5 Beilage zur Ob
Gießen und Umgebung. Trübes Wetter.
Es ist ein stiller Regentag
So weich, so ernst und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.
Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal:
Natur, halb warm und halb verlühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.
Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie zieh'n auf meinem Herzen Schach.
Ich aber, mein bewußtes Ich,
Beschau das Spiel in stiller Ruh',
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu. Gottfried Keller.
bessen und Nachbargebiete.
Mutter⸗ und Säuglingsfürsorge.
Der Bund Deutscher Frauenvereine veröffentlichte un—
In Organisationen für Mutter- und Säuglingsschutz, zrgend⸗ und Gemeindewaisenräte ud Lieferungsverbänden, die Träger der Reichswochenhilfe Es soll durch diese Zusammenarbeit haupt⸗
rden. Infolge de Aerzte richteten die meisten Gemeinden Säuglingsbe⸗ kungsstellen ein, während in Landkreisen Wandersäuglings— kesorgerinnen angestellt wurden. Der Beratung durch den Ast konnte sich jede Säuglingsmutter unterziehen, eine Pämie war nur für stillende Mütter ausgesetzt(in der Regel 10 Mk. im Monat für 8 Monate). Die Prämie sollte der Jutter nicht nur eine bessere Ernährung ermöglichen, sondern auch für die durch Erwerbsarbeit verlorene Zeit entschädi— . Die Hausbesuche der Säuglingspflegerin ergänzten die Atliche Beratung. Dazu trat die gemeindliche Aufsicht über 8 Ziehkinderwesen und die Berufsvormundschaft als Kon— ll: und Beratungsstelle für besonders gefährdete Säug— Phe. Die Gesetze betr. die Reichswochenhilfe bedeuteten ee Entlastung der Gemeinden in finanzieller Hinsicht, da ch die Verordnungen vom 3. 12. 1914 alle Ehefrauen dunken⸗ oder invalidenversicherter Kriegsteilnehmer und alle gstversicherten Mütter und durch die Verordnung vom A 4. 1915 alle minderbemittelten Ehefrauen von Kriegs— nehmern sowie die Mütter unehelicher Kinder von Kriegs- elnehmern ein Stillstand in Höhe von 15 Mk. im Monat t 3 Monate erhielten. Eine Entlastung der Mütterbe— mungsstellen bedeutete die Reichswochenhilfe nicht, denn in e Regel machten die Krankenkassen und Lieferungsverbände a Gewährung des Stillgeldes von einer Stillbescheinigung e Mutterberatungsstelle abhängig. Hierdurch wurde der ö geis der Frauen, die die Beratungsstelle besuchen, stark ver⸗ e ßert. Das führte zur Heranziehung ehrenamtlich tätiger, eist nicht vorgebildeter Kräfte. Wenn aber irgendwo, so i. hier die Arbeit un ausgebildeter Kräfte Acht am Platze. Die Säuglingspflege darf nicht den Egrakter der Armenpflege erhalten, denn der überwiegende 2 der Frauen hat den gesetzlichen Anspruch auf das Still⸗ „ gd, der bei vielen nur eine Gegengabe für ihre Versiche— umgsbeiträge ist. Auch hat die Säuglingskontrolle nur dann Art, wenn sie durch dazu ausgebildete Kräfte ausgeübt wird, Idas auch Prof. Dr. Langstein und Oberarzt Dr. Rott vom eserin Augusta Victoria-Haus zur Bekämpfung der Säug⸗ igssterblichkeit verlangen. Diese Forderung wird auch für . Fall zu gelten haben, wenn die Reichswochenhilfe in end einer Form auch nach dem Frieden weitergeführt wird. Heute erhalten nur die Frauen von Kriegsteilnehmern A die selbstversicherten Frauen die Wochenhilfe. Frauen Arbeitern, die nicht Kriegsteilnehmer sind, die Lasten der icherung aber mitzutragen haben, Frauen Minderbe— üttelter, die vielleicht durch den Krieg ein noch vermindertes blommen haben, erhalten die Wochenhilfe nicht. Da die sachswochenhilfe nicht nur die Gewährung von Stillgeld, adern Entbindungsgeld in Höhe von 25 Mk. und Wochen⸗ eb in Höhe von 1 Mk. im Tag für 8 Wochen vorsieht, was i dem Stillgeld zusammen 123 