Ausgabe 
6.12.1915
 
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kelneswegs günstiger, muß man doch jetzt selbst in England dem Gedanken der Einführung der fleischlosen Tage näher⸗ treten. Besonders bedenklich scheinen die Dinge in den Großstädten Rußlands zu liegen. Demgegenüber erscheint die Situation in Deutschland geradezu günstig, denn Mangel an Nahrungs⸗ mitteln besteht nicht. Die Steigerung der Kosten der Lebenshaltung seit Ausbruch des Krieges beträgt höchstens 58 Proz. Das entspricht der Steigerung in England und Frankreich. In neutralen Ländern ist die Steigerung bei einzelnen Artikeln ebenfalls recht hoch. Dabei besteht für alle diese Länder die Möglich⸗ keit der Einfuhr, während Deutschland auf sich selbst angewiesen ist. Die Leistungen der Landwirtschaft, die mit Schwie⸗ rigkeiten aller Art zu kämpfen hatte, verdienen voll ste Aner⸗ kennung. Wir haben an Fleisch und an Getreide alles, was wir brauchen; Mangel besteht in den Artikeln, auf deren teilweise Ein⸗ fuhr wir stets angewiesen waren, die aber nicht ausschlaggebend sind. Bei den Preisen ist aber immer zu beachten, daß die Produktionsfreudigkeit nicht unterbunden werden darf. Mit dem Zwang allein ist nichts zu erreichen. Redner geht dann auf die Vorwürfe ein, die der Regierung gemacht worden sind. Gewiß sind manche Verordnungen spät gekommen, das ist aber zurückzuführen auf die umfangreichen Vorarbeiten, die in jedem einzelnen Fall nötig sind. Höchstpreise bedeuten nur dann eine befriedigende Lösung, wenn entweder die Möglichkeit der Beschlagnahme oder die Rationierung des Verbrauchs gegeben ist. Der Staatssekretär bespricht dann die Regelung der Kartoffelfrage, die ganz besondere Schwierigkeiten zeitigte. Es kann zugegeben werden, daß es besser gewesen wäre, die Höchstpreise her festzusetzen. Die Regelung der Butterfrage wurde ge⸗ hemmt durch die plötzlich eingetretenen anormalen Verhältnisse auf dem Buttermarkt. In der nächsten Zeit dürften die Schwierigkeiten beseitigt sein. Die Einfuhr von Futtermitteln ist beson⸗ ders erschwert worden durch private Händler. Auch auf diesem Ge⸗ biete ist jetzt eine befriedigende Regelung erfolgt. Den Schweine⸗ mästern werden genügend Futtermittel zur Verfügung gestellt, die daflür Schweine zu bestimmten Preisen auf den Markt bringen müssen. Die neugeschaffenen Organisatlonen haben sich eingelebt und es darf sicher erwartet werden, daß sie nunmehr gut funk⸗ tionseren. Die ganze Frage der Lebensmittelversorgung ist so un⸗ 1 kompliziert, daß es gar nicht vermieden werden kann, daß der Einzelne geschädigt wird; über all dem aber muß das Wohl des Ganzen stehen.

Abg. Wurm(Soz.) bestreitet, daß die Kritik nachteilige Folgen haben müsse. Das Ausland ist über die Verhältnisse in Deutschland informiert. Die Sozialdemokraten haben nie bestritten, daß wir in Deutschland genügend Nahrungsmittel haben. Das Volk empfindet die herrschende Teuerung schwer, einerAufhetzung durch die Presse bedarf es dazu nicht. Daß die Maßnahmen der Regierung nur tastend und zögernd erfolgten, die unzureichende Art der Verordnungen, haben die Teuerung verschärft. Hätte man die öffentliche Kritik nicht fast unmöglich gemacht, dann hätte sich mancher Fehler vermeiden lassen. Die Landwirte haben ihre Produkte zurückgehalten in der Erwartung höherer Höchstpreise. Die Oeffentlichkeit ist sich darüber klar, daß der

