Ausgabe 
14.10.1915
 
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der

Organ für die Interessen

a des werktätigen Volkes Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 241

Gießen, Donnerstag, den 14. Oktober 1915

10. Jahrgang

2 5 2 2 9 Krieg und Weltwirtschaft. Der Krieg hat, wie wir an allen Ecken und Enden spüren, die zusammenhänge der Weltwirtschaft aufs brutalste zerrissen und itze Wiederherstellung für lange Zeit erschwert. Andererseits hat de Not des Krieges die einzelnen nationalen Volkswirtschaften gzwungen, sich mehr als früher auf sich selbst zu besinnen und ihre ehenen Produktivkräfte soviel wie möglich zu entfalten. Diese bei 2 Erscheinungen haben nun in den Köpfen mancher Politiker und lkswirtschaftler die unglaublichsten Wirrnisse und Phantasien eseugt. Die Agrarier aller Länder träumen von einer dauern⸗ den Gegensätzlichkeit der einzelnen Volkswirtschaften und günden darauf ihre Hoffnung auf die größten Profite. Sie alle ud besonders die deutschen agrarischen Interessenvertreter wollen us klar machen, daß, wenn man nur genügend Zollschran⸗ ken ziehe und die Arbeit lohnend gestalte, die Landwirtschaft im- sinde sei, das eigene Volk durchaus zu ernähren. Manche Poli⸗ ier blasen in dasselbe Horn, indem sie glauben, wenn sie ihr Lid von dem andern abschließen, die andern Länder sehr bald nieren zu können. Besonders französische und englische Oeko umen haben diese Tendenz gegen Deutschland vertreten, nach bschließung sie den Weltmarkt allein für englische und che Interessen reservieren wollen. So sehen wir von verschiedenen Absichten her eine Reihe gleich eker Einseitigkeiten in der Bewertung der wirtschaftlichen N gen des Krieges. Es ist erfreulich, wenn selbst in der bürger ien Presse gegen diese Einseitigkeiten beizeiten Protest erhoben bed. Ein solcher Protest findet sich fetzt im Berliner Tageblatt; en die Selbstverständlichkeit, daß auf die Dauer keine Volks⸗ etschaft ohne die andere in dem großen Kreis der weltwirtschaft ien Beziehungen bestehen und Fortschritte machen könne. Diese Ehrheit ist von sozialistischer Seite auch während des Heges oft genug betont worden; sie ist so bekannt, daß man kaum Wort darüber zu verlieren braucht, wie sich die einzelnen Volks⸗ A tschaften je nach ihren agrarischen oder industriellen Voraus⸗ sesungen zu einer ganz bestimmten Aufgabe innerhalb der Welt⸗ if tschaft entwickelt haben. Es ist ebenso klar, daß die Weltwirt⸗ ich ft ohne die deutsche Industrie nicht existieren kann, wie daß deutsche Volkswirtschaft auf die Dauer nicht ohne die Zufuhr südwirtschaftlicher Erzeugnisse und Rohstoffe bestehen kann. Wenn im Berl. Tageblatt nun aber eine zukünftige Eigen⸗ ardduktion Deutschlands auch aus dem Grunde bekämpft wird, daß nen damit in einen sozjalistischen Zwangsstaat hin⸗ kwachse, so liegt der Unsinn dieser Behauptung auf der Hand. Achst wenn alle die staatlichen Verteilungsmaßnahmen nach dem Hege beibehalten würden, so würde damit der Gegensatz von ital und Arbeit auch nicht irgendwie im Innern berührt oder 0 beseitigt werden. Die gegenwärtige Kriegswirtschaft erfaßt binner die Produktion überhaupt nicht, sondern nur die Ver- lung, und das sozialistische Problem fängt bekanntlich erst biider Produktson an. Andererseits ist sicher, daß, wenn wir auch 15 mit der Zeit zu einer Weltwirtschaft kommen werden und

