8

8 2 2 CFF

punkt der Bahnen Lublin⸗Ostrow, Warschau-⸗Bialystok und Wilna⸗Petersburg fast erreicht. Damit verkürzt sich der Ab⸗ zugsraum der Russen nach Osten auf wenig mehr als 100 Kilometer. Dies ist das wichtigste Moment des Tages, dem⸗ gegenüber die anderen Ereignisse weniger bedeutsam sind.

200 000 Flüchtlinge!

Wie der Täglichen Rundschau berichtet wird, meldet die Daily News aus Petersburg, daß infolge der Räumung der Städte zwischen Warschau und Brest⸗Litowsk von der Zivilbevölkerung etwa 200 000 Personen sich auf der Flucht nach dem Osten be⸗

nden. N Neuer Kriegsrat in Calais.

T. U. Haag, 12. Aug. Ein neuer Kriegsrat der Ver⸗ bündeten versammelte sich gestern in Calais. Mehrere Ver treter des russischen Generalstabes waren anwesend. Wie verlautet, bildete die Offensive an der Westfront den Haupt⸗ gegenstand der Beratungen.

Bulgarisch⸗serbische Zusammenstöße.

Eine Athener Depesche besagt, daß zwei große bulgarische Banden mit serbischen Truppen einen blutigen Zusammenstoß

hatten. Kriegsnotizen.

Der stellvertretende kommandierende General in Stuttgar: hat den Versicherungsbetrieb gegen Schäden durch feindliche Luftfahrzeuge untersagt, weil dieser Be⸗ trieb Ermittelungen und Anzeigen voraussetzt, die den militärischen Interessen widerstreiten. Die bestehenden Versicherungsver⸗ hältnisse werden durch das Verbot nicht berührt.

Oberpostschaffner Paul Jury, seit 1888 beim Hauptpostamt in Berlin angestellt, hat in verhältnismäßig kurzer Zeit, teils Feldpostbriefe, teils andere Wertbriefe unterschlagen, laut eigenem Geständnis, im Gesamtbetrage von über 10 000 Mark. Er wurde deshalb von der 6. Ferienstrafkammer des Landgerichts Berlin I zu vier Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. f 5

Seit Kriegsbeginn sind in den deutschen Münzstätten für 70 Millionen Mark Silbermünzen geprägt worden. Der größte Teil entfällt auf Einmarkstücke, wodurch es ermög⸗ licht wurde, die Scheine zu einer Mark teilweise wieder aus dem Verkehr zu ziehen. Durch das Münzgesetz dürfen pro Kopf der deutschen Bevölkerung 20 Mark in Silbergeld ausgeprägt werden. Diese Quote ist erst bis zu etwa 18 Mark erreicht.

Das neue holländische Landsturmgesetz, gegen das nur die Sozialdemokraten stimmten, führt die Dienstpflicht für alle Männer bis zu 30 Jahren ein, nicht bis zu 40 Jahren, wie es in dem ursprünglichen Regierungsentwurfe hieß. Außerdem darf der Kriegsminister die Einziehung nur in dem Maße anordnen, als er jetzt Dienende aus dem Dienste entläßt.

Eine von zahlreichen Delegierten beschickte Konferenz des holländischenAnti⸗Kriegs⸗Rates beschloß eine Ein⸗ gabe an die Regierung, durch welche diese gebeten wird, eine Kon⸗ ferenz von Vertretern der neutralen Länder einzu⸗ berufen, die eine gemeinsame Friedensaktion vorbereiten und zu geeigneter Zeit einleiten könnte.

Eine Anzahl spanischer Intellektueller veröffent⸗ lichte ein Friedensmanifest, in dem sie ihrem Glauben an die Einheit Europas Ausdruck gaben. Sie wenden sich zugleich gegen die völlige Vernichtung irgend eines der kriegführen⸗ 5 Länder und appellieren an den Geist des guten Willens der

er.

Zahlreiche Vertreter der Künste und Wissenschaften in Spanien veröffentlichten eine Kundgebung, in der sie den Sieg der Alliierten, soweit diese die Ideale der Gerechtig⸗ keit verteidigen, herbeiwünschen.

