Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 239
Gießzen, Dienstag, den 12. Oktober 1915
10. Jahrgang
Sie
9 7 9 2 0 0 0 0 Kriegsinvalidenfürsorge. (Schluß) Worauf sich die eigentliche Arbeits- und Erwerbslosenfürsorge erstrecken hat, ist zunächst eine Berufsberatung, bann ie Berufsausbildung und schließlich die Beschaffung on Arbeit. Eine Berufsberatung ohne Hinzuziehung von ertretern der Gewerkschaften ist ein Unding; denn dem Verletzten t nicht damit gedient, daß man ihm sagt, er taugt nicht mehr für nen Beruf, sondern man muß ihm auch klarmachen, für welchen tuen Beruf er sich eignet, und gerade hierfür eignen sich gerade i erster Linie seine eigenen Klassengenossen, nicht nur, weil er zu itien Vertrauen besitzt, sondern auch, weil ihnen die erforderlichen
Fpaktischen Erfahrungen zu Gebote stehen. Eine falsche Berufs⸗
L. bratung stiftet mehr Schaden als Nutzen und kann unter Um⸗ finden dem Kriegsverletzten für alle Zeiten bei seinem weiteren
11 rtkommen hindernd in Wetze stehen. N
. Auch bei der Berufsaus ildung, die teilweise bereits in den 98 Fzaretten einsetzt, aber in erschöpfendem Maße erst nach der Ent⸗ . ssung erfolgen kann, geht e ohne die Hilfe und Unterstützung er Arbeitervertretern nicht ab. In erster Litie wird man ver⸗ 5 schen müssen, den Invaliden in seinem früheren fe, wenn
e, zu beschäftigen: wo das beibt nichts anderes übrig, als die Ausbildung uen Beruf. Es ist bekannt, daß der preußische Handelsminister geordnet hat, daß die gewerblichen Fachschulen, insbesondere die t Lehrwerkstätten ausgestatteten, und die Gewerbeförderungs— stalten für die Invalidengusbildung zur Verfügung gestellt rden, und daß er den Beamten der gewerblichen Unterrichtsver—
uch in anderer ist,
ganz
„ rltung und den Gewerbeaufsichtsbeamten Fühlungnahme mit den 11 br ganisationen für Kriegsinpalidenfürsorge an gen hat. Die 1 gierung erwägt auch bie Gewährung von 9 en an Hand⸗ 1 brksmeister, die sich der Berufsausbildung von Juvaliden
pdmen wollen. Das niht alles, was wir
ist immerhin etwas verlangen müssen. öffentlichen saaften werden nicht umhin können, iu großzügiger Weise f Arufsausbildung zu sorgen und zu diesem Zwecke besondere An— ten zu gründen, die aber nicht vom grünen Tische aus ver⸗ waltef und geleitet werden dürfen, sondern in deren Leitung sbildung hat sich die Be⸗
brwaltung Männer der Praxis gehören.
An die Berufsberatung und Berufsan b die hiaffung von Arbeit anzuschließen. Das wird eine der schwierig en Aufgaben sein, deren Lösung nicht zuletzt von der Gestaltung e. Arbeitsmarktes nach dem Kriege abhängt. So sehr wir die diegsausschüsse begrüßen, die sich hier und da, z. B. in der Ber⸗ er Metallindustrie, gebildet haben, und so sehr wir es nen, wenn Arbeitgeber sich, zur Einstellung von Kriegsbesch u bereit erklären, so dürfen wir uns doch darüber nicht täuschen, I es mit dem guten Willen allein nicht getan ist und daß die eitgeber im allgemeinen nicht so selbstlos sind, um Leute, die zen nicht genug leisten, dauernd zu beschäftigen. Sie werden laid dazu übergehen, sie entweder zu entlassen, oder aber ihnen len geringeren Lohn anzubieten, und sie werden dazu umso ehe under Lage sein, je größer das Angebot von Arbeitskräften nach len Kriege und je geringer der Widerstand ist, den die Invaliden hen Bestrebungen entgegensetzen können. Es m deshalb imer und immer wieder mit allem Nachdruck dara hinge⸗ een werden, daß die Forderungen der Gewerkschaften an⸗ imnt werden, wonach der Rentenbezug für die Unternehmer ht ein Mittel zum Lohndruck sein darf und wonach ferner die Febifverträge auch für die Kriegsbeschädigten gelten und eine enderung oder Außerkraftsetzung der Tarife nur unter ausdr 0 Zustimmung der in Betracht kommenden Gewerkschaft erfol⸗ darf. Die Hoffnung, daß die organisierte Arbeitgeberschaft wauf eingeht, ist gering. Hat doch erst kürzlich die 1
in auch bei weitem
