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Ob erhessische Volkszeitung

Organ für die Interessen des werktätigen Volles der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 205

Gießen, Donnerstag, den 2. September 1915

10. Jahrgang

Die drohende Wohnungsnot.

In der Arbeiterpresse ist wiederholt darauf hingewiesen worden, daß der Wohnungsfrage besonders in den Groß städten erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet werden muß. Auch

bürgerliche Blätter sehen besonders nach dem Kriege eine schwere Gefahr für das arbeitende Volk heraufziehen. So

weist Architekt Dipl.⸗Ing. E. Leyser, der Geschäftsführer des Groß⸗Berliner Vereins für Kleinwohnungswesen, in der Täglichen Rundschau darauf hin, daß der Vorstand seines Vereins, Staatssekretär a. D. Dernburg, in einer Eingabe an den Reichstag dargelegt hat, daß wir einer Wohnungsnot entgegensteuern. Weiter setzt Leyser auseinander, wie als stärkstes Hindernis der Erstellung der erforderlichen Woh nungen die Schwierigkeit der Beschaffung von Realkredit und Geld jetzt nach dem Kriege entgegentritt, und er sagt dann: Alle diese Umstände sind geeignet, eine Krise herbeizuführen, welche die von 1870/71 noch bei weitem übertreffen kann; da⸗ mals waren laut Polizeibericht am 1. Oktober 1870 allein in Berlin 10 600 Familien obdachlos. Wenn den aus dem Felde zurückkehrenden Kriegern, die noch mit Mietschulden über⸗ lastet sind, die Miete gesteigert oder weil sie mit einer großen Familie gesegnet sind die Wohnung gekündigt wird, so kann diese Tatsache(wie Adolf Wagner von 1870 sagt) sozial zersetzend und verbitternd in bedenklichem Grade wirken.

Die Männer, die für das Vaterland im Felde gestanden haben, erhoffen mit Recht eine Hebung ihrer Lage nach dem Kriege. Sie wollen nicht aus dem Ringen um Tod und Leben heimkehren, um dann keine Wohnung für sich und die Ihren zu finden oder in Häuser einziehen, wo die Bedingung keine Kinder die Grundlage jedes Mietvertrages ist. Der Wiederaufbau der deutschen Wehrkraft muß das große Ziel sein. Die Tauglichkeitsziffern sinken in den Groß⸗ städten sehr schnell. Ist die Ziffer der Tauglichen für den Bereich des 1. Armeekorps(Ostpreußen) 74,8 v. H., so sinkt sie für Berlin auf nur 34,4 v. H. Groß⸗Berlin stellt im Ver⸗ gleich zu den ländlichen Bezirken allein zwei Armeekorps zu wenig.

Die Säuglingssterblichkeit ist in den Mietskasernen, be sonders in den Seitenflügeln ohne Querlüftung, ganz er⸗ schreckend hoch. Die durchschnittliche Innentemperatur der Proletarierwohnung ist in der heißesten Zeit um Grad höher als die Temperatur im Freien. Dazu kommt. daß das Temperaturmaximum abends um 9 Uhr erreicht wird.

Als Mittel zur Bekämpfung der Mißstände, die nur eine möglichste Dezentralisation beseitigt, schlägt der Groß-Berliner Verein vor: ö

1. Die erneute Inangriffnahme der Realkreditfrage und die Einberufung des vom Reichskanzler eingesetzten Real⸗ kreditausschusses zur Steuerung der in bedrohliche Nähe ge rückten Notstände; 7 0

2. die Erhöhung des bestehenden Wohnungsfürsorge⸗ jonds des Reiches und die Einbeziehung auch der Invaliden in den Kreis der Berechtigten; 5

3. die Ausdehnung der öffentlichen Hilfe auf alle privat⸗ kapitalistischen Unternehmungen, welche die Erstellung solcher Wohnungen für Minderbemittelte bezwecken, die den berech tigten hygienischen und sozialen Anforderungen genügen und auch in ihren Mietpreisen den Einkommensverhältnissen der Mieter entsprechen; 5

4. den Kapitalmangel dadurch zum Teil zu beheben, daß die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte und die Landes versicherungsanstalten im Interesse des Versicherungszieles und der Hebung der Wehrkraft die Sicherheiten für zweite Hypotheken auf Kleinwohnungsbauten übernehmen, voraus⸗ gesetzt, daß diese einwandfrei festgestellt und den oben an⸗ gegebenen Bedingungen entsprechen. Eine innerhalb des jenigen Viertels des Vermögens der Versicherungsanstalten, das nicht mündelsicher angelegt zu werden braucht, bar zurück⸗ stellende Sicherheitsrücklage von 3 v. H. wird als ausreichend erklärt im Hinblick auf die Erfahrungen, die mit solchen Sicherheitsrücklagen in anderen Ländern, z. B. Oesterreich und Belgien, gemacht wurden. e

Die Lösung der hier angeschnittenen Aufgabe ist für die Erhaltung und Förderung der Volks- und Wehrkraft so wesentlich, daß die Arbeiten nicht schnell genug aufgenommen werden können, denn eine erhebliche Gefahr liegt im Verzuge.