Der Munitionsgerichtshof in Glasgow verurteilte 28 Arbeiter wegen Streikens. 500 Glas arbeiter kündigten den Arbeitsvertrag, weil die Arbeitgeber eine Zulage von drei Schilling für die Woche verweigerten. Die meisten der beteiligten Firmen arbeiten für die Regierung.

Varteinachrichten.

Für die bisherige Haltung der Partei. Eine Konferenz der Vertrauensleute Breslaus und Mittel- schlesiens nahm nach eingehender Aussprache folgende Resolution an: Die Konferenz der Vertrauensleute Breslaus und Mittel- schlesiens dankt dem Parteivorstande für die ernst⸗ --= rrrrNν] nn. r

i nd andauernden Verständigungsversuche ue 59091 der anderen Länder und ersucht ihn, trotz aller Enttäuschungen seine Bemühungen in gleichem Sinne fortzusetzen. 5 8

Die eren billigt die bisherige Haltung der Reichstagsfraktion und sieht bis jetzt weder einen An⸗ laß, noch eine Möglichkeit, diese Haltung zu ändern. Ein solcher Anlaß läge erst vor, wenn ein möglicher Friede an dem Verhalten der deutschen Regierung zu scheitern droht, und dafür fehlt bisher jeder Anhalt. 5 1 5

Aus diesen Gründen weist die Konferenz die Vorwürfe der sogenannten Opposition und des AufrufsDas Gebot der Stunde als unberechtigt und parteischädigend zurück.

Sie ersucht den Vorstand der Partei und die Reichstags⸗ fraktion, noch schärfer als bisher dem Lebensmitte lwucher entgegenzutreten und gesetzliche Maßnahmen dagegen zu bean⸗ tragen, da die Tätigkeit der Wucherer das deutsche Volk nicht weniger gefährdet als feindliche Aushungerungspläne. a

Die Konferenz ersucht die Fraktion, eine gangbare soziale Regelung der Löhnungs⸗ und Gehaltsskala sämtlicher Kriegs⸗ teilnehmer zu beantragen und die stellvertretenden Korps kommandeure aufzufordern, daß sie alle die Arbeiterbewegung einschränkenden Bestimmungen aufheben, die im Interesse der Landes verteidigung nicht unbedingt geboten sind.. 4 55

Schließlich wird die Fraktion aufgefordert, beim nächsten Zusammentritt des Reichstags eine Erhöhung der Unter⸗ stützung der Kriegerfrauen zu beantragen.

Der erste, vierte, fünfte und sechste Absatz der Resolution wurde einstimmig angenommen, Absatz 2 gegen 7 Stimmen, Absatz 3 gegen 10 Stimmen bei insgesamt 79.

Die Bezirksleitung für die Wahlkreise Minden⸗Lübbecke, Herford⸗Halle, Bielefeld⸗ Wiedenbrück, Pader⸗ born⸗Büren, Warburg⸗ Höxter, Lippstadt⸗ Brilon, Lingen⸗-Meppen, Schaumburg-Lippe, Lippe ver⸗ breitet unter der UeberschriftDie sozialistische Pflicht der Stunde eine kurze Darlegung über Sozialdemokratie und Krieg, in der es heißt: Nach einer Aussprache mit den Parteigenossen unseres Be⸗ zirkes bringen wir die volle Uebereinstimmunga mit der Haltung der Mehrheiten der Reichstagsfraktion und des Parteivorstandes zum Ausdruck. Wir glauben in der Annahme nicht fehl zu gehen, daß die Haltung beibe⸗ halten und im besonderen alles getan wird, um den ärmeren Volksschichten eine ausreichende und billige Lebensmitte l- versorgung, sowie eine umfassende Wohlfahrtspflege zu sichern.... Der Beschlußfassung des Parteiausschusses am 1. Juli, die sich ganz besonders gegen die parteischädigenden Treibereien richtete, stimmen wir zu und erwarten, daß alle Genossen jetzt unbeschadet ihrer etwa abweichenden Meinung Disziplin üben und damit die wichtigste Parteipflicht erfüllen.

Die Kreisgeneralversammlung für den 17. württem⸗ bergischen Wahlkreis fand in Friedrichshafen statt und war von 14 Delegierten besucht. An den Tätigkeitsbericht schloß sich ein Referat des Genossen Fischer überOrganisation und Agitation. Nachdem wurde eine Resolution angenommen, die sich mit der Haltung der Reichstagsfraktion völlig ein ver⸗ standen erklärt und die Maßnahmen des Partei⸗ und Landes⸗ vorstandes in der württembergischen Parteiangelegenheit billigt. Von allen Genossen wird erwartet, daß sie eine lebhafte Tätigkeit für die Parteieinheit entfalten.