Mk. beträgt, bedeutet diese furichtung eine große Erleichterung für die Arbeiterfrau Führer schonungsbedürftigsten Zeit. Es ist im Interesse ies gesunden Nachwuchses zu wünschen, daß sie auf a 0 be Anderbemittelten ausgedehnt a n siedenszeit fortgeführt werde. Die verschie— asten Organisationen haben sich hierfür ausgesprochen. Der Aud Deutscher Frauenvereine schreibt in den schon erwähn⸗ in Thesen:„Alle beteiligten Organisationen sollen schon i darauf hinarbeiten, daß die Reichswochenhilfe und di; unit verbundene Beaufsichtigung der Säuglinge auch! nach i Krieg bestehen bleibt. Im Interesse des Volksbestandes n e jeder minderbemittelten Wöchnerin und jedem Säug⸗ imeine Unterstützung in Höhe der Reichswochenhilfe ge⸗
chert sein.“ Die vom Propaganda-Ausschuf der natfo⸗
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sellliberalen Frauen herausgegebene Beilage zum eutschen Kurier schreibt;„Es dürfte damit zu rechnen sein, ichswochenhilfe
nach dem Krieg die jetzt eingeführte Reichs gatorisch für alle een weitergeführt werden . Eine Aufhebung dieser wichtigen Leistan gl . nach Beendigung des Krieges würde nie oer stand 15 eden und kann auch nicht im Interesse eines geordneten atswesens liegen. Es gilt ja nicht allein, die schweren
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Gießen, Samstag, den 9. Oktober 1915.
Verluste auszugleichen, sondern auch künftig das Volk gesund und lebensfähig zu halten.“ In der Zeitschrift Die Orts- 1 10 ufenkasse heißt es:„Wir denken uns die Sache so: Alle Krankenkassen beteiligen sich an diesem wichtigen Werke, indem sie nach Möglichkeit jetzt schon dazu übergehen, solche wichtigen Mehrleistungen in punkto Mutterschutz freiwillig einzuführen. Damit entlasten sie den Staat heute etwas und zwingen ihn moralisch, weiter mitzuhelfen, weil sie dieses unter der Voraussetzung leisten, daß der Staat weiterhelfen wird.“ Die Deutsche Gesellschaft für Säuglings⸗ schutz verlangt die Umgestaltung der früher freiwilligen Mehrleistungen der Krankenkassen in obligatorische Leistun⸗ gen; ferner unentgeltliche Beratung in Säuglingspflege, Ge— währung von Säuglingsmilch und Gewährung von Stillgeld 16 Wochen lang. Für die zuletzt erwähnten Einrichtungen sollen Reichszuschüsse gegeben werden; die Pflichtleistungen sollen die Kassen selbst decken.
In den Kreisen der Krankenkassen haben diese Forde— rungen nicht allgemeine Zustimmung gefunden. Viele Kassenvereinigungen verlangen für die erweiterten Leistungen Reichszuschüsse. Von anderer Seite ist der Vorschlag einer Reichs⸗Mutterschafts-Versicherung gemacht worden. Uns er⸗ scheint es nicht möglich, Personen ohne selbständiges Ein⸗ kommen der Versicherungspflicht zu unterziehen.— Heute trägt die Krankenkasse nur diejenigen Mehrleistungen an selbstversicherte Wöchnerinnen, die in der Bundesratsverord— nung vom 3. 12. 1914 vorgesehen sind; die Leistungen für Frauen versicherter Kriegsteilnehmer und für Frauen nicht
versicherter minderbemittelter Kriegsteilnehmer trägt das Reich. Wir glauben, daß die Krankenkassen in der Lage sind,
nach dem Krieg auch die erweiterte Wochenhilfe für Ehefrauen der bei ihnen Versicherten zu übernehmen, sodaß das Reich nur die Leistungen für unversicherte Minderbemittelte auf— zubringen hätte. Die Auszahlung der vom Reich gewährten Wochenhilfe könnte durch die Kreis- oder Gemeinde-Säug⸗ lingsfürsorgestellen erfolgen, die eng mit den Krankenkassen zusammenarbeften müßten. ärztliche Beratung der Mutter, verbunden mit der Gewährung der Wochenhilfe, wird für Mutter und Kind und damit für Nation und Staat von größtem Nutzen sein.
Von den Himmelserscheinungen im Oktober.
