Ausgabe 
2.12.1915
 
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batten über die wirtschaftlichen und finanziellen Maßnahmen sowie über die Einschränkung der persönlichen Freiheit teil⸗ nehmen. Der Secolo versichert, die Kammer werde nur einige Tage verhandeln. Die Blätter stellen ein⸗ stimmig fest, daß der Wiedereröffnung der beiden Kammern allgemein mit Gelassenheit entgegengesehen werde. Die Tribuna sagt: Die Regierungserklärungen werden nicht so sebr erwartet, um über die in der Kammer einzunehmende Haltung zu entscheiden, als vielmehr, um eine Bestätigung oder Absage von Hypothesen zu erhalten, die sich über die Aktionen Italiens und das Werk der Regierung den einen oder anderen Sinn gebildet haben. Die Regierung spricht nicht für das Parlament, sondern für das Land.

Die Krieesgewinnstener vor dem Reichstage.

Die gestrige kurze Eröffnungssitzung des Reichstages war, so⸗ weit ihr Juhalt nicht nur aus Formalien und aus der Eröffnungs⸗ node des Präsidenten Kämpf bestand, nur einem einzigen wichtigen Gegeustaud der Gesetzgebung gewidmet und zwar der kommenden Kriogsgewinnsteuer. Die Regierung hat bekanntlich dem Reichs⸗ tage zwei Vorlagen unterbreitet, wovon die eine alle Erwerbs⸗ gefelschaften verpflichten will, 50 Prozent ihrer Kriegsgewinne zur Sicherung der künftigen Sonderbesteuerung zurück⸗ zulegen, die andere die Heranziehung der deutschen Reichsbank zur Kriegsgewinnsteuer festsetzt. Der Reichsschatz⸗ sekretär Dr. Helfferich begründete beide Vorlagen sehr gehend, was ihm allerdings umso leichter wurde, als in dieser Frage eine Differenz unter den Parteien nur über das Maß der Besteuerung, aber nicht über ihre Notwendigkeit an sich besteht. Der Reichsschatzsekretär legte auch das Hauptgewicht auf den Grund⸗ satz, daß jeglicher Vermögenszuwachs in diesen Kriegszeiten erfaßt werden müsse. Das Gesetz soll daher an die bestehende Reichsbesttz⸗ steuer(Vermögenszuwachssteuer) vom 3. Juli 1913 angegliedert werden. Auf diese Weise werden ni zur die Gewinne aus un⸗ mittelbaren oder mittelbaren Kriegslieferungen, sowie die mit einer sonstigen durch den Krieg geschaffenen günstigen Konjunktur zusammenhängenden Gewinne getroffen, sondern es wird auch darüber hinaus die Forderung verwirklicht, daß, wie der Reichs⸗ schatzsekretär wiederholte, jeder der in dieser die Vermöge iSverhält⸗ nisse des weitaus größten Teiles des deutschen Volkes beein⸗ trächtigenden Kriegszeit in der Lage ist, sein Vermögen zu ver⸗ mehren, einen ansehnlichen Teil dieses Zuwachses dem Vaterlande zu opfern verpflichtet ist.

Die in Aussicht genommene Kriegsgewinnsteuer, oder besser Krigesvermögenszuwachssteuer, wird auf dieser Grundlage den in der Zeit vom 1. 1. 14 bis 31. 12. 16 entstandenen Vermögenszuwachs erfassen, soweit er nicht aus Erbschaften oder diesen gleichzustellenden Erwerbsfällen herrührt. Dieser Zeitraum von drei Jahren ist

nach Ansicht der Reichsregierung notwendig, um den Ausgleich von

Gewinn und Verlust rechnerisch zu erfassen, da in vielen Fällen einem Vermögenszuwachs sicherlich auch ein Vermögensaussfall gegenüberstehen kann. Wir wissen, daß in der Tat die Kriegs⸗ konjunktur nicht einheitlich war und daß viele Gewerbe und be⸗ sonders kleinere Betriebe und kleinere Leute in den ersten Zeiten des Krieges weit mehr verloren haben, als sie in der späteren Zeit wiedergewinnen konnten. Das Wesentliche bleibt eben, daß der wirkliche Gewinn gründlich erfaßt wird. Die Sozialdemokratie wird nichts dagegen haben, daß die Steuer auf eine möglichst ge⸗ rechte Basis gestellt wird, denn die Steuer soll auch in diesem Falle keine Strafe sein, sondern ein gerechter Ausgleich von Vermögens⸗ vorteilen des Einzelnen gegen Interessen der Gesamtheit. Darin allerdings stimmen wir mit dem Reichsschatzsekretär durchaus nicht überein, daß er die Steuerpflicht auf das moralische Gebiet schiebt. Er sprach von einer Ehrenpflicht der Kriegsgewinn⸗ steuer, was den Schluß zuläßt, daß er, der doch aus der Hochfinanz stammt, noch immer nicht der Ueberzeugung ist, daß in allen Geld⸗ fragen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise nicht nur die Gemütlichkeit, sondern auch die Moral und vieles andere auf⸗ hört! Wir glauben auch nicht, daß der Staatssekretär, wenn er die Steuer allein durch die Ehrenpflicht eintreiben und nicht auf den Staatszwang zurückgreifen wollte, große Erträge einheimsen würde. Aber es soll uns weniger auf die Motive und auf die Begründung der Steuer als auf sie selbst ankommen.

