„Das unmündige Volk.“
Unter dieser Ueberschrift wagt es der von der Zensur immer übel zurechtgestutzte Avanti in einem lückenvollen Leit⸗ artikel vom 28. August, sich darüber zu beklagen, daß es der italienischen Regierung immer noch nicht einfalle, die Kammer ein Wörtlein zu den wichtigen, sich seit einem Vierteljahr vollziehenden Dingen, sagen zu lassen. Angesichts der Tat⸗ sache, daß der Deutsche Reichstag eben eine arbeitsreiche Sitzung hatte, und in allen anderen Parlamenten der krieg⸗ führenden Staaten eifrig gearbeitet wurde, beklagt es der Avanti tief, daß in Italien jetzt keine Volksvertretung sich mit den ungeheuer wichtigen Maßnahmen befaßt, die die Lage erfordert. Die finanziellen Probleme, die Getreideversorgung, die Nahrungsmittelbeschaffung überhaupt und die Organi:⸗ sation der Industrie, alle diese Aufgaben harren der sachver⸗ ständigen Männer,„aber— nein! Diese müssen fernge⸗ halten werden, die Kompetenzen der Kammer müssen über- gangen werden... Und das ist nur sozusagen die praktische Seite der Frage der Parlamentseröffnung, die weniger wichtig als die moralische Seite ist.“
Erneute Unruhen in Portugal.
London, 31. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Der Daily Telegraph meldet aus Badajoz unter dem 29. August: In Salto haben Un⸗ ruhen stattgefunden. Das Stadtarchiv, das Rathaus und die Kämmerei sind verbrannt. Die Behörden fürchteten eine bedeutende monarchistische Erhebung.
Das Stickstoffmonopol.
In vielen Kreisen der Oeffentlichkeit erregt die Unge— wißheit über das Stickstoff-Handelsmonopol einige Unruhe. Daraus, daß die Reichstagskommission zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen ist, sondern sich wieder vertagt hat, wird geschlossen, daß die Einführung des Monopols hinausge— schoben, wenn nicht gar aufgegeben sei. Dem gegenüber ist festzustellen, daß in der Kommission ein grundsätzlicher Wider- spruch gegen das Monopol nicht erhoben wurde. Es handelt sich nur um gewisse Widersprüche der am Salpeterimport profitierenden Reedereien und der Landwirte, die vom Monopol eine Verteuerung ihres Kunstdüngers fürchten, weil die Weltmarktkonkurrenz dann nicht mehr preisregulierend wirken würde. Die Regierung hat diese Bedenken damit zurückgewiesen, daß das Monopol sich zunächst nur auf Kriegs— dauer und auf die erste Uebergangszeit beziehen soll und für diese Zeiten eine Notwendigkeit geworden ist, weil wir natür— lich Salpeter so gut wie gar nicht mehr hereinbekommen und unter großen finanziellen Opfern des Reiches und der Bundesstaaten künstlicher Stickstoff auf Grund der Patente deutscher Wissenschaft hergestellt werden muß. Gegenwärtig ist die Einführung eines solchen Monopols überhaupt ohne Zustimmung des Reichstags, durch Bundesratsverordnung möglich. Darauf weist auch eine parlamentarische Korre— spondenz hin, sie warnt deutlich davor, daß die Interessenten etwa aus der Vertagung der Kommission auf ein Fallenlassen des Gesetzentwurfs schließen sollen.
Die Sozialdemokratie hat von Anfang an gefordert, daß die privaten Profitinteressen der Reedereien keine Rolle spielen dürfen und daß andererseits eine Verteuerung der landwirtschaftlichen Produktion durch Einführung des Monovols vermieden werden soll. Im Augenblick kommt es übrigens gar nicht so sehr auf die Versorgung der Landwirt- schaft mit Stickstoff an, als auf die Bedürfnisse der deutschen Munitionserzeugung. Es ist nur mit Freuden zu begrüßen, wenn ein Teil der Rüstungsprofite und der Kriegsgewinne durch das Monopol dem Reiche zufließt.
