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diesem Kriege zwei Zwecke verbinde: einerseits jenen, durch die Er⸗
lichen territorialen, direkten Anschluß an Oesterreich-Ungarn zu er⸗ halten. Damit ist als sicher anzunehmen, daß nach bem Kriege lein
Reichtum an Schafen ist bisher für die Volksernährung durchaus noch nicht genügend herbeigezogen worden. Wenn man die große Fleischnot. die zurzeit speziell in Oesterreich herrscht, in Betracht zieht, so kann man ermessen, welche Bedeutung die Verbindung mit einem Lande, das solchen Ueberfluß an Fleisch hat wie Bulgarien, gerade setzt haben wird. Der Reichtum an Schasen in Bulgarien ist so groß, daß kurz vor Ausbruch des Krieges eine Riesenanlage für Schlachtung und Kühlung bulgarischer Schafe in Varng zu er⸗ richten beabsichtigt war, welche nicht nur die türkischen Städte mit Gefrierfleisch versehen, sondern sogar in Aegupten die Konkurrenz mit dem australischen Gefrierfleisch hätte aufnehmen sollen.
Hat in dieser Weise der Vorstoß auf dem Balkan in erster Linie eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für den gegenwärtigen Justand, so ist dies in noch weit höherer und umfassenderer Weise für die Zeit nach dem Kriege der Fall. Ministerpräsident Radoslawow hat be⸗ reits in ganz unzweidentiger Weise erklärt, daß Bulgarien mit
oberung Mazedoniens seine nationale Einheit herzustellen, ander⸗ seits einen, für die Entwicklung der Kultur Vulgariens unerläß⸗
hinderndes Zwischenland auf dem Weg von Mitteleuropa nach dem Orient mehr bestehen darf. Anderseits aber kann man heute schon, wie auch immer der Ausgang des Weltkrieges sein wird, als be⸗ stimmt voraussetzen, daß auf lange Zeit nach dem Friedensschluß nicht mehr ein Europa, sondern zwei, nach Anschauungen wie Teu⸗ denzen getrennte Europa vorhanden sein werden, nämlich jenes der Westmächte, und jeunes der Zeutralmächte nebst dem nähern und ferneren Orient, an welch letztere Gruppe sich früher oder später aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten auch Rußland anschließen muß. So erkennt man, daß der Balkanseldzua eine noch ungleich höhere und besonders eine bleibende Bedeutung für die wirtschaft⸗ liche Gestaltung der Zukunft haben wird. Wenn England der wirt⸗ schaftlichen Expansion der Zentralmächte manche Absatzgebiete in Zukunft verschließen wird, wie es droht, so eröffnet anderseits die Straße nach dem Orient dem zentraleuropäischen Wirtschaftsleben ganz neue Richtlinsen. Oesterreich-Ungarn sieht seinen alten Wunsch des offenen Orienthandelsweges, den ihm kein Geringerer als Fürst Bismarck suggeriert hatte, endlich erfüllt: Deutschlaud steht für seine Riesenproduktion der lauge vorbereitete Weg nach dem Orient offen! In den Orientländern aber eröffnet sich der Geldkraft und der Schaffensfreudigkeit Mitteleuropas in ganz anderm Sinne als bisher ein weites gewaltiges Feld, da noch Schranken von mancher Art sich derselben entgegenstellten.
Wenn man hierzu noch in Betracht zieht, daß nach dem Kriege ein wirtschaftlicher Zusammenschluß zwischen dem neuen Vierver⸗ dand der Zentral- und Balkanreiche in engerer oder weiterer Form doch zustande kommen wird, so eröffnen sich hier wirtschaftliche Per⸗ spektiven von ganz grandiosem Umfang und sollte endlich auch das äußerste Ziel der Zentralmächte erreicht und der englischen Herr⸗ schaft am Suezkanal und in Aegypten ein Ende bereitet werden, so geht man nicht fehl, den soeben begonnenen Balkankrieg als den Be⸗ ginn einer vollständigen Neuorientierung des Weltverkehrs zu be⸗ trachten. Angesichts solcher Betrachtungen aber kann man jenen nur recht geben, welche den Balkankriegsschauplatz als den wichtigsten von allen Kamyfplätzen erklären und annebenen, daß dort die Ent⸗ scheidung des Weltkrieges überhaupt sällt.
W N 5 9 Neue Ministerkrise in Rußland?
