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Organ für die Juteressen des werktätigen Volkes

der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 206 f

Gießen, Freitag, den 3. September 1915

10. Jahrgang

Der Krieg Ende Angust.

Von Richard Gädke. Der dreizehnte Monat des Krieges ist zu Ende gegangen, und

auch unsere Feinde gestehen jetzt zu, daß sie einen gewaltigen Fehler

5 zurückflutenden russischen Marschsäulen, die mit völkerung des Landes, mit Haus- und Wirtschafts

9 auchbaren Soldaten erforderlich ist, besonders nicht sehr hoch veranschlagt.

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in ihren Berechnungen gemacht haben: sie haben nicht an die lange Dauer der Kraftanspannung geglaubt, die es uns ermöglicht, einer Welt von Feinden siegreich zu widerstehen. Weder finanziell und wirtschaftlich, noch militärisch! Vor einem Jahre vermeinten sie, daß wir mit unseren großen Augustsiegen des Jahres 1914 im Westen unseren Höhepunkt erreicht hätten, während die Verbünde⸗ len erst im Laufe eines Jahres ihr erdrückendes Uebergewicht wür⸗ den geltend machen. Und jetzt, im August 1915, haben wir noch weit nachhaltigere und größere Erfolge im Osten errungen, wäh⸗ rend unsere Gegner entweder nicht vorwärts kommen oder in voller Auflösung weichen. Man kann kaum zu einem anderen Schluß kommea, als duß Frankreich am Ende seiner Anstrengung ange⸗ langt ist und daß die Rekrutierung in England, bei der wachsenden Abneigung der Arbeiterschaft, ihre Haut zu Markte zu tragen, bei weitem nicht die Ergebnisse liefert, auf die man zuversichtlich ge hofft hatte. Gewiß darf man nicht vergessen, daß inzwischen das Dardanellenabenteuer gekommen ist, daß England viele Soldaten und viel Blut getostet hat. Aber als Endergebnis bleibt bestehen, daß der französische Oberfeldherr nicht geglaubt hat, dem russischen Verbündeten in seiner schwersten Stunde beistehen zu können. Während wir nach der Theorie längst erschöpft am Boden liegen sollten, sind es unsere Feinde, die entweder fliehen oder einen An⸗ griff auf uns nicht mehr wagen. Es sind feindliche Berechnungen, die unsere Stärke im Osten auf 1, Millionen(dazu 1 120 000 DOesterreicher) und die im Westen auf 1,8 Millionen Streitbare be⸗

rechnen. Wohlverstanden, die Stärke in der Kampffront, wonach natürlich die Gesamtstärke im Feindesland erheblich höher sein müßte. Und so verschieben sie denn bereits unsere endgiltige

Niederlage auf das Jahr 1916. Noch immer bauen sie darauf, daß

doch zu guterletzt die gewaltige Volkszahl des riesigen Rußland ihr

erdrückendes Uebergewicht zur Geltung bringen müsse. Und gessen immer wieder, daß Menschen keine Soldaten sind. Ich selbst habe immer die Zeit, die zur Ausbildung eines in Kriegszeiten, Umständen höher, als den Russen bei dem raschen Verlauf der Operationen bisher Verfügung gestanden hat! Entscheidender und auch für die kunft beruhigend sind andere Erwägungen. Die Menschen, die rasch in Krieger verwandeln will, müssen heute mehr als je⸗ isse Eigenschaften mitbringen: Begeisterung, Willigkeit,

ver⸗

Aber unter allen

durch Rekruten ausgefüllt werden sollen, dürfen ral nicht gebrochen sein. Wie steht es mit all Und last not least die bedarf versehen zu können. Das den eigenen Ge n irgendwie ab⸗

r in Galizien und Schlagfertigkeit zu te dauernden Feld⸗

rasche Fall von Brest⸗Litowsk. schon seit Mitte August beschlossene Sa Warschau und Iwangorod nur als Nachhutste

lastet waren, Zeit und Raum flir den Abmarsch zu gewinnen.. Aufgabe hat die Festung in vollem Maße nicht erfüllen können. Der deutsche Sturmangriff brach den Widerstand des Feindes

früher, als dieser erwartet hatte. Und so wurde die Hauptmasse erreicht und mußte mit Teilen erneut Front machen. Das wird die Verluste des Feindes wiederum steigern, seine Zerrüttung vermehren. Und das umso⸗