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hinschaftliche Maßnahmen dauernd erhalten zu sehen, keineswegs z ist damit gesagt, daß sie zur Errichtung eines sozialistischen Aunngsstaates dienen sollen. Die Sozialisten aller Länder stehen n wie vor auf dem Standpunkt, daß die wirtschaftlichen Not⸗ meidigkeiten sich unabhängig von dem Willen der Menschen durch⸗ em. Das hat sich während des Krieges darin gezeigt, daß u niemand für möglich gehalten hatte die deutsche Kriegswirt⸗ cet, der Not gehorchend, außerordentlich stark entwickelt wurde, ales sich nach dem Kriege darin zeigen wird, daß alle Utopien i Selbstgensügsamkeit der nationalen Volkswirtschaften durch die wachen über den Haufen gerannt werden. 5 5 Es ist gut, sich beizeiten von jeder Utopie nach beiden Seiten zuhalten. Wir verfallen in den Fehler der Franzosen und änder, wenn wir erklären, die englische Industrie könnte aus r Weltwirtschaft ausgeschaltet werden. Sie hat darin ihre be⸗ mte Bedeutung und sie ist nicht durch gute oder schlechte usche zurückgegangen, sondern durch die Entwicklung der anderen zustriestaaten. Darüber hinaus aber aus politischen Gegen⸗ Im wirtschaftliche Forderungen für die Zukunft zu ziehen, iß⸗ ilommen aussichtslos. Man darf die Zustände während des gürges nicht mit denen nach ihm verwechseln, ebenso wie die⸗ Aigen vor ihm ganz andere waren. Ebenso wie es niemand vor i Kriege für möglich gehalten hätte, daß Deutschland ohne Aus⸗ Hszufuhr auskommen würde, ebenso müssen alle derartigen Aaosen Zukunftsspekulationen scheitern. 2

Russische Transportschisse von Bulgarien

1 beschlagnahmt. 193 Wudapest, 12. Okt. Der russische DampferBelgrad, der fünf at Munition beladene Schlepper nach Serbien zu bringen versuchte, unde, wie eine Meldung aus Galatz besagt, im bulgarischen Hafen nwalanka von den bulgarischen SchiffenBoris undZora halten und mit Beschlag belegt. Die bulgarischen Schiffe en die Kriegsflagge. Die rufsischen SchissfeSankt Georgia,, demania,Nikolaus,Turgenjew undSerbien mit zusam⸗ 1 Schleppern haben sich in den Hafen Corabia ge- et.

Englische und französische Sorgen.

. Die verstimmte Pariser Presse.

Genf, 12. Okt.(W. T B, Nichtamtlich.) Halit

Iuresse der französischen Presse richtet sich auf die Balkan.

e. In Erörterungen über die diplomatische, politische nit militärische Lage werden die Folgen der letzten Ereignisse

A benschaftlich besprochen. Aus allen Artikeln spricht eine

isiehende Erregung. Die Presse befürwortet eine scharfe

pomatische Tätigkeit des Pierverbandes und erklärt, daß

Das

nissen, gerade die Sozialisten allen Grund haben, gewisse kriegs⸗

naten bedrohte.

Kriegserklärung Bulgariens

die infolge der Zusammenhanglosigkeit der bis⸗ herigen diplomatischen Verhandlungen des Vierverbandes begangenen Fehler nicht wieder vor kommen dürften. Die Verbündeten müßten endlich nach dem Muster der Mittelmächte auf allen Gebieten Hand in Hand arbeiten. Wie in diplomatischer müsse dies auch in mili⸗ tärischer Beziehung durchgeführt werden. Die deutsche Offen⸗ sive gegen Serbien bewizse, daß eine große Expedi⸗ tionsarmee nach Mazedonien gesandt werden müsse. Frankreich, welches bisher den größten Anteil an derartigen Expeditionen übernahm, könne und dürfe jetzt seine Front nicht schwächen. Seine Reserven seien in Frankreich not wendig. Weder Italien noch Rußland äußerten sich bisher über ihre Absichten bezüglich einer Balkanexpedition. Beide Staaten aber dürften ihre Mitwirkung nicht versagen, Italien, weil es große verfügbare Reserven besitze, Rußland, weil seine Mitwirkung von dem größten moralischen Werte wäre. Die Presse kann ihren Aerger fiber die Teilnahms⸗ losigkeit Jtaliens und Rußlands und ihren Un⸗ willen darüber, daß Frankreich vielleicht wieder den Hauptteil an der Expedition tragen soll, nicht verbergen. Man müsse hoffen, daß nunmehr auch Petersburg und Rom mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zum Erfolge bei tragen werden. So schreiben Temps, Echo de Paris, Petit Parisien, Petit Journal, Journal und Guerre soziale. Am klarsten drückt Clemenceau im Homme enchainé diese An⸗ schauung aus. Er schreibt, weder Rußland noch Italien hätten zu wissen gegeben, ob sie an der Expedition teilnehmen wollten. Ueberall stoße man auf beredtes Schweigen. Hier⸗ aus müsse man Schlüsse ziehen. Sowohl Rußland wie Italien hätten große Interessen auf dem Balkan, deshalb dürfe man von Frankreich, welches teilweise vom Feinde besetzt sei, nicht verlangen, daß es seine Widerstandskraft schwäche, um in Serbien, wo es nur indirekt interessiert sei, wirksamer da⸗ zwischenzutreten. Selbst wenn Serbien augenblicklich eine Niederlage erleide, habe es doch seine Berge, wo es den Feind noch lange in Schach halten könne. Beschlagnahmte Pariser Zeitungen. Genf, 12. Okt. Das Komitee des Pariser Preßverbandes trat

