Ausgabe 
2.11.1915
 
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0 9 essen und Nachbargebiete.

Hießen und umgebung.

Kommune und Konsumverein.

Der Krieg hat die Gemeinden vor neue Au 9810 hat ihnen die ganze Größe ihrer wirshaftüchen fte, gezeigt, damit aber auch neue Wege zum Ziele. So 2 5 1 auch die Selbstverwaltung der Städte ist, ste allein geniigt nicht gegenüber jenen großen Aufgaben. Wie stets 1 91 mag auch hier nur die Organisation großes zu leisten 570 Organisierung der selbständigen Gemeinden. Die eren bedeuten losgelöst nebeneinander trotz ihrer Selbstverwaltun für weite Gebiete eine wirtschaftliche Zersplitterung 810 können wohl viele wirtschaftliche Aufgaben selbst 5 lösen Sollen sie aber ihre wirtschaftlichen Pflichten im vollen Um. fange erfüllen, so muß für viele Gebiete eine kommunale Wirtschaftsgemeinschaft vorhanden sein. Das hat man 10 auch schon im Frieden erkannt und z. B. gemeinsame Wasser. oder Elektrizitätswerke gegründet. Der Krieg aber hat den Gemeinden gezeigt, daß auch für eine gesunde Lebens- mittelversorgung kommunale Wirtschaftsgemein⸗ schaften nötig sind, und uns bereits mehrere Gemeinde. verbände als Städte⸗Einkaufsgenossenschaften gebracht. Und jetzt soll auch ein großer Verband der Einkaufsgesellschaften 1 5 in diesem Sinne wirken. 5

uf die Bedeutung dieser Entwicklung wiesen wir kürz⸗ lich bereits hin. Es wird durch sie ein neues Mittelglied ge. schaffen zwischen dem Wirtschaftsleben des Staates und dem der Stadt, ein Bindeglied zwischen diesen beiden so entfernten Polen. Und dieses Bindeglied ist besonders deshalb zu hoher Bedeutung berufen, weil es für eine gesunde Produktion durch die Gesellschaft, wie wir sie erstreben, unentbehr lich ist, denn es gibt ja weite Produktionszweige, für die der Staat zu groß und schwerfällig und die Stadt zu klein ist und zu wenig Rentabilität versprechend.

Wenn uns der Krieg also jene kommunalen Verbände zum gemeinsamen Einkauf von Lebensmitteln gebracht hat, so ist es unsere Pflicht, nicht nur dafür zu sorgen, daß sie immer mehr Nachahmung finden, sondern auch, daß sie ihr Augenmerk mehr und mehr auf jene Entwicklung zu Produktionsträgern richten. Und da warten ihrer auf dem Gebiete der Lebensmittelversorgung, dem wichtigsten von allen, große Aufgaben. So sind große Räuchereien zu schaffen, Wurstfabriken, Margarinefabriken, Bäckereien, Nudelfabriken und was es nicht sonst noch alles gibt. Weiter aber auch große Farmen zur Tierzucht, Schweinemästereien, Hühnerfarmen, große Kühl⸗ und Lagerhallen für Eier, Fleisch und andere Lebensmittel. Natürlich können und müssen manche großen Städte sich solche Einrichtungen allein leisten. Aber im allgemeinen kann und das gilt durchweg für kleinere Gemeinden nur der Zusammenschluß eine wahr 25 nutzbringende Einrichtung verbürgen und damit billige Preise.

Bekanntlich haben die Konsumvereine als starke und große Organisationen diesen Weg schon längst beschritten. Sie haben bereits eigene Bäckereien gegründet, die weite Schichten in einer ganzen Reihe von Gemeinden mit Brot versorgen, eigene Fischräuchereien, eigene Selterswasser⸗ fabriken und dergleichen. Auch sie beschreiten damit jenen Weg zur Produktion durch die Gesellchsaft. Da gilt es denn für die Konsumvereine einerseits und die Gemeinden und Gemeindeverbände anderseits, Fühlung miteinander zu nehmen. Sie sind zwei Wege zu einem Ziele. Da darf nicht auf beiden Wegen das Gleiche zum Ziele gebracht wer⸗

den, sodaß es nachher doppelt vorhanden.

