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Feldzuges die Halbinsel Gallipoli in ein Schützengräben verwandelt, wodurch die anfänglich
erzittern machen.
gichrevof hat die Ueberzeugung gewonnen, daß die Angeklagten den Inhalt des verbreiteten Flugblattes vor der Verbreitung ge⸗ kannt und gewußt haben, daß die Verbreitung strafbar ist. Dafür spricht der Juhalt des Flugblattes. Mithin haben sich die Ange⸗ klagten im Sinne des§ 130 des Strafgesetzbuches schuldig gemacht. Bei der Strafzumessung hat der Gerichtshof den Angeklagten Glauben geschenkt, daß sie der Ansicht waren, das Flugblatt gehe von der sozialdemokratischen Partei aus, und daß sie nicht die Ab⸗ sicht gehabt haben, eine Deutschland ungünstige Wirkung im Aus⸗ land hervorzurufen. Mit Rücksicht hierauf hat der Gerichtshof den Augceklagten mildernde Umstände zugebilligt. Es erhielten die fünf Genossen je drei Monate Gefängnis, welche Strafe als durch die Untersuchungshaft für verbüßt erachtet wird; die Genossinnen, die nicht in Untersuchungshaft gesessen haben, je 50 Mark Geldstrafe.
Regierungserklärung im sächsischen Landtag.
In der Zweiten sächsischen Kammer gab am Mittwoch während der Beratung des Etats der Minister des Innern gegenüber Ausführungen im Hause folgende Erklärung ab:
„Deutschland hat den Krieg nicht begonnen mit Er— oberungsabsichten, vielmehr geht aus Aeußerungen der Länder, mit denen wir im Krieg stehen, deutlich hervor, daß
unfere Gegner die Absicht haben, von Deutschland Gebiete!
zu rauben und deutschvölkisches Wesen zu unterdrücken. Diese Absichten zwingen uns, danach zu handeln und die Kriegs- gegner zu der Ansicht zu bringen, daß sie geschlagen und
besiegt sa Es ist zu erwarten, daß wie im Reichstage so auch im sächsischen Landtage alle Parteien diesen Standpunkt teilen und unterstützen.“ 8
Diese Erklärung wurde von allen bürgerlichen Fraktionen“ mit starkem Beifall, von der sozialdemokratischen Fraktion mit Schweigen entgegengenommen.
Der Kampf um Monastir. Zum Kampf um Monastir heißt es in einem Bericht der
Vossischen Zeitung: Flüchtlinge aus Monastir berichten von
äußerst schweren Kämpfen auf den Höhen vor Monastir. Oberst Vassitsch hält noch die letzten Verteidigungswerke der Stadt und ist entschlossen, es bis zum Straßenkampf kommen zu lassen. Die 3000 Mann starke Verteidigungstruppe beab⸗ sichtigt, sich nach Rezua zurückzuziehen. Gegen 40 serbische Abgeordnete sind in Saloniki eingetroffen. Die nationale französische Waisenfürsorge beschloß, die serbischen Kinder in Städten Südfrankreichs unterzubringen. Rückzug von Gallipoli?
Mailand, 1. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Der Londoner
Mitarbeiter des Secolo sandte seinem Blatte einen ausführlichen
Artikel„Zu dem Gallipoli-Vroblem“. In dem Artikel heißt es, Kitchener werde bei seiner Rückkehr nach London sich in die Not- wendigkeit versetzt sehen, einen der schwersten Entschllisse im Ver- lauf des gegenwärtigen Krieges zu fassen, denn das Ministerium werde über das Schicksal des vor acht Monaten eingeleiteten Unter- nehmens auf Gallipoli entscheiden müssen, nämlich, ob es möglich sei, und ob eine weitere beinahe übermenschliche Anstrengung ver— sucht werden solle, um den Widerstand der Türken zu brechen, oder ob es vielmehr ratsamer wäre, die Zelte und Fahnen wieder einzu⸗ packen und das Schlachtfeld zu räumen, wobei berücksichtigt werden müsse, daß von diesem letzteren Entschlusse das Prestige Englands im ganzen muselmanischen Orient abhängig sei. Nachdem der Kor— respondent von neuem bestätigt, daß der Gallipolifeldzug nur auf dringendes Bitten Rußlands eingeleitet worden sei, gibt er zu, daß 200 000 Mann lange Monate vergebens gegen die Halbinsel ange— rannt sind. Die Türken, die noch im März mit 30 000 oder 40 000 Mann hätten überrannt werden können, hätten im Verlauf des gewaltiges System von seitens der Alliierten begangenen Fehler in der Abschätzung der Schwierig- keiten unheilbar und verderblich geworden seien. Der Korrespon⸗ dent drückt dann die Befürchtung aus, daß die Türken gegen die Truppen der Alliierten beim Verlassen der Halbinsel die heftigsten Angriffe richten werden, sodaß die Ausführung des Rückzuges überhaupt fraglich werde. Der Ministerrat müsse darüber ent⸗ scheiden. Die Verantwortung aber, die dieser kleine Kreis von Männern gegentiber der Geschichte und der Zukunft des britischen Weltreiches auf sich nehme, sei eine von jenen, die ohne weiteres
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Eröffnung der italienischen Kammer. Rom, 1, Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Meldung der Agenzia Stefani. Die Sitzung der Kammer fand bei dicht besetzten Tribünen statt. Sämtliche Minister und über 400 Abgeordnete waren erschienen. Auch mehrere Botschafter
und Gesandte, ebenso Denys Cochin, wohnten der Sitzung bei.“
Nach einer patriotischen Ansprache des Präsidenten ergriff der Minister des Aeußern, Songino, das Wort.