Zum Angriff auf Bulgarien. Wien, 1. Sept. Der Abend meldet aus Sofia: ganze serbische Presse hat nunmehr eine außerordentlich hef— tige Hetze gegen Bulgarien begonnen und fordert nichts ge— ringeres als die Okkupation Bulgariens durch Truppen des Vierverbandes. Die serbische Presse drängt zum Kriege mit Bulgarien.
Die
M
Wie der Abend aus Sofia meldet, ist nach dorthin ge⸗ langten Meldungen der Güter- und Personenverkehr in Serbien eingestellt worden.
Die Zustände in Rußland.
Rodzianko— russischer Ministerpräsident?
T. U. Petersburg, 1. Sept. Die Gerüchte, daß dem Dumapräsidenten Rodzianko vom Zaren der Posten des Mi⸗ nisterpräsidenten angeboten wurde, treten in immer be— stimmterer Form auf. Auch wird aus autoritativer Quelle mitgeteilt, daß der frühere Reichsdumapräsident und Okto- bristenführer Chomjakow für diesen Posten ausersehen sei, falls Rodzianko ablehnen sollte. In den Wandelgängen der Reichsduma verbreitete sich neuerdings das Gerücht, daß der Innenminister Schterbatow zurücktreten und an seiner Stelle der Oktobristenführer Gutschkow das Ministerium des Innern übernehmen wird.
Die Teuerung in Rußland.
T. U. Kopenhagen, 1. Sept. Die Teuerung in Rußland wird für die ärmere Bevölkerung immer unerträglicher. Die Not ist schon jetzt außerordentlich groß. Die Blätter berichten täglich aus den verschiedensten Teilen des Reiches über örtliche Ruhestörungen wegen der Teuerung. Sie erklären, Rußland sei mit allem reichlich rersehen: wenn in verschiedenen Teilen des Landes bald dieses, bald jenes sehlt, so käme dies davon, daß die Regierung ihre Pflicht ver⸗ säumt habe, sie sei für den Notstand verantwortlich. In dem Orte Kolkino bei Petersburg stürmten die Hausfrauen wegen der hohen Libensmittelpreise die Läden auf dem Marktplatz. 32 Läden wurden vollständig zertrümmert: Schaden in Höhe von vielen tausend Ru⸗ beln wurde angerichtet. In Petersburg ist die Teuerungs⸗, ins⸗ besondere die Holzunot so groß, daß auch für hohe Preise kein Holz zu haben ist; selbst die von der Polizei befohlenen Anweisungen auf Holzlieferungen sind wertlos, da kein Holz vorhanden ist. Viele große Betriebe, die ausschließlich mit Holz arbeiten, mußten schließen. Die Regierung steht dieser Notlage völlig machtlos gegen—
über. Burzew nicht begnadigt?
Kopenhagen, 1. Sept.(W. B. Nichtamtlich.) Rjetsch äußert Besorgnis, ob die in der Duma angekündigte Be— gnadigung Burzews und des finnischen Präsidenten sich über— haupt bewahrheiten. Bis jetzt liege keine amtliche Bestäti⸗ gung vor; die beiden Personen seien noch immer in Sibirien und es sei fraglich, ob sie überhaupt zurückkämen.
Russische Staatsstützen.
Das Wiener Tagblatt meldet über Haag indirekt aus Peters— burg: In der Kiewer Militärintendantur wurde eine Reihe hoher Beamten verhaftet. Es handelt sich um bedeutende Bestechungen, die bei Militärlieferungen für die Armee an der Ssidwestfront statt— fanden. Zu gleicher Zeit wurde derPräsident der Kiewer monarchisti⸗ schen Organisation, Lomaki, verhaftet, dem die Verteilung der Militäraufträge oblag. Insgesamt wurden 24 blosgestellte Per— sonen ins Gefängnis gebracht.
