Fomwno soll fast die ganze Bevölkerung
Hebiete, freilich sind große Teile von ihm
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Nr. 219
Gießen, Samstag, den 18. September 1915
Die Völkerwanderung in Rußland.
Von Dr. Paul Lensch.
f Der jetzige Krieg hat uns ungeheure Exeignisse gebracht, viele, je man in den Zeiten des Friedens nicht für möglich gehalten. ber das Entsetzlichste, das er uns bietet, ist der Anblick er entvölkerten Westgebiete des russischen Reiches. 1 Seit dem siegreichen Vorrücken der verbündeten Armeen am Zug, Weichsel und Narew hat die russische Heeresleitung ein System beschlossen und durchgeführt, das darin besteht, die preis— egebenen Dörfer und Städte zu verbrennen, die Ernte zu N ernichten⸗ die Brunnen zu verschütten, jede menschliche nd tierische Behausung dem Erdboden gleich zu machen, die gevölkerung aber zwangsweise davon zuführen, weit veg ins endlose Rußland, wo sie irgendwo sich ein Unterkommen juchen möge. 1 Man stelle sich vor, was das heißt! In der Absicht, dem nach⸗ fückenden siegreichen Feinde das Weiterkommen zu erschweren, legt ian eine Wüste zwischen die beiden Heereslinien. Und die Be— kerung des eigenen Landes ist es, deren Boden man zur b öde verwandelt und die man selber als Bettler ins Elend jagt. In endlosen Zügen auf grundlosen Wegen, durch Wald, Morast ind Heide wandern augenblicklich Millionen unglück⸗ icher Menschen, auf wackeligen Karren, hochgepackt den ermseligen Hausrat, mit Weibern und Kindern, in Herbstnebel ud Sprühregen dahin. Tausende sterben unterwegs. Andere berden in Eisenbahnen verfrachtet; im plombierten Viehwagen, gen sie also auf ihren langsamen stundenlangen Fahrten nicht ver⸗ gassen können, werden sie abgeschoben. Aber ihre Fahrtausweise gelten nicht für weite Strecken. Aufs neue müssen sie den Kampf m neue Fahrkarten führen: denn die Schalterbeamten wollen auch eben, und wer am meisten zahlen kann, hat Hoffnung, am ersten eitergeschoben zu werden. Jeder betrachtet die Vertriebenen als jöchst geeignetes Objekt seiner Bereicherungsgelüste, die letzten mit⸗ senommenen Zehrgroschen preßt man ihnen ab. Und wenn sie bis uf den letzten Heller ausgeplündert sind, stoßen sie allenthalben tuf feindselige Blicke. Jede Stadtverwaltung sucht die ungebetenen
häste möglichst schnell wieder los zu werden, jeder Bezirk sie abzu⸗ hieben. Sie sind ja nicht Russen, sie sind Fremdvölker, holen, Litauer, Esthen, auch Letten, deren Sprache man nicht ein— bal versteht und die auch nicht den richtigen orthodoxen lauben haben. Nur fort, immer weiter! Familien werden rück⸗ schtslos auseinander gerissen, auf Nimmerwiedersehen. Wer will n dem großen Rußland bei den riesigen Entfernungen und der frenzenlosen Verwirrung dieser kopflosen Flucht den Eltern sagen, ho ihre Kinder geblieben sind, wer den Kindern, wohin ie Mutter oder der Vater geraten?