Ein Fliegerangriff auf Paris. 5

T. u. Paris, 31. Aug. Ueber einen deutschen Fliegerangriff auf Paxis berichten Lyoner Blatter folgende Einzelheiten Es war degen 11 Uhr vormittags, als drei Kanonenschiisse des Forts

Ecouen der sehr beunruhigten Bevölkerung von Monmorency und Umgebung anzeigten, daß feindliche Flieger in der Nähe seien. Ein Apiatik⸗Flugzeug, das in der Richtung nach Paris flog, wurde ge⸗ sichtet und bald bezeichneten kleine weiße Wölkchen in der Luft den Flug des feindlichen Apparates, der sich in diesem Augenblick in etwa 2000 Meter Höhe befand. Die ganze Bevölkerung eilte ins Freie und bald entdeckte man zwei weitere Flugzeuge. In dem⸗ selben Moment kam das erste Flugzeug wieder zurück und warf so⸗ wie die beiden anderen eine große Anzahl 80 bis 100 Millimeter⸗ Bomben ab, die nur unbedeutenden Matexialschaden an richteten und zwei Personen leicht verletzten. Zu gleicher Zeit nahmen die französischen Flugzeuge die Verfolgung der deutschen Flieger auf, während das Fort Ecouen donnerte und seine eisernen Grüße den schnell enteilenden Feinden nachsandte.

Die industrielle Ueberlegenheit Deutschlands.

London, 31. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Die Daily News erinnert in einem Leitartikel an den 30. August 1914, an dem nahezu alles verloren schien, und sagt: Die Schlacht an der Marne und der erfolglose Winterfeldzug der Deutschen steigerte unsere Erwartungen zu sehr. Jetzt ist der Him⸗ mel wieder voll schwarzer Drohung. Der Sommer sah eine unerwartete, überwältigende Wiederherstellung der Macht des Feindes. Das Blatt erblickt die Ursache des Umschwungs nicht in der numerischen, sondern in der industriellen Ueber⸗ legenheit Deutschlands. Der relative Fehlschlag der Verbündeten lag nicht in dem Mangel an Fähigkeit, genügende Truppen aufzubringen, sondern diese zu versorgen. Eng- land allein sei auf der Seite der Verbündeten imstande, diese Aufgabe zu erfüllen. Der wirkliche Kriege werde nicht in den Schützengräben, sondern von der Industrie ausge⸗ fochten. Die Anhänger der Wehrpflicht richteten ihre ver⸗ hängnisvollen Angriffe gegen die industrielle Kraft Englands. Die Kontrollierung des griechischen Außenhandels

Die Verhandlungen der griechischen Regierung mit den Ententemächten wegen Befreiung der griechischen Schiff⸗ fahrt und des Handels von der drückenden Aufsicht der verbündeten Flotte haben zu einem Abkommen geführt, das nur noch der formellen Genehmigung der Entente bedarf. Hiernach ist aus den Staaten der Entente die Einfuhr von Waren nach Griechenland in solchen Mengen gestattet, die auf Grund der statistischen Aus⸗ weise über die Einfuhr in früheren Jahren und entsprechend den Bedürfnissen des Landes festgesetzt werden. Gestattet ist die Weiterausfuhr verschiedener Waren nach Serbien und Bulgarien unter der Gewähr der griechischen Regierung. Ein spezielles Verbot ist für die Türkei vorgesehen. Gestattet ist ferner die Ausfuhr von getrockneten Korinthen, Tabak und anderen griechischen Erzeugnissen, insbesondere die Aus⸗ fuhr von Korinthen und Tabak nach Deutschland und Oesterreich mit der Beschränkung, daß die Ausschiffung dieser Erzeugnisse in neutralen Häfen stattfindet. Alle diese Erleichter⸗ ungen unterliegen der Beschränkung, daß die griechische Regierung geeignete Beamte anstellen wird, welche die beiden vertragschließen⸗ den Teile für etwaige Unregelmäßigkeit bei der Einfuhr und Aus⸗ fuhr auf dem Laufenden erhalten. Die Anstellung der Beamten er⸗ folgt auf Vorschlag der englischen Regierung. Diese Beamten,

mit Exekutivgewalt ausgerüstet. Inzwischen hat man begonnen, bei den in Frage kommenden Schiffsdurchsuchungen alle möglichen Erleichterungen zu gewähren.