Hat der Konsumverein die Margarine- und Wurst⸗ fabrikation noch nicht in die Hand genommen, so hat sich der kommunale Wirtschaftsverband ihr zuzuwenden. Hat der Konsumverein bereits eine gute eigene Bäckerei, die aus. dehnungsfähig ist, so würde eine Neugründung für die Stadt

Brotpreis nur verteuern. Und wenn an jenen, Einrichtungen vorläufig auch noch nicht alle teilnehmen, so ist zu beachten, daß ihnen wenigstens die bedürftigen Volksschichten zum großen Teile angehören und in steigendem Maße angehören werden. 5

Natürlich müssen auch die Konsumvereine mit dieser Ent⸗ wicklung rechnen. Sie dürfen sich nicht als besondere eng⸗ begrenzte Gebilde ansehen, deren Produktion eben für so und so viel tausend ihrer Mitglieder bestimmt ist und weiter nichts. Die Konsumvereine sollen auf ihrem Wege die Vergesellschaftung anbahnen, ihre Produktionsräume sollen das ist für jeden Weitsichtigen das Ziel einmal die Produktionsräume der Gesellschaft werden, der Kommune oder des Kommunalverbandes einer neuen Zeit. 5 Da haben sie nicht auf eng begrenztem Raume alles beieinander 31 haben, Verwaltungsgebäude und Kaffeerösterei und Bäckerei und was es sonst noch t. Jede einzelne Einrichtung ist zu Hohem berufen, für alle Schichten einmal bestimmt und da hat sie Platz nötig, viel Platz zu ihrem Ausbau. Gewiß denken wir in dieser Kriegsnot bei der Versorgung mit Lebensmitteln durch Konsumverein, Stadt und Kommunal- verband zunächst an die Gegenwart, doch dürfen wir dabei den großen Gedanken nicht aus dem Auge verlieren, 55 dieser Entwicklung, wie sie gerade jetzt im Kriege so rapi e zu Tage tritt, zugrunde liegt. Das gilt vor allem für uns Sozialisten, das heißt als den berufenen Vertretern eines fest vorgezeichneten Zukunftsweges.

Vom Heringswucher.

Im Anschluß an die Ausfllhrungen, die m 19 2 05 1 Ueberschrift über den Heringshandel brachten, 9 W . Volkswsllen entnommen waren, wird u 8 4 kreisen folgendes geschrieben: a 1 f

In eee geen hat Süldwestbeutschlan 1 19 1 Vollheringen fast nur in Holland gedeckt und 9110 besse W der holländische Hering ist zarter und geschmaglech n e schottssche und norwegische. Da die beiden 3 1 1 was billiger waren als holländische, wurden eGesellschoft nichts

erwallungen durch die Zentrol⸗Einkaufs it nichts

anderes bezogen.

angeboten wurde, von vielen Geschäften nebenbei

Es trifft zu, daß die holländischen Fänge, wie aus nachfolgen⸗ der Statistik hervorgebt, recht befriedigend waren: Holländischer Heringsfang von 1912 bis 30. September 1913. 1912: 1121 Schiffe mit 220 939 Kantjes⸗Preis f. Volle Fl. 18,70 bis

19,90 1913: 1371 Schiffe mit 383 158 Kantjes⸗Preis f. Volle Fl. 17,90 bis

1914: 1308 Schiffe mit 214136 Kantjes⸗Preis f. Volle Fl. 24,. 1915: 1578 Schisse mit 321 705 Kantjes⸗Preis f. Volle Fl. 43, bis

. 9,.