Reuter meldet aus Petersburg: Wie verlautet, ist Goremykin zum Reichskanzler ernannt worden. Die Börsenzeitung teilt mit, daß er mit der obersten Führung der auswärtigen Angelegenheiten betraut wird und dabei durch den früheren Botschafter in Wien, Schebeko, unterstützt wird. Weiter wird berichtet, daß der Zar das Rücktrittsgesuch der Minister Sason ow, Charitonow und Kriwof chein angenommen habe und daß Chwostow Ministerpräsident werde. Protest gegen den Fliegeranariff auf Venedig.
Die drei in Rom beglaubigten Botschafter der Entente er⸗ ließen nach einem Telegramm des B. T. namens ihrer Völker, also auch des hochzivilisierten Rußlands, einen flam⸗ menden Protest gegen den Fliegerangriff auf Venedig und der barbarischen Zerstörung des Gemäldes von Tiepolos in der Soali-Kirche.
Die italienischen Sozialisten und der Krieg.
Nach Mitteilungen aus Lugano beauftragt die sozialisti— sche Partei Turati, bei Wiedereröffnung der Kammer den Standpunkt der Partei zum Kriege, insbesondere zu den wirtschaftlichen Folgen des Krieges darzulegen. Die sozialistische Partei hofft, daß die Kammer Turati an⸗ hören wird, fürchtet aber, daß die Kriegsmehrheit jede Dis— kussion ersticken werde, obschon sich die Regierung den Anschein gibt, daß sie ihrerseits eine solche Diskussion sogar wünsche.
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Zum Abbruch der schwedischen Verhandlungen mit England,
der bereits gemeldet wurde, schreibt, Sydsvenska Dagbladet Snaellposten u. a.: Die Nachricht vom Abbruch kommt nicht ganz. unerwartet. Die englischen Forderungen wurden in solcher Weise verschärft, daß es für Schweden unmöglich war, sie anzunehmen. Sie betrafen nicht mehr einzelne, sondern grund- sätzliche Fragen, die nach Englands Verlangen einfach von Schwe⸗ den angenommen werden sollten. Ihre Annahme war aber für ein selbständiges neutrales Land, das auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen das Recht hat, Waren aus neutralen Ländern zu be⸗ ziehen, vollkommen unmöglich. Darin war die schwedische Regie- rung mit den schwedischen Vertretern durchaus einig. Es besteht auch Grund zur Annahme, daß die Engländer selbst ihren Stand⸗ punkt als für Schweden unannehmbar ansahen.
Protest Oesterreich Ungarns in Wafhington.
Die Morning Post meldet aus Washington unterm 29. Oktober: Oesterreich-Ungarn erhob neuerdings Einspruch gegen die Ausfuhr von Munition an die Alliierten. Das Staatsdepartement wird in der Antwort seine bisherige Haltung nicht ändern.
Schildwache im äußersten Osten!
Paris, 1. Nov. Der japanische Ministerpräsident erklärte einem Vertreter des Matin, daß Japan, das nicht über die nötigen Transportschisse verfüge, um den Verbündeten Truppen schicken zu können, daß es ihnen aber seine maritime und militärische Un⸗ terstützung durch die Mobilisierung der Arsenale ge⸗ liehen habe. Japan versehe auch die Rolle einer Schildwache im äußersten Osten, um die Feinde zu verhindern, daß diese die muselmanischen Völker zur Erhebung veranlassen. Es wache ferner darüber, daß die transsibirische Eisenbahn, die zur Verproviantierung Rußlands diene, nicht zerstört werde.
Der Fall Cavell.
Ein Brüsseler Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, der Miß Edith Cavell persönlich gekannt hat, schreibt, daß es zwar den Freunden Miß Cavells ein vollständiges Rätsel sei, wieso die fast 50 jährige Vorsteherin des Krankenhauses der Brüsseler Vorstadt Saint Gilles dazu gekommen sei, sich gegen die Vorschriften der deutschen Militärverwaltung in Belgien so schwer zu vergehen, daß aber ihre Schuld einwand⸗ frei dargetan und unbestreitbar sei und unter die schwerste Strafe des Kriegsrechtes falle. Sofern man jedoch nicht die Verurteilung, sondern die Vollstreckung des Ur teils Deutschland zum Vorwurf mache, sei zu bedenken, daß die Vollstreckung vielleicht unterblieben wäre, wenn nicht gerade in der jüngsten Zeit so viele Frauen an ganz ähnlichen Unternehmungen beteiligt gewesen wären, wie Miß Edith Cavell. Offenbar habe dieser Umstand die deutsche Militär⸗
behörde veranlaßt, in der Verurteilten, die von allen ihren
Geschlechtsgenossinnen am schuldigsten gewesen sei, ein ab⸗ schreckendes Beispiel festzustellnn. Denn wäre es zur ständigen und unabänderlichen Gewohnheit geworden, Zu— widerhandelnde gegen das Kriegsrecht bloß deshalb zu be— gnadigen, weil sie dem weiblichen Geschlechte angehörten, so wäre die Gefahr gewesen, daß man zum Spionieren und An⸗ werben von Kämpfern für die Deutschland feindlichen Heere eben ausschließlich oder der Hauptsache nach Frauen ver— wenden würde. N 0 Ein pruch Rumäniens gegen russische Truppenlandungen.