Bern, 2. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Sonnino schil⸗ derte in seiner Rede in der italienischen Kammer die Gründe, welche die Kriegserklärung Italiens an Oesterreich-Ungarn
und die Türkei herbeigeführt hätten, und erklärte den Bei⸗
tritt Italiens zu dem Londoner Abkommen. Die Kammer vertagte sich nach der Rede Sonninos auf heute, um die Re⸗ gierungserklärung zu besprechen.
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Dem Berliner Tageblatt wird über die erste Sitzung ge— schrieben:
Wie vorauszusehen war, wurde die Kammersitzung durch mehrfache nationalistische Kundgebungen eingeleitet und begleitet. Zunächst sprach der Kammerpräsident Marcora. Er feierte den König mit pathetischen Worten. Während die große Mehrheit der Kammer sich erhob und Beifall klatschte, blieben die Sogia⸗ listen, aus deren Reihen der Ruf„Hoch die Republik“ er⸗ scholl, sitzen. Die Mehrheit protestierte unter den Rufen: „Nieder mit Euch Oesterreichern, Euch Vaterlandsfeinden!“
Alsdann sprach Sonnino, indem er zuerst die diplomatische
Lage darlegte und dann mitteilte, daß auch Italien den Londoner Vertrag unterschrieben habe. Lärmender Beifall, der vermutlich
die Regierung dafür trösten sollte, daß sie nicht einmal kurz das Ergebnis der halbjährigen Kriegszeit vor der Kammer darzulegen vermochte. Verschiedene Zwischenruse und Proteste der Sozialisten wurden stets von der Mehrheit niedergeschrien, die die Sozialisten durchaus nicht zu Worte kommen ließen. Sonninos Rede wurde mit großem Beifall aufgenommen. — Die Absicht der revolutionären Klubs, die Kammer einzuschüch⸗ tern, scheint ergebnislos gewesen zu sein. Nur eine geringe Anzahl von Menschen hatte sich auf der Piazza Monte Cittorio versammelt. Die Besorgnis vor Gewalttätigkeiten des Pöbels war diesmal un⸗ begründet, ein Beweis, daß der künstlich entfachte Fanatismus der Maitage verflogen ist. Französische Kammer.
Paris, 2. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Laut einer Meldung des Matin begründete in der französischen Kammer Turmel einen radikalsozialistischen Gegenantrag zu der Vor- lage betreffend die Einberufung der Jahresklasse 1917, Auriol einen ebensolchen der Sozialisten, welche beide Ver⸗ tagung der Vorlage fordern. Beide Redner verlangten, daß, wenn man neue Mannschaften brauche, man sie aus den zahl— losen Drückebergern nehmen sollte, deren Existenz eine Schande wäre. Die Radilkalsozialisten zogen ihren Antrag unter Anschluß an den sozialistischen Antrag zurück. Trotz wiederholter Erklärungen von den Bänken der Antragsteller und der dringenden Aufforderung an den Kriegsminister, man wolle nur bestimmte Erklärungen von der Regierung bezüglich der Anwendung der Lex Dalbiez, gab Gallieni keine Antwort. Der sozialistische Antrag wurde mit 405 gegen 115 Stimmen abgelehnt. W
rlegsnolizen.