Italien annektiert.
Wiener Blätter melden über Lugano aus Italien, daß ein königliches Dekret die Einverleibung des Dodeskanesos aussprechen werde.
Von der Duma.
Rjetsch berichtet: In der Interpellations⸗Kommission der Duma erklärte der Kadett Alexandrow im Hinblick auf die Vertreibung der Juden: Da sich als Grund für den militärischen Mißerfolg die Nach⸗ lässigkeit der Bureaukratie ergeben habe, sei es Wahnsinn, sechs Mil⸗ lionen guter jüdischer Bürger als allein Schuldige hinzustellen. Mit Stimmenmehrheit wurde die Einkerkerung von russischen Juden als Geiseln als ungesetzliche und unmenschliche Handlungsweise der Regierung verurteilt. Aufsehen erregte die Mitteilung, daß an einigen Stellen Dankgottesdienste für die Entlarvung und Unschäd⸗ lichmachung der jüdischen Verräter abgehalten worden seien. Die Bauerngruppe Trudowii brachte eine Anfrage an die Regierung ein, weshalb Tausende junger Leute, Pfadpfinder und sogar Kinder von 12 Jahren ihren polnischen Eltern weggenommen und nach ver⸗ schiedenen Gefängnissen im Innern Rußlands gebracht worden seien, auf welcher gesetzlichen Grundlage dieses barbarische und un⸗ menschliche Verfahren beruhe und wie lange diese unglücklichen Kinder im Gefängnis schmachten sollen.
Aufstand in Marokko.
T. U. Paris, 1. Sept. Wie aus absolut zuverlässiger Quelle
verlautet, ist die Aufstands bewegung in Französisch⸗
arokko von neuem ausgebrochen und gewinnt täglich
t dringend das K 5 In den letzten Marseille na es, daß der Auf⸗ sse
an Ausdehnung. General Liautey ministerium um Verstärkungen ersucht. 1 denn auch bedeutende Truppentransporte, 110 5 gange e ee N i in g stand auch auf die spanische offiziellen Anfrage an die -spanische Regierung herangetre gewalt durch Spanien über einen
Aufstandsgebietes. Kriegsnolizen.
D a 3 preußischen Abgeordnetenhauses, Grafen von sd 51 b ist das aa eng zwe Klassz an weiße schwarzen Jagbe ciel daß sich vor der dortigen
großen Teil des französischen
Strafkammer der Pächter der Schloßdomäne nomierat Otto Hörning, und einer e
der Ank ten hatte, seit dem 15.1 befelebunmte af rvorräte verfüttert zu haben.
Hörning wurde zu 1000 Mr. Geldstrafe oder 100 Tagen Gefängnis W öweizerische Bundesrat hat den unlängst ver⸗ hafteten amerikanischen Sberstleutnant 1 15 275 575 937 3 l unter dem e 4 Stadkpräsidenten Fürsten Lubomirski, n e
Behörden i tatteten, das polnische eb än dg n nisteren, baldmöglichst den al ge.
meinen ulzwang einzuflühren und dafür im Warschauer Voranssfias 1 Vetrag 0 1827 000 Rubel ine Binnen Monatsfrist sollen in Warschau 400 Schulen eröffnet wer en. 20 Das Polnische Preßbureau meldet aus i 0 i Rufsen haben vor ihrem Rllckzug viele hunderte von unmün des polnischen Kindern, Knaben und Mädchen, ins N10 Reiches verschleppt, um sie dort als Russen zu erziehen.? ese Schulkinder gehörten der in Polen und Galizien weitverbreiteten Jugendorganifation der Pfandfinder an und wurden 2 0 85 ge⸗ meinsamen Uebung von der Ochrana umzingelt und 11177 271 Rjetsch meldet aus Wladiwostok: Das Friegsge⸗ richt hat den Kommandanten des von der„Emden“, dere senkten Kreuzers„Schemtschug“ wegen Nachlässigkeit im Dienst zu drei Jahre'n und den ersten Offizier zu 1½ Jahren Ge⸗ fängnis und Verlust der bürgerlkchen. Ehrenrechte verurteilt. Das australische Verteidigungsministerium hat mit einer Gefellschaft einen Kontrakt abgeschlossen, wonach der deutsche Kreuzer„Emden“, der an der Klippe der Kieling⸗Insel liegt, gehoben werden soll. Die australische Regierung hat sich das Recht vorbehalten, das Wrack anzukaufen. 1
Arbeiterbewegung.