Und damit nicht genug! Dem Schwarm des Elends und der erzweiflung folgt als ein düsterer Schatten die Seuche, beson⸗ ers die Cholera, und fordert ihre Opfer. Was Wunder. henn die Bauern der Dörfer, durch die der traurige Zug geht, den
4 uc feindselig entgegentreten, die Brunnen
rschütten und so den Flüchtlingen nur das faulige Wasser r Lachen in Straße und Wald zum Trinken und Tränken über⸗ lssen! Auch die Klöster, reich an Gold und Grundbesitz, ver⸗ schlossen sich ihnen und mußten erst von den Behörden gezwun⸗ gen werden, ihre meist weiten Gebäulichkeiten zur Unterkunft zur Jerfügung zu stellen. In einzelnen Städten hat man Baracken ii errichten begonnen, aber was sind zween Fische für fünftausend Fungrige? f Ueber die Zahl der Vertriebenen wird man wohl nie
was Zuverlässiges erfahren. Die erste und bisher letzte Volks⸗
jfihlung wurde in Rußland am 9. Februar 1893 vorgenommen, also vor 18 Jahren. Damals hatte Polen eine Bevölkerung von 4 Millionen Menschen, und Polen ist nur eins der geräumten den Deutschen in die ande gefallen, bevor die grauenhafte Taktik des Volk⸗ und Land⸗ terwüstens von den Russen durchgesetzt wurde. Doch sind in⸗ zwischen im Norden Litauen, Kurland und teilweise schon Livland, in Zentrum die Gebiete von Wilna bis zur Poljesje und im güden schon Wolhynien als Räumungsgebiete hinzugekommen. Laß unter diesen Umständen die Zahl der Vertriebenen bereits eit in die Millionen geht, ist sicher anzunehmen. Eine Etadt wie Brest⸗Litowsk, die vor dem Kriege über 50 000 Menschen zihlte, hatte nach der Eroberung nicht einen einzigen mehr. War⸗ dau soll die Hälfte seiner Bevölkerung von rund 800 000 Köpfen ugebüßt haben, aus den Gouvernements Lublin, Suwalli und von den Russen fortge⸗ lieben worden sein. Riga, eine Stadt von mehr als 300 000 Men⸗ hen, soll schon jetzt, wo sie sich noch in den Händen der Russen be⸗ indet, die reichliche Hälfte seiner Bevölkerung verloren haben. Zabei fordert, wie gemeldet wird, die lettische Presse ganz offen hezu auf, die Auswanderung nicht mitzumachen, sondern lieber in Ruhe abzuwarten. Die Letten heben eben inzwischen das furchtbare Elend mitansehen können, 1 7 von Haus und Hof Vertriebenen im weiten Rußland be⸗ börsteht. Die russische Regierung hat, soviel man vernimmt, sich bemüht, bie Vertriebenen in den einzelnen Gouvernements unterzubringen, robei man bisher aber nur einige Angaben aus den Gouperne⸗ bents des Ostens zur Verfügung hat. Nach Pambow und Kostrowa len je 100 000 Flüchtlinge überwiesen worden sein, obwohl die ktädte dieser Bezirke zusammengenommen nicht einmal so viel Enwohner zählen. Nishun⸗Nowgorod, eine Stadt von 109900 Enwohnern, hat 100 000 Flüchtlinge zugewiesen erhalten. Man enn sich denken, wie fürchterlich das Elend unter diesen Verhält⸗ issen sein muß. Und das nun am Ziel der„Reise“, wo gewisser⸗ 9 baßen für die Vertriebenen gesorgt wird!— Nun liegen diese 9
din Einmarsch der Deutschen
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kezirke schon mehr als tausend glometer hinter der Front. Aber bemit nicht genug. Bis nach Sibirien hinein schleppt man die Un“ glücklichen, wie man aus den Verhandlungen der Duma entnehmen knnte, die sich scharf dagegen aussprach, daß man den Interessen ir Großgründbesttzer und andustriellen Sibiriens zuliebe diese
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Revolutionäre
Zwangsverschickungen soweit ausdehnte, damit die Vertriebenen dort billige Arbeitskräfte abgeben könnten!
Eine derartig grauenhafte Kriegführung war noch nicht da und nur ein Barbarenstaat wie das zari⸗ stische Rußland ist ihrer fähig. Dabei ist es ein ganz abgeschmackter Gedanke, mit dieser Mordbrennerei etwa das Beispiel von 1812 wiederholen zu wollen und die deutschen Armeen zum Lande hin- ausräuchern zu können, wie man Napoleon hinausgeräuchert zu haben vorgibt. Wir sagen: vorgibt. Denn in Wahrheit hat Napoleon nicht durch die Verbrennung Moskaus den russischen Feldzug verloren, sondern durch die liederliche Intendantur seines Heeres und die schlechten Etappenverbindungen, die schon auf dem Hinmarsch das Heer und seine Disziplin aufzulösen drohten. Im Zeitalter der Eisenbahnen und der Automobile ist aber eine solche Taktik doppelt sinnlos und verbrecherisch. Aber was damals, in den Zeiten rückständigster Naturalwirtschaft verhängnis— mäßig leicht vom Lande ertragen werden konnte, das schsägt jetzt, wo in den Städten des Reiches der Kapitalismus sich auszu⸗ breiten begonnen hat, dem Lande schwere Wunden. In Polen hat Rußland das intensivste Industriegebiet verwüstet, über das es zu verfügen hatte. Die vom heimischen Boden abgerissene und über alle Gebiete des ungeheuren Reiches zerstreute Bevölkerung aber wird am gründlichsten Aufklärung über das kriegerische Geschick Rußlands allenthalben verschaffen. Es sind wandernde Zeugen des russischen Zusammenbruchs. Und so sicher ist Väterchen Zar nicht mehr seiner Sache und so fernab von jeder Gefahr revolutionärer Erschütterungen, daß er das Zeugnjs dieser Unglücklichen nicht zu fürchten hätte.