Trotz diesen guten Fängen haben die Holländer hohe Preise verlangt, wie sie sich alle Lebensmittel, die noch nach Deutschland qusgeführt werden dürfen(Kakao, Tee, Kaffee, Zwiebeln, Käse, Butter) mit Phantasiepreisen bezahlen lassen! Diese Preise er⸗ höhen sich aber noch durch den hohen Guldenkurs, der heute 2,06 steht, nicht, wie irrtümlich angegeben, Mk. 1,601,70. Die hol⸗ ländischen Waren stellen sich also schon um die Kursdifferenz(d. h. 25 Prozent) teurer wie in Friedenszeiten!

Holländische Heringe waren anfangs Oktober ganz vorüber⸗ gehend billigst von erster Hand mit 97 Mark, Mitte Oktober schon mit 115 Mark ab Holland angeboten; heute verlangt Holland schon 130 Mark und noch mehr pro Tonne! Bei elner Stückzahl von 800 in der Normaltonne stellt sich also Mitte Oktober ein Fisch bereits auf 1415 Pfennige bei direktem Bezug.

Norwegische Heringe resp. Sloesulls und Hochseesuls in Tonnen von zirka 600 Stück, wurden von der Herings⸗Handels⸗Akt.⸗Ges., der Vertreterin der Zentral⸗Einkaufs⸗Gesellschaft, Berlin, vor kurzem den Stadtverwaltungen noch mit 64 Mark ab Stettin an⸗ geboten! Infolge Waggonmangel kanen diese Fische aber sehr langsam herein und heute teilt die genannte Gesellschaft bereits mit, daß ihre Vorräte geräumt seien, und sie erst anfangs Dezember wieder an den Markt käme.

Wenn es sich bei den von den Itzehoer Nachrichten erwähnten großen Heringsfängen um einigermaßen konservierungsfähige Fische handeln würde, wäre es unverständlich, warum die Zentral⸗Ein⸗ kaufs⸗Gesellschaft diese Waren dem Konsum durch die Herings⸗Han⸗ dels⸗Akt.⸗Ges. nicht zuführte! Bis jetzt sind diese angeblich billigen Fische weder dem Konsum durch die Zeutral⸗Einkaufs⸗Gesellschaft noch dem freien Handel durch die Heringsfischereien angeboten wor⸗ den, so daß doch wohl anzunehmen ist, daß es mit den großen Fisch⸗ mengen, dieum ein Geringes als Dünger abgesetzt werden müssen, einen Haken haben muß. Jedenfalls sind die Kleinhandelspreise, wie sie von dem leistungsfähigen Kleinhandel und dem Konsumverein zur Zeit hier verlangt werden, im Vergleich zu den Einkaufspreisen nicht nur als angemessen, sondern als billig zu bezeichnen. Zugegeben, daß die holländischen Heringe recht erheblich schon in ihrem Ursprungslande im Preise gestiegen sind. Aber wir wissen doch auch, daß die Hauptschuld an den Preistreibereien die deutschen 5 3 8 tragen. So oder so er bleibt eben beim Herings⸗ wucher.

0 Die Versorgung mit Gries. Es ist bereits gemeldet, daß in nächster Zeit eine vollkommen ausreichende Versorgung des Marktes mit Gries stattfinden wird. Für den Kleinver⸗ kauf hat die Reichsgetreidestelle für ganz Deutschland einen einheitlichen Preis, nämlich 45 Pfennig für das Pfund, fest⸗ gesetzt. Gegenwärtig ist Gries nahezu im Handel nicht mehr zu haben; noch vor kurzem war in einer Reihe von Groß städten der Preis bis auf 75 bis 85 Pfennig gestiegen. Der festgesetzte Preis bedeutet also eine erhebliche Verbilligung dieses notwendigen Lebensmittels. Von Bedeutung ist, daß den Griesmühlen soviel Getreide zur Verfügung gestellt wird, wie sie überhaupt verarbeiten können. Jede Produktionsein⸗ schränkung ist also ausgeschlossen und infolgedessen wird ein Mangel an Gries nicht mehr eintreten.

