiv, in Cognac die 42 Wagen; besuchen. Denn vor den Toren von Paris, bei Bourget, stehen leere Wagen von 14580 Tonnen Tragfähigkeit seit 400 Tagen unbe nutzt; aus über 700 Bahnhöfen bestätigt man uns die Anwesenh von solch totem Material. Im Auslande kauft der Staat 10 Wagen, England soll 4000 geben, dabei stehen 700 Wagen Bourget, 60 000 in Frankreich, die man nur zu holen braucht. a Staat kauft 140 Lokomotiven, die ihm ungefähr 15 Millionen koste Dabei stehen 200 auf den Geleisen herum. Aber dieses unben stehengebliebene Material gehört nicht dem, der es braucht. eine gibt es nicht, der andere verlangt es nicht. Jeder denkt nur sich und vergräbt Millionen. Wir blockieren uns selbst.
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Barfüßele. 5
Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.
Im Dorfe ging die Sage, Johannes sei unter die Zi— geuner gegangen, und die Mutter hielt auch einmal einen jungen Zigeuner dafür, der dem Verschollenen auffallend ähnlich sah; er war auch so„pfostig“(untersetzt), hatte die gleiche dunkle Gesichtsfarbe und schien es nicht ungern zu haben, daß man ihn für den Johannes hielt; aber die Mutter hatte ihn auf die Probe gestellt, sie hatte noch das Gesangbuch und den Konfirmandenspruch des Johannes, und wer den nicht kennt und nicht anzugeben weiß, wer seine Paten sind, und was mit ihm geschehen ist an dem Tage, als des Brosis Severin mit der Engländerin ankam, und später als der neue Rathausbrunnen gegraben wurde, wer diese und andere Merkzeichen nicht kennt, der ist der Falsche. Dennoch beher— bergte die Marann immer den jungen Zigeuner, so oft er in das Dorf kam, und die Kinder auf der Straße schrien ihm „Johannes“ nach.
Der Johannes wurde als militärpflichtig auch als Aus— reißer ausgeschrieben, und obgleich die Mutter sagte, daß er als„zu klein“ unter dem Maß durchgeschlüpft wäre, wußte sie doch, daß er bei der Heimkehr einer Strafe nicht entgehe, und sie meinte, er käme nur deswegen nicht wieder; und es war nun gar seltsam, wie sie in einem Atem um das Wohl des Sohnes und um den Tod des Landesfürsten betete; denn man hatte ihr gesagt, daß, wenn der regierende Fürst stürbe, der Thronfolger beim Regierungsantritt allgemeinen Straf— erlaß für alles Geschehene verkünden werde.
Jedes Jahr ließ sich die Marann vom Schullehrer das Blatt schenken, in dem Johannes ausgeschrieben war, und sie legte es zu seinem Gesangbuch; aber dieses Jahr war es gut, daß die Marann nicht lesen konnte, und der Lehrer schickte ihr ein anderes Blatt statt des gewünschten.
Denn ein seltsames Gemurmel ging durch das ganze Dorf. Wo zwei beieinander standen, sprach man davon, und
da hieß es:„Der schwarzen Marann sagt man nichts. Das
bringt sie um. Das macht sie närrisch.“ Es war nämlich ein Bericht des Gesandten aus Paris angekommen, der, laut einer Mitteilung aus Algier, durch alle hohen und niederen Aemter bis zum Gemeinderat die Nachricht gab, daß Johan⸗ nes Winkler von Haldenbrunn in Algier bei einem Vorposten— gefecht gefallen sei.
Man sprach im Dorfe viel davon, wie wunderlich es sei, daß so viele hohe Aemter sich jetzt um den' toten Johannes so viel bemühten. Aber am Schlusse des so wohlgeleiteten Berichtstromes hielt man ihn auf. In der Gemeinderats⸗ sitzung wurde beschossen, daß man der ichwarzen Marann nichts davon sage. Es wäre unrecht, ihr noch die paar Jahre ihres Lebens zu verbittern, indem man ihr ihren letzten Trost raube.