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egeberzeitung einen Artikel veröffentlicht, der sich mit aller
denheit gegen die Zusammenarbeit mit Gewerkschaftsvert. etern kudet,„selbst wenn manche Regierungsbehörden die Hinzuziehung er Leute aus Unkenntnis des Milieus und der vitalen Inter⸗ in von Industrie, Handel und Gewerbe einleiten sollten“. Ka en deutlicher seiner Abneigung gegen die Gleichberechtigung der beiter Ausdruck verleihen? Kann man deutlicher bekunden, daß „den Unternehmern selbst bei der Kriegsverletztenfürsorge, 9 Vorliebe als eine nationale Aufgabe hinstellen, auf die 1 banung ihrer eigenen Interessen ankommt? Umsomehr hat 9 5 Hleiterklasse die Pflicht, nichts unversucht zu lassen, um die Vor⸗ krrile zu zerstören, die Kriegsfürsorge aller Ne nee J Meleiden und sie wahrhaft sozial zu gestalten. Zu verhindern, die Männer, die ihre Gesundheit geopfert haben, schließlich auch 0 Ausbeutungsobjekte gewissenloser Elemente werden, ist 116 icht, der sich die Arbeiterklasse nicht entziehen kann und nicht ehen wird.
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Ein rufsisches Urteil. Die Nationaltidende erfährt aus Petersburg, ö kürte dort die größte Energie beim Augriff der Deutschen nd Oesterreicher am Balkan, um Serbien zu zer⸗ ümettern, bevor die Alliierten zu Hilfe kommen, U Französische Unruhe.
Die französische Presse läßt trotz des strengen 9 Ultens der Zensur doch erkennen, daß der Mißerfolg der fensive in der Champagne und die bedenkliche Wendung Dinge auf der Balkanhalbinsel, die öffentliche Meinung ss neue ernstlich beunruhigen. Die Zeitungen een, wie die Frankf. Ztg. berichtet, bereits in aue
deutungen zu, daß die französischen Trupen, die in 850 eschifft wurden, zum Teil von den Dardanellen abge
man er⸗
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und
zogen wurden, und der Oberstleutnant Rousset spricht dabei in der Liberté offen das Wort aus, daß die Dardanellen⸗ Expedition gescheitert sei. Man will durch dieses Zugeständnis offenbar die öffentliche Meinung überzeugen, daß die Sendung von Truppen nach Mazedonien die Streit- kräfte an der Front in Frankreich selbst nicht schwächen wird. Die Presse gibt aber auch zu, daß die Expedition nach dem Balkan eine bedenkliche Unternehmung darstellt und daß ihre Koston nicht von Frankreich allein bestritten werden sollten. Der Matin und das Echo de Paris machen auch deutlich darauf aufmerksam, daß Eng land eigentlich in erster Linie an der Erhaltung seines Einflusses im Balkan interessiert ist und daß es deshalb auch vor allem ihm obliege, guf Griechenland und Italien einzuwirken zur Unterstützung der mazedonischen Erpedition.
Englischer Aerger.
Daily Mail und Morning Post fahren mit scharfen Anger en d uf das Auswärtige Ame fort, das, wie sie sagen, die Lage am Balkan verpfuscht hätte. Die Times wendet sich gegen die Verteidigung des Aus- wärtigen Amtes durch das liberale Abendblatt Star, das gestern schrieb: Diese Vorwürfe konnten ebensogut den Ministerien für auswärtige Angelegenheiten Frank
Die Times
kreichs,
Rußlands und Italiens gemacht werden. Die Times schreibt: Das ist'sicher nicht der Fall. England nahm auf dem Balkan
eine einzigartige Stellung ein. hamentlich in Bulgarien. England allein unter den Enkentestaaten galt als die Macht, die am Balkan keine egoistischen Absichten verfolgte, Rußland wurde mit Argwohn betrachtet und Frank- reich war nichts anderes als Rußlands Bundesgenosse. Die Behauptung, daß die Vorschläge Italiens Serbien an⸗ genehm seien, sei einfach lächerlich. England allein konnte darauf rechnen, gehört zu werden. Dieser unschätzbare Vor⸗ teil wurde während der letzten Monate auf die eine oder andere Weise durch Unachtsamkeit, Kleinmut und Mangel an Konsequenz größtenteils verspielt. Noch kann dieser Vor⸗ teil wieder gewonnen werden, aber nur durch kräftiges Auf⸗ treten der Regierung, gestützt durch die ganze Kraft der öffentlichen Meinung.