Kartoffelversorgung. Von der Stadt ist eine große Menge Kartoffeln beschafft worden, mit deren Abgabe an die Verbraucher noch diese Woche begonnen werden soll. Wie schon früher mitgeteilt, werden die Selbstkosten berechnet, zu denen natürlich Kosten für Fracht, Fuhrlohn usw. treten.

Der Reichskanzler v. Bethmann⸗Hollweg wurde von der theologischen Fakultät der Gießener Universität zum Ehrendoktor ernannt.

Wechsel⸗Ausgabe für die Gemeinden. Durch Gesetz vom 23. Oktober d. J. ist der hessische Staat ermächtigt worden, zugunsten der Gemeinden während des Krieges Wechselverbindlichkeiten einzugehen. Diese Ver⸗ bindlichkeiten sollen zum Zwecke der Kreditvermittlung für die Gemeinden und Gemeindeverbände dienen; sie können zwecks Einlösung von Wechseln, die bei Beendigung des Krieges noch umlaufen, bis zum Ablauf des auf den Frie densschluß folgenden Rechnungsjahres erneuert werden. Ein Ausführungsgesetz soll, wie der Fr. Ztg. geschrieben wird, demnächst erlassen werden. Ob den Gemeinde finanzen durch Pumperei auf Wechsel besser gedient ist, wird man erst abwarten müssen.

Bei einer Messerstecherei, die am Freitag abend sich auf der Steinstraße abspielte, wurde ein Unteroffizier erheb lich verletzt. Er wurde in einer nahen Wirtschaft, in der er vorher gewesen war, vom Arzt verbunden und dann ins Lazarett gebracht. Was den Angreifer, einen hiesigen Tape zierergehilfen zu der Tat veranlaßt hat, ist noch nicht festge stellt worden. 5

Herabgesetzte Fleischpreise. Aus Marburg wird uns ge⸗ schvieben, daß dort vom 1. November an die Preise von Schwei iwe⸗ fleisch auf 1,60 Mk. pro Pfund(bisher 1,80 Mk.) herabgesetzt worden. Das ist eine erfreuliche Nachricht, die aber erst die Arbeiter interessieren wird, wenn noch weitere folgen. Unser Korxvespon⸗ dent bemerkt dazu: Von interessierter Seite ist bis jetzt als Ursache der hohen Fleischpreise gestiegene Produkttonskosten(Futtermittel usw.) angegeben. Sind nun in der letzten Zeit diese gefallen, oder haben die Interessenten den Mangel an schlachtreifen Tieren benutzt und benützen ihn moch, um sich inpatriotischer Weise zu bexeschern? Hoffentlich gibts auch bald in Gießen einen Abschlag des Schlachtvieh bann doch im nahen Marburg nicht um soviel billiger sein als in Gießen?. Im Stadttheater ging am Sonntag abend das bekannte Lust⸗ spielDoktor Klaus fber die Bretter, das von dem gutbe setzten Hause recht beifällig aufgenommen wurde. Manchmal tat man sogar mit dem Beifall des Guten etwas zu viel und wirkte störend. Doch das Stlick verdient die freundliche Aufnahme, die es auch diesmal wieder fand: der Doktor, der nicht bloß ein tüchtiger Arzt, sondern auch ein guter, treu- und offenherziger Mensch ist, der mit seiner ehrlichen Meinung niemals zurückhält, erobert sich stets die Sympathie des Publikums, besonders wenn er so wahr und natürlich dargestellt wird, wie das hier von Wilh. Hell⸗ muth geschah. Viel Heiterkeit erregte Herr Gol! als Kutscher und Diener des Doktors, der seinem Herrn die ärztliche Kunst ab gulauschen und nachzumachen sucht, dabei aber Fremdwörter und Patienten arg mißhandelt. Er richtet dabei glücklicherweise weni⸗ ger Unheil an, als es schon mancher Wunderdoktor getan hat, zu dem gläubige Seelen in Scharen stlirmten. Den reichen Juwelier Griesinger, Schwager des Doktors, gab Albert Stettner ganz vorzüglich; dasselbe ist von seinerin Ehren grau gewordenen Haushälterin zu sagen, die Else Jüngling prächtig darstellte.