Budapest, 2. Nov. Die Absicht der Russen, bei Baltschik Truppen zu landen, ist gescheitert, da die rumänische Re— gierung hiergegen Einspruch erhoben hat.
Die rumänische Regierung gegen die Kriegshetzer.
Wien, 2. Nov. Aus Bukarest wird dem Neuen Wiener Journal berichtet, daß die rumänische Regierung Take Joneseu und Filipescu drohte, daß sie bei einer Andauer der Straßenkundgebungen sich gezwungen sehen würde, den Be— lagerungszustand zu erklören.
Englischer Dampfer versenkt.
London, 1. Nov.(W. T. B. Nichtamtlich.) Lloyds
meldet: Der britische Dampfer„Toward“ ist versenkt worden;
die Besatzung wurde gerettet.
EEC ͤ ²˙ ß]ðV.
g Gegen die französische Zenst 5 Lyon, 1. Nov.(W. T. B. Nichtamtlich.) Luon N 5 meldet aus Paris: Die Zeitungen Rappel, Oeuvre, L arb Eclair, Figaro und Journal geben bekannt, daß sie ihre mationen und politischen Artikel der Zensur nicht mehr breiten werden. 8 8 5 Grenzkämpfe in Indien.
Amsterdam, 2. Nov. Ueber neue, Grenzkämpfe in Indi richtet das Reutersche Bureau unter dem 28. Oktober aus Unsere Truppen in Tschakdare marschierten gestern nach Nox den Adsieson⸗Bezirk und griffen eine Bajori-Bande von 2000 3000 Mann an, de dort am Abend vorher eingerückt war, Stämme im oberen Sawat⸗Tale zu beunruhigen. Wir v einen Toten und drei Verwundete. Die Verluste des
sind schwer. 1 Gegen die Nussen in Persien. Konstantinopel, 2. Nov. Persischen Zeitungen 3 haben sich Nomaden in der Umgebung von Schahruw ge die Russen erhoben, um für das barbarische Vorgehen lands in Bushir Rache zu nehmen. Tausende von Turkm, marsicherten gegen Schiwar und griffen dort die Russen wobei es zu einem sehr heftigen Kampf kam. Die R hatten viele tausend Tote und Verwundete, flüchteten ließen große Mengen Lebensmittel und Munition sowi gut erhaltene Maschinengewehre zurück. Auf der Flucht den die Russen auch von anderen turkmenischen Nomg verfolgt. ö f Mehlschwindler. eile
Der Schöneberger Polizei gelang es, einem selt langer 8 0 betriebenen Mehlschwindel auf die Spur zu kommen. Die 7 0 Kosterlitz war vom Magistrat mit Mehllieferungen für die 8 pesel
Durch minderwertiges Mehl, das sie in Verkehr gest Dabei brachte e größeren Vorraf
händler betraut. 5 brachte, wurden die Verbraucher geschädigt. Firma fertig, unter der Hand sich einen gr 5 Mehl zu verschaffen, als ihr nach der Zahl ihrer Abnehmer en stand, wodurch die Allgemeinheit benachteiligt wurde. Der st vertretende Inhaber der Firma wurde gestern festgenommen, die Polizei die Schließung des Geschäfts verfügte.
Kriegs notizen. dt
Die Handelskammer zu Berlin hat einen Beschluß bez des Ersatzes von Kriegsschäden in den deut Schutzgebieten gefaßt und dem Herrn Staatssekretär Reichskolonialamts übermittelt. Sie hält es für geboten, daß g Deutschen, die in den deutschen Schutzgebieten Schaden au ihren] fen Vermögen infolge der kriegerischen Ereignisse erlitten haben, En schädigungen nach denselben Grundsätzen gewährt werden, welch für die Geschädigten im Deutschen Reiche gelten. l
In Hochstüblau bei Preußisch⸗Stargard ermordeten qu einer Erziehungsanstalt entwichene Zöglinge die Mutter, df Ehefrau und zwei Söhne des im Felde befindlichen un Mühlenbesitzers Schwendowski. Sie zündeten dann das“ Haus an, in dem die Leichen verbrannten. Der dritte Soh 50 Schwendowskis wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingel N Die Täter sind entkommen. a f
Der Landtag für Sachsen-Weimar tritt am 8. Noven ber zusammen. Der Landtag für Sachsen-Meiningen i zum 15. November, der für Sachsen-Altenburg zun 2. November einberufen worden. In allen Fällen handelte es fit um kurze Kriegstagungen. 5 1
Das Schöffengericht in Köln verurteilte den dortigen G schlächter Peter TLummerzheim zu 14 Tagen Gefängnis, wel er Rinderfett pro Kilo für 4 Mk. angeboten und schließlich fi 3,60 Mk. abgegeben hatte, aber erst, nachdem ihm der Käufer einen halben Ochsen abgekauft hatte. Das Gericht nahm sich der Angeklagte einen übermäßigen Gewinn verschafft hat.