Italienssche Mißstimmung.
Gegenüber dem Scheitern der Balkanpläne der Entente, die nach dem Geständnis des Corriere della Sera in Mailand infolge des deutschen Vormarsches eine der schwersten Krisen im Verlaufe des Krieges hervorgerufen hat, fordert ein Leitartikel dieses Blattes dringend einen gründlichen Wechsel in den Me⸗ thoden der Kriegführung: nämlich die ffung eines ausführen⸗ den Organs aller Ententemächte in einer Ententehauptstadt, um dadurch eine einheitliche Führung der diplomatischen und mili⸗ tärischen Aktionen zu erreichen. Sonst führe jeder der Verhün⸗ deten fort, egoistisch nach Sondergesichtspunkten erfolglos Krieg zu führen während die Mittelmächte durch einheitliche
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Leitung auf allen Kriegstheatern Erfolge e Iten. Das Blatt empfiehlt ferner, durch Gerüchte über griechisch-bulgarische An⸗
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näherungs-Verhandlungen beunruhigt, durch Zwangsmaß⸗
regeln zur See Griechenland zur Stellungnahme zu zwingen. Die Stampa bezweifelt, daß die Entente mit ihren
Truppenlandungen in Salonik die Deutschen an dem Marsch
mach Konstantinopel verhindern kann. Das Unter⸗ nehmen der Verbandsmächte erscheint dem Blatte als ein Zuge
ständnis an die öffentliche Meinung der Länder der Entente, die über die Vorgänge auf dem Balkan enttäuscht und besorgt sei. Auch die neue französische Offensive könne bereits als ge⸗ scheitert angesehen werden und werde außerdem die Deutschen von ihren Balkanplänen nicht abbringen.
Belgische Enttäuschung über die mißolückte
Offensive.
T. U. Rosendaal, 10. Okt. Aus Le Hapre wird berichtet: Belgische Regierungskreise machen von der bitteren Ent— täuschung über die mißglückte Offensive kein Hehl. Einige Blätter versuchen auf die in Frankreich und England lebenden Belgier beruhigend einzuwirken. Sie gaben ihren Landsleuten zu bedenken, daß man von den Verbündeten nicht verlangen könne, die Truppen in den nutzlosen Tod zu treiben.
Die Alliierten erkennen die griechische
Neutralität nicht au.
T. U. Athen, 10. Okt. Zaimis erklärte gestern den Ententediplomaten, daß Griechenland seine Neutralität streng einhalten werde. Die Diplomaten überreichten darauf eine Kollektivnote, in der hervorgehoben wird, daß die Entente die Neutralitätsankündigung nicht anerkenne und gleich— zeitig erklärt, daß die Truppenlandungen im Interesse Griechenlands vorgenommen wurde und daß das griechisch— serbische Bündnis dies auch bedinge. Gleichzeitig wird Griechenland eine Entschädigungsgarantie zugesichert.
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lichen Angaben z
N ien.
Unterseebos!⸗Erfolge im Mittelmeer.
Die deutschen Unterseebobte im Mittelmeer entfalteten in den letzten Tagen eine besonders erfolgreiche Tätigkeit. Sie versenkten einen euglischen etwa 8000 Tonnen großen Dampfer vom Typ der versenkten„Arabia“, dessen Name noch nicht ermittelt ist. Bei Kap Matapan wurden der englische Dampfer„Craiton“ und der französische Dampfer„Marga⸗ rete“ torpediert. Aus Athen wird gemeldet: In den Ententekreisen herrscht große Beunruhigung über die Versenkung zahlreicher Schiffe im östlichen Mittelmeer durch U-Boote der Mittelmüchte. Allein in den letzten 14 Tagen sind folgende Schiffe als ver⸗ loren gemeldet: Englise deridig“(4944 Tonnen),„Burr⸗ field“(4037 Tonnen), verash“(3753 Tonnen),„Scarby“ (3658 Tonnen) und e Notorprahm von 30 Tonnen; fran⸗ zösische:„Provincia“(3523 Tonnen),„Autoine“(Tonnen⸗ gehalt fehlt),„Marguerite“(3800 Tonnen) und„Admiral Famelin“(5651 Tonnen). Außerdem wurden ein französi⸗
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66051 To ö sches Trupepntransportschiff und ein unbekannter Traus⸗ portdampfer versenkt. Zahlreiche Zerstörer der Entente⸗ müchte suchen fieberhaft alle griechischen Inseln ab, um die dort vermuteten Stützpunkte der U⸗Boste zu finden.