Lebensmittelversorgung nicht günstig war.

ihre Vorräte herauszugeben. schehen ist, aber nochmehr ist unterlassen worden. Das ist kein Trost für uns, daß auch im Ausland Teuerung herrscht. Für die Wirkung der Teuerung gibt Redner zahlenmäßige Belege, die erbennen lassen, daß der Lebensunterhalt um mehr als 100 Prozent verteuert worden ist. Den maßgebenden Stellen kaun der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß sie auch im zweiten Kriegsjahr keine befriedigenden Maßnahmen getroffen haben. Die Preistreibereien durchSchieber und ähnliche Elemente hätten vermieden werden müssen. Von einsichtsvollen Großgrund⸗ besitzern wird ossen zugegeben, daß die Produktionskosten der Land⸗ wirtschaft auch nicht annähernd so gestiegen sind, wie das von anderer Seite behauptet wird. In Kriegszeiten dürfen die Preise nicht nach Angebot und Nachfvage bemessen werden. Hier muß das

System der Höchstpreise einsetzen, die aber nicht so hoch sein

dürfen, daß sie sich Wucherpreisen nähern. Mit der Rege⸗ lung der Brotversorgung hat sich das Volk rasch abge⸗ funden; hätte man nur auf den anderen Gebieten auch so gearbeitet! Dabei besteht ein großer Unterschied zwischen den Brotpreisen an den einzelnen Orten. Hier liegt die Schuld bei den Großmühlen, bie es verstanden haben, sich enorme Gewinne zu verschaffen. Dem Verlangen der Zuckerfabriken nach höheren Preisen muß mit aller Schärfe entgegengetreten werden. Die Regelung der Kartoffelversorgung hat bewiesen, daß man sich micht auf dasfreie Spiel der Kräfte verlassen darf. Die hohen Preise der Kartoffel⸗Trockenpräparate veigen dazu an, die Kartoffeln dem Markte zu entzlehen. Von einem Mangel an Schweinen kann momentan keine Rede sein, aber die Schweine werden aus spekulativen Gründen vom Markte ferngehalten. Die Zentral⸗ einkaufsgesellschaft hat verteuernd gewirkt. Wir müssen Fleisch⸗ und Fettkarten haben;: die fleischlosen Tage genügen nicht, denn die besitzende Klasse kann sich vorher mit Fleisch versorgen. Das

preußische Einfluß auf die Maßnahmen der Regierung der Redner weist darauf, hin, daß die Landwirte vielsach erst gezwungen werden mußten, Wir bestreiten nicht, daß viel ge⸗

Beschlagnahmerecht für Vieh und Fleisch muß ungesäunnt geschaffen werden, denn eine Rationierung ist nur möglich, wenn die Vorräte nicht zurückgehalten werden können. Das Reich muß Mittel zur Verfügung stellen, damit notwendige Nahrungsmittel zu billigen Preisen an den minderbemittelten Teil der Bevölkerung abgegeben werden können. Die Preisprü ungsstellen sind eine nicht sonderlich geeignete Einrichtung, weil sie auf die Gutachten der Interessenten angewiesen sind. Nur ein weitg endes Beschlag⸗ nahmerecht kann Besserung schaffen mit dem ei nach dem wirtschaftlichen Diktator ist nichts getan. hler liegt darin, daß der Reichstag beim Erlaß der Bundesratsverordnungen nicht mitwirken kann. Die Not der Massen erfordert sofortige Abhilfe; diese Abhilfe erwartet das Volk vom Reichstag.