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0 Ein Antialkoholgesetz in Frankreich. Unser französischer Korrespondent schreibt uns vom 11. Sept.: Der Krieg hat in Frankreich die Alkoholbekämpfung in Fluß gebracht, die sich bisher an den Widerständen der interessierten Schichten gebrochen hatte. Die eigentümliche Lagerung der Alkohol⸗ produktion und des Alkoholgenusses in Frankreich hat es bewirkt,
baß gerade der Krieg, dem man eine Förderung des Alkohol⸗ konsums nachsagt, dessen Bekämpfung erleichtert hat. Wenn man in Frankreich von Alkoholkonsum spricht, meint
man damit den„künstlich“ erzeugten Alkohol aus Melasse, Korn, Kartoffeln ufw. Wein(auch Bier) und den daraus gebrannten Likören, sowie Kognak, Apfelwein und den aus Obst gebrannten, Likören, werden zu den„natürlichen“ Alkoholgetränken gerechnet. Diese etwas willkürliche Unterscheidung hat ihre Ursache in dem Tatbestand, daß der„künstliche“ Alkohol sast ausschließlich in Nordfrankreich erzeugt wird, während der„natürliche“ Alkohl, so⸗ weit er aus Wein gebrannt wird, aus Süd- und Südwest⸗Frank⸗ reich stammt. Der aus Obst gezogene Alkohol kommt in der Haupt⸗ sache aus West⸗Frankreich und zwar aus der Normandie. Der Absinth schließlich kommt— oder kam— aus der Gegend von Pontarlier an der Schweizer Grenze—
Die Fabrikanten des„natürlichen“ Alkohols sehen in dem „künstlichen“ Alkohol einen unlauteren Konkurrenten. Folglich
haben sie immer dessen Schädlichkeit nachzuweisen gesucht. Ein an⸗ deres Argument der„natürlichen“ Alkoholiker besteht darin, daß der„künstliche“ Alkohol den Kognak und die berühmten französi⸗ schen Liköre(die„natürliche“ Produkte sind, weil sie aus Weingeist und allerlei Kräutern gebrannt werden, ohne chemische Zutaten), im Ausland in Mißkredit bringe und die„künstlichen“ Nach⸗ ahmungen im Auslande fördert. Die Gelehrten, je nachdem sie aus der„künstlichen“ oder aus der„natürlichen“ Alkoholgegend stam⸗ men, differieren vielfach in der Beurteilung der Schädlichkeit der beiden Gattungen, insofern als die einen den„natürlichen“ Alkohol für ebenso schädlich halten wie den„künstlichen“, während die an⸗ deren den„künstlichen“ für allein gesundheitsschädlich erklären. Nun hat der Krieg u. a. zunächst den Belagerungszustand gebracht, der Versammlungen und Manifestationen erschwert, wo nicht un⸗ möglich macht. Außerdem sind die meisten Alkoholvertilger und ein erheblicher Teil der Alkoholerzeuger und ⸗Händler mobilisiert. Schließlich ist der Kriegsschauplatz Nordost-Frankreich— die Hei⸗ mat des„klinstlichen“ Alkohols— wovon ein erheblicher Teil unter feindlicher Okkupation steht. Daraus resultiert, daß den Alkohol⸗ verbreitern im allgemeinen die Beeinflussung des Parlaments er⸗ schwert ist, während den„künstlichen“ Alkoholikern jede Kund— gebung überhaupt unmöglich gemacht ist.
Daraus haben die„natürlichen“ Alkoholiker Nutzen zu schlagen gewußt. Als geschickte Taktiker gingen sie zunächst dem Absinth zu Leibe, über dessen Schädlichkeit es nur eine Meinung gibt. Dem Absinth wurde ohne weiteres der Kragen umgedreht. Die Fabri⸗ kation, Einfuhr, wie der Verkauf von Absinth sind radikal verboten worden.