Die Kaperung desLisdale.

Paris, 31. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Der New⸗ hork Herald berichtet in einem Brief aus Belgisch⸗Kongo, wie der norwegische LastdampferLisdale an der Küste von Westafrika von den Engländern gekapert worden sei.Lisdale wurde seinerzeit von der deutschen Regierung gechartert, um das Geschwader des Admirals Grafen Spee mit Munition und Kohlen zu versorgen. Auf hoher See erfuhrLisdale von der Vernichtung des Geschwaders. Das Schiff manöve rierte dann wochenlang im Atlantischen Ozean und versuchte wiederholt, die Ladung in Kamerun zu landen, bis sie schließ⸗ lich von dem englischen KreuzerHighflyer gekapert wurde. Die Ladung wurde in Sierra Leone gelandet. Die deutsche Besatzung befinde sich in Gefangenschaft.

Rußland, das Hindernis des Kulturfortschritts

Ein augenblicklich in Stockholm weilenderbekannter polni⸗ scher Politiker äußert sich in dem dortigen Blatt Nya Daglight Allehauda tber den Krieg wie folgt: 35 f

Daß die ungeheuren Opfer, die unsäglichen Leiden, die der jetzige Krieg mit sich bringt, nur dazu gebracht sein sollten, damit einige Grenzberichtigungen stattsinden, würde gegen jede Vernunft, gegen das allgemeine Interesse verstoßen. Man muß vielmehr hoffen, daß dieser Krieg nicht nur ein sinnloses Gemetzel ist, son⸗ dern einen bedeutungsvollen Meilenstein auf dem Wege des mensch⸗ lichen Fortschritts darstellt. 995

Die Völker der zivilisierten Welt stveben nach der Verwirk⸗ lichung zweier großer Ideen, der Freiheit der Menschen und der Nationen. Das Ziel des Fortschritts ist unzweifelhaft eine inter⸗ nationale Rechtsordnung, die das Recht der Nationen und eine soziale Rechtsordnung, die das Recht der Einzelnen achtet. 5

Das große Hindernis auf diesem Wege ist das russische 1 7 und fein verhängnisvoller Einfluß auf Europa. Das russische Rei

welche die Stellung von Kontrolleuren einnehmen, sind nicht

er Südflügel im Vormarsch!

kennt weder die Freiheit der Nationen noch der Einzelnen. Von seinen 170 Millionen gehören 90 unterjochten Völkern an, die jeder nationalen Selbständigkeit beraubt sind. Auch findet man in Ruß⸗ land nicht Mitbürger, sondern nur Untertanen.

Es liegt in der Natur der Sache, daß ein solcher Staat an⸗ griffslustig ist und ständig danach streben muß, sich zu vergrößern. Hierin ist dierussische Gefahr begründet, von der Europa dauernd bedroht wird. Diese Gefahr ist alt schon von Leibnitz 1669 voll gewürdigt und allgemein bekannt. Ganz außerordentlich ver⸗ größert ist sie durch die kurzsichtige Politik, die Polens Zerstücke⸗ lung herbeigeführt und damit Europas Haupteingang Rußland ge⸗ öffnet hat

Erst spät wurden sich die Mittelmächte der russischen Gefahr bewußt. Noch bis in die jüngste Zeit konnte man daran zweifeln, ob Deutschland wirklich die aufrichtige Absicht habe, Europas Zivilisation und Freiheit gegen Rußlands Despotismus und Bar⸗ barei zu verteidigen, da vor der Rede des Reichskanzlers nie davon die Rede war. Das Bündnis der Westmächte mit dem russischen Reich, daß im Gegensatz zu ihrem Charakter und ihren historischen Ueberlieserungen steht, trägt leicht dazu bei, die wirkliche Bedeu⸗ tung und das wünschenswerte Ergebnis des gegenwärtigen Welt⸗ krieges zu verdunkeln.

Wenn auch die russische Gefahr für ganz Europa besteht, so werden doch von der agressiven Politik Rußlands in besonders hohem Grade das schwedische und das polnische Volk betroffen Schwedens Interesse fordert, daß die russische Gefahr beseitigt wird, eine passive Neutralität, eine Untätigkeit ist gefährlich.