Statt aber die Nachricht geheim zu halten, hatten die Gemeinderäte nichts Eiligeres zu tun, als es daheim auszu— plaudern, und nun wußte das ganze Dorf davon bis auf die schwarze Marann allein. Ein jeder betrachtete sie mit selt⸗ samem Blick; man fürchtete sich vor ihr, daß man sich verrate, man redete sie nicht an, man dankte kaum ihrem Gruße. Es bedufte der ganzen eigentümlichen Art der schwarzen Marann um dadurch nicht verwirrt zu werden. Und sprach ja einmal jemand mit ihr und ließ sich verleiten, vom Tode des Jo— hannes zu reden, so geschah es nur in jener vermutlichen und beschwichtigenden Weise, die schon seit Jahren gang und gäbe war, und die Marann glaubte jetzt ebensowenig daran als ehedem, denn von dem Totenschein sprach ja niemand.
Es wäre wohl besser gewesen, auch Amrei hätte nichts davon gewußt; aber es lag ein eigener verführerischer Reiz darin, dem Unberührbaren so nahe als möglich zu kommen, und darum sprach jedes mit Amrei von dem traurigen Er— eignisse, warnte sie, der schwarzen Marann etwas davon zu sagen, und wollte wissen, ob die Mutter keine Ahnungen, keine Träume habe, ob es nicht umgehe im Hause.
Amrei war immer innerlich voll Zittern und Beben. Sie allein war der schwarzen Marann so nahe und hatte etwas, was sie vor ihr verborgen halten mußte. ö
Auch die Leute, bei denen die schwarze Marann eine
kleine Stube zur Miete hatte, hielten es nicht mehr aus i ihrer Nähe, und sie bekundeten ihr Mitleid zuerst damit, da cen 9
sie ihr die Miete aufkündigten. en F Aber wie seltsam hängen die Dinge im Leben zusammen!
Eben durch dieses Ereignis erfuhr Amrei Leid und Lust, fear
denn das elterliche Haus öffnete sich wieder; die schwarze in
Maran zog in dasselbe, und Amrei, die anfangs voll Be darin hin und her ging und, wenn sie Feuer anmachte und wenn sie Wasser holte, immer glaubte: jetzt müsse die Mutter kommen und der Vater, fand sich doch nach und nach wieder ganz heimisch in demselben. 23
Sie spann Tag und Nacht, bis sie so viel erübrigt hatte, um vom Kohlenmathes die Kuckucksuhr, die ihren Eltern ge- hört hatte, wieder zu kaufen. Jetzt hatte sie doch auch wieder ein Stück eigenen Hausrat. Aber der Kuckuck hatte Not ge⸗ litten in der Fremde, er hatte die Hälfte seiner Stimme ver⸗ loren, die andere Hälfte blieb ihm im Halse stecken, er rief nur noch„Kuck“, und so oft er das tat, setzte Amrei in der ersten Zeit immer das andere„Kuck“ hinzu fast unwillkürlich. Als Amrei darüber klagte, daß die Kuckucksuhr nur noch halb
tönte und überhaupt nicht mehr so schön sei wie in ihrer sch frühen Kindheit, da sagte die Marann: 1 1100 „Wer weiß, wenn man in späteren Jahren das wiede 5 bekäme, was einen in der Kindheit ganz glücklich gemacht alt hat, ich glaube, es hätte auch nur noch den halben Schlag wie deine Kuckucksuhr. Wenn ich's dir nur lehren könnte, Kind! es hat mir viel gekostet, bis ichs gelernt habe: Wünsch“ dir nie was von gestern! Aber freilich, so etwas kann man nicht schenken; das kriegt man nur für einen halben Schoppen Schweiß und einen halben Schoppen Tränen gut durchein⸗.
ander geschüttelt. Das kauft man in keiner Apothek. Häng“ dich an nichts, an keinen Menschen und an keine Sache, dann 1 kannst du fliegen.“ 5
Die Reden der Marann waren wild und scheu zugleich, und sie kamen nur heraus in der Dämmerzeit, wie das Wild im Walde. 4
Es gelang Amrei nur schwer, sich an sie zu gewöhnen.
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