mehr, als sein Fußvolk schutzlos dem Feuer unserer Geschütze preis⸗ gegeben ist. Nun steht auch Grodno vor seinem Fall! Wie Weichsel⸗ und Narew⸗Linie, ist auch der breite Abschnitt des Niemen in un; serer Hand. Darf man hier einmal einen Blick rückwärts werfen? Wie anders wäre der Verlauf des Krieges gewesen, wenn unsere Grenze am Niemen gelegen hätte, wenn Kowno, Clita, Meretsch, Grodno von deutschen Truppen besetzt gewesen wären. Wahrschein⸗ lich, daß es dann nie zu einem Einfall in Ostpreußen gekommen wäre. Oder wenn Hindenburg nach seinen Siegen bei Tannen⸗ berg und Angerburg⸗Lötzen stark genug gewesen wäre, schon damals diese starle Schutzwehr den Russen zu entreißen!

Die befestigten Stromabschnitte haben der N* führung unsagbare Vorteile gewährt: sie boten ihnen sichere Zu⸗ flucht, wenn sie geschlagen zuxückgingen; aus ihnen brachen sie immer von neuem wieder hervor, nachdem sie ihre Heere ergäuzt hatten; hinter ihnen leisteten sie den deutschen Angriffen hart⸗ näckigen Widerstand. Man denke nur an den langen, langen Stel⸗ lungskrieg vor Warschau,

russischen Heeres

Durchbrochen wurde dieser Panzer erst, als die Heexes⸗ gruppe Mackensens vom Süden her in den offenen Rücken dieser Landesbefestigung einbrach. Man soll also den Wert solcher vor⸗ bereiteten Schlachtfelder mit dauernden Verteidigungswerken nicht gering anschlagen. Solange sie in Verbindung mit dem Feldheer stehen, und solange diesem der Rücken frei bleibt, werden sie nach wie vor ihren zwingenden Einfluß auf die Kriegführung behalten. Erst wenn die Verbindung zwischen Festung und Feldarmee gelöst ist, dann werden sie schwach, dann verlieren sie ihre Bedeutung. Darum hat freilich die einzelne Festung nur geringen Wert, desto höheren die befestigten Linien, deren Flanken gegen Umgehung geschützt sind.

Die Russen bereiten sich schon auf den Fall von Wilna und Riga vor, selbst die Berichte des Generalissimus gestehen ein, daß die Deutschen in den letzten Tagen Raum in dieser Richtung ge- wonnen haben. Selbst Dünaburg scheint nicht mehr sicher. Und schon erklären die Zeitungen, daß das russische Heer hinter die Beresina gehen werde, wo angeblich eine starke Verteidigungs- stellung angelegt wird. Ob der Großfürst Nikolaus in seinem Innern noch hofst, dort seine Massen zum Stehen zu bringen, stark genung zu sein, um erneut um den Sleg zu ringen? Ist Dünaburg gefallen, dann ist seine rechte Flanke auch hinter der Beresina nicht mehr sicher. Hundert Kilometer, dahinter liegt der stärkere schnitt des Dujepr mit Smolensk. Dort hätte nach der Meinung vieler Napoleon im Jahre 1812 Halt machen sollen, um erst einmal sein Heer wieder zu ergänzen und auszuruhen, die Manneszucht herzustellen und die Verpflegung zu ordnen. Weite Räume feind⸗ lichen Landes hätte dort auch unser Heer hinter sich, eines frucht⸗ baren Landes, das trotz heißer Bemühungen der Russen doch nur unmittelbar neben den Marschstraßen gründlich verwüstet ist und zweifellos noch reiche Hilfsmittel birgt. Das Forttreiben der Be⸗ völkerung, die man wie Herden Viehes mit sich schleppt, schadet den Russen mehr als uns.

Ab⸗

Enögiltige Entschlüsse wird unsere Heeresleitung wohl erst fassen, wenn sie besser übersehen kann, in welcher Stärke und in

welcher Verfassung das feindliche Heer sich der Verfolgung unserer Truppen entwunden haben wird. Noch ist es nicht saweit! 1