Die Rede des Schatzsekretärs berührte schließlich auch die Ar- beiterinteressen, indem er darauf Gewicht legte, daß den Unter⸗ nehmern nicht soviel weggesteuert werden dürfe, daß sie etwa ihre Betriebe nicht weiter führen könnten. So richtig das ist, so sicher gibt es doch einen Weg, der weit direkter die Arbeiter vor den schweren Schädigungen des Krieges bewahren helfen kann: billigere Lebensmittel und stärkeren Arbeiterschutz. Diese Aufgaben gehören freilich nicht in das Ressort des Herrn Helfferich, sondern in das des Reichsamts des Innern, und darüber wird sich unsere Fraktion

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im weiteren Verlauf der Tagung mit Herrn Dr. Delbrück eingehend zu unterhalten haben.

Der Seniorenkonvent des Reichstags. entschied am Dienstag über die Behandlung der Vorlagen für den Reichstag. Er beschloß, die Gesetzesvorlage über die Altersrente sowie die Vorlage über die vorbereitenden Maßnahmen zur Besteuerung der Kriegsgewinne auf die Dienstagstagesordnung zu setzen, damit die Vorlagen dann an die Budgetkommission verwiesen werden können. Außer⸗ dem ging dem Reichstag eine Vorlage zu über die Kriegs⸗ abgabe der Reichsbank, eine Resolution Albrecht und Gen. über die Abänderung des Gesetzes über die Unterstütz⸗ ung der Familien in den Dienst eingetretener Mann⸗ schaften vom 28. Februar 1888. Ferner ist eine Reihe von Petitionen eingegangen; dazu kommt noch eine Inter⸗ pellation der sozialdemokratischen Frak⸗ tion über die Frieden sfrage. Eine besondere Kommission ist für die gesamten Vorlagen nicht gewünscht worden, weil die Angelegenheiten alle im Zusammenhang mit den Fragen stehen, die in der Budgetkommission zu ver⸗ handeln sind. Weiter wurde bestimmt, daß nur heute, Dienstag eine Plenarsitzung stattfindet, daß dann die Bud⸗ getkommission arbeitet und die nächste Plenan g am 9. Dezember abgehalten wird.

Höchstpreis⸗Spekulation.

In Blättern der rechtsstehenden Parteien wird seit einigen Tagen mit einer starken Rücksichtslosigkeit, um kein schärferes Wort zu gebrauchen, versucht, die Reichsregierung dafür zu gewinnen, die Hüchstpreise für Schweinefleisch und damit schließlich auch für an⸗ dere Fleischarten heraufzusetzen. Man erkühnt sich, zu behaupten, daß die Höchstpreise für Schweinefleisch den Interessen des Flei⸗ schergewerbes nicht gerecht würden, und daß dadurch die unhaltbare Situation auf dem Fleischmarkte entstanden wäre, die wir gegen⸗ wärtig erleben. Das Reichsamt des Innern beeilt sich nun zwar, dieser durchsichtigen Agitation für Erhöhung der Fleischpreise sofort entgegenzutreten und zu erklären, daß die gegenwärtigen Höchst⸗ preise für Schweinefleisch noch viel zu kurze Zeit be⸗ ständen, um ein abschließendes Urteil über ihre Höhe zu haben. Es wird auch angedeutet, daß die Reichsregierung nicht daran denke, der Aufforderung der rechtsstehenden Blätter zu folgen. Wir befürchten indessen, daß trotz dieser Erklärung der Reichsregierung die Erörterungen in der konservativen Presse schon die Wirkung haben werden, daß Schweinefleisch noch mehr zurückge⸗ halten wird, als bisher schon, nicht nur von den Fleischern, die es auf Dauerware verarbeiten werden, sondern vor allem auch von den Viehzüchtern, die jede Andeutung von Möglichkeiten, die Höchst⸗ preise weiter zu erhöhen, für ihren Profit natürlich sofort spekula⸗ tiv auszunützen trachten. Es wird unseres Erachtens daher eine noch viel unzweideutigere Erklärung der Reichs⸗ regierung notwendig sein, um sede weitere Höchsipreisspeku⸗ lation gründlich auszuscheiden. Die gegenwärtige Reichskags⸗ tagung bietet der Reichsregierung dazu die beste Gelegenheit. Die sozialdemokratische Fraktion wird sich sicher die Ge⸗ legenheit auch nicht entgehen lassen, dieser gemeingefährlichen Auf⸗ forderung der rechtsstehenden Presse die gebührende Ant⸗ mort zu geben, die nur darin bestehen kann, daß die Höchstpreise nicht erhöht, sondern im Gegenteil herahgesetzt werden müssen, und nicht nur für Schweinefleisch, sondern für alle notwen⸗ digen Lebensmittel.

