b
eich g
Die Oberbessische Volksgeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl.. 80 Mt.
Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraste 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008.
Juserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pig. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben.
1
Gießen, Freitag, den 24. September 1915
10. Jahrgang
Die
füssungsschlacht von Wilna.
Von Richard Gädke.
Mit einem grimmigen Lächeln wird der gestürzte Großfürst in iflis die Nachrichten lesen, die ihm der amtliche Bericht über en Verlauf der Kämpfe in Litauen bringt. Vielleicht sagt er zu inem getreuen Januschkewitsch:„So gut hätten wir es am Ende uch noch gekonnt.“ Seine Rückzugsstrategie, so wenig einwand— tei sie nach dem Falle von Brest-Litowsk auch war, feiert gewisser⸗
Allerdings ist es nicht ganz seiner Absetzung den Enkt⸗ Hluß zu einer neuen Schlacht gefaßt hatte, durch die er das Drängen der deutschen Heere aufhalten wollte und vielleicht auf ne siegreiche Verteidigungsschlacht hoffte. Es wäre möglich, daß as Drä gen von Petersburg her ihn dazu veranlaßt hätte. Zenigstens scheinen in den ersten Tagen des September während er Eroberung Grodnos durch die Deutschen seine Entschlüsse mehr⸗ ich geschwankt zu haben.
An sich war es ein schwerer Fehler der russischen Heeresleitung, 1 ch zur Schlacht zu stellen, nachdem die starke Njemenlinie ver⸗ bren gegangen war: sie taten damit gerade das, was der deutsche eldherr aufs innigste wünschen mußte. Zu rechtfertigen war kkeser Entschluß nur daun, wenn er entschlossen und imstande war, kit dem weitvorgebogenen rechten Flügel Riga⸗Dünaburg gleich⸗ gitig zum Angriff vorzubrechen. Und selbst dann wäre es vor⸗ N Eilssichtlich zweckmäßiger gewesen, die Front zunächst in raschen Närschen bis zur Linie Dünaburg⸗Minsk⸗Luninez zurückzu⸗ sehmen, dort das Heer gründlich herzustellen und einzugraben. 75 ie russischen Entschlüsse scheinen politische Gründe mehr is militärische maßgebend gewesen zu sein: die Rücksichten sowohl uf die bedrohlichen Verhältnisse im Innern, wie auch auf die Ge⸗ jaltung der Dinge auf dem Balkan. Hoffte man immer noch auf riechenlands und Rumäniens, vielleicht gar auf Bulgariens Ein⸗ Keiseng daun durfte man sich freilich nicht als besiegt erklären. Nan mußte versuchen, die deutschen Kräfte dort aufzuhalten und sir längere Zeit zu binden. Und so ging es denn, wie es immer ght, wo die Politik ihre verderblichen Einflüsse auf die bessere Ein— scht des Feldherrn ausübt. zm übrigen scheint mau die eigenen Streitkräfte in den (renzen des Möglichen verstärkt und umgruppiert zu haben und nan rechnete wohl, daß die Front, die von der Ostsee bis zu der soljessie reichte, so leicht nicht umfaßt werden könne. Der endgiltige Entschluß zur Schlacht scheint alsbald mit der lebernahme des Oberbefehls durch den Zaren gefaßt worden zu lin. Vom 6. September an verdichtete sich der russische Wider— sund auf der ganzen langen Front. Zugleich aber begann die 11 55 Heeresgruppe der Russen, unter dem Befehl des Generals (vauow, ihrerseits zum Angriff vorzugehen, der in den nächsten Der ganze neue Feldzugsplan ist durchgeführt worden, und verfehlt gewesen wäre,
ö
U dagen an Heftigkeit zunahm. ao jedenfalls in einheitlicher Weise denn er nicht dem Grundgedanken nach knnte man ihm eine gewisse Großartigkeit nicht absprechen. Die deutsche Heeresleitung hat es verstanden, den Fehler
der Jussen tatkräftig auszunutzen. Sie fand die schwache Stelle des begners in dem Raume zwischen Dünaburg und Wilna, der an⸗ sheinend verhältnismäßig dünn, zum Teil nur durch Reiterei be⸗ st war Hier sollte die 10. Armee des Generals v. Eichhorn lrchbrechen, um dann von Norden und Nordosten her den rechten Nügel der 330 Kilometer langen Front, die sich nördlich Wilna⸗ Crany⸗Wolkewysk⸗Prushany⸗Kobrin ausdehnte, zu umfassen und
