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gemeinen Entrüstung preisgegeben. Mit der Zeit hat sich die allgemeine Entrüstung aber gerade auf Herrn Millerand konzentriert und die ganze französische Presse, mit Ausnahme einiger Regierungsblätter um jeden Preis, greift jetzt Mille⸗ rand ohne jede Rücksicht an. Diese Angrife auf Millerand haben sich nun in den letzten Tagen auf das ganze Ministerium ausgedehnt und zwar nicht aus einzelnen Anlässen, sondern aus einer allgemeinen Mißstimmung, die zweifel⸗ los im französischen Volk vorhanden ist und die sich nicht nur aus der militärischen Lage Frankreichs, son⸗ dern vor allen Dingen aus einigen wirtschaftlichen Erschei⸗ nungen im Innern des Landes erklärt. Dazu kommen die immer deutlicher hervortretenden Uebergriffe der Engländer in Calais und Havre und ihr rücksichtsloses Verhalten an der Front, worüber die Presse die Klagen der französischen Soldaten nicht mehr unterdrücken kann.
Was die wirtschaftlichen Gründe für den Aus— bruch der Ministerkrise betrifft, so handelt es sich vor allen Dingen um die Einführung des neuen Brotes und um die damit verbundenen Getreidespekulatio⸗ nen einiger Lieblinge französischer Minister. Darüber wer— den in aller Oeffentlichkeit Beispiele angeführt, die in der Tat aller Ordnung und aller Ehrlichkeit Hohn sprechen. Es wird z. B. beweiskräftig nachgewiesen, und ist in der Kammer ohne Widerspruch der Regierung mitgeteilt worden, daß der
Regierung in Amerika 300 000 Zentner Getreide zum Preise von 19,50 Francs angeboten wurden; als die Regierung schließlich das Getreide bekam, und die Schlußrechnung sah, waren aus den 19,50 Francs 23,50 und 24 Francs geworden. Diese Preiserhöhung ist nachgewiesenermaßen ausschließlich auf das Dazwischentreten von politischen Schiebern und Ge— schäftemachern zurückzuführen, die sich bei diesem schönen Ge— schäft fast 1½ Millionen Franes in die eigene Tasche gesteckt hatten. Solche Beispiele werden zahlreich angeführt und haben in der Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung her⸗ vorgerufen. Ein neues Beispiel wird konstatiert. Der kürz⸗ lich ernannte Unterstaatssekretär Thierry hat selbst zugeben
müssen, welch große Fehler die französische Verwaltung durch:
solche Kommissionskäufe gemacht hat. Zum Unglück für Millerand fielen diese Geschäfte gerade in die Verwaltung des Kriegsministeriums und die Verschärfung der parlamen— tarischen Kontrolle, die jetzt gerade für ihn gefordert wird, hat ihre Ursache in diesem Panama.
Schließlich hat sich, wie es scheint, auch der Gegensatz zwischen Millerand und Joffre verschärft, da Joffre für die politischen Generäle kein Verständnis zeigt, während Millerand sie zur Stütze seiner Ministerschaft absolut notwendig hat. Diese Konflikte sind bisher vertuscht, aber in den letzten Kammersitzungen ganz rückhaltlos gebrand— markt worden. Man darf gespannt sein, wie Herr Poincaré das Kabinett des Herrn Viviani, der wesentlich dazu beige⸗ tragen hat, daß Poincaré Präsident wurde, retten wird.
Im übrigen wäre es unseres Erachtens sehr verfehlt, aus diesem inneren Wirrwarr in Frankreich auf eine mili⸗ lärische Schwächung Frankreichs zu schließen— ein Irrtum, der sich für die Beurteilung der Friedensmöglichkeiten sehr bitter rächen könnte.
Das internationale Gewerkschaftsbureau.
Paris, 16. August.(W. T. B. Nichtamtlich.) Meldung der Agence Havas. Die augenblicklich in Paris weilenden Delegierten der englischen Trade Unions besprachen am Sonntag mit den Mit⸗ gliedern der Confederation Generale du travail die Frage der Verlegung des internationalen Gewerkschaftsbureaus von Berlin nach Bern. Die Verlegung, die von den französischen und englischen Gewerkschaftlern gefordert wird, wurde grundsätzlich beschlossen.
Natfrlich haben darüber nicht nur die französischen und eng⸗ lischen Gewerkschaften allein zu entscheiden.
