Organ für die Interessen der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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* Nr. 252
Gießen, Mittwoch, den 27. Oktober 1915
10. Jahrgang
Neue
0 ypern, ein Schacherobjekt.
England hat Cypern in diesen Tagen Griechenland angeboten, ü den Fall, daß Griechenland seine Neutralität aufgibt und die Affen gegen Bulgarien und die Zentralmächte erhebt. Damit ist Cwern wieder einmal in den Mittelpunkt großer politischer Zu— se menhänge gerückt und die Augen der Welt richten sich auf diese Wel, die von jeher die Sehnsucht vieler imperialistischer Gelüste be. Die Insel ist die drittgrößte im Mittelländischen Meer und a Naturschätzen, besonders an Erzen, außerordentlich ertragreich. n besonderen beherbergt es reiche Schätze des jetzt so viel be⸗ genten Kupfers. Ihre Verwaltung ist seit dem 4. Juni 1878 nach de mit dem türkischen Sultan damals abgeschlossenen Konvention is englische, die Insel ist aber nach dem Ausbruch der Feind⸗
seigkeiten mit der Türkei am 5. November 1914 von England awektiert worden, sodaß England sie jetzt besitzt und als ein Sacherobjekt für seine Interessen verwendet. Es ist aber bei⸗
läßig bemerkt ein Irrtum, wenn in der Presse behauptet wird, der Aste Teil der Bevölkerung bestehe aus Griechen. Man will da⸗ von englischer Seite so etwas wie ein nationales Anrecht iechenlands konstruieren. In Wirklichkeit sind von den zirka 30 000 Einwohnern nur geringe Teile rein griechisch, während die e aus Mohammedanern und nichtgriechischen Christen
It. Die weltpolitischen Schicksale Cyperns sind ein Musterbeispiel modernen Imperialismus, sodaß es sich auch aus diesem Cunde lohnt, in die gegenwärttige Diskussion über Cypern ein⸗ zweifen. Die Insel wurde, wie erwähnt, für die guten Dienste, MEnglaud der Türkei nach dem russisch⸗türkischen Kriege geleistet lane, im Frieden von Stefano 1878 den Engländern zur Verwal- g übergeben, um sie besser instand zu setzen, den Bedingungen Vertrages nachzukommen, die sich hauptsächlich auf den Schutz den Türkei gegen Rußland bezogen. Mit Recht erinnert der be— ürate immer sehr sachliche Orientpolitiker Trietsch in einem hreichen Aufsatz in der Balkan⸗Revue(Berlin— Balkan-Ver⸗ La daran, daß die Cypernkonvention in der Tat nichts mehr und its weniger bedeuten sollte, als ein englisch⸗türkisches Bündnis len Rußland, und daß die Verwaltung der Insel im Sinne des Wetraßses den Engländern in der Hauptfache als strategische Basis gien Rußland dienen sollte. Daneben spielte allerdings auch noch de Erwägung eine Rolle, daß die englische Verwaltung Cyperns i Art Muster abgeben sollte für die Reformen, die auch in an⸗ dein türkischen Provinzen nötig waren und, wie man hinzufügen kun, noch durchaus nötig sind. In Wirklichkeit hat aber England mit Cypern ganz andere, uwerialistische Zwecke verfolgt. Cypern als is gegen Rußland zu verwenden wäre für England, z See angreifen konnte, nur ein Umweg gewesen. hire Malta jederzeit besser entsprochen. U a Isssche Bedeutung Cypern lag für England darin, daß es von hier al die weitere Entwicklung der ägyptischen Verhältnisse be⸗ susers im Hinblick auf den Suez⸗Kanal im Auge behalten kounte un außerdem bot für England die große Nähe der syrischen und 8 un Küste— die letztere ist nur 41 Meilen, die erstere Meilen entfernt— die Gelegenheit zu allerlei weiteren Unter⸗ mungen politischer und wirtschaftlicher Art im türkischen Reiche. England hat diese Absichten in den letzten Jahren vielfach ver⸗ züklicht und das weltbritannische Interesse weit über die lokalen ressen Eypern als türkische Provinz gestellt. Auch Trietsch hebt em genannten Aufsatze durchaus hervor, daß die britische Ver⸗ ung der Jusel große wirtschaftliche und besonders technische besserungen gebracht habe. tritt aber mit großer Energie r ein, daß Cypern an die Türkei zurückfallen müsse, zu der es wirtschaftlichen und nationalen Gründen gehöre und er läßt deutlich durchblicken, daß bieselben Aufgaben, die bisher Eug⸗ für die Entwicklung der Insel von der Türkei übertragen er⸗ en hatte, nach diesem Weltkriege auf Deutschland über⸗ n müßten. 5 a Ju diesem Ausblick können wir gegenwärtig aus den bekannten unden nicht Stellung nehmen, aber wie man sich auch zu der Zu⸗ At Eypern stellen mag. soviel ist nach den sehr objektiven Qar⸗ ungen von Trietsch durchaus erwiesen, daß das gegenwärtige Auchergeschäft Englands mit Griechenland ein reines Scheu Kchäft darstellt, mit dem England nur Griechenland ködern ö 1 später an ihm ebenso treulos zu handeln, wie an der i.