um den Rlickzugsstraßen nach Minsk abzuschneiden. Damit aber die 10. Armee ihre Aufgabe erfüllen konnte, mußte I gegen Bedrohungen in Flanke und Rücken durch die russische geresgruppe des Generals Rußki aus der Front Riga⸗Dünaburg Armee Below zu. Zu
ssichert werden. Dieser Auftrag fiel der der unteren
hesem Zwecke reinigte sie zunächst das linke Ufer Luna vom Gegner, den sie aus den Brückenköpfen von Jakobstadt hid Friedrichstadt in den ersten Septembertagen hinauswarf Sie ii dann Riga zunächst liegen und wandte sich mit verstärktem lichten Flügel gegen den großen Brückenkopf von Dünaburg. Hier urr der gefährliche Punkt, von dem aus Eichhorns Umfassungs⸗ bvegung aus den Angeln gehoben werden konnte. Am 14. 1 nber begann sie ihre Angriffe, die bald zu einem heftigen Kampfe 1 9 worden. Mit Mühe konnten die Nussen sich zunächst noch be⸗ Aupten, aber nicht daran denken, ihren gefährdeten Kameraden bei Alna Hilfe zu bringen. Inzwischen hatte die lange deutsche Ir er n griff begonnen, der angesichts des hartnäckigen Widerstandes en Russen nur langsam Schritt vor Schritt Raum gewinnen bunte. Um so besser für das Gelingen der Umfassungsbewegung, am 10. September angetreten wurde. Verschleierud scheinen ih große Reitermassen vorhergegangen zu sein, die besonders auf em linken Flügel die russische Reiterei zurückwarfen. Vom Sept. an entwickelten sich zwischen Dünaburg⸗Wilua⸗Meretsch üßere Gefechte. am 12. war Eichhorns Vorbewegung bereits n„flottem Gange“: die Bahn Dünaburg⸗Wilna wurde von den Fortruppen überschritten: die Truppen Hindenburgs hatten wieder iiumal ihre Siebenmeilenstiefel angelegt: Niemandem mehr als ihm scheint der Grundsatz Napoleons zum Evangelium geworden zu en, daß man die Schlachten mit den Beinen der Soldaten ge⸗ int. Und noch immer scheint die Heerführung der Russem die aße Gefahr nicht geahnt zu haben, die ihr hier aus dem Norden lruhte. Ob sie in ihrer rechten Flanke nur stärkere Reiterei vor 5 5 Ob sie allzu hypnotistert nach der Westsront starrto, nn Ir Truppen in schwerem, verlustreichem Kampse. gegen die meen Scholz, Gallwitz, Prinz Leopold standen, während gegen den linken Flügel sich Mackensens Heersäulen immer weiter urch das Sumpfgebiet der Polfessie arbeiteten? Noch am 15. zcptember leistete die rufsische Mitte harten Widerstand aud der zarschierte, östlich der Bah ülna⸗Dünaburg die une Wien wönzischki⸗Komai 5 1 7 nordöstlich Wilna, schon
ont auch ihrerseits den
15 1
7
siegreich kämpfte. Er stand den Wegen, die über Minsk nach dem Osten führen, zum Teil näher als die in der Front fechtenden Russen. Erst am folgenden Tage begannen sie südlich Wilna unter den wuchtigen Schlägen der Armee Scholz zu weichen, am folgenden Tage aber erreichten Eichhorns Truppen bereits die Eisenbahn Wilna⸗Minsk auf der Front Smorgon-Molodetschno. 68 Kilometer südöstlich Wilna. In erstaunlichen Gewaltmärschen wax damit die riesige Umfassuagsbewegung vollendet, während die russischen Truppen noch bei Wilna standen. Von hier bis Minsk sind es 170 Kilometer, von Molodetschno nach Minsk nur 64. Erst am 18. wurde Wilna von den Russen geräumt und war der russische rechte Flügel eingekesselt zwischen den Bahnen Wilna⸗Lida⸗ Baranowitschi und Wilna-Molodetschno-Minsk. Nun ist ja diese Umkreisung nicht so zu verstehen, als wenn eine Volksmenge auf dem Molkenmarkt von Schutzleuten eingekreist wird. Zwischen Lida und Molodetschno ist immer noch ein Raum von 110 Kilometern. Es ergeben sich also für einen zähen Gegner noch manche Möglich- keiten der Rettung. Trotzdem sollte man meinen, daß beträchtliche Teile sich aus der Schlinge nicht mehr werden befreien können und daß die Beute des Siegers eine sehr große sein wird. Das müssen schon die allernächsten Tage ergeben.