Aus Nußland. Ministerwechsel in Rußland. Petersburg, 10. Okt.(W. B. Nichtamtlich.) Meldung der Petersburger Telegraphenagentur: Der Minister des Innern, Fürst Schtscherbatow, ist zurückgetreten und durch den Kamnmerherrn Chwostow ersetzt worden. Auch dem Ober- prokurator des Heiligen Synods, Samarin, ist der Abschied bewilligt worden. Das Elend der russischen Flüchtlingskinder.
Mos lau, 10. Okt.(W. T. B. Nichtamtlich.) Rußkoje Slom berichtet: Nach Moskau wurden bereits 1000 Kinder von Flücht⸗
lingen Jeden Tag werden 200 weitere eingebracht, sodaß sie in Moskau keinen Platz mehr finden können. Die Kinder wer⸗
den regelmäßig von den Vertretern der Semstwos mitgenommen. Ueberall auf den Straßen und in den Konzentrationsplätzen geher buchstäblich ungählige Kinder zugrunde. J
Straßenkämpfe in Rußland. bringt eine Meldung der Rjetsch, wonach
Die Köln. Ztg in Odessa Stre f n Landsturmleuten und Polizei stattfanden. Viele Verhaftungen wurden vorgenom⸗ men. In Moskau und Astrachan fanden schwere Ausschrei⸗ tungen statt.
Die Opfer der Moskauer Uuruhen. Nach dem amtlichen Bericht über die kauer Unruhen von
kämpfe
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27. September hatte die Menge in den n Barrikaden er⸗ richtet, die non Militär und Polizei gestürmt wurden. Den amt⸗
olge
murden drei Personen getötet und 20 erlässigen Meldungen sind min⸗ onen getötet und verwundet worden. ge Polizeioffiziere und 25 Polizisten durch det worden. ei den Barrikadenkämpfen ging die Menge mit äußerster Erbitterung vor. Man erblickt nach einem Bericht aus Moskau darin einen r die im Volke schlum⸗ de Unzufriedenheit. Diese werde genährt durch den immer d ender auft nden Mangel an Lebensmitteln, durch die Ent⸗ täuschung über das Ausbleiben der oft angekündigten kriegexischen Erfolge, durch die neuerliche politische Niederlage auf dem Balkan, durch das andauernde Verbleiben der unfähigen volksfeindlichen Regierung. Diese Unzufriedenheit habe schon so feste Wurzeln ge⸗ faßt und sei so gefährlich geworden, daß ein so geringer Aulaß, wie die Verhaftung eines betrunkenen Soldaten genüge, um eine offene Empörung mit Barrikadenkämpfen hell auflodern zu lassen.
* 2 K 0*. r Einführung der allgemeinen Dienstpflicht 8 8 8 in England?
Berlin, 10. Okt. Verschiedene Morgenblätter melden aus Rotterdam, daß dort Nachrichten aus London einge⸗ troffen sind, wonach die Einführung der allgemeinen Wehr— pflicht in England im Ministerrat beschlossen worden sei. Sir Edward Grey habe Mitteilungen der russischen und fran⸗ zösischen Regierung verlesen, wonach diese eine ausgiebigere Beteiligung Englands an den neuen Aktionen fordern. Kitchener habe erklärt, daß ohne die Einführung der allge— meinen Wehrpflicht dies nicht möglich sei. Darauf sei der Beschluß gefaßt worden, alle Männer zwischen dem 17. und 50 Lebensjahre der allgemeinen Wehrpflicht zu unterwerfen.
Die Champagneschlacht.
Ueber die Champagneschlacht berichten alle Kriegskorrespondenten aus dem Großen Hauptquartier, daß sie mit vorübergehenden Unterbrechungen mit größter Heftigkeit weiter tobt. Bernhard Kellermann schreibt im Berliner Tageblatt vom 10. Oktober: Hestern abend
verwundet. Nach destens viermal
Ferner sind vier hö Steinwürfe verw