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die Italiener beteiligen sich an der Beschießung. Brindisi, 25. Okt.(W. T. B. Nichtamtlich.) Nach einen! de eingelaufenen drahtlosen Telegramm nimmt ein italieni⸗ es Geschwader an der Beschießung und Blockade der bul⸗ chen Züste teil.
„ russische Flotte bombardiert Warna und Burgas
T. U. Rotterdam, 25. Okt. Der Matin meldet, daß 5
süsche Flotte die bulgarischen Hafenstädte Warna un urgas bombardiert hat.
Die griechische Mobilisierung beendet.
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strategische nde ale ach, das ja nur behandeln und zu entscheiden, die ihm politisch Diesem Zwecke Danel 0 e N df Die tatsächliche imperxia- gewiß auch nicht bei allen Diplomaten sinde. bat er sich zweifellos die größten Verdienste um das Zustandekom⸗
Gewaltsame Erpressung.
Die Pariser Presse erklärt, sie habe erwartet, daß Griechen⸗ land das Angebot Englands betreffend die Abtretung Cy perns ablehnen werde und bedauert, daß es überhaupt erfolgte, da es als Zeichen der Schwäche des Vierverbandes aus⸗
gelegt werden könnte. Es sei zu erwarten, daß der Vierverband noch andere Schritte auf dem Balkan unternehmen werde, die
hoffentlich durch Beweise der Kraft des Vierverbandes unterstützt würden. Die Blätter deuten an, daß energische Maßnahmen, wie beispielsweise die Blockade der griechischen Küste durch
die Ententeflotten, geeigneter seien, Griechenland auf die Seite des Vierverbandes zu bringen, als die größten Versprechungen. Rußland, das Rumänien gegenüber wirksame
Aktionsmittel besitze, solle seinerseits Bukarest zum Anschluß an den Vierverband bewegen. In einem Atemzuge wird einerseits erklärt, der Vierverband müsse seine Macht auf dem Balkan zeigen, um Griechenland und Rumänien von seiner Ueberlegenheit gegen— über den Mittelmächten zu überzeugen, andererseits wird erklärt, daß ohne Intervention dieser beiden Staaten der Vierverband nur geringe Aussichten auf Erfolg habe. Wenn man in Athen und Bukarest Gewaltmittel anwenden wolle, um beide Staaten zur Teil⸗ nahme zu bewegen, sei sogar ein derartiges Verfahren nicht unbe⸗ rechtigt, denn die Interessen beider Staaten stimmten ja mit den⸗ jenigen des Vierverbandes überein.
Freiherr von Wangenheim gestorben.
Konstantinopel, 25. Okt. Der deusche Botschafter in der Türkei, Frhr. v. Wangenheim ist heute früh 634 Uhr gestorben. Die Trauer um das Ableben des hochverdienten Botschafters
ist allgemein. ö ** 0
Mit dem verstorbenen Botschafter in Konstantinopel, Frhrn. von Wangenheim, verliert die deutsche Diplomatie zweifellos eines ihrer sumpathischsten Mitglieder. Es war seit langem bekannt, daß er zu den wenigen alten Diplomaten gehörte, die selbst in schwie⸗ rigsten Situationen mit großem Erfolg für die deutsche Sache ge⸗ wirkt haben. Er war 1859 in Georgenthal in Thüringen geboren und hat dann später die Offizierslaufbahn beschritten. Sein diplo⸗ matischer Beruf führte ihn nacheinander nach Madrid, Stuttgart, Lissabon, Kopenhagen, Konstantinopel, Mexiko, Tanger, Athen und schließlich wieder nach Konstautinopel, wo er seit August 1912 als Nachfolger des Freiherrn v. Marschall wirkte. Er wird allgemein als ein Schüler dieses bedeutsamen Mannes betrachtet und man rühmt ihm eine besondere loyale Art nach, auch solche Fragen zu vielleicht nicht lagen. aneben wird seine starke Arbeitsfreudigkeit anerkannt, die man Im besonderen aber
men des deutsch⸗türkischen Bündnisses erworben und um die Schnelligkeit, mit der die Türkei, in den Weltkrieg an der Seite der Zentralmächte eingegrifsen hat. Diese Vereinigung der türkischen Anteressen mit denen der Zentralmächte dient nicht nur den mili⸗ tärischen Interessen der letzteren, sondern vor allem der Erhaltung der türkischen Selbständigkeit und dem Aufbau einer besseren Zu⸗ kunft des Osmanenreiches. Darum wird der Tod des Frhrn. von Wangenheim sicherlich in der Türkei gleichfalls betrauert werden.