Kriegsinvalide Eisenbahnbedienstete haben Baden— nach einer neuesten Verfügung der dortigen Generg direktion der Staatsbahnen— sofort nach Beendigung des Heil verfahrens und Entlassung vom Militärdienst, ihre frühere Täth keit wieder aufzunehmen. Ist dies nicht möglich, müssen de sih) dem Eisenbahndienst im allgemeinen wieder zur Verfügung stellen⸗ de Geschieht auch dies nicht, dann erlischt die staatliche F m1 T lienbeihilfe mit dem Tag, an dem der Eisenbahnangestellh, den Dienst hätte aufnehmen können. 3
Deutsche Geschäftsreisende, die jetzt nach del Schweiz reisen, werden, wie der Konf. mitteilt, mit der Ta au rechnen haben, daß der Grenzverkehr zwischen Deutsc land und der Schweiz zurzeit erheblichen Beschr kungen unterliegt und Reisende aus der Schweiz in der näch Zeit vielleicht auf die Dauer von 14 Tagen— nur sehr schwe 1 die deutsche Grenze kommen. Der Güterverkehr ist d 9 nicht eingeschränkt; auch die Dampfschiffe von und na Friedrichshafen über Lindau über den Bodensee verkehren.
Pulver und Gold.
Roman aus dem Kriege 18701871. 33 Von Levin Schücking.
Dann eilte sie davon und war im nächsten Augenblich zum Zimmer hinaus.
Ich stand, meiner Sinne nicht recht mächtig. Meine Ge— danken wirbelten mir durch den Kopf; ich wußte nicht recht, was geschehen und was die ganze Szene bedeute; ich fühlte mich selbst nur den Tränen nahe.
So ging ich hinab in meine Zimmer, mit einer Art von Wut die Tränen, die in mir aufstiegen, niederkämpfend. Wut richtete sich gegen mich, den Soldaten, der den Kopf oben behalten und kaltblütig bleiben muß, wenn er inmitten von Tod und Verderben steht und tausendfaches Elend rings um sich her sieht; und nun ließ ich mich übermannen und nieder— beugen durch den Anblick von ein wenig Herzeleid, das ich über diese Französin, die doch obendrein noch eigentlich eine Deutsche war und es schmählich verleugnete, gebracht! Wie war es denn, um was es sich handelte? Ich hatte ihr einen Haufen von dummem, ekelhaftem Geld nehmen müssen— und wollte ihn ihr ja noch obendrein ersetzen. Konnte sie den Ersatz nicht von mir annehmen? Warum nicht? Und wenn nicht, was lat's, was ging unsere Seelen der Mammon an? War es nicht arg genug, daß dieser verborgene Haufen Geld uns zu einem Spiele wechselseitiger Ueberlistung gezwungen? Und wenn ich dabei auch gesiegt, wenn ich ihn ihr genommen, hatte sie nicht seinetwillen die Komödie von Colomier mit mir gespielt, hatte sie mich nicht mit dem Schlaftrunk des Abbés unschädlich machen wollen, dessen Wirkungen ich an Friedrich hatte wahrnehmen können? Hatte ich nicht tagelang um dieses dummen ekeln Mammons willen schon die Stachel und die Pein des bösesten Argwohns in mir wühlen gefühlt? War es nicht elend, klein, engherzig, solch einen Verlust als etwas zu betrachten, was uns auf ewig auseinanderriß? Was kann solch ein erbärmliches, äußeres Ereignis dem Herzen, der
Die
fühlte, wenn sie nicht verzeihen und nicht begreifen konnte, daß ich ohne Schuld war, wenn sie sich nicht sagte, wie schwer ich selber unter dem litt, was ich aus Pflichtgefühl tun hatte müssen— dann, nun dann mußte ich auch auf sie verzichten können!