Abg. Graf Schwerin⸗Löwitz unterstreicht die Feststelluns, daß unser wirtschaftliches Durchkommen nicht in Frage steht. Es muß aber dafür gesorgt werden, daß die Lebensmittelerzeugung keinen Rückgang erfährt. Redner bespricht die Unzulänglichkeit der Statistik über die Anbauflächen, die aber doch einen Rückgang des Anbaues erkennen lasse. Daraus könne man die Schwierigkeiten erkennen, unter denen die Landwirtschaft leidet. Hier müsse die Preisfestsetzung eine Grenze finden, denn teuere Lebensmittel sind noch immer besser als keine. Für die Versorgung der minder⸗ bemittelten Klassen einzutreten, ist die Aufgabe des Reiches. Die Landwirte erkennen die Pflicht an, aus dem Boden herauszuholen, was herausgeholt werden kann. Wenn bei Landwirten die Aus⸗ gaben nicht gestiegen sind, dann meist deshalb, weil keine Futter⸗ mittel gekauft werden konnten. Eine Erhöhung des Ertrages ist aber völlig ausgeschlossen. Die Schweinemast 3. B. habe sich enorm verteuert, nicht minder die Milcherzeugung. Daß die Produktions⸗ kosten gestiegen sind, kann nicht bestritten werden, der Ausgleich muß in den Preisen gesucht werden, sonst geht die Produktion zurück. Wenn nicht anders, müssen zu diesem Zweck öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt werden. Mit der Beschlagnahme kann man das Uebel nicht beseitigen. b

Abg. Hoch(Soz.): Das Bild, das hier entworfen worden ist, mahnt uns zu großer Vorsicht, denn es kann keinem Zweifel unter⸗ liegen, daß ein Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion sehr bedenklich wäre. Für uns kommt es darauf an, der ärmeren Bevölkerung zu ermöglichen, die Nahrungsmittel kaufen zu können. Weite Kreise unseres Volkes haben schwer zu kämpfen, das sollte die Regierung beachten. Nicht Reden und Zeitungsartikel wirken aufreizend, sondern die bitteren Tatsachen. Es ist unklug in höchstem Maße, der öffentlichen Erörterung des Notstandes Schwie⸗ rigkeiten in den Weg zu legen. Wir alle sind bestrebt, unsere Pflicht zu erfüllen, deshalb muß alles getan werden, die Quelle der Unzufriedenheit zu verstopfen. Man kann von der Regierung nicht verlangen, daß sie Lebensmittel beschafft, die nicht zu haben sind, aber das muß verlangt werden, daß die vorhandenen Lebensmittel gerecht verteilt werden. Redner kriti⸗ siert dann eingehend die Mißgriffe, die in der Kartoffelfrage ge⸗ macht wurden. Auf die Großhändler wird viel zu viel Rücksicht ge⸗ nommen. Die Höchstpreise hätten mit fallender Tendenz festgesetzt werden müssen, dann wäre der Grund für die Zurückhaltung der Kartoffelvorräte in Fortfall gekommen. Der Einfluß des preußi⸗ schen Landwirtschaftsministers kann nur ausgeschaltet werden, wenn das Volk seine Meinung frei aussprechen kann.

Abg. Giesberts(3tr.): Es kann nicht verkannt werden, daß die Lebenshaltung weiter Kreise ungemein gelitten hat, und das macht das Durchhalten doch recht schwer. Wir müssen jetzt endlich einmal zu praktischen Ergebnissen kommen. Der Staats⸗ sekretär möge einmal offen erklären, welche Stellen in Preußen Schwierigkeiten gemacht haben. Welche Instanzen haben versagt? Verteuernd haben die Karxtoffelhändler gewirkt, die für die Ver⸗ mittlung viel zu hohe Gewinne eingestrichen haben. Im westlichen Industriegebiet war die Kalamität besonders schlimm. 0

Staatssekretär Delbrück erklärt, daß an den Schwierigkeiten ein Einzelner nicht schuld ist, daß hier vielmehr eine ganze Menge Momente zusammenwirken. Ausdrücklich könne er feststellen, daß fi 35 Je verbündeten Regierungen nie auf Widerstand ge⸗ stoßen sei.

Unterstaatssekretär Michaelis verteidigt den von Abg. Giesberts angegriffenen Entschluß der preußischen Regierung, 100 Millionen Mark für Futtermittel aufzuwenden, um den Schweine⸗ mästern Futtermittel zu billigem Preis zu verschaffen. Die Mäster müssen dafüür jeden Monat 125 000 fette Schweine zu den Höchst⸗ preisen auf den Markt bringen.