Wir werden, wie gesagt, noch etwas warten müssen, denn das warnende Sprichwort„Zwischen Lipp' und Kelchesrand...“ gilt nirgend mehr als im Kriege. Aber der Anblick des Krieges im Osten hat doch noch nie, auch in den letzten viereinhalb Monaten nicht, so zukunftsfroh ausgesehen wie zur Stunde.
8
2 5 1 7 7 5 Wie wird der Weltkrieg enden?
Ueber die„Entscheidung“ des Weltkrieges äußert sich eine von der Basler Nationalzeitung am 17. 9. veröffentlichte Zuschrift des Blattes wie folgt:
Die Mehrzahl der Betrachtungen über die weitere Entwicklung des Krieges kommt zu dem Ergebnis, daß die Mittemächte nach Beendigung der Offenstve im Osten eine„Entscheidung“ im Westen herbeiführen werden. Rein militärisch betrachtet, ist dieser Plan durchaus einleuchtend. Aber militärische Erwägungen allein können die Frage nach der Entscheidung nicht lösen. Letzten Endes werden die Politiker bestimmen, welche militärische Lage der Dinge die Beendigung des Kampfes erwünscht erscheinen läßt. Hierbei ist den Pressestimmen der kriegführenden Länder kein Wert beizulegen. Diese können nicht anders, als sich von der Eroberung Calais' durch die Deutschen, oder von einem Vorstoß der Verbandsmächte bis zum Rhein die endgültige Entscheidung zu versprechen. Als allein maßgebend dürfen vielmehr die offiziellen Kundgebungen der Regierungen angesehen werden. Aus diesen geht aber mit Klarheit hervor, daß keine der Regierungen daran denkt, es könne ihr gelingen, einen Gegner so zu Boden zu werfen, daß er sich auf Gnade und Ungnade unterwirft. Daraus aber folgt logisch, daß der Krieg nur durcheine Verständigung der Kriegführenden untereinander beendet wer⸗ den kann. Ohne sich in Vermutungen zu verlieren, dürfte man nach der bekannten Rede des deutschen Reichskanzlers und Greys Er⸗ llärungen dazu behaupten, daß eine solche Verständigung schon angebahnt wird, daß die Heere schon nicht mehr kämpfen, um den Gegner zu„vernichten“, sondern um eine mög⸗ lichst günstige militärische Grundlage für die Friedensbedingungen zu erreichen.
Deutschland hat durch den Mund des Reichskanzlers sein Kriegsziel und seine Friedensbedingungen deutlich zu erkennen gegeben. Es ist bie Schaffung eines unabhängigen Polens. Aus der Absicht dieser großen Veränderung im Osten ist zu schließen, daß man im Westen Annexionen nicht beab⸗ sichtigt. Mit dieser Orientierung der deutschen Politik wird das Schicksal der besetzten Landesteil Belgiens und Frankreichs in nicht mißzuverstehender Weise bestimmt. Die Grundrichtung Beth⸗ mannscher Politik ist: Schwächung Rußlands, erträglicher Frieden im Westen. Diese Politik kommt dem Kriegsziel der West⸗ mächte weit entgegen. Es liegen so die Kriegsziele der deut⸗ schen und englisch⸗französischen Regierungen nicht mehr so weit auseinander, daß man nicht in Verhandlüngen auf dieser Grund⸗ lage eintreten könnte. Wenn das noch nicht geschieht, so liegt es in der Hoffnung der Verbandsmächte, durch Erzwingung der Dardanellen sich ein Kompensationsobjekt von größerem Wert für die Verhandlungen verschaffen zu können. Das wissen die Mittemächte ebensogut. Daher gibt es flir sie nur die eine Direktive: Konstantinopel und die Dardanellen zu siche en. Spricht man überhaupt von einer„Entscheidung“ in diesem Weltkriege, so liegt sie in der Türkei. Daher werden wir nicht im Westen, sondern auf dem Balkan großen Aktionen entgegengehen. Gelingt es den Mittemächten, die Balkanlage zu ihren gunsten zu gestalten, und werden dann hier wieder starke Kräfte frei, dann wird die Lage auch für die Westmächte bedrohlich oder doch so unvorteilhaft, daß der Gedanke der Westmächte an eine Offeußve unausführbar wird. Aus der Bethmannschen Politik ergibt sich dann aber, daß auch Deutschland nicht die Offensive ergreifen, sondern in diesem kritischen Augen⸗ blick eine weise Mäßigung gegen den Westen beobachten wird, die einen Weg zu jener Verständigung anbahnt, die allein die Welt von der Last des Krieges befreien kann. Nur durch solche weife Mäßigung Deutschlands wird die Grundlage für einen Frieden gegeben sein, der ein dauernder sein kann.