5 Die Sonne hat sich eigentlich in den letzten zehn Jahren nicht ganz programmäßig benommen. Die elfjährige Periode, in der auf ihr die Fleckentätigkeit auf- und niederwogt, womit auch die irdischen entsprechenden Folgeerscheinungen gleichlaufen, ist ein
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wenig in Unordnung geraten. Die Zeit, da die größte Zahl der Flecken auftreten sollte, war unbestimmt und wechselnd wie die
Laune einer hysterischen Person und ähnlich scheints mit dem Ein⸗ tritt des sogenannten Minimums zu werden, der Zeit, in der eine Mindesttätigkeit der Sonne einzutreten pflegt. Man braucht so etwas natürlich nicht zu bedauern, im Gegenteil, zumeist springt bei solchen Beobachtungen in unserer Zeit der eifrigen Durchforschung früher nicht beachteter Erscheinungen gewöhnlich irgend etwas neues Wissenswertes heraus, und wenn es auch nur Nebenerscheinungen sind, die neu bekannt werden und vielleicht garnichts zur Sache selbst tun.
Auf Grund mehrerer Anzeichen glaubt der bekannte Zürcherische Meteorologe J. Maurer annehmen zu dürfen, daß zu gewissen Zeiten, und zwar bei gesteigerter Fleckentätigkeit der Sonne Ring⸗ erscheinungen um die Sonne entstehen. Er führt das auf eine Lathodenstrahlenwirkung der Sonne zurück und empfiehlt, auf die Färbungen des Sonnenbildes und des Himmels zu achten. Es dürfte wohl schwer sein, die Färbung des Sonnenbildes selbst bei klarem Wetter zu beobachten, wenn man nicht zu einem Hilfsmittel seine Zuflucht nimmt, indem man etwa die Sonne durch ein Fern⸗ rohr auf einen Schirm projiziert und nun auf die Färbungen des Bildes achtet. Aber so läßt es sich sehr schön und unschwer machen. Man braucht auch nur ein kleines Fernrohr dazu. In anderer Weise kann man derartige Feststellungen in der Weise vornehmen, daß man auf Ringerscheinungen acht gibt. Die hierbei entstehenden Ringe haben allerdings größere Ausmaße als die sonstigen an der Sonne auftretenden Ringe. In dieser Hinsicht ist ein Brief von Professor Wolfer an Maurer interessant, in dem es folgendermaßen heißt:„In den letzten Tagen ist mir mehrmals das verschleierte Aussehen der Sonne aufgefallen, das, obschon weder eigentliche Wolken noch jene leichten Dunstschleier vorhanden waren, die Wahr⸗ nehmung der Flecken und Fackeln schwierig machten. Die Farbe des Sonnenbildes in der Projektion war ein ausgesprochenes Weiß⸗ grau. Heute nun ist die Erscheinung auffallender als je, indem das Bild wieder tief verschleiert, aber ausgeprägt gelbblau, mit einem Ton ins Rötliche erscheint.“— Am 17. Juni zur Mittagszeit war die vorgenannte bräunliche Korona nicht mehr fühlbar und auch der Himmel schien sonst einwandssrei blau zu sein. Am 16. Juni, nachmittags 2 bis 3 Uhr hatte die deutliche Dunstscheibe 70 Grad Durchmesser, das sind 140 Vollmondsbreiten. Damals lonnte zum ersten Male eine deutliche braune Umsäumung von etwa 30 Voll⸗ mondsbreiten festgestellt werden. Da anzunehmen ist, daß sich derartige Dinge des öfteren wiederholen werden, so sei darauf auf⸗ merksam gemacht. Solche Beobachtungen sind vielleicht gerade für den von Interesse, der keine Instrumente zur Verfügung hat und sich bei allen seinen Naturbeobachtungen ohne Hilfsmittel begnügen muß.
Der zweite Tempelsche Komet, der zuletzt im Jahre 1904 gesehen worden ist, ist am 9. und 10. August auf der Hamburger Sternwarte zu Bergedorf wiederaufgefunden worden. Seine Um⸗ laufszeit um die Sonne ist 5,3 Jahre. In seiner letzten Rückkehr zur Sonnennähe ist er nicht entdeckt worden. Die größte Annähe— rung an die Sonne führt ihn noch einiges innerhalb der Marsbahn, die größte Entfernung fast in die Jupitersferne hinaus. Der Komet wird nur mit Fernrohren zu beobachten sein.