Aus dem fächsischen Landtag.

In der Zweiten Kammer begann am 30. November die auf drei Tage berechnete Etatsberatung. Vor Eintritt in die Tagesordnung gab die sozialdemokratische Fraktion folgende Erklärung ab:

In letzter Zeit sind wiederholt Anordnungen der Re gierung zu unserer Kenntnis gekommen, durch die die freie Berichterstattung über die Verhandlungen des Land⸗ tags beschnitten und unter Umständen unterdrückt wird. Das Recht der Presse, über die Verhandlungen der Parla- mente frei zu berichten, ist festgestellt. Die Verhandlungen des Landtages sind laut§ 135 der Verfassungsurkunde für Sachsen grundsätzlich öffentlich, und die Freiheit der Bericht⸗ erstattung über seine Verhandlungen ist außerdem gesichert durch§ 12 des Reichsstrafgesetzbuches. Anordnungen der er⸗ wähnten Art sind mithin Eingriffe in die gesetz- und ver⸗

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fassungsmäßigen festgesetzten Staatsbürgerrechte; si im besonderen auch die Rechte des Landtags, seir 0 an einer ungeschmälerten Berichterstattung über seine handlungen. Die sozialdemokratische Fraktion macht d den Herren Präsidenten auf die Anordnungen der Regi aufmerkam und legt ihrereits scharfe Verwahrung ge sie ein. 8 Der Präsident erklärte, sich wegen der Sache mit der Re. gierung ins Einvernehmen setzen zu wollen. Damit war die Erklärung vorläufig erledigt. 1 Vor Eintritt in die Tagesordnung verlangte die sozial⸗ demokratische Fraktion ferner, daß ihre beiden Anträge gen der Kriegsfürsorge und Erwerbslosen⸗ fürsorge, die gegen ihren Willen auf die Tagesordnung gesetzt wurden, abgesetzt werden. Die Freisinnigen er⸗ klärten sich einverstanden mit dem Vorschlag, während die Konservativen und Nationalliberalen dagegen sich erklä Der sozialdemokratische Antrag wurde schließlich gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Freisinnigen abge⸗ lehnt. Darauf hat die sozialdemokratische Fraktion b. schlossen, die vereinbarte Kontingentierung der Redner un⸗ beachtet zu lassen. f. 1 Die siegreiche Entscheidungsschlacht in Serbien W. T. Sofia, 1. Dez.(Nichtamtlich.) Vulgarischer Generalstabsbericht vom 29. November. Heute mittag haben unsere Truppen nach kurzem Kampfe von entscheidender B deutung die Stadt Prizren genommen. 17000 Gefang wurden gemacht, 50 Feldgeschütze und Haubitzen, 20 000 Ge⸗ wehre, 148 Automobile und eine Menge Kriegsmaterial er. beutet. Die Zahl der Gefangenen wächst unaufhörlich. König Peter und der russische Gesandte, Fürst Trubetzkoi, sind a 28. November nachmittags ohne Begleitung mit unbekannt Ziele dasongeritten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Schlacht von Prizren, in der der letzte Rest der serbischen Armee gefangen genommen wurde, das Ende des Feldzug gegen Serbien bedeuten. f