Verfolgung der serbischen Genossen.

Ein schwerer Schlag nach dem anderen trifft unsere serbischen Parteigenossen. Nachdem vor vier Wochen die Verbreitung ihres Blattes Radnitschke Nowine in Neu⸗Serbien verboten worden war, ist nunmehr das Verbot auf die ganze Kriegszone ausgedehnt wor⸗ den. Wenn man berücksichtigt, daß die Kriegszone in Serbien fast das ganze Land, sogar die Stadt und Provinz Nisch, umfaßt, so wird die verzweifelte Lage des Blattes verständlich. Welchen Aus⸗ weg es finden wird, ist noch nicht klar.

Arbeiterbewegung. 25 Jahre Verbandsvorsitzender.

Am 2. August waren es 25 Jahre, daß August Brey als Vor⸗ sitzender des Verbandes der Fabrikarbeiter tätig ist. Was in dieser Spanne Zeit der Genosse Brey dem Verbande geleistet hat, geht am besten aus seinem Aufstieg hervor. Auf dem ersten Verbands⸗ tage in Braunschweig im Jahre 1892 musterte der Verein 2460 Mitglieder und auf dem letzten in Stuttgart waren es ihrer 207 384 und die Mittel des Verbandes waren von 767 auf 3 364 548 Mark gestiegen. Wir wünschen dem Jubilar zum Vorteile der Fabrik⸗ arbeiter und ihres Verbandes noch viele Jahre seiner Amtstätigkeit in geistiger Frische. 5

2

Schulbücher bei uns und unseren Feinde Wir wollen jetzt im Kriege nicht immer nur die schlechte Seiten unserer Feinde hervorsuchen, sondern ihnen nach 2 lichkeit gerecht werden und freudig anerkennen, was bei ihnen gut und für uns nachahmenswert ist. 5 0 Unsere Schule mag im ganzen vielleicht vor unseren Feinden bestehen können, in manchen einzelnen Punkten sind sie uns jedenfalls voraus. Hierzu gehört die Schulbuchfrage, und zwar stehen im besonderen die Schulbücher über Ge. schichte, die jetzt zur Kriegszeit das größte Interesse haben, 5 in Frankreich und England weit über unseren Schulbüchern. ö In diesen beiden Ländern ist für den Geschichtsunterricht g allgemein der Grundsatz aufgestellt, die soziale und wirt⸗ schaftliche Entwicklung gleichberechtigt neben die politische zu stellen und die Fürsten⸗, die diplomatische und Kriegsge⸗ schichte in den Hintergrund zu drängen. Dieser Grundsatz ist z. B. in Frankreich in dem Handbuche des bekannten Geschichtsprofessors Ch. Seignobos, das in den französischen 1 Schulen benutzt wird, durchgeführt. Aeußere wie innere Politik werden im engsten Zusammenhange mit der gesamten sozialen, insbesondere aber der wirtschaftlichen Entwicklung behandelt. Die Geschichte der theoretischen und praktischen Entwicklung des Sozialismus ist kurz, aber sachlich wieder⸗ gegeben. VonVaterlandsfeinden,Umstürzlern und ähnlichem Unsinn, wie er unsere deutschen Schulbücher aus- zeichnet, ist in den französischen Büchern nie die Rede. 1 Aehnlich ist es in England. Da heißt es im Lesebuche z. B. von den Herrschern:Einige von ihnen waren gu, andere waren wieder schlecht. Die meisten waren gemischten Charakters, denn Könige sind ganz genau wie andere Men⸗ schen beschaffen. Es ist noch nicht lange her, daß man all. gemein dachte, die Geschichte Englands sei die Geschichte l seiner Könige. Aber jetzt sieht jeder, selbst der König, ein, daß die Geschichte Englands die Geschichte des englischen Volkes ist. a ö Derartig vernünftige Schulbücher existieren in Deutsch⸗ land überhaupt nicht und es wird noch ein gut Stück Zeit vergehen, bis man sie auch bei uns kennt, besonders wenn, wie z. B. in Preußen, die direkte Genehmigung des Mi⸗ nisters für jedes neue Lesebuch erforderlich ist. Doch gibt es immerhin Unterschiede in den Graden der Geschichtsbe⸗ handlung, und da ist es Aufgabe der Kommunen, darüber zu wachen, daß mindestens die am wenigsten einseitig gehal- tenen Bücher als Schulbücher benutzt werden. Man darf da die Lehrpersonen nicht allein gewähren lassen. Die Auswahl und Kontrolle der Schulbücher ist ein Stück der kommunalen Schulpolitik und von ihr kein unwichtiges Stück. Das sollte man sich gerade in diesem Kriege merken, der doch ein 1 Volks krieg ist. 8 7 1