Hervorzuheben sind noch: Martha Schild als liebenswürdige ung nachsichtige Gattin des Gutsbesitzers, Auguste Frenzel, die Frau des Doktors und Else Burghoff, dessen Tochter, die nach eini⸗ gen Schwierigkeiten vom Referendax Gerstel als Braut heimge⸗ flihrt wird. Die wohlgelungene Vorstellung wurde von Otto Conradi geleitet..

Stadttheater. Lothar Schmidts KomödieDie Venus mit dem Papagei, die heute hier zum ersten Male gegeben wird, ist fast auf allen größeren Bühnen Deutschlands mit Erfolg in Szene gegangen, so auch am Schauspielhause in Frankfurt a. M. Am Königl. Hoftheater in Berlin hat das witzige Werk eine ganze Reihe von Aufführungen erlebt und auf mehreren Bühnen steht es in Vorbereitung. In Hauptrollen sind hier beschäftigt die Herren Goll, Steinhofer, Dworkowski und Hellmuth, 8205 die Damen Burghoff, Frenzel, Jüngling und D 1.

Harbach(Oberhessen), 28. Ofnt. Vom Mühlrad er⸗ drosselt. Von einem recht schweren Unglück wurde die ge⸗ achtete Familie des Müllers Bräuning in der Kolbenmühle zwischen Harbach und Ettingshausen betroffen. Dieser Tage, mittags, als die Familie zu Tische saß, fehlte deren 16jähriger Sohn. Man suchte nach ihm und sand ihn in der Mühle tot vor. Die Welle des Rades hatte seine Kleider erfaßt, so daß ihm das Hemd die Kehle zuschnürte und er so einen schrecklichen Tod fand. Die Familie ist umsomehr zu bedauern, als sie bereits einen braven Sohn in den Karpathen auf dem Felde der Ehre verloren hat; ihr dritter Sohn kämpft mit unseren Truppen gegen Serbien.

Kreis Metlar.

n. Erhöhung der Kriegsunterstützung. Der Wetzlarer Landrat gibt bekannt, daß ab 1. November bis einschließlich April die Reichs⸗ Familienunterstützung infolge der außerordentlichen Preissteigerung aller Lebensmittel erhöht wird. Ehefrauen haben jetzt 15 Mark und sonstige unterstützungsberechtigte Personen 7,50 Mark pro Mo⸗ nat zu beanspruchen. Das war für die Kriegersamilien sehr nötig, zumal im Kreis Wetzlar wesentlich niedrigere Anterstützungen ge⸗ mährt werden zur Staatsunterstützung als in Nachbar⸗ und anderen Kreisen. Die allermeisten Gemeinden leisten überhampt keinen Zu⸗

schuß, nur Krofdorf und eimige andere Orte machen eine Aus⸗

nahme.

n. Kartoffeln bietet die Stadt Wetzlar ihren Einwohnern am Wor seinen Winterbedarf an Kartoffeln noch nicht gedeckt hat, kann seine Bestellung auf dem Rathaus, Zimmer Nr. 19, gufgeben. Die

Stadt will Kartoffeln zum Preise von 3,50 bis 3,60 Mark den Zent⸗.

ner beschaffen. Kreis Marburg⸗Kirchhaln. 1

Stadtverordneten⸗Wahlen. Der Marburger Magistrat hat die diesjährigen Ergänzungs wahlen zur Stadtverordneten⸗ Versammlung auf den 15. November anberaumt. Sie werden voraussichtlich im Zeichen desBurgfriedens stattfinden.

Westerwald und Unterlahn.

