Beilage zur „Neuen Tageszeitung".
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Nr. 232 Samstag, den 3. Oktober 1914. > 7 . lalsrgong
-Xus meiner Dorfkirche.
Allerhand t?Icnt> Lurch dr» Krieg.
I. 3. ». 17,ls.
Wenn aber joman'o auf dieser Welt Güter hat und sieht leinen Bruder darben, und schließt sei» Herz vor ihm zu, — wie bleibet tue Liebe Gatte? bei ihm? Meine xiudleiu laßt uns nicht liebe» mit de» Worte» »ach mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.
Liebe Gemeinde!
Was ist doch dieser Krieg so schrecklich! Nu» hatten wir gestern und heute wieder zwei Todesnachrichten draußen Val» Schlachtfeld — das ist nun schon der dritte und vierte Fall für unser kleines Tors. Erschüttert stehen wir alle inil den schwcrgetrosseuen Familien. In den ersten ilneenblickeu. lven» einem die Not des Krieges so bar Augen nesiihrt wirb, ist es ja nur zu berjtändlich, wen» in uns der Gedanke auskoinmt, was für ein Fluch ist dach der Krieg und luiii für einen fürchterlichen Finch babrni doch die auf sich geladen, die an diesem Kriege schuld silid! Aber dann regt such daneben im Ebristeni,erzen doch die Erinnerung an das Liebeswort: Mein ist die Nachc spricht der Herr — und ich glaube wirklich, wir können dein da draben die Rack>c ruhig liberlassen: Er wird schon sorgen, daß Recht — Recht bleibt. Und iudeur tvir so denke» wachst in unserem Herzen ein zweites Bibelwart auf! das Wort all? deni Röuierbries, daß denen die GEt lieben alle Dinge znnl Besten dienen ■ >a lrir können- überhaupt sei». Gatt leiste uns diese sckiw^t.- Last nicht aus die Seele, wenn sie uns nicht ails irgend eine»! Grunde ilötig wäre! In solckm» Vertrauen wollen nürs tragen und »ns tragen Helsen, zu den beiden Bibel- werten von denen wir eberr sprachen, must da jetzt noch ein drhkles in uns anflcnckften, das eben, das wir zu Anfang gebört haben. Meine Kindlein, laßt uns nicht lieben mit Warten und mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit! Gegen all diese Not des Krieges, die nun hundertfach an uns hcrantritt, ilnd innncr stärker heran- tieten wird, bleibt uns nur ein Waffe: llnsere Liebe! Wir müssen mit jeder Tranernachricht mehr zujammenwachsen mit einer Liebe, die kein Wen» und Aber mehr kennt, die nur helfe,: will init reicher Hand, ans vollem Herzen! Auch heule möchte ich eure Augen lenke» aus solche Nöte, die vielleicht scheinbar mit dem Krieg nichts zn tim habe», und dom daraus stannneii! Wir gaben jetzt viel und gern für die.Hungernde» und Frierenden draußen, für die Verwun- delen und Kranken, die znriictkoinmcn, aber wie ists denn mit denen, die in Friedenszeiten von linieren Gab«r leben mnssten, und nun im Krieg doch auch nicht ohne sic bestehe» sännen? tlm nur zwei heranszugreisen: Wir denken an die Hunderte von unglücklichen rpileptiütien Kindern in Nieder- Ramstadt und anderen Answlten des dentjckre» Vaterlandes, und wir denken an die Missionen dranssen im Heidenlandl Wir haben ja wohl in den ersten Kriegswochcn diese Sorgen leiseste geschoben, und gemeint, dafür ist jetzt keine Zeit — nnd uür konnten »ns da mit einem geivisse» Recht sogar im dea Herrn Jos»? selber berufen, der mit seinem Wort: Arme babl ilir allezeit bei Euch, aber mich habt ihr nicht allezeit bei euch, uns sestmr gelehrt hat, daß das Große vor dem Kleinen geht. Aber ganz lässt sich damit die Sache doch nicht abtim, der Herr Jesu? bat ja auch doch den Ar- men geholfen, trotz dieses Wortes! Wollen wir denn die armen Kinder in Niedet-Ranistadt vcrhimgcr» lassen weil Ki ieg ist: gewinne» wir darum Sieg ans Sieg, damit wir die? ganze große Licbeswerk nun zn Grunde gehen lassen und die unglücklichen Kranke» ans die Straße jagen? — Und dann die Mission! Wir niiissen auch ixi einmal- die Angen ansmachen, und Hineinsehe» i» das Elend, in das imsrre Missionare durch den Krieg gekomme» sind! Drallsten im wildsremden Land, abgeickmitten vo>: der Heimat, sein Vries kann mehr hinüber und herüber, abgeschnitte» vy.i ihren Lieben man muß nur einmal bedenken, daß die meisten Missionarsfaniilien ihre Kinder in Europa haben 'N-d i-im mi'Il.'irfit nur Aal,re nicht ivisten sollen wie es
