Ausgabe 
17.9.1915
 
Einzelbild herunterladen

lien

d

l

95

leill-

ilig

Organ für die Interessen des werktätigen Volles der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

2

1

Die Oberbessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich

Redaktion und Expedition Giessen, Bahnhofstraße 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008.

Inserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Naum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben.

650 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1. 80 Mk.

Nr. 218

Gießen, Freitag, den 17. September 1915

10. Jahrgang

rr erer

Harte

Fortsezung des Angriffs im Often.

Von Richard Gädke.

Die Verlangsamung, die die deutsche Offensive gegen Osten etwa vom 4. September an erfahren hat, ist sehr erklärlich. Die Zerstörung der Bahnen und besonders ihrer Brücken ist der nächst⸗ liegende Grund. Die Heranführung alles Nachschubs mußte damit große Verzögerungen erleiden. Unsere Heere haben sich mehr und mehr zusammengedrängt, wenige Bahnen müssen ihnen alle Be⸗ N dürfnisse heranbringen. Im wesentlichen werden für die acht deutschen Armeen des Nordostens zunächst nur vier durchgehende

Linien zur Verfügung stehen: Königsberg⸗Kowno, Thorn-Lyck⸗ i Bialystock, Warschau⸗Bialystock, Iwangorod-Brest⸗Litowsk. Womit 5 nicht gesagt ist, daß sich die Zahl dieser Zubringerlinien nicht noch 1 vermehren ließe. Aber selbst jene vier werden schwerlich schon jetzt

bis unmittelbar hinter die Front führen. Die Landstraßen aber werden schlechter, je weiter man vordringt und je weiter die Jahreszeit vorrückt. Der Ersatz für den täglichen Abgang an Toten, Verwundeten, Kranken muß ebenfalls herangeführt werden. Wenn die Russen in ihren letzten Berichten unseren Verlust auch tendenziös übertreiben sie behaupten Dinge, die sie garnicht wissen können so wäre es doch lächerlich, zu leugnen, daß Liese täglich fortgesetzten Kämpfe gegen einen Gegner, der nur ö Schritt vor Schritt weicht, auch uns blutige Opfer kosten müssen. Es ist also klar, daß in den Vormarsch immer wieder Oper a⸗ tio nspausen gelegt werden müssen, damit die eigene Truppe

nicht ausgepumpt wird. Auch das ist nicht verwunderlich, daß die Verzögerung sich besonders deutlich auf den Flügeln des Vor⸗ marsches ausprägt: im Norden zwischen Düng und Wilija, im Süden an der Serethlinie. Denn dorthin haben die Russen seit geraumer Zeit alle Verstärkungen geworfen und dort ihren Wider⸗ tand von Tag zu Tag verdichtet. Ganz richtiger Weise! Sie wollen die verbündeten Heerscharen verhindern, die äußere Flanke ihrer Verteidigungsfront zu gewinnen. Denn darin läge für sie eine viel größere Gefahr, als in der sogenannten Trennung ihres Heeres in zwei große Gruppen durch die Sümpfe der Poljessie. Bisher ist es ihnen geglückt, die Umfassung ihrer Flügel den Gegnern zu verwehren. Im Norden haben sie eine starke vor⸗ wärtsgebogene Flanke zwischen Riga und Dünaburg gebildet, die sich noch immer südlich und westlich der Düna zu halten vermochte; und dadurch haben sie entscheidende deutsche Fortschritte in dieser für sie besonders gefährlichen Richtung verhindert.

Seit dem letzten Sonntag scheint nun allerdings unser An⸗ griff in diesem weiten Gebiete wieder in rascheren Fluß zu kom⸗ men. Die Russen behaupten, daß große deutsche Verstärkungen hier eingetroffen seien, geben aber im übrigen ihre rückgängigen Bewegungen zu. Einen besonders harten Widerstand haben sie zwischen Wilna und Grodno geleistet; auch hier scheint er nunmehr gebrochen zu sein. Uebrigens hat man auf diesem Kampfesfelde ein Beispiel vor sich, daß die russischen Berichte den unseren schein⸗ bar widersprechen können, ohne darum etwas bewußt Unwahres zu behaupten.