Die deutsche Verwaltung in Rufsisch⸗Polen. Die älteste und angesehenste russische liberale Zeitung die in Moskau erscheinende Ruskija Wedomosti, schreiben in
einem langen, mit„Die Gesetzgebung des Generals Hinden⸗ burg“ überschriebenen Artikel unter anderem folgendes:„Es muß übrigens der Gewissenhaftigkeit halber gesagt werden, daß die kulturellen, genossenschaftlichen und gewerkschaftlichen polnischen und jüdischen Organisationen unbelästigt fortbe⸗ stehen, und daß sie zeitweise, besonders in Lodz und int Dombrowaer Becken, sogar eine lebhafte Tätigkeit entfalten.“ In der ausführlichen Uebersicht der für Russisch⸗Polen erlassenen Verordnungen und Gesetze an Hand des„Ver⸗ ordnungsblattes der Kaiserlich Deutschen Verwaltung in Polen“ wird nur bemängelt, daß„die Gesetzgebung Hinden⸗ burgs sich nicht durch Fortschrittlichkeit auszeichnet“. Es wird aber diefer Gesetzgebung nicht vorgeworfen, daß sie dem Völkerrecht, den internationalen Verträgen oder der Mensch⸗ lichkeit zuwiderläuft. Das Wichtigste aber ist das eingangs angeführte Eingeständnis, daß die Tätigkeit der Arbeiter⸗ organifationen in den besetzten Gebieten Russisch⸗Polens, so⸗ weit sie nicht politischer Natur ist, sich lebhaft entwickeln kann. Bekanntlich fehlt den Arbeitern Rußlands selbst die Möglichkeit zur Organisationstätigkeit fast gänzlich.
Amerikanische Bestrebungen gegen den Krieg
Newyork, 16. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Der Privat⸗ koͤrrespondent des W. T. B. meldet durch Funkspruch: Das Hearst⸗ blatt Newyork American veröffentlicht zahlreiche Stimmen aus Kongreßkreisen usw., die die Gründung einer Liga neutraler Mächte zur Verfechtung der Rechte der Neutralen und die Mitwirkung bei der Wiederherstellung des Friedens vorschlagen, sowie ein Waffenausfuhrverbot befürworten. Ein Leitartikel des Newyork American appelliert an Wilson, seinen persönlichen und amtlichen Einfluß für die Be⸗ endigung der Waffenausfuhr aufzubieten. Das Blatt veröffentlicht eine längere Liste amerikanischer Firmen, die Kriegsau fträge von insgesamt 139 Millionen abgelehnt haben. Eine Umfrage ergebe eine wachsende Zahl jener, welche Kriegsaufträge zurück⸗ weisen, um nicht den Krieg zu verlängern.
Maßnahmen gegen Indiskretionen.
Der Seniorenkonvent des Reichstags wird sich in seiner Sitzung am Mittwoch, den 18. August, mit der Frage zu be⸗ fassen haben, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um zu verhüten, daß aus vertraulichen Verhandlungen Berichte in die Oeffentlichkeit kommen. Den Anlaß zu diesem Vorgehen bot ein in der Berner Tagwacht erschienener Artikel, der eine Reihe von Mitteilungen über eine vertrauliche Sitzung der Budgetkommission, in der Angelegenheiten militärischer Natur verhandelt wurden, enthielt. Daß derartige Indis⸗ kretionen von keiner Seite gebilligt werden, steht fest.
Ein deutsches U-Boot beschießt Englands Westküste.
W. B. Lundon, 17. Aug.(Nichtamtlich.) Reuter meldet: Ein deutsches Unterseeboot hat am 16. August früh morgens auf Parton, Harrington und Whitehaven an der Westküste von Eugland Granaten abgefeuert, ohne wesentlichen Schaden anzurichten. Die Granaten trafen nördlich von Parton den Bahnkörper, der Verkehr erlitt eine kurze Unter⸗ brechung. In Whitehaven und Harrington entstanden Brände, die rasch gelöscht wurden. Menschenleben gingen nicht verloren.
Der Kriegs rat der Entente.
Der jüngste Kriegsrat in Calais faßte laut einer Mel⸗ dung der Vossischen Zeitung keinen endgültigen Beschluß über die Offensive an der Westfront. Englischerseits sei versichert worden, daß jetzt täglich 5000 Soldaten über den Aermelkanal setzten. Die russischen Generale hätten über die Verzögerung der Offensive geklagt.