Von diesem Erfolg etwas berauscht— wenn man so sagen darf— schlugen die unentwegten und konsequenten Antialkoholiker vor, daß der Verkauf von Alkohol, der einen gewissen Stärkegrad übersteigt, verboten werden soll. So hatten die„natürlichen“ Alkoholiker aber nicht gewettet. Was sie wollten, war die Be⸗ seitigung eines unbequemen Konkurrenten, aber beileibe nicht die Beseitigung des Schnapses, soweit er„natürlich“ ist. Und die Antialkoholiker wurden geschlagen.
Nun hat der Finanzminister einen Gesetzentwurf eingebracht, der aus ebenso„natürlichen“ Motiven entspringt. Es soll näm⸗ lich, unter dem Scheine der Alkoholbekämpfung, mit Hilse der „natürlichen“ Alkoholiker, dem Staate eine Einnahmevermehrung bringen.
Er beseitigt zunächst das„Privileg der Hausbranntwein⸗ brenner“. Ein Gesetz gestattet nämlich den Bauern die steuerfreie Erzeugung von Obstbrauntwein, soweit er zum Haus ver⸗ brauch dient. Dieses Privileg erleichtert nicht nur den„Be⸗ trug“ des Fiskus, es fördert besonders den Alkoholgenuß. In der Normandie, wo die„häusliche“ Branntweinerzeugung besonders im Schwung ist, hat der Alkohol seine größte Verbreitung. Der Schnaps, der aus den Resten der Aepfel und Birnen, die zu Aepfel⸗ und Birnenwein verarbeitet werden, erzeugt wird,„kostet ja
zetterzeichen in
nichts“. So besäuft sich die ganze Familie. und die Kinder saugen
10. Jahrgang
tußland.
buchstäblich den Alkohol mit(nicht etwa„schon in“) der Mutter⸗ milch ein.
Der Gesetzentwurf schlägt also die Beseitigung dieses Ver⸗ giftungsprivilegs vor. Im wesentlichen schlägt er dann eine Ex⸗ höhung der Alkoholsteuer auf 500 Fr. pro Hektoliter reinen Alkohols vor, mit einem weiteren Zuschlag von 100 Fr. für den „künstlichen“ Trinkalkohol, dem außerdem eine Reihe anderer Be⸗ schränkungen auferlegt werden, die ebenso viele Begünstigungen des„natürlichen“ Alkohols sind. Schließlich— und das ist die be⸗ deutfamste Maßregel— wird die Denaturierung und der Verkauf von denaturiertem Alkohol zum Staatsmonopol erhoben. Man hofft dadurch nicht nur eine Erhöhung der Staatseinnahmen,
sondern eine Regularisierung des Preises, was den industriellen Verbrauch fördern würde. Damit hofft man die„künstlichen“
biese davon denken, wissen wir
Alkoholiker zu entschädigen. Was 80 n i a nicht. Wir würden uns nicht wu„wenn sie sich in ihrer Zwangslage als verkauft und verraten betrachten. 059 3 ee i 5 Maxim Gorki für den Frieden. Marim Gorki, der sich augeablicklich in Moskau aufhält, hat kürzlich auf einem Diskutierabend der großen Studentenver⸗ einigung„Swobodnoje Slowo“ das Wort ergriffen und sich für einen Frieden mit Deutschland ausgesprochen. Nach einer Buka⸗ rester Mitteilung der Kreuzztg. hatte die Rede des russischen Dichter halt:
„Wir müssen en, ber furchtbaren Gefahr, in der unser Vaterland augenblicklich schwebt, unerschrocken in die Augen zu sehen. Es ist nicht mehr zu leugnen, die russischen Heere sind vollständig geschlagen. Sie befinden sich auf der Flucht, von einem geordneten Rückzug kann gar keine Rede sein Die Uebermacht des deutschen Heeres ist klar erwiesen. Nie wird e⸗ unseren Soldaten gelingen, den Vormarsch der Deutscher aufzuhalten. Es ist ein lächerlicher und absurder Ein⸗ fall, das Volk auf das nüchste Frühjahr zu vertrösten, in der Hoff. nung, daß in den Wintermonaten die fehlende innere Organisatior Rußlands geschaffen werden soll. Es klingt wie Hohn! Eine Arbeit, zu der das überlegene Deutschland Jahrzehnte gebraucht hat sollen wir in acht Monaten leisten! Deutschland wird den Winter auch nicht nutzlos verstreichen laffen. seine Ueberlegenheil wird im kommenden Frühjahre noch bedeutender sein als jetzt. Die innere Befreiung und Organisation in Rußland könnte viel⸗ leicht einmal die Frucht dieses Krieges für Rußland sein. Der russische Bauer, das russische Volk haben in diesem Kriege nich! versagt. Rußland hat mehr geleistet als seine Bundesgenossen! Der russische Soldat hat immer, sobald er die geeignete Führung hatte, tapfer und hingebend gekämpft, er hat standgehalten und fich zu Tausenden hinmähen lassen. Das haben unsere Feinde auch un⸗ umwunden anerkannt. Versagt haben in Rußland nur die Männer der Regierung und die Führer des Heeres Es hat gezeigt, daß sich in Rußland seit dem fapanischen Krieg im Prinsip noch nichts geändert hat.