1 In seiner Veröffentlichung tussische Hauptquartier über die Kämpfe 10 warfen diese Angriffe mehrmals mit dem unnd das nordwestlich davon gelegene Nie hin und herwogenden Kämpfen von uns in der Nacht endgültig er⸗ obert werden. Es ist ganz klar: Der russische Bericht ist früher abgefaßt und gibt eine für seine Waffen günstige Episode aus dem nach dem deutschen Berichthin und herwogenden Kampfe wieder: der deutsche als der spätere übermittelt uns den endgültigen Aus⸗ gang. Wenn man dann noch berücksichtigt, daß wir die russischen Berichte um einen Tag später als die deutschen erhalten, so werden wir in den meisten Fällen die Widersprüche zwischen beiden aufzu⸗ kläven vermögen. Das wird in gewissem Maße

vom 11. September sagt das

östlich Grodno:Wir Bajonett zurück. Skidel krasza konnten erst nach

auch für die hartnäckigen und mehrtägigen Kämpfe auf dem Südflügel, um Tarnopol und Trem⸗ bowla am Sereth gelten dürfen. Die Russen, die am 8. September die Niederlage von zwei deutschen Divisionen meldeten, scheinen sich biesmal abgesehen von einer geflissentlichen Uebertrei bung ihres Erfolges hauptsächlich in derFirma geirrt zu haben. Die deutsche Berichtigung betont dann auch nurkein deutscher Soldat ist auch nur einen Schritt gewichen. Im übrigen aber geben die deutschen wie die österreichischen Mitteilungen unum⸗ wunden zu, daß die fünftägigen Kämpfe vom 7. ben russischen Waffen einen Vorteil gebracht haben: der Verbündeten am mittleren Sereth ist um m meter auf die Höhen östlich der Strypa z u den. Die Armeen Boehm⸗Ermolli und weise in die Verteidigung zurückgefallen. nun von den weiteren Fortschritten der linken Flügels Boehm⸗Ermolli im Norden, Baltin im Süden gebracht worden. Besonders im die Offensive über Dubno hinaus auf R lich ihre Rückwirkung auf die heftigen üben, wenn es ihr glückt, durchzudringen. Es kann wunderbar erscheinen, daß 0 so erhebliche Verstärkungen geworfen habe zum ersten Male aus der Verteidigung wieder gehen. Denn die Entscheidung des Gesamtfeldzuges Voraussicht nach im Norden fallen. Wahrscheinlich 5 mehr politische als militärische Gründe maßgebend gewesen Sie sollen wohl das letzte Stück galizischen Bo Abrechnung wegen behaupten; sie möch russische Hauptstadt, schützen, des moralischen P dritte Hauptstadt des Reiches soll nicht in die fallen. Und endlich mag der außenpolitische ste Bessarabien, das Grenzland geg

restiges wegen.

en Rumänien hin

Vorgehen gegen Lemberg noch imstande wären,

bis 12. September die Front ehrere Kilo⸗ rückgenommen wor⸗ Graf Bothmer sind zeit⸗

Die Entscheidung muß Armee Puhallo und des der Armee Pflanzer⸗ Norden dauert owno fort; sie muß schließ⸗ Kämpfe in der Mitte aus⸗

ze Russen gerabe hierhin u und hier seit Monaten zum Angriff über⸗ wird aller sind hierfür

dens der späteren ten ferner Kiew, die klein⸗ Die Hände des Gegners Grund einwirken, daß

nicht aufgeben möchten. Daß sie aber selbst durch ein siegreiches die Offensive der

Kämpfe im

5 hier entwickeln. Sie widerspricht auch der Annahme, daß das russische Heer als ganzes sich schon geschlagen fühle: offenbar vielmehr sind seine Bestandteile sehr verschiedenwertig. Neben einzelnen Armeekorps, die sich mit hervorragender Tapfer⸗ keit schlagen, gibt es andere, die beim ersten Anlauf der Deutschen die Waffen sortwerfen. Die Heeresleitung aber scheint den Rlick⸗ zug ncht mehr fortzusetzen, sondern eine neue allgemeine Schlacht annehmen zu wollen. Die Entscheidung in einer solchen würde dann allerdings wohl von weittrag ender Be⸗

Mangel an sgesagt eine sehr sie mit ihren

lich so schwächen müßten, daß wir im

sähig würden, hat mehr als ein Loch. wagen, uns dort anzugreifen, wesche blühen, wenn wir erst im Osten Kräfte nach können es seien nun sehr viele oder weniger!

Man kann also nur feststellen, daß der Gegner sich zurzeit nicht für stark genug hält, uns mit Hoffnung auf Sieg an⸗ zugreifen, und daß er nur die vage Hoffnung hegt, daß die Zeit für den Vierverband arbeite. Warum eigentlich? Möglich, daß er inzwischen Kräfte sammelt, daß er noch auf die Unterstützung durch ein italienisches Heer hofft, oder immer noch glückbringende Zwischenfälle auf dem Balkan erwartet. Wir können seine ge⸗ heimen Gründe nicht erraten, wohl aber uns der Tatsache fveuen, die seine Untätigkeit für uns schafft. Je grün dlicher wir im Osten abrechnen können, desto klarer wird der el auch im Westen.