Von den großen Planeten bleibt die Venus im Oktober ganz unsichtbar. Merkur wird gegen Ende des Monats auf kurze Zeit des Morgens im Südosten sichtbar. Mars steht in der zweiten Monatshälfte um Sonnenaufgang herum schon hoch im Meridian, also in seinem höchsten Tagesstande, den er für uns jetzt erreichen kann und ist am Monatsende über? Stunden lang sichtbar. Jupiter dagegen geht schon vor Tagesanbruch unter, doch kann man ihn in der Mitte des Oktober noch 9% Stunden, Ende 894 Stunden lang sehen. Saturn steht in der ersten Monatshälfte um Sonnenaufgang herum schon hoch im Meridian; seine Sichtbar— keitsdauer nimmt noch weiter zu bis auf 9½ Stunden.
Es ist wohl allgemein bekannt, daß die astronomische Zentral- stelle für Entdeckungen die Kieler Sternwarte ist. Wer sich die Priorität einer astronomischen Eutdeckung sichern will und beab sichtigt, auf dem schnellsten Wege den Fachkollegen davon Nachricht zu geben, telegraphiert nach Kiel, von wo aus die Mitteilung in alle Welt geht. Während des Krieges hat diese Funktion die Stern⸗ warte in Kopenhagen übernommen. Sie funktioniert sogar auch
ichtig.
rhessischen Volkszeitung Nr. 237
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Wie das Leder verteuert wird.
Der Zeitzer Volksbote bringt von fachmännischer Seit; eine längere Abhandlung über die mehr als verwerfliche Preistreiberei in der Lederfabrikation. Die Redaktion des Volksboten warf vor einigen Tagen die Frage auf, welche Preise von den Häutehändlern an die Fleischer gezahlt wer⸗ den, um den Verdienst der Lederfabrikanten zu ermitteln, und erhielt von fachmännischer Seite folgende Zuschrift:
„Antwortlich Ihrer Anfrage in Ihrer Zeitung, Nr. 176, wegen Häutepreise, die die Fleischer erzielen, gebe ich Ihnen eine Notiz aus meiner Faktura vom Monat März⸗April 1915. Ich erhielt für f. schwarze Bullenhäute,
Pfund 74 Pfg. Kuhhäute 107 ö
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Aus dieser Aufstellung interessieren uns die Preise für die Häute. Daraus geht hervor, daß die Fabrikanten als, höchsten Preis für beste Häute 120 Mark für den Zentner zahlen. Sie geben aber, wie die Schuhmacher⸗Innung kürz⸗ lich mitteilt, das fertige Leder für 800 Mark ab. Nun kann man, wenn man sehr tolerant ist, die Produktionskosten: Gerben, Lohn, Transport usw. auch auf 120 Mark rechnen (von fachmännischer Seite wird die Summe aber nur auf etwas über 50 Mark angegeben), so kommt man auf 240 Mk. Es handelt sich um eine Differenz von 560 Mark, die sich die Fabrikanten in die Tasche schieben und um diese Summe ist das deutsche Volk dem Lederspekulanten tributpflichtig. Wir fragen: Ist solche Ausbeutung erhört? Weder die Her⸗ stellungskosten, noch das Risiko, noch sonst ein Umstand recht⸗
fertigen diese Preise, die festgesetzt sind.“
Oktober.