Das Programm dabei muß sein: Wiederherstellung der natio⸗ nalen Freiheit für die Völker, die Osteuropa bewohnen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Aus den Siegen auf den Schlacht⸗ feldern müssen die nötigen Folgerungen gezogen werden. Das würde zugleich die Bedingung für die Sicherheit und den Frieden der Kulturwelt sein, die Bedingung für eine weitere Existenz der Kleinstaaten Europas, in erster Linie Schwedens, Norwegens und Rumäniens. Rußland muß in seine natürlichen Grenzen zurückge⸗ drängt und von seiner Ausdehnungssucht geheilt werden, damit es sich feiner großen inneren Arbeit und seinen Aufgaben in Asten unterzieht.

Wenn Schweden dieses Programm fördert, wird es nicht allein stehen: Die Kleinstaaten, deren Existenz auf dem Spiele steht, wer⸗ den nicht unterlassen, es dabei zu unterstützen. Eine Arbeit im Dienst des Rechts und der Freiheit zieht stets der Menschen Herz

und Seele an. Gute Ernte in Kurland.

In den von den Deutschen besetzten Teilen Kurlands ist die Ernte nach von dort eingegangenen Berichten gut, stellenweise sehr gut, abgesehen von einzelnen Stellen, in denen die russische Re⸗ gierung noch vor dem Einrücken der deutschen Truppen die Ver⸗ nichtung der Ernte ausführen lassen konnte. Da aber auf ihre Ver⸗ anlassung in einzelnen Gegenden zahlreiche Einwohner vor unseren vorrückenden Truppen kopflos geflohen sind, meist nach Riga, von wo sie mit der Bahn ins Innere gebracht und wie man erfährt, ins Elend fortgeschafft sind, so fehlt es vielfach an Arbeitskräften. Doch mird aber auch hier wieder von deutschen Truppen ausgeholfen, was aber bei der Ausdehnung des Landes aus naheliegenden Gründen nur in beschränktem Umfange geschehen kann..

Räumung albanischer Orte durch Serbien. T. U. Wien, 31. Aug. In dem Bestreben, eine Spannung mit Griechenland zu vermeiden, gab die serbische Regierung den Befehl, alle Ortschaften Albaniens, die in der griechischen Interessensphäre liegen, von serbischen Truppen zu räumen.

Das Volk muß zahlen.

Aus Bukarest wird uns geschrieben: Die bewaffnete Neu⸗ tralität hat in Rumänien schon ungeheure Kosten verschlungey. Seit Kriegsbeginn haben die teilweisen Mobilisierungen im ganzen Lande nicht aufgehört. Die Kriegslust desVolkes brachte es schon selbst mit sich, daß die Rüstungen und Vorbereitungen einen wiel größeren Umfang annahmen als es bei einer ernsten und ehrlich Neutralität notwendig gewesen wäre. Je mehr die Bojarenföhr⸗ chen nach Krieg schrieen, um so mehr Bauern und Arbeiter wurden eingezogen, um viele Monate lang unter Waffen gehalten zu wer⸗ den. Um die Not und das Elend der brotlosen Familien zu Hause hat sich niemand gekümmert, am allerwenigsten die Regierung.

Die letztere hat jetzt ganz andere, schwerere Sorgen. Wenn man auch die Familien zu Hause hungern läßt den Soldaten muß man doch zu essen geben. Und da die Erfordernisse größer sind als je zuvor, so ist es auch das Loch in den Finanzen. Hier muß die Regierung unbedingt helfend eingreifen. Sie kündigt ihre Hilfe⸗ leistung auch für die nächste Zeit an. Das Rezept lautet wic immer in solchen Fällen:Das Volk muß blechen!

Die offiziöse L'ndspendance Roumaine benützt eine Polemik mit Take Jonescu, um einen Sturm für die nächste Zeit anzu⸗ kündigen.

Hunger, Arbeitslosigkeit, Mobflisierung und neue Steuern, das kann ja schön werden.

Kriegshetze ist eben kostspieliger Luxus und die unteren Massen müssen immer für den Luxus der oberen Zehntausend aufkommen.

Boykottierung der deutschen und österreichisch⸗ ungarischen Arbeiter.

Das Syndikat der englischen Papierindustriearbeiter er⸗ greift unter den Trade Unions die Initiative für eine voll kommene Boykottierung der österreichischen und deutschen Arbeiterschaft. Es macht den Vorschlag, in London oder Paris eine Konferenz abzuhalten, auf der ein neues inter nationales Sekretariat eingerichtet werden soll, vun dem Deutschland und Oesterreich ausgeschlossen wären. Der Vor schlag wurde allen Verbaudsvereinen mitgeteilt.