Zu Dienstag abend war im sechsten Berliner Reichs⸗ tagswahlkreise eine Versammlung einberufen, in der Genosse Ledebour als Abgeordneter des Kreises seinen Rechenschaftsbericht erstatten sollte. Der große Saal des Lokals war überfüllt; eine größere Menge stand noch auf der Straße, die keinen Einlaß fand. Als die Versammlung eröffnet wurde, erschienen Polizei-Offiziere mit einem größeren Schutz⸗ mannsaufgebot und erklärten, daß die Versammlung ver⸗ boten sei. Die Massen entfernten sich und zogen in größeren Trupps nach dem Innern ber Stadt. Irgendwelche Zwischenfälle sind sonst nicht bekannt geworden.
In Düsseldorf wurde der Genosse Kastert verhaftet und zunächst in Polizeigewahrsam genommen. Tags darauf wurde er in das Gefängnis überführt. Er wird beschuldigt, Exemplare des bekannten Zimmerwalder Manifestes verbreitet zu haben. Vor der Verhaftung hatte eine Untersuchung in seiner Wohnung statt⸗ gefunden.
trag erkeilen wird, freundschaftlsche Bezsehungen zwischen d.
vorschriften.
J. Die badische nationalliberale Lan tion ersucht in einem, im Landtage eingebra gierung, im Bundesrate für eine Aenderung der Ge gegen den Kriegswucher dahin zu wirken, daß des Kriegswuchers Schuldigen neben der Auferlegung en Strafen auf Entziehung des unredlich erworbenen Gewi kannt werden kann.. 0 Der bayerische Minister des Innern bringt angesich Mehrung von Strafanzeigen den Behörden zur nis, daß er es durchaus nicht billigen könne, we jeder Uebertretung polizeilicher Anordnungen sofort Anz erstattet werde, anstatt durch Belehrungen und Warnungen den setzesübertretungen vorzubeugen. 5 Wie das amtliche ungarische Tel⸗Korresp-⸗Bureau m wird der Landesverteidigungs(Hoved⸗)minister dem Reichstage Gesetz vorlegen, das die In anspruchnahme d Altersklafsen zwischen 50 und 55 Jahren für die dem Kriege im Zusammenhang stehenden Arbeiten im Inland läßt. In Oesterreich dürfte eine ähnliche Bestimmung zu warten sein. Die Neue Zürcher Ztg. meldet aus Brüssel: Es f daß der Papft dem Kardinal Mercier den bestimmten
belgischen Episkopat und der deutschen Oberhoheit 3 pflegen. a. Seitdem in Italien die ententefreundllche Kriegsheßzer die Kriegserklärung an Deutschland auf Programm gesetzt haben, mehren sich in der Presse wieder Meldungen von deutschen Grausamkeiten. Gedächtnisfeiern für Miß Cavell mülssen herhalten zur Aufft lung der Leidenschaften. Und die amtliche Nachrichtenagent Stesani verbreitet am 23. November die Nachricht, daß ein ent lischer Offizier in einem deutschen Gefangenenlager hingerich worden sei, weil er im Delirium eines Fiebers einer vermeintlich herannahenden englischen Patrouille laut träumend eine deut Stellung verriet 0 Das russische Ministerium erließ eine Verfügung, nach d die sich außerhalb der Siedlungszone aufhaltenden gewerb treibenden Juden von der bisherigen Verpflichtung e bunden werden, der betr. städtischen Verwaltung jedesmal e Aufenthalsbewilligung für den einzelnen Ort auf weisen, wenn sie sich bei der Verwaltung eines solchen um die An stellung eines Gewerbe- und Handelsscheines bemühen. 5 Der russische Minister des Jumern erließ eine Verfi über die unbehinderte Zulassung chinesischer und koreg scher Kulis in den Kohlengruben und wengi N nehmungen ganz Rußlands unter Aufhehhuntg der bestehenden Pg
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Parteinachrichten.