7 1 Vermischtes. Erdrutsch an der Lötschbergbahn. 1 In einem Steinbruch oberhalb Raron, der das Material zum 9 Umbau eines Tunnels der Lötschbergbahn liefert, erfolgte ein ges? waltiger Erdrutsch. Von den dort beschäftigten 30 Arbeitern konnten sich 21 rechtzeitig in Sicherheit bringen. 9 wurden untern den Felstrümmern begraben und getötet. Die Verunglückten sind 1 meist Familienväter, 7 Schweizer und 2 Italiener. Der Absturz erfolgte 800 Meter von der Bahnlinie entfernt. Der Betrieb der Lötschbergbahn wird dadurch nicht gestört. l Selbstmord im Gefängnis. 0 1 Vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts in Stolp wurde den Handlungsreisende Roman Godowa aus Berlin zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil er den Wahrspruch von Geschworenen als ruchlos bezeichnet hatte. Godowa hat sich in seiner Zelle im Gefängnis in Stolp an einem Handtuch erhängt. 5

Diethelm von Buchenberg.

Erzählung von Bertold Auerbach. 48

Fränz hatte das beste weitsichtige Auge, sie erkannte bald den Vetter Waldhornwirt, der nun ein wirklicher Trompeter war; auch andere Buchenberger erkannte sie, und Diethelm übergoß es wieder abwechselnd flammend heiß und schauer lich kalt.

Dort, genau an der Stelle, wo im Sommer die Deichsel gehrochen war, dort scholl Diethelm ein Trompetentusch und hundertstimmiges Hoch entgegen. Alles, was in Buchenberg beritten war, und eine große Anzahl von Untertailfingern, die sich dazu gesellt hatten, hielt Diethelm einen feierlichen sogenannten Gegenritt und holte ihn im Triumph ein. Diet⸗ helm fand nicht Worte, seiner Empfindung Luft zu machen; es bedurfte dessen aber auch nicht, denn unter beständigen

SHochrufen und Trompetenblasen und Peitschknallen setzte sich

der Zug alsbald in Bewegung. Die Mutter weinte, und Fränz sah mit frohlockenden Augen drein, während Diethelm mit besonderer Sorgfalt die Rappen lenkte; es war sein ein ziges Denken, daß in dem Wirrwarr kein Unglück geschehe, das alle Freude in Leid verkehrte.

Wie war Diethelm plötzlich so verändert, er, der noch vor wenigen Stunden bitteren Groll und Haß gegen seine Mit bürger in sich geweckt hatte!

In Untertailfingen standen alle Leute am Fenster und auf den Straßen und grüßten. An der Gemarkung von Buchenberg hielt neben einem Schlitten der Gemeinderat und Bürgerausschuß und begrüßte Diethelm.

Wo ist der Schultheiß? fragte Diethelm.

Der Obmann des Bürgerausschusses erwiderte, daß der Schultheiß schon vor vier Wochen gestorben sei.

Der Gemeinderatschlitten fuhr hinter dem Diethelms drein. An der Anhöhe, wo einst Diethelms Haus gestanden und jetzt nur noch verschneite Trümmer sich zeigten, bogen die Rappen plötzlich um, und Diethelm wurde an den straffen Zügeln fast vom Schlitten gerissen, aber der Vetter hatte dies wohl vorausgesehen; er war zur Seite der Rappen geritten und drängte sie auf den Dorfweg.