Die Kämpfe an der Dujestrfront.
Czernowitz, 17. August. An der Dyjestr⸗ und der bukowinisch⸗ bessarabischen Front finden ununterbrochen kleinere Kämpfe statt. So wurde gestern durch die Unserigen ein Nachtangriff unter⸗ nommen. Hierbei wurden mehrere russische Schützengräben zum
Diethelm von Buchenberg
* Erzählung von Bertold Auerbach. 52 Der alte Schäferle hatte bald heraus, wo sein Munde trotz des Verbots gewesen war, und blieb dabei, daß Diet⸗ helm ihm die Fränz geben wolle und ihn nur zappeln lasse, um jeden Anschein von sich zu entfernen. Als Munde wie zufällig um ein Mittel gegen böse Träume und Frost fragte, frohlockte der alte Schäferle:„So. Hat er auch böse Träume? So ist er doch nicht los, wenn er auch freigesprochen ist.“ Der Stolz auf seine symypathetische Heilkunst verleitete ihn aber doch zu dem Zusatz:„Gegen böse Träume gibt es ein altes untrügliches Mittel: man muß auf einem Schaffell schlafen und vor Schlafengehen Tee von Brennesselwurzel trinken, und gegen Frost gibt es nichts Besseres, als morgens vor Tag sich in Wasser waschen, das man vom Menschenblut abgenommen hat, dann drei Stunden, vor die Sonne im Mittag steht, und drei Stunden nachher ohne Ausschnaufen Erlenholz sägen, das man im Vollmond geschlagen hat.“ Diethelm war anderntags viel zutätiger und herab— lassender gegen Munde; er saß in seiner Wolfsschur gehüllt am Ofen und fror heftiger als je. Er hatte mit Fränz ge⸗ sprochen, und in der Art, wie sie einwilligte, den Munde zu heiraten, und dabei das unerhörte Verlangen stellte, daß der Vater bei Lebzeiten sein Besitztum ihr abtreten müsse, er— kannte er nicht undeutlich, daß sie an seine Schuld glaubte. Er tat, als ob er das nicht merkte, und doch fraß es ihm das Herz ab, daß sein einziges Kind das Schlimmste von ihm dachte. Beim Eintritt Mundes war er rasch aufgestanden und schritt stolz die Stube auf und ab, dann hieß er Munde neben ihn setzen und fragte ihn, wie er ein großes Ver— mögen umwenden und zusammenhalten wollte. Munde gab fröhlichen und zufriedenstellenden Bescheid. Als Diethelm jetzt plötzlich wieder fror, gab er ihm das Mittel an, das er vom Vater erfahren. Diethelm aber fuhr stolz auf:„Ich bin der Diethelm, ich hab' mein Bauerngeschäft nicht aufge— geben, um Holzhacker zu werden. Ich brauch' kein Mittel.“ Munde beging den Ungeschick, mindestens die Anwen⸗ dung des Mittels gegen böse Träume anzuraten, aber kaum
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hatte er das Wort Schaffell gesagt, als Diethelm laut auf⸗ schrie:„Ein Hund und Fuchs ist dein Vater, ratet mir das, weil er weiß, daß mir so viel hundert Schafe jämmerlich verbrannt sind. Aber wer hat dir gesagt, daß ich bös träume?“.
„Niemand, ich hab' nur so davon gesprochen, weil das beim Frieren ist.“
„Bei mir nicht. Ich schlaf' wie ein neugeborenes Kind. Aber, Munde, ich will dich auch gut betten, sag's frei, was du willst,“ wendete Diethelm, um alles andere vergessen zu machen.
Munde brachte nun im glückseligen Ueberströmen seine Bitte um Fränz vor. Diethelm solle freier Herr bleiben, solange er lebe, er wolle nur die Fränz. 0
nehm' gar nichts an, du hast nichts gesagt, es muß beim alten Brauch bleiben; dein Vater muß für dich frei werben, eher geb' ich kein Jawort. Verlaß dich drauf.“
Das war nun aber ein schwer' Stück Arbeit, den alten Schäferle zu diesem Gange zu bewegen, er ließ sich nicht er⸗ bitten, weder durch Munde, noch als Frau Martha ihn selber darum anging; er wiederholte stets: Munde könne tun, was er wolle, er selber aber bleibe davon, er tue dem zulieb nicht die Pfeife aus dem Maule und gehe auch nicht mit zur Hochzeit.