Sozialdemokratische f Friedensinterpellation im Reichstage. Die sozialdemokratische Fraktion hat beschlossen, im Reichstag folgende Interpellation einzubringen:Ist der Herr Reichskanzler bereit, Auskunft darüber zu geben, unte welchen Bedingungen er geneigt ist, i Friedensverhandlun geu einzutreten? Die Juterpellation wird Genosse Scheidemann begründen, Genosse Landsberg wurde zum Redner für die Debatte bestimmt. Ein weitergehender Antrag, in dem von der Re⸗ gerung eine noch bestimmtere Festlegung ihrer Friedens bedingungen verlangt wurde, war nur mit geringer Majori⸗ tät, nämlich mit 58 gegen 43 Stimmen, abgelehnt

worden. Monastir vor dem Fall. T. U. Paris, 1. Dez. Aus Saloniki wird gemeldet, daß die bulgarische Offensive gegen Monastir in den letzten Tagen große Fortschritte gemacht hat. Die Serben waren ge⸗ zwungen, vor Kruschewo eine Schlacht anzunehmen, welche für sie einen ungünstigen Verlauf nahm. Die Bulgaren zogen in Kruschewo ein und bleiben in der Verfolgung der Serben. Monastirx wurde bereits geräumt. Der Verkehr Monastir Saloniki ist unterbrochen und man erwartet stündlich den Fall Monastirs. 1

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T. U. Paris, 1. Dez. Dem Temps zufolge erklärte der Sokretär des serbischen Auswärtigen Amtes, Georgewitsch, daß die Deutschen in den besetzten Gebieten Serbiens korrekl handeln, Lebensmittel an die arme Bevölkerung verteilen und alle Requisitionen bezahlen.

Barfüßele. 1

Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.

Als bald darauf Dami kam und die Abreise des Oheims erfuhr, wollte er ihm nachrennen, und selbst Amrei war ent schlossen dazu, aber sie bezwang sich wieder, dem nicht nach

zugegeben. Sie redete und tat, als ob jemand ihr jedes Wort

und jede Regung befohlen hätte, und doch schweiften ihre Gedanken die Wege nach, die jetzt der Ohm ging. Sie ging mit ihrem Bruder Hand in Hand durch das Dorf und nickte allen Leuten zu, die ihr begegneten. Sie war jetzt erst wie der zu allen zurückgekehrt. Man hatte sie ja fortreißen wollen und sie meinte, alle anderen müßten ebenso froh sein wie sie selber; aber sie merkte bald, daß man sie nicht nur gern gehen ließ, sondern daß man ihr sogar zürnte, weil sie nicht gegangen war.

Der Krappenzacher machte ihr die Augen auf, indem er sagte:Ja, Kind, du hast einen Trotzkopf, und das ganze Dorf ist dir bös, weil du dein Glück mit Füßen von dir ge stoßen hast. Wer weiß, ob's ein Glück gewesen wär', aber sie nennen's jetzt so, und wer dich ansieht, rechnet dir vor, was du alles aus der Gemeinde hast. Darum mach', daß du bald aus dem öffentlichen Almosen kommst.

Ja, was soll ich machen?

Die Rodelbäuerin möchte dich gern in Dienst nehmen, aber der Bauer will nicht.

Amrei mochte fühlen, daß sie sich fortan doppelt tapfer halten müsse, damit sie kein Vorwurf treffe, weder von sich noch von anderen, und sie fragte daher abermals:Wisset Ihr den gar nichts?

Freilich, du mußt dich nur vor nichts scheuen als vorm Betteln. Hast denn nicht gehört, daß der närrische Fridolin gestern der Kirchbäuerin zwei Gänse totgeschlagen hat? Der Ganshirtendienst ist nun leer, und ich rate dir, nimm du ihn.

Das war nun bald geschehen, und am Mittag trieb Amrei die Gänse auf den Holderwasen, wie man den Weide platz auf der kleinen Anhöhe beim Hungerbrunnen nannte. Dami half der Schwester getreulich dabei.

Die schwarze Marann war indes sehr unzufrieden mit

dieser neuen Bedienstung und behauptete, wohl nicht mit Un⸗ recht:Es geht einem sein Leben lang nach, wenn man so einen Dienst gehabt hat! die Leut' vergessen's einem nie und sehen einen immer darauf an, und es besinnt sich jedes, dich einmal in den Dienst zu nehmen, weil es heißen wird: das ist ja die Gänsehirtin; und wenn man dich auch aus Barm⸗ herzigkeit nimmt, kriegst du schlechten Lohn und schlechte Be⸗ handlung, da heißt es immer: das ist gut genug für die Gänsehirtin.

Das wird nicht so arg sein, erwiderte Amrei,und Ihr habt mir ja viel hundert Geschichten erzählt, wie eine Gänsehirtin Königin geworden ist.