laut einer Meldung des Temps gestern zusammen und beschloß einstimmig, der Regierung eine Protestnote gegen die ungesetz

mäßige Beschlagnahme einer großen Anzahl Pariser Blätter zu unterbreiten. Der Text der Note soll morgen veröffentlicht werden. Englische Bedenken gegen eine Valkanoperation.

London, 12. Okt.(W. B. Nichtamtlich.) Der militärische Mitarbeiter der Times schreibt: Die Deutschen haben auf dem Balkan einen politischen. und militärischen Erfolg er⸗ rungen, den wir nicht verkleinern und ableugnen dürfen. Die Serben wären mit dem Einfall der Deutschen und Oester reicher allein fertig geworden, aber die Vermehrung der Feinde durch die bulgarische Armee ist eine unheilvolle Ge fahr, sie kommt aus unheilvoller Richtung. Die Entsendung geringer Truppenmassen der Alliierten von Salonik nach Serbien ist keine militärische Operation. Sie könne nur als Bezahlung der Ehrenschuld, als Tribut an das heldenhafte Ausharren der serbischen Verbündeten betrachtet werden. Sosche Aktion wäre aus militärischen Gründen nur gerecht⸗ fertigt, wenn sie die Vorhut einer großen Armee wäre, oder wenn die griechischen Armeen am Kampfe teilnähmen. Wenig Truppen nach Norden zu senden auf eingleisiger Bahn, die bulgarische Banden zerstören könnten, durch wegearmes Land mit unsicheren Verbindungslinien und mit einer Küsten⸗Basis in Händen eines Landes, das sich noch nicht er klärt habe, wäre ein Akt, bei dem die Strategie der Politik untergeordnet würde. Der deutsche Angriff hat uns unvor bereitet gefunden, der Gefahr zu begegnen, dis uns seit Mo⸗ Es ist durchaus nicht sicher, daß wir klug gehandelt haben, selbst wenn wir genügend Truppen hätten, uns der von den Deutschen diktierten Initiative zu beugen und den großen Balkanfeldzug zu eröffnen, weil Deutschland uns dorthin ruft. Der Flottenangriff an den Dardanellen war ein legitimes Kriegsrisiko; aber jede andere militärische Unternehmung im östlichen Mittelmeer außer für die aktive Verteidigung von Aegypten ist sehr bedenklich, weil unsere militärischen Mittel beschränkt sind und wir die Truppen nicht wie bisher zersplittern dürfen.

Gegen den englischen Zeusor.

T. U. Haag, 12. Ott. Der englische Selbourne hielt in Newyork eine Rede, worin er ausffihrte, daß die Deutschen jetzt dem britischen Reiche im Orient einen tödlichen Schlag zu versetzen suchten, ganz wie Napoleon J. als er im 18. Jahrhundert dies beabsichtigte. England steht demnach vor einer schweren Krise, welche die größten An⸗

stren gungen der Nation erfordere. Man solle sich vor Selb st⸗ täuschung und vor allen Dingen davor hüten, die Deutschen

Landwirtschaftsminister;

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an Serbien.

Wenn der Zensor aus Preßberichten Sätze üchtigkeit einer ver⸗

zu unterschätzen. herausstreicht, worin die Ausdauer und der Deutschen hervorgehoben wird, könne dies brecherischen Dummheit gleichen.(Lokal-Anz.)

2 2 U. 8 g 22 2 Die serbisch⸗bulgarischen Feind⸗ seligkeiten eröffnet.

WB. Nisch, 12. Okt. Der Ag. Havas wird von her gemeldet: Die Bulgaren haben uns auf der Front Knjazewae an⸗ gegriffen.