0 Die Stimmung in Bulgarien.

Ein kleines Stimmungsbild aus Bulgarien, datiert aus Sofia vom 28. August, entwirft der Berichterstatter der Vossischen Zeitung: Am 30. August beginnen in ganz Bul garien die üblichen jährlichen Divisionsmanöver. Die Ernte ist eingebracht, das Viehfutter für die Winterszeit, ausge nommen Mais, unter Dach, die Wintersaat bestellt. Die Frage der Getreideaus fu her wird in kürzester Frist dringlich. Gemildert werden die Ausfuhrschwierigkeiten in dem Augenblick, wo Bulgarien in den vollen Besitz der Bahn nach Dedeagatsch gelangt. Doch bleiben die Blicke auch auf den Donauweg gerichtet, dessen Oeffnung mon herbei⸗ wünscht. Der Abschluß der Feldarbeiten macht die Armee der Ackerbauer für andere Aufgaben frei. Man sieht diesen Aufgaben mit Ruhe entgegen, entschlossen zu einer end- gültigen Lösung, sobald der richtige Zeitpunkt da ist. Die Bulgaren sind sicher, daß ihnen Mazedonien nicht ent⸗ geht, sei es, daß die Serben die Provinz kampflos räumen, wie 1913 die Bulgaren die Rumänen kampflos ins Land ließen, sei es, daß Mazedonien im Waffengang wird ge⸗ wonnen werden müssen. In der bulgarischen Armee brennt der Wunsch nach Vergeltung für die Vorgänge von 1913. Ein kleiner, aber für die Stimmung des Landes immerhin bezeichnender Zug ist die neuestens vollzogene Gründung

eines deutsch-bulgarischen Kulturvereins, der gestern zum ersten Male mit einem Konzertabend in die

Seine Träger auf bulgarischer Seite

Oeffentlichkeit trat. deutschen

sind ehemalige und gegenwärtige Studierende an Hochschulen. a Die Politik Serbiens.

Der Nieuwe Rotterdamsche Courant. enthält einen interessanten Brief seines Korrespondenten aus Nisch vom 23. August. Darin wird gesagt, daß die beiden o eheimen Sitzungen über 18 Stun⸗ den gedauert haben. Der Ministerpräsident Paschitsch setzte die bekannten Forderungen des Vier verbandes ausein⸗ ander, wonach Serbien den Zustand, wie er vor dem Vertrage von 1912 vorhanden war, wiederherstellen und alle Gebietsteile, um die Bulgarien damals gekommen war, wieder herausgeben sollte. Serbien sollte durch Teile Bosniens, der Herzegowina und Dal⸗ matiens entschädigt werden. Vielleicht sollte Serbien auch ein lleines Stück Nordalbaniens erhalten, wogegen jedoch Italien Be⸗ schwerde erhob. Der Vierverband bestehe auf seinen Forderungen, die er im Notsalle durch Zwang durchzusetzen drohe. Paschitsch sprach mit Absicht stets von denverbündeten Mächten, was jedesmal laute Pfuirufe zur Folge hatte, die keinem einzigen Protest begegneten. Man hielt es schließlich für das beste, Zeit zu gewinnen, da man infolge des Laufes der Kriegs⸗ eveignisse von Rußland vor läufig keine Hilfe mehr erwartet und andererseits zusehen will, wie die Ereignisse auf dem westlichen Kriegsschauplatze sich gestalten werden.

Wie inzwischen auch von anderer Seite bekannt geworden ist stellte Serbien sich auf den Standpunkt, daß es sich im Prinzip zu einem Vergleich mit Bulgar ien bereit erklären wolle, jedoch nicht auf der Grundlage des Zustandes vor dem Vertrage pon 1912 und natürlich ohne Aufgabe der bereits besetzten Gebiets⸗ telle von Albanien. Nur in den Kreisen jüngerer Offiziere besteht die Absück die auch in der Zeitung Piemont zum Ausdruck ham

leltkrieg.

sofort gegen dieverfluchten Bulgaren und wenn nötig auch gegen ihre Wortführer, dieverräterischen Ententemächte das Schwert zu ziehen. Angeblich soll Kronprinz Alexander selbst zu diesen heißblütigen Politikern zählen. Jedoch handelt es sich hierbei nur um eine kleine Gruppe, und man glaubt, daß der von Paschitsch angegebene Weg des Hinaus zögerns eingeschlagen werde. Man stellt sich die Frage, was die Ententem ächte in einem solchen Falle tun werden, zumal es bekannt ist, daß absolut nicht eine Uebereinstimmung in dieser Frage zwischen Rußland und Italien, wahrscheinlich ebensowenig zwischen Rußland und England besteht? und es vor allen Dingen England ist, das so stark auf eine Regelung dringt, so ist man hier über die nächsten Schritte der Ententemüchte nicht sehr beunruhigt, zumal man begreift, daß der Zustand jeden Augenblick eine andere Wendung nehmen könne.