Abg. Dr. Quarck(Soz.): Der Bundesrat hat in verschiedenen Fällen sehr langsam gearbeitet. Die Initiative des Reiches scheint doch wesentlich beeinflußt zu werden von den preußischen Ressorts. Weshalb solle man Flelsch und Fett nicht nach Art des Brotes ver⸗ teilen können. Das Generalkommando in Oberbayern hat die Butter⸗ und Milchversorgung in vorbildlicher Weise gelöst. In der Kartoffelversorgung konnte man lange überhaupt zu keinen festen Entschlüssen kommen. Die Militärverwaltung kennt für ihren Bedarf solche Rücksicht, wie sie geübt worden sind, nicht; sie greift rlicksichtslos zu. Die gleiche Entschledenheit muß vom Reichsaut des Innern verlangt werden, wenn es sich um die Versorgung des Volkes mit Lebensmitteln handelt.

Die Beratung wird Samstag sortgesetzt.

Von demselben werden nicht nur die Monastir ve

1. 1

95 Der Fall von Mona T. U. Lugano, 4. Dez. Die n i 5 N Ansicht, wenn die Einnahme von Monastir sich woran kaum zu zweifeln ist, dieser überraschende 0 der bulgarischen Truppen einen schweren Schlag

verteidigenden serbischen Truppen betroffen, sond das in Mazedonien stehende englisch⸗französische E e korps. Die von Prilep nach Saloniki vorwärts dringen Bulgaren warfen ihre ganzen Kräfte nicht nach Mona sondern umgingen diese Stadt und drangen weiter 1 Süden vor, wo sie Kenali erreichten. Dieser Ort lieg Kilometer südöstlich von Monastir an der Eisenbe Monastir⸗Saloniki. Bei Kenali unternahmen die bulg schen Truppen eine Schwenkung nach Westen und marschie an der griechischen Grenze nach Albanien zu. So bilden bulgarischen Truppen einen Halbkreis um die bei Mona stehenden serbischen Truppen, sodaß diesen der Rückz nach Griechenland unmöglich gemacht n Es bleibt ihnen jetzt nur noch die albanesische Rückzug in der Richtung auf Resna und Ochrida. Es besteht die Möglichkeit, daß der Nordteil des bulgarischen kreises, d. h. derjenige Teil der bulgarischen Armee, Kitschewo und Kruschewo besetzte, die Serben in südlie Richtung überholt und ihnen auch den albanischen Rückz weg abschneidet.

Die Besetzung von Kenali und die damit verbundene Ab schneidung der Salonikier Eisenbahn würde ein schwerer Verlust für die englisch-französischen Truppen sein die bish ihre Verstärkungen und ihre Verpflegung auf diesem Eise bahnstrang erhielten. 75

Griechenland und die Entente. Nach Meldungen, die in Paris aus Athen vorliegen, wird in Athener diplomatischen Kreisen die Lage als äußer st spannt bezeichnet. Man wirft den griechischen Generalstab daß er die Verhandlungen mit den Vierverbandsmächten e schwere und hinausschieben wolle. Wie Meldungen d Partser Presse besagen, legte die griechische Regierung den Vet tretern des Vierverbandes ein militärisches Gutachten vor, welch das Saloniktier Unternehmen der Entente als nunmehr gege standslos bezeichnet, nachdem die serbische Armee vernichtet Die Athener Regierung rate daher der englisch⸗franzöf Heeresleitung an, ihre Landungstruppen vor der Gefahr e deutsch⸗bulgarischen Angriffes zu retten und Saloniki w der zu verlassen. Die Pariser Presse führt die Ha Griechenlands auf Schritte der Mittelmächte in Athen zurück, einen Vorstoß der deutschen und bulgarischen Armeen auf Sal angekündigt hätten.(T. U.) 1

Das Ministerium Asquith vor dem Rücktritt.