So kam in betrübter Unentschiedenheit die Hochzeit des jungen Kübler heran, aber mitten im Schmausen und Lärmen faßte Diethelm einen anderen Gedanken, er über⸗ rumpelte Fränz' mit ihrem unkindlichen Verlangen nach Güterabtretung, und Munde war ihm nicht nur eine Sühne für das Vergangene, sondern auch der bequemste, willfährige Tochtermann, der ihn frei schalten ließ. Er verkündete daher plötzlich die Verlobung von Fränz und Munde, und alles war voll Jubel und Lobpreis über Diethelm. Darum half er heute trotz ärztlichen Verbots den Uhlbacher Ferndigen rein austrinken.
Als man davon sprach, daß Munde noch drei Jahre Soldat sein müsse, beklagte Diethelm, daß er nicht Landtags⸗ abgeordneter geworden sei, er hätte nicht geruht, bis die ver⸗
Diethelm nickte zufrieden, aber plötzlich sagte er:„Ich
Ka
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T. U. Kopenhagen, 17. Aug. Die russische Regierung 50 1 in einem Geheimerlaß an die Gouverneure angeordnet, da 7
die Kostbarkeiten aus den gefährdeten Orten nicht mehr nach 1 Petersburg, sondern nach Moskau gebracht werden sollen.. J Die Italiener bringen neue schwere Geschütze in 1
— Stellung. 92 N
ariser Blätter zufolge haben 5 Grenz⸗
T. U. Haag, 17. Aug. Meldungen 2 a f die Italiener während der letzten vierzehn Tage in dem— gebiet des Krn eine große Anzahl neuer Batterien in Stellung ge⸗ bracht, um die Beschießung der österreichisch⸗ungarischen Linien intensiver durchführen zu können.
Munitionsbeschaffung in Amerika.
T. U. Kopenhagen, 17. Aug. Die Anlagen der Singer 0 Cy. A.⸗G. in Elizabeth in New⸗Jersey sollen nach einer Mel⸗ 1 dung der Westlichen Post in St. Louis zur Herstellung für Kriegsmaterial für die Verbündeten eingerichtet werden. Es verlautet, daß zu diesem Zweck die Werke von einem Syndikat 5 angekauft werden sollen. 1
T. U. Amsterdam, 17. Aug. Das Allgemeen Handels⸗ 0 blad meldet aus Ottawa, daß die von der englischen Regie⸗ rung bis jetzt in Kanada gemachten Bestellungen von Munition auf etwa 40 Millionen Pfund Sterling zu schätzen seien.
Unterbrechung des Passagierverkehrs zwischen f Amerika und Europa. 1
Das Allgemeen Handelsblad meldet: Die Schiffahrt zwischen Philadelphia und den europäischen Häfen ist nach einem Bericht aus Newyork vollständig eingestellt, weil die englische Regierung, alle Schiffe dieser Route für den Transport von Kriegsmaterial ge⸗ g chaktert hat. Auch die American Shipping Line Cy. wird ihre 1 Reisen von nun an einschränken, da auch sie für den Frachtverkehr nach England in Auspruch genommen ist. Die Schiffe dieser Gesell⸗ schaft werden, obwohl sie im amerikanischen Besitz bleiben, auf ihrer Neise für England die englische Flagge führen. l
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Parteinachrichten. 1
Die Hamburger Parteigenossen führten ihre Parteidebatten, die sich durch 8 Delegiertenversammlungen der Landesorganisation hinzogen, am Mittwoch zu Ende. Ueber die ersten vier Versamm⸗ lungen, in denen über den Vorstandsbericht debattiert wurde, ist schon berichtet. Sie endeten mit Annahme einer Resolution, die den Vorständen ihr Vertrauen ausspricht und das Verhalten der Minderheit mißbilligt. In zwei weiteren Versammlungen wurde über die Tätigkeit der Bürgerschaftsfraktion verhandelt. Stolten erstattete in deren Namen Bericht, der von Dr. Laufen⸗ berg und drei seiner Parteigänger angegriffen wurde. Besonders 0 scharf wurde bemängelt, daß die Fraktion dem Budget zugestimmt habe. Groß e, Weinheber und Krause vertraten den Standpunkt der Fraktion und betonten vor allem, daß das Ham⸗