Kriegswochenhilfe für Landarbeiterinnen.
Eine Anzahl Landkrankenkassen weigerte sich bis jetzt, den Ehe⸗ frauen zum Heeresdienst eingezogener Landarheiter, die zwar gegen Krankheit versichert waren, indeß mit ermäßigtem Beitrag und ohne einen Anspruch auf Barleistungen(88 4²0, 4²⁵ R. V. O.), die Kriegswochenhilse zu gewähren. Nunmehr liegt eine Entscheidung des Reichsversicherungsamts vor, die grundsätzlich die Kassen zur Zahlung der Wochenhilfe in solchen Fällen verpflichtet. 1
8 un der Klägerin ist im August 1914 zum Heeresdienst eingezogen. Er war vorher ohne Anspruch auf Barleistung gegen Krankheit bei der Landkrankenkasse des Fürstentums Ratzeburg in Schönberg versichert. Am 1. Januar 1915 wurde seine Frau ent⸗ bunden. Die Kasse wies ihren Antrag um Wochenhilfe ab mit der Begründung, die Frau habe keinen Anspruch auf die Baxleistungen der Wochenhilfe, weil der Ehemann ohne Anspruch auf Barleistun⸗ gen versichert gewesen sei. Das Versicherungsamt, wies die Kasse zur Zahlung der Wochenhilfe an. Ge b Oberversicherungsamt angerufen. Dieses gab auf Antrag der Frau die Sache an das Reichsversicherungsamt zur grundsätzlichen Entschei⸗ dung weiter. 2 5 0 8
Das Reichsversicherungsamt entschied in der Sitzung vom 28. Juni 1915 zunächst dahin, daß die Abgabe der Sa an das Reichsversicherungsamt nach§ 1693 der R. V. O. zulässig sei. In der Sache selbst wurde durch Urteil ausgesprochen, daß die Land⸗ arbesterfrau einen Anspruch auf Wochenhilfe habe, obwohl ihr Ehe⸗ mann nach der Satzung der Landkrankenkasse einen Anspruch auf Barleistungen nicht hätte. Die Bundesratsverordnung vom 3. Dez. 1914 habe ungeachtet des Bestehens solcher Kassensatzungen offenbar allen Wöchnerinnen, welche die Voraussetzungen des§ 1 der Verord⸗ nung erfüllen, die in§ 3 vorgesehenen Leistungen der Wochenhilfe gewähren wollen. Dies folge aus§ 6, wonach es einer Satzungs⸗ änderung für die Kassen nicht zu dem Zwecke bedürfe, um die Satzung mit den Bestimmungen der Bekanntmachung in Einklang zu
Diese Entscheidung der höchsten Spruchbehörde in Arbeiterver⸗ sicherungssachen schafft eine erfreuliche Klarheit in dieser umstritte⸗ nen Frage und dürfte recht zahlreichen Landarbeiterfrauen in ähn⸗ licher Lage zugute kommen.
Angestellten unter
Diethelm von Buchenberg.
Erzählung von Bertold Auerbach. 65
Diethelm sprach den Eid, und wie er die Hand emporhob, fühlte er's, wie wenn eine unsichtbare Macht seine Hand faßte, und senkte sie nicht, bis er sich niedersetzte und jetzt erst eine Müdigkeit fühlte, als wären ihm die Knie zerbrochen.