Rufsisches Flüchtlingselend.
Ein erschütterndes Bild von dem Elend, das die sinnlose und unmenschliche Rückzugsstratogie der Russen unter der Bevölkerung angerichtet hat, gibt der folgende, vom 9.(22.) August datierte Brief eines vussischen Soldaten, der in deutsche Hände gefallen ist.
Teuerste Waljal g Denle, liebe Walja, seit dem 1. August haben wir keine Ruhe und Rast mehr. So war es ausgeschlossen, selbst den kleinsten Brief zu schreiben. Denn beute endlich habe ich ein paar freie Mi⸗ uͤuten, um Dir Nachweche zukommen lassen zu können.
Balkan.
Walja! Du kannst Dir auch nicht die geringste Vorstellung machen, wie es hier zugeht und was mit der Bevölkerung alles gemacht wird. Tag und Nacht fahren sie. Es ist unmöglich, sich durch die unendlichen Reihen durchzuwinden. Die Flüchtlinge verlassen ihre heimatlichen Dörfer und führen, was sie nur mit sich nehmen kön⸗ nen, auf irgend welchen Wagen nrit. So ziehen sie dahin, ohne zu wissen wohin. Frieren müssen sie Tage lang! Wasser gibt es hier überhaupt wicht und Flüsse sind keine da..
Kurz, die Unseren schleppen die Menschenmassen zur Vernich⸗ tung, Kinder weinen und schreien, aber alles umsonst! Unzählige sterben unterwegs. Man läßt sie aber einfach liegen, entlang der Straße in den Gräben und schüttet etwas Erde darauf. Weiter und weiter geht der unendliche Zug! Oh, großer Gott, Walla, ein ungeheures Elend hat die Menschheit betroffen in dieser mit
henblut überschwemmten Gegend! Man kann dies alles gar⸗ nicht schildern, so furchtbar gräßlich ist es. Aber wenn ich gesund bleibe und wiederkomme, werde ich Dir alles sagen können.
Das Wetter ist unerträglich geworden. Heute kam ein kleiner Regenguß und da konnten wir nach langer Zeit wieder etwas auf⸗ atmen und uns von dem Staub, Rauch und Schmutz erholen. Wir haben helle und heiße Tage. aber die Sonne ist nicht zu sehen, denn das Feuer der Geschütze, die Rauchwolken der platzenden Geschosse verdunkeln den Himmel. Datzu kommt noch der Rauch und Brand bei der Vernichtung aller Ansiedlungen, Dörfer und Städte beim Abzug unserer Truppen. Alles, alles, was überhaupt zu verbren⸗ nen ist, müssen die Unfrigen anzünden, damit der Gegner nichts in die Hand bekommt.