Der türkische Bericht.
Konstantinopel, 25. Okt.(W. T. B.) Bericht des Haupk⸗ quartiers vom 24. Oktober: An der Dardanellenfront ließen bei Anaforta unsere Patrouillen feindliche Patrouillen in einen Hinterhalt fallen, töteten einen Teil und trieben die übrigen in ihre Gräben zurück. Unsere Artillerie zerstörte eine Minenwerferstellung und eine vom Feinde wiederherge— stellte Barrikade, die erst kürzlich von uns in Trümmer gelegt worden war. Bei Ari Burnu und Sedd⸗ül⸗Bahr dauert das gewöhnliche Insanterie- und Artilleriefeuer und Bomben⸗ werfen an. Ein feindlicher Torpedobootszerstörer beschoß wirkungslos einige Punkte. Saonst nichts Neues.
Der Seekrieg. Ein englischer Truppentransportdampfer versenkt.
Die Köln. Ztg. meldet vom 20. Oktober: An der Küste der Insel Wight wurde ein englischer Truppentransport⸗ dampfer von einem deutschen Unterseeboot versenkt. Das Schiff sank sehr schnell. Zahlreiche Soldaten sprangen über Bord.
Ein englischer Truppentransportdampfer bei Salonik versenkt.
T. U. Athen, 25. Okt. Hiesige Zeitungen melden, der englische Truppentransportdampfer„Marketi“, mit tausend englischen Soldaten, Maultieren, Munition und Kranken⸗ pflegern, wurde bei Tsagesi an der Ostküste des Hafens von Saloniki versenkt. 83 Mann sind gerettet.
Ein französischer Dampfer versenkt. T. U. Paris, 25. Okt. Nach einer Meldung des Journal hat ein deutsches Unterseeboot ein französisches Schiff mit
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50 Ambulanzen an Bord im Aermelkanal torpediert. *
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erben!
Vergeltung russischer Völkerrechts⸗ verletzungen.
Während der Kämpfe auf dem östlichen Kriegsschauplatz haben russische Flieger und russische Patrouillen Bekanntmachungen in die deutschen Stellungen geworfen, worin behauptet wird, daß die deutschen Streitkräfte Dumn⸗Dum⸗Geschosse benutzten; gleichzeitig werden diejenigen deutschen Soldaten, die auf Abschnitten ge⸗ sangen genommen werden, wo Dum-Dum-⸗Geschosse Verwendung finden, mit Erschießung bedroht. Wie die Nordd. Allg. Ztg. mit⸗ teilt, hat die deutsche Regierung durch Vermittlung einer neutralen Macht gegen den russischerseits erhobenen Vorwurf der Verwend⸗ ung völkerrechtswidriger Geschosse auf deutscher Seite bei der russi⸗ schen Regierung nachdrücklich Verwahrung eingelegt und darin fol⸗ gendes betont: 5 „Die deutschen Truppen bedienen sich der Dum-Dum⸗-Geschosse nicht und werden dies guch in Zukunft nicht kun. Die russischen Militärbehörden sind nicht in der Lage, den Nachweis hierfür zu erbringen. Aus der Beschaffenheit von Wunden allein könne, wie bekannt, ein Schluß auf Verwendung von Dum-Dum⸗JGeschossen nicht gezogen werden, weil unter besonderen Umständen und auf nahe Entfernungen auch ein normales Vollmantelgeschoß Verletz⸗ ungen hervorrufen kann, die denjenigen eines Dum⸗Dum⸗Ge⸗ schosses nicht unähnlich sind: besonders ist eine einwandfreie Fest⸗ 1 0 solcher Geschosse im Körper nur durch Röntgenaufnahmen möglich..