Auf der Anklagebank saßen zwei junge Männer, des Komplottdiebstahls beschuldigt. Der verlesenen Anklage ge— mäß erschien dennoch der eine mehr als Verführer. Der Staatsanwalt begründete in scharfsinniger Weise die Anklage, seine Stimme hatte etwas zitternd Melancholisches, und dieses sowohl wie seine Beweisführungen hatten so viel Be— stimmendes, daß der Nachbar Diethelms, der Schultheiß von Rettinghausen, ihm zuraunte:„Die sind schuldig.“ Diethelm antwortete nicht. Mit eingekniffenen Lippen und weit auf— gesperrten Augen betrachtete er die Angeklagten: diese finster blickenden Augen, die nur bisweilen zuckten, diese starren Züge, diese ineinandergelegten Hände, diese Gestalten mit ihrem ganzen Leben sind in fremde Gewalt gegeben. hinter den Angeklagten sitzt der Landjäger, das gezückte Schwert in Händen. Wie es so gierig blinkt! Das ist das Schwert der Gerechtigkeit, über den Angeklagten schwebend. Immer und immer mußte Diethelm denken, wie es diesen Menschen zumute sei, wie die Blicke der Anwesenden sie treffen müssen wie scharfe Schwerter, er konnte diese Ge— danken nicht loswerden, bis er endlich die Hände zusammen— preßte, ein Schauer durchrieselte ihn, und zum ersten Male betete er in innerster Seele voll Reue über das Geschehene. Vor seinen dreinstarrenden Augen verschwammen die Menschengestalten, nur das blanke Schwert dort an der Wand blinkte, und die Stimme des Staatsanwalts tönte. Da er— klärte der Vorsitzende die Verhandlung für diesen Morgen geschlossen und beraumte eine zweite Sitzung auf Nachmittag
Als jetzt alles sich erhob, rieb Diethelm sich lange die Stirn, und wie taumelnd verließ er den Saal und drängte sich dann hinaus, als würde er festgehalten. Erst in frischer Luft befand ex sich selber Wieder, er trat fest auf und schaute
Dort
zurück nach dem Gerichtssaal, wie ein Angelandeter dem schwankenden Schiffe nachschaut, das er eben verlassen.
Die Mehrzahl der Geschworenen hatte sich einen gemein— samen Mittagstisch in einem ihnen genehmen Wirtshaus angeordnet, und wie von selbst war Diethelm hier der Vor- sitzende, zumal da die wenigen„Herren“ unter den Ge— schworenen sich in einen vornehmeren Gasthof begeben hatten. Diethelm fühlte sich ganz wohlgemut: er war fest überzeugt. daß er heute alles Peinliche seiner Lage überwunden habe und daß nichts mehr über ihn kommen könne.
Es waren hier die gewichtigsten Bauern eines ganzen Kreises versammelt, die sich zum Teile noch nicht persönlich kannten, sie fanden aber schnell eine Einigung und sogar ein allgemeines Gespräch; denn nichts vereinigt die Menschen so leicht als eine Anhänglichkeit oder ein Widerspruch gegen eine Persönlichkeit. Gegen den Steinbauern, der sich bald nach seiner Erledigung heim gemacht hatte, brannte wie beim Scheibenschießen ein jeder seine Kugel los. Man erzählte sich, daß der Steinbauer das Gerücht verbreitet habe, er werde jeden unbedingt für schuldig erklären, und darum werde er stets abgelehnt werden und könne daheim ausdreschen. Diet— helm fand in dem Schultheiß von Rettinghausen und in einem jungen Manne zierlichen Angesichts, es war der Ge— meindeschreiber von Reindorf, fertige Beihilfe, die mit ihm die Gewissenlosigkeit und Niedrigkeit eines solchen Gebarens brandmarkten, und schon jetzt zeigte sich die unverwüstliche Ehrenhaftigkeit des Volkscharakters, die nur der rechten Er⸗ weckung bedarf: ein jeder beteuerte mit aufrichtigen Worten, daß er sich nicht um vieles von einer so schönen Ehrensache losmachen möchte, und wenn nur die Schwurgerichte be— sonders zur Winterzeit wären, möchten sie immer dabei sein.