So ist dies alles kein Leben mehr, sondern eine Völker⸗ hin richtung. Schon seit zwei Wochen kann man keine Zünd⸗ hölzer bekommen, Zigarettenpapier ist auch nicht zu haben— wir rauchen jetzt wit dem Papier Nr. 7(Schreibpapier). Was für eine Kriegszeit ist über uns gekommen. Krieg kann man das Schreckliche aber nicht wehr nennen.— Es ist so, wie wenn man eine unzählige Menschenenenge in einen großen Kessel pressen würde und der gänzlichen Vernichtung preisgäbe. Was die Zu⸗ kunft alles bringen wird, von all dem Furchtbaren kanm man heute moch gar keine Ahnung haben! Vor uns her ziehen die Flüchtlinge zu Zehntausenden und hinter uns sieht es aus, wie eine ungeheure Heuschreckenmasse, die alles verschluckt und nichts hinter sich läßt. Je weiter wir zurückkommen, desto schrecklicher wird es werden
Ich bekam schon lange keinen Brief mehr von Dir. Schreibe mir, welche Bücher angekommen sind, und wer ihr Verleger ist. und wie es Dir geht. Ich wünsche Dir Gesundheit und frohes Wiedersehen mit mir. Ich küsse Dich und die kleinen Kinderchen. Erwarte baldige Antwort.
Dein treuer J. P. Shuiko w.
Arbeiteruntuhen in Petersburg und anderen Städten.
In den Straßen der nördlichen Vorstädte von Peter g, auf der Wiborger Seite, fanden wegen der Vertagung der Duma Kund⸗ gebungen und Um e mit roten Fahnen statt, Rufe ertönten: „Nieder mit der Regierung!“ Die Arbeit in einem Drittel aller Fabriken ist eingestellt. Dem Mir wird der Aufruf des Generals des Petersburger Kriegsbezirks, Frolow, zugestellt, der besagt: Die Arbeiter haben in den Fabrikgebäuden allerhand Fragen erörtert und die Zusammenkünfte auf die Straße verlegt. Straßenskandale und Arbeitseinstellungen folgten. Unser Hauptkommandierender. General Rußki, nennt eine solche Handlungsweise Vaterlandsverrat⸗ Wenn wir auch schmerzlich die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen empfinden, so sind doch keinesfalls innere Unruhen berechtigt. ermahne euch, dient und seid tätig.
In Smolensk fanden große Stvaßenunruhen statt, in deren Verlauf mehrere Geschäfte zerstört wurden. In Kostroma gab es tumultuarische Unruhen, zu deren Unterdrückung Militär aufgeboten werden mußte. Die Ausschreitungen begannen überall wegen der Teuerung, nahmen jedoch bald einen rein politischen Charakter an und erreichten einen großen Umfang. Die Menge stieß Rufe gegen die Regierung aus und schwenkte Fahnen, auf denen zu lesen stand: „Statt der Freiheit winkt uns wieder die Knute.“ Der Gemeinderat der Stadt Twer hat einstimmig beschlossen, das Dumapräsidium telographisch aufzufordern, es möge dem Zaren unverzüglich die Bitte unterbreiten, mit der Durchführung weitreichender freisinniger
steformen nicht so lange zu zögern, da das Volk mit Bestimmtheit auf solche rechne und diesmal nicht getäuscht werden dürfe.
Die Einberufung des ungedienten Landsturms.
Petersburg, 22. Sept.(W. B. Nichtamtlich.) Der Rjetsch veröffentlicht ein Manifest des Zaren vom 13. Sep⸗ tember betreffend die Einberufung des ungedienten Land⸗ sturms. Der Aufruf besagt, daß der Feind in das Land ein⸗ gebrochen und es deshalb nötig sei, mit neuen jungen Kräften die Armee zu stärken.
Nowud vollständig geräumt. a
T. U. Stockholm, 22. Sept. Flüchtlinge aus Rowno erzählen, daß die Stadt vollkommen leer ist und daß die Lebensmittel zur Neige gehen, sodaß es unmöglich ist, in der ganzen ausgestorbenen Stadt etwas zu kaufen. In Klewany, einer Station vor Rowno, stehen russische Vorposten.
Die Cholera in Südrußland.
Trotz der russischen Vertuschungsmaßnahmen wird die Tatsache doch bekannt, daß in Sstdruß land die Cholera große Fort⸗ schritte macht. Gauge Dörser und Landstriche in Bessarabjen, Podo⸗ lien, Cherson und Taurien sind verseucht. In zahlveichen Ortschaften sind mehr als zehn Prozent der Bevölkerung erkrankt, wovon mehr als fünfzig Prozent sterben. Jufolge Mangels jeden Aerztemate⸗ rials, das beim Heere verwendet wird, sind die Sanitätsmaßnahmen
Teuersto! äußerst ungenügend; die polizeilichen Maßnahmen versagen gausz