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burger Budget nichts enthalte, dem man nicht zustimmen dürfe, und 0 daß die sozialdemokratische Fraktion sich durch sinnloses ste reotypes Ablehnen des Budgets um allen Einfluß bringe, den sie im Interesse der Arbeiterschaft auf die große Verwaltung im Stadt⸗Staat Ham⸗ burg ausüben könne. Eine Resolution, welche die Zustimmung den Fraktion zum Budget billigte, wurde angenommen. 1 Damit wurde eine vom Genossen Laufenberg eingebrachte Reso⸗ lution, die die Tätigkeit der Fraktion, vor allem die Zustimmung 1 0 zum Budget mißbilligt, hinfällig. 1 ö In wiederum zwei Versammlungen beschäftigte man sich mit dem Bericht der Preßkommission. Genosse von Elm sprach 9 für die Preßkommission und stellte sich im Namen derselben dur ö auf den vom Hamburger Echo eingenommenen Standpunkt. Dr. Laufenberg sprach dagegen, mußte aber seine Ausführungen Wee abbrechen, weil er nach Ansicht des Bureaus und der Mehrheit der Versamlung unbewiesene und unbeweisbare Ver⸗ dächtigungen gegen bestimmte Kreise von Parteigenossen aussprach. In der zweiten Versammlung gab es eine sehr lange Geschäfts⸗ ordnungsdebatte, dann wurde ein Antrag auf Schluß der Debatte überhaupt angenommen und die Preßkommission in ihrer bisherigen Zusammensetzung gegen ganz wenige Stimmen wiedergewählt und damit der von der Preßkommission der Redaktion des Hamburger Echo gegenüber eingenommene Standpunkt gebilligt. f
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dammte allgemeine Wehrpflicht wieder aufgehoben und das Einsteherwesen hergestellt sei. Wer nichts habe, solle Soldat sein. Die fetten Bauern stimmten mit ein, schimpften und klagten, wie sehr sie ihre Söhne vermißten, und mitten unter Schmausen und Zechen wurde eine Eingabe an die versan⸗ melten Stände um Wiederherstellung des Einsteherwesens aufgesetzt und unterzeichnet. 1 XXIV.
Diethelm hatte auf den Abend die Stadtzinkenisten zur Tanzmusik bestellt. Diese Menschen mit ihren Trompeten, und Posaunen hatten ihn so oft erschüttert, und nun sah er, daß es keine Engel vom Himmel, sondern nur arme Schlucker mit langgestrecktem und gewundenem Messingblech waren. Wußte er das auch schon vordem, so tat es ihm doch wohl, es so deutlich vor sich zu haben und die Zinkenisten nach seinem Gelust aufspielen zu lassen, was er ihnen angab und manchmal sogar vorpfiff. Mitten zwischen den Tänzen muß: 1 ö ten sie ihm sogar einmal einen Choral blasen, worüber vieles
Leule den Kopf schüttelten und sich entsetzten; Diethelm aber ließ an den Schlußton schnell einen Tanz heften und tanzte mit seiner Martha den Siebensprung wie ein junger Bursch. Es war spät in der Nacht, und Diethelm ließ allen Gästen warmen Gewürzwein auftischen, er selber aber stand bald auf, es fehlte ihm noch jemand, und der mußte herbei; alle Welt sollte seiner Ehre voll sein, keiner ausgenommen. Es war mondhell. In seine Wolfsschur gehüllt, ging Diethelm das Dorf hinaus nach dem Hause des alten Schäferle. Vom Waldhorn herab, das glänzend in die Nacht hineinschimmerte, klangen bisweilen noch verlorene Tön hier war alles einsam und dunkel. Das Haus des alten Schäferle stand am Ende der sogenannten Lustgasse, die heute mit doppeltem Recht so hieß, denn der Wirbelwind tanzte gar lustig mit dem Schnee und machte sich selbst Musik dazu. Die Haustür war offen, Diethelm schritt durch den Hausflur, der zugleich Küche war, in die Stube, auch hier öffnet sich die Tür, aber niemand regte sich, nur der Paßauf kam stil herangeschlichen, und Diethelm fühlte erschreckt die ka
Schnauze an seiner Hand. (Fortsetzung folgt.