T. U. Genf, 4. Dez. Pariser Mitteilungen zufolge so das Ministerium Asquith angeblich vor seinem Rücktri stehen. Nachfolger soll Carson werden, der die allgemein Wehrpflicht einzuführen hätte. 0

Friedensversammlungen in England. 1

T. U. Amsterdam, 4. Dez. In den letzten Tagen habe in England über 30 Versammlungen stattgefunden, in d man sich mit den Friedens aussichten beschäft Eine Ansicht, die überall zum Ausdruck kam, war, daß nachweislich alle am Kriege beteiligten Mächte nach Frieden sehnten und daß der Krieg augenblicklich in Stadium getreten sei, wo alle Mächte sich zu neuen anstrengungen entschlössen. Das legt die Frage nahe, ob neuen Forderungen den Völkern nicht erspart werden könn Die Fabrikanten in Manchester stellten sich auf den S. punkt, daß es Englands Pflicht sei, sowohl die Verbünd wie die Zentralmächte zu befragen, ob eine Fortsetzung d Krieges noch zu verantworten sei, nachdem alle Mächte gestanden hätten, daß er nicht ausgekämpft werden Diplomatische Verhandlungen würden den Krieg in kurzer Zeit beendigen. f

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Barfüßele. 10

Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.

Wenn das erste Stoppelfeld draußen im Feldgebreite sich auftut, kommt bei aller Freude über den eingeheimsten Ernte segen doch auch ein gewisses Bangen in das Menschengemüt; die Erwartung ist Erfüllung geworden, und wo alles so wogend stand, wird es nun kahl. Die Zeit wandelt sich. Der Sommer wendet sich zur Neige.

Der Brunnen auf dem Holderwasen, in dessen Abfluß sich die Gänse behaglich tummelten, hatte das beste Wasser in der Gegend, und die Vorüberziehenden versäumten selten, an der breiten Röhre zu trinken, während ihr Zugvieh indes vorauslief; sich den Mund abwischend und den Davongeeilten nachschreiend, lief man ihm dann nach. Andere tränkten vom Feld heimkehrend hier ihr Zugvieh.

Amrei erwarb sich die Gunst vieler Menschen durch einen kleinen irdenen Topf, den sie sich von der schwarzen Marann erbettelt hatte, und so oft nun ein Vorüberziehender sich nach dem Brunnen begab, kam Amrei herbei und sagte:Da könnet Ihr besser trinken. Bei der Rückgabe des Topfes ruhte mancher freundliche Blick bald länger, bald kürzer auf ihr, und das tat ihr so wohl, daß sie fast böse wurde, wenn Leute vorübergingen, ohne zu trinken. Sie stand dann mit ihrem Topfe beim Brunnen, ließ vollaufen und goß aus, und wenn all dieses Zeichengeben nichts half, überraschte sie die Gänse mit einem unverhofften Bade und überschüttete sie.

Eines Tages kam ein Bauernwägelein mit zwei stattlichen Schimmeln dahergefahren, ein breiter oberländischer Bauer nahm den Doppelsitz fast vollends ein. Er hielt am Wege und fragte:

Mädle, hast du nichts, daß man da trinken kann?

Freilich, ich hol' schon.

Behend brachte Amrei ihr Gefäß voll Wasser herbei. Ah! sagte der Oberländer, nachdem er einen guten Zug getan und absetzte, und mit triefendem Munde fuhr er dann, halb in den Krug hinein sprechend, fort:Es gibt doch in der ganzen Welt kein solches Wasser mehr.

Er setzte wiederum an und winkte dabei Amrei, daß sie still sein sollte, denn er hatte eben wieder mächtig zu trinken begonnen, und es gehört zu den besonderen Unannehmlich⸗ keiten, während des Trinkens angesprochen zu werden; man trinkt in Hast und spürt ein Drücken davon.