Abreise des bulgarischen Gesandten von Nisch.

Aus Nisch wird gemeldet: Gestern händigte der serbische Generalsekretär des Auswärtigen Amtes dem bulgarischen Ge⸗ sandten seine Pässe aus. Der Gesandte ist gestern mit einem Spezialzug nach Sofia abgereist.

Griechenland von der Entente provoziert! I Nach einer Athener Nach richt, die über hier eintraf, benimmt sich das englisch⸗ französische Kommando des Landungskorps in Saloniki immer herausfordernder gegen die griechischen Behörden. Die größten Hotels wurden durch den französischen Generalstabs, hef gemietet, um die Bureaus des Kommandanten unterzu bringen. Der Generalstabschef erhielt gestern den Besuck eines hohen italienischen Offiziers. Der gestrige Leitartikel der Morningpost ergeht sich in scharfen unverhüllten Drohungen gegen Griechenland. Griechenland solle darar denken, daß englische Kreuzer das Mittelmeer beherrschen und daß es einen blühenden Handel zu verlieren habe.

Fünf englische und französische Kreuzer im Hafen von Salonik. i

T. U. Lugano, 13. Okt. Der russische KreuzerAskold kam in Saloniki an. Fünf englische und französische Kreuzer lieger im Hafen. Kühne Tat eines östern.⸗ungar. Unterseebootes

Der englische DampferBorneo wurde unweit Kreta von einem österreichisch-ungarischen Unterseeboot angehalten, dessen Kommandant die Ausladung der Passagiere in die Rettungsboote befahl. An Bord des Dampfers brach eine Panik aus, 30 Griechen ertronken. Inzwischen war ein aus Richtung Aegypten nach Mudros fahrender, mit indischen Truppen vollbesetzter Transporkdampfer erschienen. Das Unterscebodt machte sich sofort an die Verfolgung und reinigte das Deck des Trausportdampfers mit Maschinengewehrfeuer und versenkte den Dampfer. Darauf kehrte das Unterseebool zurBorneo zurück, der es die Weiterfahrt erlaubte, nach⸗ dem es sich überzeugt hatte, daß die Passagiere griechischer Nationalität waren.

Keine Erklärungen Viviauis über die Balkanlage.

T. U. Genf, 13. Okt. Auf Poincarss Rat verzichtete Vivbiani in zwölfter Stunde darauf, in der Kammerkommission die erwarteten Aufklärungen über die Lage auf dem Balkan zu geben, weil Rußland, Italien, Griechenland und Rumänien ihn zu den sie betreffenden Mitteilungen hätten besonders ermächtigen müssen. Beschlossen wifde, daß Vivianf morgen (Donnerstag) der Kammer und bags darauf dem Senat ein nicht wesentlich Neues enthaltenes Exposee darbieten soll.

Neutralitätsverletzung Schwedens durch England.

Die Kapitäne zweier schwedischer Dampfer von der Reederei Svea in Stockholm erklären, daß sie bei dem Angriff eines englischen Unterseebootes auf den deutschen Dampfer Germania zugegen gewesen seien. Sie hätten ge⸗ sehen, daß das Unterseeboot den Dampfer noch beschossen habe, als der Dampfer sich bereits auf schwedischem Seegebiet befunden habe, das Unterseeboot sich also einer Neutralitäts. verletzung schuldig gemacht habo.

Die Pest in Mavrokko.

Lyon, 12. Okt.(W. T. B. Nichtamtlich.) La Dopssche meldet aus Madrid: Die Regierung erklärt die Nachricht aus Algeciras für unbegründet, nach der in der Nordzone von Spanisch-Maxokko, besonders in Ceuta, die Buponenpest herrsche. Tatsächlich seien etwa 20 Pestfälle vorgekommen, welche jedoch schnell isoliert worden seien, sodaß sich die Epidemie nicht ausgebreitet habe.

Amerika und England.

London, 12. Okt.(W. T. B. Nichtamtlich.) Morning Post meldet aus Washington vom 11. Oktober: Lansing hat heute früh dem Präsidenten Wilson die amerikanische Note an England abgeliefert, die gegen die ungesetzliche Weise, wie England den amerikanischen Handel behandelt, protestiee! Der Präsident hat die Note zum ersten Male zu Gesicht be

Kopenhagen, 13. Okt.

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