* Lohnzulagen. Die Eisenbahnarbeiter der staatlichen Werk⸗ stätte in Betzdorf erhalten jetzt infolge der allgemeinen Teuerung eine Kriegs⸗Lohnzulage. Ledige Arbeiter bekommen 7 Mark, ver⸗ heiratete ohne Kinder 10 Mark, bis zu 3 Kindern 15 Mark und über 3 Kinder 20 Mark. Sonderbarerweise sollen die Familien der zum Kriegsdienst einberufenen Arbeiter leer ausgehen.

Bon Nah und Fern.

Lindheim i. Oberh., 28. Okt. Ein weiblicher Barbier von 85 Jahren. Mit vielem Tamtam so schreibt man aus dem Vogelsberg wurde dieser Tage von Berlin aus die Nach⸗ richt verbreitet, daß dort der erste weibliche Barbier in die Innung aufgenommen und damit in Deutschland den Frauen ein neuer Beruf erschlossen sei. Das stimmt nicht. Das kleine Vogelsberg⸗ dörfchen Lindheim bekannt durch seine Hexenprozesse hat in seinerLippe⸗Hannese-Marie bereits seit einem halben Jahr- hundert einen weiblichen Barbier. Eine kleine, jetzt 85 Jahre alte Greisin, so schwingt dieLippe⸗Hannese-Marie, wie sie mit ihrem Mädchennamen von jung und alt genannt wird, noch heute wacker das Schaumbecken.

Familiendrama. In Lauen bei Bad Schönau hat die Frau des wegen Betrügereien im Gefängnis sitzenden Arbeiters Ackerleim ihren drei Kindern das Leben genommen, indem sie ihnen mit einem Rasiermesser schwere Schnittwunden am Halse beibrachte. Die Frau, die sich selbst schwer verletzte, liegt hoffnungslos im Krankenhause. Sie soll die Tat aus Verzweiflung über das Vergehen ihres Ehe⸗ mannes verübt haben.

Telegramme.

Lagksberict des grofen Huupthuatfierk

Die Oktober⸗Beute im Osten.

W. B. Großes Hauptquartier, 1. Nov., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz,

In der Champagne schritten die Franzosen bei Tahure nachmittags zum Gegenangriff. Sie wurden ab⸗ gewiesen. Die von unseren Truppen am 30. 10. gestürmte Butte de Tahure sist fest in unserer Hand ge⸗ blieben. Die Zahl der in den letzten beiden Tagen ge⸗ machten Gefangenen ist auf einunddreißig Offi⸗ A ce eintausendzweihundertundsieben⸗ siebzig Mann gestiegen.

Bei Combres kam es Nahkampfmitteln.

Leutnant Bpelcke hat am 30. 10. südlich von Tahure einen französischen Doppeldecker zum Absturz ge⸗ bracht und damit das sechste feindliche Flugzeug außer Ge⸗ fecht gesetzt. In der Gegend von Belfort fanden mehrere für die deutschen Flieger erfolgreiche Luftgefechte statt.

Oestlicher Kriegsschauplatz,. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg.

Beiderseits der Eisenbahn Tuckum Riga gewannen unsere Truppen im Angriff die allgemeine Linie Raggasem Kemmern(westlich von Schlok)Jaunsem. Feindliche Gegen⸗ stöße wurden zurückgeschlagen.

Westlich und südwestlich von Dünaburg wurden starke russische Angriffe abgewiesen. Zwischen dem Swenten⸗ und Ilsen⸗See war der Kampf besonders heftig; er dauert dort an einzelnen Stellen noch an. Vereinzelte feind. liche Vorstöße nördlich des Dryswjaty-Sees scheiterten eben⸗ falls. Der Gegner hatte große Verluste.

Bei Olai(südwestlich von Riga) wurde ein russisches Flugzeug zur Landung gezwungen; Führer und Beob⸗ achter sind gefangen genommen.

Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern.

Oestlich von Baranowitschi wurde ein russischer

angriff nach Nahkampf abgeschlagen.

zu lebhaften Kämpfen mit

Nacht,