0 4 2 Der Seekrieg.

Die deutschen U-Boote im Mittelmeer Basel, 15. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Die Basler Nachrichten melden aus London: Mitteilungen der Agentur Lloyds lassen erkennen, daß bis zur Organisation der Gegen⸗ maßregeln gegen die deutschen Unterseeboote die gesamte Handelsschiffahrt nach und von Marseille und Bordeaux eingestellt worden ist.

Die französischen Schiffsverluste. T. U. Paris, 15. Sept. Nach einer Aufstellung, die wohl

tte lere

eu

niedrig gegriffen ist, sollen sich die Verluste an französischen Schiffen infolge der Kriegsexeignisse nur auf 13 Dampfer und

0 gesamte

13 Segelschiffe, sowie drei Fischerboote belaufen, deren Wasserverdrängung sich auf 68 977 Tonnen stellt. Deutsches Unterseeboot im Schwarzen Moer. T. U. London, 15. Sept. Zwischen der Küstenwache der Halbinsel Krim und einem feindlichen Tauchboot fand, wie der Petersburger Korrespondent der Morningpost meldet, ein Schußwechsel statt. Man nimmt hier an, daß es einem deutschen Unterseeboot modernen Typs gelungen ist, den Seeweg bis in das Schwarze Meer zurückzulegen, da die türkischen Tauchboote nicht mit Geschützen bewaffnet sind.

Ueber die Stimmung in der französischen Arbeiterschaft

berichtet das Züricher Volksrecht: Die französische Bourgeoisie macht den französischen Sozfalisten

die Union sacrée so sauer wie nur möglich. Wenn man auch nicht voraussagen kann, daß sich in der französischen Partei ein vollstän⸗ diger Umschwung vorbereite, so ist jedenfalls die Haltung der franzö⸗ sischen Parteipresse, abgesehen von der durch und durch gouverne⸗ mentalen Humanité, eine ganz andere geworden, als noch vor wenigen Monaten. So schreibt die Bataille Syndicaliste: Niemals zeigte sich der Unternehmer arroganter und anmaßender gegenüber denjenigen, die seinen Reichtum schaffen, als gerade jetzt. Die riesigen, auf sbandalöse Weise ergatterten Kriegsgewinne der Großindustriellen und Aushunge⸗ rungsspekulanten von der Sorte Baumann, Dreyfus u. a. m. zeigen uns sonnenklar, daß in jedem Land und das unfrige macht keine Ausnahme das Proletariat alle Kosten des Krieges trägt; es liefert Blut, Arbeit, Geld ohne Hintergedanken, während der Ausbeuter sich mästet und sich brutal aller in seiner Macht befindlichen, Unterdrückungsmittel bedient, um das Proletariat noch mehr zu knechten. Es ist ganz selbstverständlich, daß die nationale Assoziation

des Kapitals nie zu existieren aufgehört hat, und daß mor⸗ gen, vom Augenblick des Friedensschlusses au, die haum unter⸗ brochenen internationalen, Beziehungen der Unternehmer wieber

don, Rom und all den andern. Unsere kapitalistischen Macher wer⸗ den morgen wieder Konsortien bilden mit Schneider und Krupp und werden sich mit Leichtigkeit und ohne Scham darüber einigen, wie die Schafe gemeinsam zu scheren seien. i Bevor ein Jahr nach Friedensschluß verflossen sein wird, wird das Kapital seine internationale Verbindung wieder hergestellt haben, um Aussperrungen und andere Maßnahmen zu organisieren, durch welche das Proletariat zu Paarer

getrieben werden soll. 8 5 Aber man möchte, daß wir, die Proletarier aller Länder und aller Berufe, in dem nationalen Rahmen verbleiben, den die Regierungen uns vorschreiben wollen. Notwendigerweise müssen wir der Macht der Unterdrücker diejenige der Unterdrück⸗ ten entgegensetzen. Diese Macht besteht und hat längst Proben ihrer Bedeutung abgelegt. Morgen wie gestern müssen wir die proletarische Internationale der goldenen Inter⸗ nationale der Kapitalisten entgegensetzen. Es ist not⸗ wendig, daß wir sobald wie möglich die Bande, die uns mit unseren Brüdern aller Länder verbanden, wieder knüpfen.

Es darf nach diesen Ausführungen, so bemerkt das Volksrecht, wohl erwartet werden, daß die Balaille Sundicaliste und jene Parteipresse, die mit ihr einig geht, ihr möglichstes tun wird, um die französische Sozialdemokvatie aus der Sackgasse gouvernemen⸗ taler Politik heraus zu bringen.. 26

Die englische Arbeiterbewegung.