ihrren geht, ob sie noch gesund sind, ob sic noch leben! Und dazu, scheinbar äußerlich, »nd doch so sehr wichtig und ab- geschnitten vom Geld — im fremden Land unter srcinden Menschen nnd keinen Pfennig in der Tasche um sich ein Stück Brot zu kaufen. Und wenn nun gar erst der Krieg da draußen losbricht? Wenn die Neger, die Inder, die Chinesen aofangen werden sich gegen die Weißen zu erheben! die fragen nicht: Dentscher oder Engländer, sie werden sagen: ein Weißer, und darunr schlagt ihn tot. Und damit konmien wir zum Schlimmsten: llnsere Missionare und vor allen, unsere Missionarinncn da draußen, haben keine Waffe! Ihre Waffe ist ihre Liebe und ihie Gottesfurcht! Und gerade in den letzten Jahren hatten diese Liebe und Gottesfurcht angefangen, gewaltigen Eindruck auf die Herzen der Heidenwelt zn machen! Aber wie wird das jetzt! Höhnend werden sic draiißen nach Europa zeigen, und werden sagen: Ist das die Liebe, die ihr uns bringen wollt? Und der Friede? Höhnend werden sie fragen: ist das eure Gottesfurcht, die mit Lug und Trug, mit Gewalttat und Schandtat liillgeht? Auf die Engländer werden sie unsere Missionare weisen, »nd werden sagen: seht von denen sind die meisten euerer Genossen gekommen: und so werdet ihr alle sein! Ihr denkt: für uns Herden: Liebe und Gottesfurcht und für euch Europäer das Geschäft! — Ja man könnte aufschreien von Zor» und Schmerz, wenn inan daran, denkt, wie dieses Volk, das sich jahrzehntelang als das christlichste Volk und erste Missionsvolk der Erde hingestestt bat, so aus reinem Gcschästsneid dieses ganze blühende Werk zngrnnde richtet! Aber auch hier gilt »ns Christen das Wort: mein ist die Rache, spricht der Herr — und er wird sic fürchterlicher üben, als wir sie ihm üben könnten! Uns bleibt auch dieser Not gegenüber nur unsere Liebe! Es ist ja ganz gewiß, »nd keiner meint es anders: in erster Linie gehört eben unsere Liebestat den Soldaten, die Blut und Leben für uns einsetzen. Da wissen auch die Missions- anstalten selber, die alle mit Einschluß der Basler, die gar nicht aus deutsche,n Boden steht, ihre Räume als Lazarette eingerichtet haben. Wenns nötig wäre, inüßten wir für i-nscrc Soldaten auch das Letzte hergeben: Aber, liebe Gemeinde — ist denn das nötig? Frage sich doch jeder selbst! Haben wir- schon angefangen morgens Gcrstensiippe zu essen, statt des Kaffees-? Essen wir etiva unser Brot trocken um Butter zn sparen? Muß etwa die Hausfrau beim Mittagessen sagen: Mehr gibts heute nicht, der Rest ist für die Soldaten? Verkaufen wir etwa unsere guten Möbel, um Geld zu bekommen? Ach »ein! Was das heißt: das lctztc hergeben, davon haben wir ja noch gar keine Ahnung! Und wir meinen, solange Gott es uns noch so gut gehen läßt, muß auch immerhin da und dort ein Stücklein ab- falleli für die, die es nötig haben. Für die Kranken nnd Armen daheim, für die Missionare draußen: Freilich bei denen tuts das Geld allein noch nicht. Da muß schon das letzte Mittel heran, das sich schon in der ganzen letzten Zeit so sehr bewährt hat: unser Gebet! Wer für einen anderen betet, der übt Liebe mit der Tat und Wahrheit. Und das ist das Wichtigste: daß tvir die Liebe mit der Tat und Wahrheit nickst vergessen im Krieg — dann wird Gott schon wei- terhelsen. Amen.
Chronik« der Arieyspeschichle.
27. September.
Die Speersorts südlich Verdun stellen ihr Feuer ein.
Aus dem äußersten rechten Flügel unserer Stellung im Westen machen Franzosen und Engländer mit Hilfe ihrer Eisenbahnen eine» neuen Nmgehungsoersuch. Eine sranzösische Division wird bei Bapaninc zuriickgeschlagen nnd der ganze Vorstoß zum Stehen gebracht.
Im übrige» bleibt die Lage aus allen Kriegsschauplätzen unverändert.
28. September
Rach einer sranzösischcii Meldung betragen die Verluste der Engländer und Franzosen in der riesige» Schlacht an der Aisne (also im Zentrum und aus dem westlichen Flügelf bereits 100 OüO Mann an Verwundete».