Das war in alten Zeiten. Aber wer weiß, du bist noch von der alten Welt; manchmal ist mir's gar nicht, als wärst du ein Kind; wer weiß, du alte Seele, vielleicht geschieht dir noch ein Wunder.

Der Hinweis, daß sie noch nicht auf der untersten Stufe der Ehrenleiter gestanden, sondern daß es noch etwas gebe, wodurch sie herabsteige, machte Amrei plötzlich stutzig. Für sich selber eroberte sie nichts weiter daraus, aber sie duldete es fortan nicht mehr, daß Dami mit ihr die Gänse hütete. Er war ein Mann, er sollte einer werden, und ihm konnte es schaden, wenn man ihm einst nachsagte, daß er vormals die Gänse gehütet habe. Aber mit allem Eifer konnte sie ihm das nicht klarmachen, und er trotzte mit ihr; denn so ist es immer: gerade an dem Punkte, wo das Verständnis aufhört, beginnt eine innere Verdrossenheit. Die innere Unmacht über setzt sich in äußeres Unrecht und erfahrene Kränkung.

Amrei freute sich fast, daß Dami viele Tage so bös mit ihr sein konnte; er lernte doch jetzt an ihr sich gegen die Welt zu stemmen und auch seinen eigenen Willen zu behaupten.

Dami bekam indes auch bald ein Amt. Er wurde von seinem Pfleger, dem Rodelbauer, als Vogelscheuche benutzt; er durfte im Baumgarten des Rodelbauern den ganzen Tag die Rassel drehen, um die Sperlinge von den Frühkirschen und aus den Salatbeeten zu verscheuchen, aber er gab das Amt, das ihn anfangs als Spiel vergnügt hatte, bald wieder auf.

Es war ein fröhliches, aber auch ein mühsames Amt, das

daß sie nichts zu machen wußte, wodurch sie die Tiere an sich fesselte. Ja, sie waren kaum von einander zu unterscheiden. Und es war nicht uneben, was ihr einst die schwarze Marann, als sie aus dem Moosbrunnenwalde kam, darüber sagte: Die Tiere, die in Herden leben, sind jedes für sich allein dumm. Und ich mein' auch, setzte Amrei fort,die Gänse sind deswegen dumm, weil sie zu vielerlei können: sie können schwimmen und laufen und fliegen, sind aber nicht im Wasser nicht auf dem Boden und nicht in der Luft recht daheim das macht sie dumm. 1 Ich bleib' dabei, entgegnete die schwarze Marann,in 1 dir steckt noch ein alter Einsiedel. In der Tat bildete sich auch ein einsiedlerisches Träumen in Amrei aus, seltsam durchzogen von allerlei heller Leben berechnung. Wie sie bei allem Träumen und Betrachten emsig fortstrickte und keine Masche fallen ließ, und wie hien an der Ecke beim Holzbirnenbaum der betäubende Nacht⸗ schatten und die erfrischende Erdbeere so nahe beieinander wachsen, daß sie fast aus derselben Wurzel zu sprossen schei⸗ nen, so war klares Ausschauen und träumerisches Hindäm⸗ mern in der Seele des Kindes nahe beieinander. 1 Der Holderwasen war kein einsam abgelegener Platz, den die stille Märchenwelt, daraus es glimmt und glitzert, gern heimsucht. Mitten durch den Holderwasen führte ein Jeld. weg nach Endringen, und nicht weit davon standen die ver⸗ schiedenfarbigen Grenzpfähle mit den Wappenschildern zweser Herren, deren Länder hier aneinander stießen. 5 Mit Ackerfuhrwerk allerlei Art zogen hier die Bauen vorüber, und Männer, Frauen und Mädchen gingen hin und her, mit Hacke, Sense und Sichel. Die Landjäger der beiden Länder kamen auch oft vorüber, und der Flintenlauf glitzerte von fernher und noch weit nach. Ja Amrei wurde fast imme vom Endringer Landjäger begrüßt, wenn sie am Wege saß, und sie sollte manchmal Auskunft geben, ob nicht dieser oder jener hier vorbeigekommen war; aber sie wußte nie Bescheid, vielleicht auch verhehlte sie ihn aus jener inneren Abneigung des Volkes und besonders der Dorfkinder, die die Landlägen für allzeit gewaffnete Feinde der Menschheit halten, so da umgehen und suchen, wen sie verschlingen.

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Amrei übernommen hatte, besonders war es ihr oft schwer,

(Fortsetzung folgt.)

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Die Handlungsweise der Deutschen in Serbien. 8

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