Noch ist es für Rußland Zeit, einen billigen und ehren ⸗ vollen Frieden zu schließen, noch hat vielleicht Deutschland ein Juteresse an einem baldigen Frieden mit Rußland. Wenn seine Soldaten erst in Petersburg und Kiew und vielleicht in Moskau stehen werden, und sie werden dahin kommen, dann haf Deutschland keine Eile mehr mit dem Frieden. Der Weg nach Westen steht ihm dann offen, denn das russische Lebensmark ist dann zerschnitten, und Rußland wird sich langsam verbluten. Wenn die Minister in Petersburg auch sagen, der Krieg werde noch fünf Jahre dauern, Rußland werde sich bis hinter den Ural zurückziehen, so ist das ganz unsinnig, und die Minister wissen das auch. Sobald unsere Feinde in Petersburg, in Kiew und in Moskau sind, hat das heilige Rußland aufgehört zu existieren.“
Die Versammlung versiel zum Schlusse der polizeilichen Auf⸗ lösung. Gorki wurde am nächsten Tage zur Behörde bestellt, und es wurde ihm bedeutet, daß man es nicht dulden werde, wenn er fernerhin für einen Frieden agitieren werde. Nur mit Rücksicht auf Gorkis augenblickliche große Popularität in Rußland hat man von anderen Maßnahmen gegen ihn Abstand genommen.
Die Reformbewegung in Rußland.
Die Berlinske Tidende meldet aus Petersburg: Das Kabinet, erwägt, wie es sich in nächster Zeit verhalten soll. Man nimmt an, daß es viele Punkte aus dem Programm des Blocks gutheißen wird, dagegen ist das Kabinett gegen den Anspruch der Duma auf eine stärkere Beteiligung der Duma an der Lösung der zur Zeit schwebenden Fragen, als sie bereits durch die Teilnahme von Duma⸗ mitgliedern am Kriegsausschusse hat, und gegen den Wunsch der Duma, dauernd zu tagen. Sie schlägt vor, lieber mehrere kürzere Sessionen abzuhalten.— Die National Tidende meldet aus Peters⸗ burg: Die Bewegung, welche eine Aenderung im Regierungssystem anstrebt, nimmt stetig zu. Die meisten Großstädte und viele indu⸗ strielle und korporative Gesellschaften erklärten die Zustimmung zu den Resolutionen der städtischen Körperschaften von Petersburg und Moskau auf Einsetzung eines Ministeriums, welches das Vertrauen des Volkes genösse.— Die Nowoje Wremja schreibt von der Sehn⸗ sucht des Landes nach dem Augenblick, in welchem die Regierung aufhöre, unverantwortlich zu sein. Viele Zustimmungserklärungen aus allen Teilen Rußlands ließen erkennen, daß das Land des Wartens müde sei.
Die Gleichberechtigung der Nationalitäten.
Die sozialdemokratische Fraktion der Reichs⸗ du ma hat einen Initiativantrag auf Herstellung der bürger⸗— lichen Gleichberechtigung für die Angehörigen aller Nationalitäten eingebracht. Jusbesondere sollen die Beschränkungen der Freizügigkeit und der Wahl des Wohnortes, des Berufs, der Teilnahme an staatlichen und Gouvernements⸗(Semstwo) Wahlen, des Zutrittes zum Staatsdienst und zu den staatlichen Lehranstalten, des Er⸗ werbs von Grundeigentum und alle Sunderbestimmungen,