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Die Franzosen geben das seit einige» Tagen stattsindende ersolgreiche Vordringen der Deutschen bei Verdun, im Zentrum und aus dem westlichen Flügel zu.
In kleineren Kämpfen vor Antwerpen sind die Deutschen siegreich. Ausfälle werden zurückgcwiesen. “ *■
29. September.
Die Beschießung der Forts uon Antwerpen beginnt
Oesterretcher und Deutsche gehen in Galizien zur Of über.
v. Hindenburg beginnt die Vejchießling der russischen Fest ling Ofsowice.
Der klein« Kreuzer „Emden" hat weilere vier Dampfer der Engländer im bengalische» Meerbusen (Indien) versenkt 2«. September.
Unser rechter Flügel warf nördlich und iüdlich von Albert überlegene feindlich« Kräfte mit schwere» Verluste» zurück. — I» den Argonnen geht unser Angriss langsam, aber stetig vor- wärts. — In den Vogesen wurden sranzösische Angrisse zurück- geschlagen. — Vor Antwerpen wurden zwei Forts zerstört. Erzherzog Friedrich von Oesterreich sagt in einem Armeebefehl, daß die russische Offensive in Galizien im Begrisse sei, zusam- menzubrechen. — Der deutsche Kreuzer „Emden" hat nach englischen Meldungen'vier englische Dampfer weggenommcn und in den Grund gebohrt. — Die Japanesen haben die deutsche Stellung bei Tsingtau angegriffen. -
1. Oktober
Auf unserem rechten Flügel wurden die Höhen von Roge und Fresnoy den Franzajen entrissen. — Bei St. Mihiel wurde tm Ausfall von Toul her unter großen Verluste» für die Franzosen zurückgewtesen. — Die Deutschen rücken in der Gegend von Nancy vor. — Ein neuerlicher Einfall der Serben aus kroatisches Gebiet endete mit einer schweren Niederlage der Serben, die Tausende von Toten, Verwundete und Gefangene verlöre»
Mit Liebesgaben nach Frankreich.
Eine Kricgsreis« von Friedberg nach Vonziers.
Nach langem Hangen und Bangen tonnten wir Frisdberger am Montag, den 2l, September in vier Automobile» unsere Fahrt »ach dem Kriegsschauplatz mit Liebesgaben «»treten Wir beabsichtigten schon früher wegzusahren und waren unsere Wagen auch schon seit Freitag vormittag gepackt, jedoch ohne Benzin kann man bekanntlich nicht fahren und trotz eifriger Bemühungen des Vorsitzenden des Noten Kreuzes hier, sowie persönliche Fürsprache Ihrer Königlichen Hoheit hatte uns das Generalkommando Frankfurt kein Beuzi» sreigegebev. Da inzwischen Benzol wieder frei geworden war, entschlossen wir »ns, ein Gemisch von Bensol und Spiritus zu fahre» und ff gelte» nach vieler Mühe und Verdruß, wie schon bemerkt, am Montag nachmittag ab. Der Start ging gut vonstatte», i» langsamen Tempo die Oberwöllstaoter Höhe hinauf. Leider mußte zu ansang ein vorwitziges Gänscheii sein Leben laßen, was Gott sei Dank das einzige blutige Ereiguis bei unserer Fahrt geblieben ist. Wir fuhren über Vilbel, Franlfurt, wo noch einige Einkäufe gemacht wurden, nach Mainz. In Hochheim wollten wir noch einmal Station mache» und de» be lannte» Hochheimer versuchen, was jedoch leider nicht bei alle» Teilnehmern Anklang fand. Nach guter Fahrt langten wir li iihr 15 Minuten am Hauptbahnhos in Mainz an. Hier mel deteu wir uns aus dem Bureau des Raten Kreuzes und bei der Stadtloinmandantur, wo wir freie Garage bewckligt be kamen und weiteres Benzin angebalen bekamen, da wir doch für militärische Zwecke fahre» würden.
Am anderen Morgen waren wir pünktlich am 5 Ilhr zur Stelle zur Abfahrt bereit; jedoch wurde uns die Zeit lange gemacht, da unsere Kollegen 3 Autos von Gießen und 7 von Darmstadl erst um 7 Uhr ankameu. Zu ihrer Entschuldigung sei gesagt, daß ein Auto durch den starlen Nebel in ein Fuhrwerk gefahren war und es hierdurch einen unliebsamen Aufenthalt gab.
Jetzt ging es mit »njeren 14 Wagen, geschmückt mit Eichenlaub und mit Roten Kreuz-Fahnen in flotter Fahrt, was man bei einer Belastung von 8—1Ü Zentnern flotte Fahrt heißen kann, aus Mainz heraus. Hier in Mainz bekam man schon einen kleinen Eindruck, was Krieg heißl, nichts als Militär
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