Das Kind schien das zu verstehen, und erst nachdem der Bauer den Krug zurückgegeben, sagte es:

Ja, das Wasser ist gut und gesund, und wenn Ihr Eure Pferde tränken wollt, für die ist es besonders gut; sie kriegen keinen Strängel.

Meine Gäul' sind heiß und dürfen jetzt nicht saufen. Bist du von Haldenbrunn, Mädle?

Freilich!

Und wie heißt du?

Amrei.

Und wem gehörst du?

Niemand mehr. Mein Vater ist der Josenhans ge wesen.

Der Josenhans, der beim Rodelbauer gedient hat?

en

Hab' ihn gut gekannt. Ist hart, daß er so früh hat sterben müssen. Wart', Kind, ich geb' dir was. einen großen Lederbeutel aus der Tasche, suchte lange darin und sagte endlich:Säh! da nimm!

Ich will nichts geschenkt, ich danke, ich nehm' nichts.

Nimm nur, von mir kannst schon nehmen. Ist der Rodelbauer dein Pfleger?

Jawohl.

Hätt' auch was Gescheiteres tun können, als dich zur Ganshirtin zu machen. Behüt' dich Gott!

Fort rollte der Wagen, und Amrei hielt eine Münze in der Hand.

Von mir kannst schon nehmen. Wer ist denn der Mann, daß er das sagt, und warum gibt er sich nicht zu er⸗ kennen? Ei, das ist ein Groschen, da ist ein Vogel drauf. Nun, er wird nicht arm davon und ich nicht reich.

Den ganzen Tag bot Amrei keinem Vorüberziehenden mehr ihren Topf an. Sie hatte eine geheime Scheu, daß sie wieder beschenkt werden könnte.

Er holte!

Als sie am Abend heimkam, sagte ihr die schwarze Marann, daß der Rodelbauer nach ihr geschickt habe, sie solle gleich zu ihm kommen.

Amrei eilte zu ihm, und der Rodelbauer sagte zu iht beim Eintritte: 7

Was hast du dem Landfriedbauer gesagt?

Ich kenne keinen Landfriedbauer. 4

Er ist ja heut' bei dir gewesen auf dem Holderwasen und hat dir was geschenkt. i 65

Ich hab' nicht gewußt, wer es ist, und da ist sein Geld

Das geht mich nichts an. Sag' offen und ehrlich, du Teufelsmädle: habe ich dir zugeredet, daß du Ganshirtin worden sollst? Und wenn du es nicht noch heut am Tage auf-

gibst, bin ich dein Pfleger nicht mehr. Ich lasse mir so was

nicht nachsagen. J

Ich werde allen Menschen berichten, daß Ihr nicht daran schuld seid; aber den Dienst abgeben, das kann ich nicht, den Sommer über wenigstens bleib' ich dabei. Ich muß aus,

führen, was ich angefangen hab'. f

Du bist ein hagebüchenes Gewächs, schloß der Bauer

und verließ die Stube; die Bäuerin aber, die krank im Bette 0

lag, rief:Du hast recht, bleib' nur so; ich prophezeie dir. 1

daß dir's noch gut geht. Man wird noch in hundert Jahren von einem, das Glück hat, im Dorfe sagen: dem geht's wie des Brosis Severin und wie des Josenhansen Amrei⸗ fällt dein trocken Brot noch in den Honigtopf. 8 Die kranke Rodelbäuerin galt für überhirnt, und von einer wahren Gespensterfurcht gepackt, ohne ihr eine Antwort zu geben, eilte Amrei davon. 1 Der schwarzen Marann erzählte Amrei, daß ihr ein Wunder geschehen sei: der Landfriedbauer, an dessen Fra sie so oft denke, habe mit ihr geredet, sich ihrer beim Rodel bauer angenommen und ihr etwas geschenkt. Sie zeigte nu das Geldstück. Da rief die Marann lachend: Ja, das hätt' ich von selbst erraten, daß das der La friedbauer gewesen ist. Das ist der echte! enkt der de armen Kind einen falschen Groschen. 5 5 1 8

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