Bei der Umwandlung der lateinischen Monatsnamen in deutsche hat Karl der Große dem Oktober den Namen„Windums⸗ manoth“, also Monat der Weinlese, gegeben, und auch heute heißt der zehnte Monat in der Bauernsprache noch vielfach Weinmonat, weil um diese Zeit die Tage der Lese gekommen sind, da das glühende Sonnengold die köstliche Gabe des Rebstocks als reif aus dem Weinberg entläßt, damit sie des Menschen Herz erfreue. Fröh⸗ liche Winzerfeste, wie sie besonders im Süden und im Westen un⸗ seres deutschen Vaterlandes gefeiert werden, geben um die Mitte des Monats der harten Winzerarbeit ihren krönenden Abschluß. Da gibt es lustige Umzüge und Verkleidungen, da wird wohl auch ein„Weinhansel“, eine Puppe aus Stroh und Weinstäben mit einer Zipfelmütze, auf ein Faß gesetzt und unter jubelnden Zu⸗ rufen der Winzerjugend herumgetragen, und der sunge Most wird bei den Klängen einer Kapelle mit einer aus tiefster Weinandacht bis zur tollsten Ausgelassenheit anwachsenden Stimmung aus den großen Gläsern getrunken, die der Fremdling mit fröhlichem Staunen bewundert. Von Hand zu Hand gehen da die großen Humpen, und selbst die ältesten Mütterchen und die in den ersten Hosen steckenden Jungen trinken mit. In diesem Jahre des Krieges, da die kräftigen Männer und Jünglinge unter Waffen stehen, werden diese Winzerfeste freilich nur einen schwachen Ab⸗ glanz von den Feiern in friedlichen Jahren geben. Wenn auch jetzt noch die Sonne hin und wieder einmal vom wolkenlosen Himmel herablächelt, so kann das nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Herbst seine Herrschaft angetreten hat. Kürzer und kürzer werden die Tage; langsam färbt sich das Laub der Bäume aus dem leuch⸗ tenden Grün in ein dunkles Rotbraun, bis die Blätter welk zur regenfeuchten Erde fallen und von den unerbittlichen Herbststürmen in wildem Wirbel durch die Straßen gefegt werden. Dann ist die Zeit gekommen, zu der sich der Himmel einen dichten Wollenschleier vor sein griesgrämliches Gesicht bindet, und zu der man gern den traulichen Kreis des Lichts aufsucht. Jetzt wird auch wieder die Arbeit des Strickens beginnen, diese echt frauliche Liebestätigkeit für unsere Truppen in Feindesland, die durch Versorgung mit warmer Winterkleidung den Soldaten da draußen das Leben so er⸗ träglich wie nur irgend möglich machen soll.
Mit dem Monat Oktober ist auch der Aberglaube aufs innigste verknüpft. Besonders der rätselhafte Opal mit seinem reichen Farbenspiel, der dem Oktober gleichsam als Symbol zuerteilt wird, spielt im Volksarberglauben eine hervorragende Rolle. Als ein Monat des Glücks gilt der germanische Weinmonat vor allem bei unseren Feinden jenseits des Kanals. Nur vier Tage, und zwar der 4. der 6., der 16. und 24. Oktober scheinen davon ausgenommen zu sein. Sie stehen nach dem englischen Volksglauben unter dem Walten böser Geister. Um sich davor zu schsügen, soll der im Okto⸗ ber zur Welt gekommene Erdenbürger den Opal tragen. Es gibt natürlich auch Mittel, um die Geister, die sich sonst so beherrlich in Schweigen hüllen, zum Sprechen zu bringen. Die Nacht des 6. Oktober ist in dieser Beziehung besonders geeignet für die jungem Mädchen, die ihren künftigen Gatten kennen lernen wollen. Dreꝛ Jungfrauen backen zusammen einen Kuchen, und sie miissen die drei gleich großen Stücke schweigend verzehren. Sie müssen auch zu⸗ sammen schlafen; dann gibt sich ihnen der Zukünftige, nachdem sie einen Zauberspruch gläubig heruntergebetet haben, im Traum zu erkennen. Eine rechte Zaubernacht ist auch die Nacht vor Aller⸗
heiligen. Da versuchen die schottischen Fischer das Schicksal zum Guten zu bewegen. Sie bestreichen ihre Kähne mit Kreuzen aus
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Teer, die, solange sie halten, Glück versprechen, oder sie gießen unter Anrufung ihres sagenhaften Seegottes Shony Bier in die Fluten.
Reiche Ernte. In einem Sonntagsblatte, das vielen klerikalen Zeitungen bei— liegt, steht zum Erntedankfest folgendes Gedicht: Das ist ein Leuchten aus dunklem Grün: rotwangige Aepfel prächtig glüh'n. Das ist ein Segen in diesem Jahr, so reich, wie lange keiner mehr war. Es beugt sich zur Erde Ast um Ast, man muß sie stützen, die süße Last. Der Hans schleppt Körbe so groß und schwer, die Gretel bringt Obst in der Schürze her. Die Apfelkammer daheim ist so voll, man weiß nicht, was das noch werden soll. Und weiter fällt es, bald dort, bald hier—— Allgütiger Gott, wir danken dir!
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