Das Hollandsche Nieuws Bureau meldet aus London: Bei dem bereits gemeldeten Streik in der Standardgrube in Südwales haben die Streikenden den Versuch b icht die Maschinisten und andere geschulte Arbeiter dazu zu ver⸗ leiten, der Bergarbeiterföderation beizutreten. Wenn sie ihr Ziel erreichen, so kann dies ernsthafte Folgen haben. Gegen. wärtig besteht der Gebrauch, daß die Maschinisten während der Streiks die Pumpen usw. in Ordnung halten. Wenn auch die Maschinisten streikten, dann würden die Gruben voll Wasser laufen, was die Wiederaufnahme der Arbeit nach dem Streik in vielen Fällen während längerer Zeit unmög⸗ lich machen würde. N

Bergarbeiterstreik in Südwales.

T. U. Haag, 15. Sept. Aus London wird gemeldet: In der Standard⸗Zeche in Clemmergan in Südwales sind 1100 Arbeiter in den Ausstand getreten, weil sie mit Nichtgewerkschaftlern nicht zu⸗ sammen arbeiten wollen. N Erfundene Greuelgeschichten.

Die französische Zeitung Le Journal berichtete unterm 8. April über folgenden Fall, der sich zu Nowe Miasto in Russisch⸗Polen zu⸗ getragen haben sollte:

Nach Warschau entflohene Einwohner dieses Ortes hätten erzählt, daß die Deutschen im Gefecht bei Nowe⸗Miasto einige er⸗ schöpfte und wehrlose Kosaken gefangen genommen und einem davon die Glieder zerbrochen und die Augen ausgestochen hätten. Zwei andere durch Schrapnellschüsse schwerverwundete Kosaken hätten sie an Bäumen gekreuzigt.

An alledem ist, wie amtlich erklärt wird, kein wahres Wort. Zweiundzwanzig angesehene Einwohner des Ortes, darunter der Pfarrer Zembrzuski, der Gutsbesitzer v. Blawdziewicz, der Guts⸗ inspektor Wolski, der Wold Drojeski, Aerzte, Bauern, Handwerker, Männer und Frauen, sind vernommen worden. Unter ihrem Eide haben sie sämtlich bekundet, daß niemals etwas derartiges vorge⸗ kommen ist. Sie haben sogar bezeugt, daß die deutschen Soldaten sich gutmütig und liebevoll der russischen Kriegsgefangenen angs⸗ nommen und ihnen von ihren eigenen Lebensmitteln abgegeben

haben. Die Athener Telegramm⸗Spionage.

Wie die Telegraphen⸗Union berichtet, habe die gevicht · liche Untersuchung in der Angelegenheit der unterschlagenen Telegramme neues schwer belastendes Material zutage gefördert. Es scheine, alb ob die ungetreuen Beamten ihre Unterschlagungen fast ein Jahr hindurch ungestört haben fortsetzen können, denn es sei nachgewiesen, daß bereits im Oktober 1914 verschiedene offizielle Telegramme der griechi⸗ schen Regierung ihr Ziel niemals erreichten. Die Angelegen⸗ heit werde noch sehr weite Kreise ziehen, denn es sei festge⸗ stellt, daß der französische Journalist Marion sich nicht nur die Schlüssel zu der Chiffreschrift der deutschen Gesandtschaft und der griechischen Regierung, sondern auch die der eng lischen und russischen Gesandtschaft zu verschaffen gewußt habe. Die Beamten, von denen der eine meist Tag⸗, der andere Nachtdienst hatte, übergaben Marion die Originale jedes einzelnen offiziellen Telegramms der Regierung und der Botschaften. Marion entzifferte dieselben, behielt die⸗ jenigen, die er für seine Zwecke brauchte und gab die anderen zurück. Mit den Originalen trieb er einen schwunghaften Handel zibischen den einzelnen Gesandtschaften der Entente, von denen eine jede ihn als zuverlässigen Vertrauensmann betrachtete.

Der mitverhaftete Grieche Papas bestreitet jede Schuld. Marion selbst ist geflohen. Ein Selbstmordversuch, den einer der verhafteten Beamten im Gefängnis unternahm, miß⸗

aufgenommen werden. Man wird wieder plaudern undar⸗

Deutschen auf Wilna und Minsk zu erschüttern, werden sie kaun N Ammerhin muß man 1 Energie anerkennen, die

beiten mit Wien, Berlin und Konstantinvpel so gut wie mit Lon⸗

glückte,