Das Gespräch verlief sich nach allen Seiten, und Diet⸗ helm ärgerte sich, daß seiner Rede bei Eröffnung des Schwur⸗ gerichts gar keiner Erwähnung geschah; er war nicht der Mann, der eine glorreich vollbrachte Tat gern unbeachtet sah.
Nach Tische hatte er jedoch die Genugtuung, daß sein Schwiegersohn, der als Assessor bei dem Gerichtshof war, zu ihm kam und sich zu ihm setzte; bald drängte sich eine große Menschenmenge aus allen Gegenden zu ihm, die ihn wegen
seiner ergreifenden Rede kennen lernen wollte. Diethelm klagte indeß seinem Schwiegersohn, daß ihn die Sache doch mehr angreife, als er erwartet habe, besonders das lange ruhige Sitzen werde ihm peinlich. Der Assessor tröstete ihn aus eigener Erfahrung, daß er sich schon daran gewöhnen werde, und Diethelm lächelte, als er hörte, daß er als Ersatz⸗ geschworener nicht mit zu urteilen habe.„So bin ich nur Vorspann für die Gefahr,“ sagte Diethelm, und dieses Wort setzte sich fest, und seit jener Zeit nennen die Geschworenen die Ersatzgeschworenen„den Vorspann“.
Als man am Nachmittag wieder in den Gerichtssaal kam, war die Weihe des ersten Eindrucks zwar verschwunden, aber der Ernst des Unternehmens blieb. Diethelm fühlte sich noch besonders beruhigt, da er nicht zu urteilen hatte; er lehnte sich bequem in seinem Stuhle zurück, er betrachtete sich den Saal, der sich in einem alten Deutschmeisterhaus befand, aber aus den übereinanderpurzelnden Genien und halb⸗ nackten Kriegern an dem Deckengemälde sowie aus den Stuck⸗
oft ein neuer Zeuge beeidigt wurde, schreckte Diethelm zu⸗ sammen: dieses plötzliche geräuschvolle Sicherheben der ganzen Versammlung machte immer von neuem einen gewaltigen Eindruck. Ueber die Zeugen aber war Diethelm meist sehr ungehalten; das war ein unbehilfliches Hinstellen und ein Stottern, als ob sie nicht drei Worte zusammenhängend sprechen könnten. Diethelm fühlte, daß er mit Recht eine bevorzugte Stellung in Anspruch nahm. Hätte der Vor⸗ sitzende nicht mit Milde und Klugheit und mit unverwüstlicher Geduld sowie durch Erfragen unverfänglicher Gegenstände die Zeugen zum Sprechen und zur Sicherheit des Sprechens gebracht, man hätte kaum etwas erfahren. N
Dem Benehmen der Angeklagten widmete Diethelm dabei eine besondere Aufmerksamkeit; bald der eine, bald der andere vergaß sich und schaute sorglos und keck darein, bis
Zeugenverhörs
schärfte sich oft de i Sebben r Hauptangeklagte die
indem er mit der Zunge dazwischen hin und her
fuhr; dann stemmte er die Hand in die Seite, raffte sich zu⸗
sammen und richtete sich auf.
Gortsetzung folgt.)
französische Regierung mit 17 zwells klebernahme der Polizel.
n hat, ist die
Emerson aus dem Ge⸗
0
9 94
1
erlich aus Bern burn wird beha mneln Valenstedt, Selo'⸗
Februar fortgesetzt
Gegen diesen Bescheid wurde das
1
arbeiten an den Wänden konnte man nicht klug werden. So
er sich oft plötzlich besann und sich faßte, und während des