Die deutsche Regierung hat für den Fall, daß russischerseits deutsche Gefangene unter der falschen Beschuldigung der Ver⸗ wendung von Dum⸗Dum⸗Geschossen erschossen werden sollten, die schärfsten Gegenmaßregeln angedroht. Das gleiche werde geschehen, wenn, wie es in den Bekanntmachungen heißt, deutsche Soldaten lediglich deshalb erschossen werden sollten, weil in den Abschnitten, wo sie gefangen genommen worden seien, angeblich mit Dum⸗Dum⸗ Munition geschossen worden sei, also nicht einmal hehauptet werde, daß die Gefangenen selbst völkerrechtswidrige Geschosse benutzt hätten. Die deutsche Regierung hat dabei nicht unerwähnt gelassen, daß sie zur Anwendung von Gegenmaßnahmen um so eher in der Lage sei, als sich in deutscher Kriegsgefangenschaft eine ganze Reihe russischer Soldaten befänden, die nachgewiesenermaßen oder nach ihrem eigenen Geständnis mit Dum-Dum⸗Geschossen geschossen. Deutsches Mehl für Wien.
Es ist gewiß eigenartig und bemerkenswert, daß die Hauptstadt des— wenigstens nach den Behauptungen der Agrarier— überwiegend landwirtschafttreibenden Oesterreich nur durch starke Zufuhr von Weizenmehl aus Deutschland im vorigen Wirtschaftsjahr von dem zwejfelhaften„Genuß“ des Maisbrotes, nachdem er lange genug gedauert hatte, be⸗ freit werden konnte. Das hat der Bürgermeister Dr. Weis⸗ kirchner ausdrücklich im Wiener Stadtrat in seinem letzten Bericht über die Mehlversorgung festgestellt. Er teilte mit, daß am 1. Juli die ersten 2000 Säcke deutschen Weizenmehls auf der Donau in Wien eintrafen. Die Zufuhr wurde den ganzen Juli fortgesetzt und Ende Juli begann die Abgabe des Mehls an die Bäcker und die Abgabe des allerdings sehr wenig beliebten Maismehls hörte auf. Bisher wurden 1490 Waggons deutschen Mehls abgegeben. Jetzt scheint die Zu⸗ fuhr deutschen Mehls eingestellt zu sein— offenbar weil bereits inländisches Mehl aus der neuen Ernte zur Verfügung steht— denn die Bäcker beklagen sehr, daß sie das deutsche Mehl nicht mehr bekommen, das zur Brotbereitung sehr gut, nur zum Kochen weniger geeignet empfunden wurde.
Die Deckung der englischen Kriegskosten.
England hat auch während des Krieges Vorzüge, die kein ehr⸗ licher und porurteilsloser Mensch ableugnen kann. Zu diesen Vor⸗ zügen gehört auch, wie bekannt, die Art der Deckung der Kriegs- kosten. England hat gleich nach Kriegsausbruch einen großen Teil der Kriegskosten nicht durch Anleihen, sondern durch Steuern ge⸗ deckt, und hat dadurch ein Vorbild gegeben, das durchaus nach⸗ ahmungswert bleibt. Die Agitation, die englischen Kriegslosten auch weiterhin auf diese Art zu decken, wird in England unentcdeg! fortgesetzt. Jetzt wird besonders dafür Propaganda gemacht, genen die Luxusbedürfnisse der englischen Bourgeoisie vorzugehen und die Beträge, die sie erfordern, vorweg in Geldform zu konsisz een. Auf diesem Gebiet arbeitet jetzt besonders der liberale Adgeor dure Money, der seinem Namen alle Ehre macht. Er rechnet aus, das bisher in England jährlich für alkoholische Getränke 100 Millionen Pfund, für nichtalkoholische Getränke einschließlich Tee 70 Millions, Pfund, für Tabak 35 Millionen Pfund und für Automobile 75 Mil- lionen, zusammen 340 Millionen Pfund ausgegeben würden. Da das Kriegsdefizit Englands am 31. März 1916
voraussichel ch 615 Millionen Pfund betragen werde, so könne man durch Kon⸗ fiskation von 340 Millionen Pfund im voraus die Halfte dieses Defizits illusorisch machen. Im übrigen setzte er auch sonst den eng⸗ lischen Feldzug für Sparsamkeit fort und verlangt für diefen be⸗ sonderen Zweck eine Zwangsanleihe, die allen Steueryflichtigen von einer gewissen Minimalgrenze an aufzuerlegen wäre und bei der das dem Staat zu leihende Kapital in Raten eingezahlt werden könnte. In dieser Steuer sieht er ein sehr durchgreisendes Mittel, zur Sparsamkeit zu zwingen. Auf der andern Seite sordert er aber auch, daß die Regierung nicht weiter das Geld ohne alle Rück⸗ sicht auf die Erfordernisse der Volkswirtschaft zum Fenstex hinaus⸗ werfe. Für diese Forderung führte er eine Reihe von Veispielen an, die sich auf die Art und Weise beziehen, wie die Regierung die Rekruten wirbt, wie sie hierbei ohne Sinn und Verstand in die
Fabriken und landwirtschaftlichen Betriebe eingreift, wie ste im