Zur Schweizer Parteieinheit. Aus der Schweiz wird uns geschrieben: Wenn durch Parteitag auch formell die Verschmelzung des Grittlivereins der Partei im Sinne der radltasen Anträge entschieden wurde, ist damit doch nicht gesggt, daß der Grütliverein jetzt„außer secht gesetzt“ ist, wie einige Blätter des äußersten linken Flllg meinen. Das Zentralkomitee des Grütlivereins teilt den gliedern mit, daß es trotz allem an den Beschlüssen festhält, d letzten Sommer von der Berner Delegiertenversammlung wurden. Diese bestimmten das Festhalten an der Organisa selbst wenn ein Parteitag die Auflösung entscheiden sollte. Diel Beschlüsse erkennt das Zentralkomitee als maßgebend und binden an, bis die im kommenden Frühjahr zusammentretende Grütlian tagung in der Sache weiter gesprochen hat. Der Grütliverein su⸗ seine wesentliche Wirksamkeit nicht in tönenden Resolutionen 9. in organisatorischem Formalismus, sondern in praktischer Arbe in Leistungen auf dem Gebiet der Volksbildung und Wohlfahrt m er steht darin der Gewerkschaftsbewegung nahe. Und daß di reichgegliederte Organisation, die weft über ein Drittel des standes der Partei umfaßt, nicht durch den Aarauer Partelte beschluß über den Haufen gerannt werden kann, ist jedem klar,! die lebendigen Kräfte des Geistes im Grütliverein erkennt. diesem Sinne wünschen auch, wie ihr Sekretär Genosse Huggl Grütliäner schreibt, die Schweizerischen Gewerkschaften, daß Grütliverein in der Einheitsorganisation mindestens doch Führerrolle haben müsse. Die Vorarbeiten für die entgiltig scheidende Grfitlianerversammlung werden voraussichtlich Herausarbeitung der selbständigen Richtlinien noch geeigneter als die vielen dem Narteitage vorangegangenen lärmenden kussionen über die Neuorganisation, bei denen es nie ohne hässige persönliche Angrisse abging, und die viele sonst sehr tätige Genossen dem Parteileben entfremdet haben.
0 1 Barfüßele. 5 Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.
Der Theisles⸗Manz, der hier am Wege die Steine klopfte, redete fast kein Wort mit Amrei; er ging verdrossen von Steinhaufen zu Steinhaufen, und sein Klopfen war noch ungufhörlicher als das Picken des Spechtes im Moosbrunnen⸗ walde und gehörte mit zu dem Schrillen und Zirpen der Heu— schrecken in den nahen Wiesen und Kleefeldern.
Aber über alles menschliche Getriebe hinüber Amrei doch oft ins Reich der Träume getragen. Wie die Lerchen in der Luft singen und jubeln und nichts davon wissen: wo ist die Grenze des Ackers vn diesem oder jenem? ja, wie sie sich hinwegschwingen über die Grenzpfähle ganzer Länder, so wußte die Seele des Kindes nichts mehr von den Schranken, die das beengte Leben der Wirklichkeit setzt.
Das Gewohnte wird zum Wunder, das Wunder wird zum Alltäglichen. Horch, wie der Kuckuck ruft! Das ist das lebendige Echo des Waldes, das sich selbst ruft und antwortet: und jetzt der Vogel über dir im Holzbirnenbaum, darfst aber nicht aufschauen, sonst fliegt er fort. Wie er so laut ruft, so
nermüdlich! wie weit das tönt, wie weit man das hört!
wurde
& Der kleine Vogel hat eine stärkere Stimme als ein Mensch.
Setz' dich auf den Baum gime ihn nach, man hört dich nicht so weit als den faustgroßen Vogel.
Still, vielleicht ist es doch ein verzauberter Prinz, und plötzlich fängt er an zu reden. Ja, gib du mir nur Rätsel auf, laß mich nur sinnen, ich finde schon die Auflöfung, und dann erlöse ich dich, und wir ziehen in dein goldenes Schloß und nehmen die schwarze Marann und den Dami mit, und der Dami heiratet die Prinzessin, deine Schwester; und wir lassen den Johannes von der schwarzen Marann in der gan— zen Welt suchen, und wer ihn findet, kriegt ein Königreich. Ach, warum ist denn das alles nicht wahr? und warum hat man denn das alles ausgedacht, wenn es nicht wahr ist?
Während die Gedanken Amreis über alle Grenzen hin— ausgegangen waren, fühlten sich auch die Gänse unbeschränkt und taten sich gütlich an benachbarten Klee- oder gar Gersten— und Haferäckern. Aus ihren Träumen erwachend, scheuchte
dann Amrei mit schwerer Mühe die Gänse wieder zurück, und
wenn diese Freibeuter bei ihrem Regimente angekommen waren, wußten sie gar viel zu erzählen von dem gelobten Lande, wo sie sich gütlich getan; da war des Erzählens und Schnatterns kein Ende, und noch lange sprach da und dort eine Gans wie träumend ein bedeutsames Wort vor sich hin, und da und dort steckte eine den Schnabel unter die Flügel und träumte in sich hinein.
Und wieder trug es Amrei hinauf. Schau, dort fliegen die Vögel; kein Vogel in der Luft strauchelt, auch die Schwalbe nicht in ihrem Kreuzfluge; immer sicher, immer frei. O! wer nur auch fliegen könnte! Wie müßte die Welt aussehen von da oben, wo die Lerche ist. Juchhe! Immer höher, immer höher und weiter und weiter! Ich fliege in die weite Welt zu der Landfriedbäuerin und sehe, was sie macht, und frage, ob sie noch mein gedenkt.