Der Korrespondent des Nieuwe Rotterdamsche Courant er⸗ wähnt auch eine andere, von Tag zu Tag anwachsende Gruppe, die dem Abschluß eines Son derfriedeus mit delt Zentralmächten absolut nicht abgeneigt ist, wenn nur die

Zentralmächte den ungestörten Fortbestand des Königreichs Serbien garontieren mit Beibehaltung Nord⸗Albanjens, wodurch Serbien

die Häfen au der Adria erhalten würde. Mazedonien könnte

dagegen Bulgarien überlassen werden. Der U⸗Bootkrieg.

Berlin, 1. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Wie wir erfahren, sind in letzter Zeit von deutschen U-Booten noch folgende englische Dampfer vernichtet worden, deren Namen. bisher in der Presse nicht gebracht wurden: Der englische DampferParoou aus London(2665 Tonnen), der englische DampferShrikby aus Cardiff, der englische Dampfer Glenby aus Westhartlepool(2196 Tonnen), der englische DampferThe Queen Glasgow(557 Tonnen), der eng⸗ lische DampferTrafalgar aus Liverpool(149 Tonnen) und der englische FischdampferRepeat Lt. 131 aus Lowe⸗ stoft(107 Tonnen).

Kopenhagen, 31. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Der dänische DampferEloe, der mit Kohle aus England in Aalborg einge⸗ troffen ist, berichtet, daß in der Nähe der englischen Küste eine mit Grubenholz belodene norwegische Bark von einem Unterseeboot in Brand geschossen worden fei. Die Mannschaft der Bark sei von einem norwegischen Fischerdampfer aufgenommen worden.

Bessere Stimmung in Amerika.

Ein Privattelegramm der Frankfurter Zeitung aus Newyork, 1. September, sagt folgendes: Die Washingtoner Regierung ist sehr befriedigt über die von England zugestandene Freigabe der Einfuhr gewisser deutscher Waren. sowie über die Berliner Mitteilungen bezüglich des Arabic-⸗Zwischenfalls. Der Herausgeber der Evening Post, Villard, der in Washington ist und häufig mit Wilson ver⸗ kehrt, riskiert die Meinung, daß diese Umstände den Weg

für eine Vermittlung zwischen den Krieg⸗ führenden vorbereiten könnten. Fliegerangriff auf Breszia. T. U. Lugano, 1. Sept. Private Informationen über den

letzten Fliegerangriff auf Breszia bestätigen, daß Dreiviertel der dortigen Waffenfabrik vollständig zerstört wurde, was für Italien einen empfindlichen Schaden bedeutet. Die Bomben trafen mit solcher Genauigkeit, daß die Leute behaupten, es müßte sich an Bord des Flugzeuges ein genauer Kenner der Stadt befunden haben. Die Zahl der Toten wird mit 20, die der Verletzten mit 18 angegeben. e*

Die französischen Sozialisten und Elsaß⸗

Lothringen.

Die Kammersitzung vom 26. August 1915 wird von der französischen Presse als sehr wichtig bezeichnet, da sich der Ministerpräsident Viviani sehr klar über das französische Kriegsziel ausgesprochen habe. Bislang sprach man in bezug auf Elsaß⸗Lothringen von einerréparation du droit, von einer Herstellung des verletzten Rechts. Das war eine zwei⸗ deutige Phrase; die Sozialisten verstanden darunter eine Abstimmung der Einwohner jener Provinzen über die Frage, ob sie die Autonomie oder den Wiederanschluß an Frankreich wünschten. Herr Viviani habe dieser Zweideutigkeit ein Ende gemacht. Er sagte klipp und klar:Wir werden die Waffen nicht niederlegen, bis Belgien befreit ist und bis unser Elsaß und unser Lothringen wiedererobert sind. Genosse Varenne, der nach Viviani sprach, erklärte die vollständige Uebereinstimmung der sozialistischen Fraktion mit dem Kriegsziele der Regierung.

Die einzige Pariser Zeitung, die die Ausführbarkeit dieses Ziels bezweifelt, ist die Bataille Syndicaliste, in der man auch zuweilen die deutsche Sozialdemokratie viel sach⸗ licher beurteilt als in der Humanité.

Frankreich will sparen!

T. U. Paris, 1. Sept. Augesichts der ungeheuren Kriegsaus⸗ gaben beschloß die Kammerkommission darüber zu wachen, daß alle unnützen Ausgaben vermieden werden. Es wurde eine besondere Kommission eingesetzt, die Maßnahmen mit dem Kriegsministerium und dem Marineministeriums betr. Unterdrückung aller unnützen Ausgaben, erwägen soll.