Es war ein Räsonnement wie alle, welche sich Verliebte machen. Sehr logisch, sehr schlagend und von zweifelloser Richtigkeit in seiner Schlußfolgerung! Und doch zieht man nicht einen Tropfen Trost daraus, und in all seiner Logik liegt kein Atom von Beruhigung!—
Ich zerriß den jetzt unnützen Brief, den ich an meinen Geschäftsmann geschrieben, und warf mich auf einen Diwan, um nachzudenken, was ich beginnen, ob ich noch bleiben oder mich von diesem Posten hier unter dem Vorwand meiner Ver— wundung zurückberufen lassen solle. Gewiß, das letztere war das beste, das einzige, was ich tun konnte! Der Arzt kam nach einer Weile und nahm mir beinahe den Vorwand, in— dem er mir versicherte, daß ich, wenn ich nur noch zwei Tage lang fortfahre, meinen Arm in der Schlinge zu tragen und ihn ruhig zu halten, wegen der Wunde weiter keine Sorge zu haben brauche. Eigentlich war es mir angenehm, daß er mir den Vorwand abschnitt— im tiefsten Grunde meines Herzens zog ich doch vor— zu bleiben! Das Menschenherz ist ein widerspruchsvolles Ding!—
Es war eigentlich ein gesprächiger und gescheiter kleiner Mann, der Doktor aus Noroy; wenn er das erstemal, wo er gekommen, ziemlich schweigsam seines Amtes bei mir ge— waltet, so war er heute schon vertrauter und zu Mitteilungen aufgelegter. Er begann vom Kriege zu reden, von den philo— sophischen Deutschen, die so unphilosophisch nicht lieber nach⸗ gäben, als sich mit einem so edeln Volke wie die Franzosen schlagen zu wollen; von der seltsamen Marotte Bismarcks: „ce Monsieur Shylock“, wie er sich ausdrückte, zu wähnen: er könne aus dem lebendigen Fleische Frankreichs ein Stück herausschneiden, just wie der abscheuliche Jude von Venedig.
„Weshalb,“ rief der kleine Doktor aus,„haben die Deut— schen nicht Frieden gemacht nach der Schlacht von Sedan,
Menschenseele. anhaben, und wenn sie das nicht einsab. nicht
nachdem sie sich diesen Empereur, der ibnen den Krieg er⸗
klärte, cette„incapaeite meconnue“, eingefangen und u ae davon befreit? Wir wären dann durch die Dankbarkeit ff immer an sie gefesselt und Hand in Hand wären wir z Völker auf der Bahn zu den gemeinsamen Zielen der Mel heit weitergeschritten!“ 1 Ich war nicht sehr aufgelegt, auf eine Debatte daf einzugehen, aber ich konnte mich nicht enthalten, lebha antworten: b „Freilich, Doktor, dann wäre Deutschland in seiner a* bescheidenen Rolle geblieben, die es dahin gebracht hat, du es überall die Sympathien gegen sich hat; das Hollä be Belgier, Schweden, Schweizer, all das kleine Völkergesinde auf uns herabsehen, uns den Sieg mißgönnen und unsere Ruhm benagen. Deutschland, müssen Sie wissen, ist endli durch Erfahrungen ein wenig klüger geworden. Es hat Fr reich schon einmal von einem Empereur befreit und es unverletzt gelassen und keinen Zollbreit von seinen früh Grenzen verlangt, nicht einmal Straßburg, diesen Kn 0 punkt, deutschen Lebens! Wie dankbar Frankreich dafür wa haben wir im Laufe der Jahre zu empfinden bekommen e hat fortwährend unseren Rhein verlangt und uns mit Kei bedroht und mehr als einmal gezwungen, uns krie zu machen, und jetzt hat es uns plötzlich die Kriegsfae Gesicht geschleudert. Nennen Sie das Dankbarkeit?“ „Frankreich von heute ist nicht mehr das von 1814 1840!“ warf der Doktor ein. 1 „Ich will Ihnen das Vergnügen machen, Doktor, setzte ich,„Frankreich einen Löwen zu nennen, den wir lichen Deutschen nun einmal leider zum Nachbar be 1 haben. Dem Löwen saß eine Hornis im Fell und machte. so wütend, daß er uns anbrüllte und seine Krallen wi ausstreckte und uns verschlingen wollte. Nun haben niedergerungen und ihm die Hornis nebenbei aus dein gezogen. Aber sollen wir es nun machen wie der Androclus, und auf seine Dankbarkeit dafür bau wäre sehr töricht! Sicherer ist, wir schneiden Krallen ab!“ Der Doktor zuckte mit den Achseln.
— er
——
(Fortsett