„Gedenkst du mein in fernen Landen?“ So sang Amrei plötzlich aus all dem Denken, Schwirren und Sinnen heraus. Und ihr Atem, der beim Gedanken des Fluges rascher gegangen war, als schwebte sie schon wirklich in höherer Luftschicht, wurde wieder ruhig und gemessen.
Aber nicht immer glühen die Wangen in wachen Träu⸗ men, nicht immer leuchtet die Sonne hell in die offenen Blü⸗ ten und in die wogende Saat.
Noch im Frühling kamen jene naßkalten Tage, in denen die Blütenbäume wie frierende Fremdlinge stehen; tagelang läßt sich die Sonne kaum blicken, und ein starres Frösteln geht durch die Natur, nur bisweilen unterbrochen vom Auf⸗ zucken eines Windstoßes, der Blüten von den Bäumen reißt und fortträgt. Die Lerche allein jubiliert noch in den Lüften, wohl über den Wolken, und der Fink stößt seinen klagenden Ton aus vom Holzbirnenbaum, an dessen Stamm gelehnt Amrei steht.
Der Theisler-Manz hat sich weiter unten beim rotange— strichenen hölzernen Kreuz unter die Linde gestellt, in streifen⸗ weisen Schüttern prasselt der Hagel hernieder, und die Gänse stercken die Schnäbel empor, wie man sagt, damit es ihnen das weiche Hirn nicht einschlage: aber da drüben hinter End⸗ ringen ist's schon hell, und die Sonne bricht bald hervor, und die Berge, der Wald, die Felder, alles sieht aus wie ein Menschenantlitz, das sich in Furcht ausgeweint hal end nun hellglänzend in Freude strahr
Die Vögel in der Luft und von den Bäumen jubeln, die Gänse, die sich im Wetterschauer zusammengedrängt u die Schnäbel verwundert aufgestreckt hatten, wagen sich w der auseinander und grasen und schnattern und besprechen das vorübergegangene Ereignis mit der jungen flaumweichen Brut, die dergleichen noch nicht erlebt hat.— 1
Gleich nachdem Amrei vom ersten Unwetter überfallen war, hatte sie für künftige Fälle Vorsorge getroffen. Si trug immer einen leeren Kornsack, den sie noch vom Vater ererbt hatte, mit hinaus auf den Ganstrieb. Zwei gekreuzte Aexte mit dem Namen des Vaters waren noch deutlich auf dem Sacke abgemalt, und bei Gewittern deckte sie sich dem Sacke zu und wickelte sich fest hinein; da saß sie dann wie unter einem schützenden Dach und schaute hinein in den unfaßbaren wilden Kampf am Himmel. l
Ein kalter Schauer, der in Wehmut überging, wollte gar oft Amreis bemächtigen, sie wollte weinen über ihr Schiä⸗ sal, das sie so allein, verlassen von Vater und Mutter, hin⸗ ausstellte; aber sie gewann schon früh eine Kunst und eine Kraft, die sich schwer lernt und übt: die Tränen hinabwürgeg. Das macht die Augen frisch und doppelt hell mitten in alles Trübsal und aus ihr heraus.
Amrei bezwang ihre Wehmut besonders in Erinnern an einen Spruch der schwarzen Marann: Wer nicht will,
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und bald kam Heiterkeit über ihr Antlitz; sie freute sich det prächtigen Blitze und ahmte leise vor sich den Donner nach. Die Gänse, die sich wieder zusammengeduckt hatten, schaule seltsam drein, sie hatten's aber doch gut; alle Kleider, die ie brauchen, sind ihnen auf den Leib gewachsen, und für das, was man ihnen im Frühling ausgerupft hat, ist schon wieder anderes da, und jetzt, da das Wetter vorüber ist, jubelt det alles in der Luft und auf den Bäumen, und die Gänse freuen sich des seltenen Schmauses; in drängenden Haufen zerren sie an Schnecken und Fröschen, die sich herausgewagt habe Von dem tausendfältigen Sinnen, das in Amrei lebte, er⸗ hielt nur die schwarze Marann bisweilen Kunde, wenn fi vom Walde kommend, ihre Holzlast und ihre in einem Saus gefangenen Maikäfer und Würmer bei der Hirtin abstellte. (Fortsetzung folgt.) 5
daß ihn die Hände frieren, muß eine Faust machen. Aumrei tat so, geistig und körperlich, sah trotzig in die Welt hinein,
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