N Nun erst im Dorfe ging das Hochrufen von neuem an, die Kinder schrien mit, und die Weiber schlugen vor Freude weinend die Hände zusammen. Am Hause des alten Schäferle

wurde plötzlich der Schlitten Diethelms gestellt, der Paßauf war wie wütend an die Köpfe der Pferde hinaufgesprungen und ließ sie nicht vom Platze, bis ihm ein Reiter mit der Peitsche eins überhieb, daß er winselnd davonjagte. Drinnen in der niederen Stube, die Stirn an die Fensterscheibe ge⸗ drückt, stand der alte Schäferle, und aus seinem zerfallenen Antlitz sprach Kummer und Klage, daß man einen Mann wie Diethelm wie einen alles beglückenden Helden einholte. Diethelm sah nur einen Augenblick unwillkürlich hinüber, und Martha grüßte den so schwer betroffenen Trauernden, dieser aber blieb starr und bewegungslos. Weiter ging der Zug und ordnete sich noch einmal unter Trompeten- und Jubelschall.

Als Diethelm am Waldhorn absteigen wollte, stellte sich der Wirt neben ihn und hielt ihn auf dem Schlitten. Er hatte als diensteifriger Marschall diese Huldigung angeordnet und verlangte nun auch deren richtigen Verlauf.

Ihr müßt ein paar Worte reden, lispelte er Diethelm zu und rief dann laut:Ruhe! Stille! Der Herr Diethelm will reden.

Liebe Freunde und Mitbürger! begann Diethelm, und nochmals wurde Ruhe geboten, worauf er wiederholte:Liebe Freunde und Mitbürger! Ich danke euch von ganzem Herzen für die Ehre und Liebe, die ihr mir erweist, ich werde sie euch nie vergessen, obzwar ich sie nicht verdiene. Was hab ich denn Großes getan? Ich bin kein Brandstifter, kein Mord brenner, das ist alles. Mein, Ehrenname steht wieder rein da. Ich will hoffen, daß ihr mich einstmals ebenso mit Ehren hinaustragt, wenn man mir ein eigen Haus anmißt. Haltet fest.

Dieser Gedanke schien Diethelm so zu übermannen, daß seine Stimme zitterte, der Vetter aber neben ihm brummte: Wie kommen die Rüben in den Sack?, und Diethelm 805 noch hinzu:Ich dank euch, ich dank euch viel tausend⸗ mal!

Diethelm hielt inne, aber der Vetter drängte wieder: Noch was, so kann's nicht aus sein, sagt noch was!, und Diethelm fuhr fort:Viele von euch haben gehört, was man mich angeklagt hat, aber meine Freisprechung ist hinter ver schlossenen Türen vor sich gegangen. Freut euch, daß das bald ein Ende hat, wir bekommen das Schwurgericht, wo wir selber richten und alles öffentlich.

Diethelm hielt wieder inne und wollte absteigen, aber

der Vetter ließ ihn nicht vom Platze und drängte:Das ist nicht genug, ladet sie wenigstens zu einem Trunk ein. Diet helm fühlte, daß er jetzt keine Schmauserei halten konnte, es war schon zu erdrückend viel an dem Geschehenen, er schloß daher.In vier Wochen halt ich meiner Bruderstochter hier Hochzeit, ich lad euch heute alle dazu auf meine Kosten. Noch⸗ mals sage ich euch meinen herzlichen Dank. 9 Diethelm drängte den Vetter fast zu Boden, als er ab stieg. 1 Unter den Reitern zeigte sich aber eine offenbare Miß⸗ stimmung. Es geht im großen wie im kleinen so, wer weiß, was dann ist, wenn die versprochene Zeit kommt, man will eben trinken, wenn Gemüt und Zunge einmal dazu vorbe- reitet sind, heute, eben jetzt, und da hilft eine noch so sichere Vertröstung auf kommende Tage nichts. 1 Der Vetter sah schon, daß er etwas auf seine Kapp nehmen mußte, er war der nachträglichen Bestätigung sicher er sagte daher jedem einzelnen, daß es bei der Hochzeitsein⸗ ladung verbleibe, daß aber heute jeder ein Halbmaß Wein auf Diethelms Kosten trinken könne, er habe das nur nicht laut sagen wollen, weil er glaube, es schickt sich nicht. 1 Nun war doch eine mäßige Beruhigung hergestellt, und im Waldhorn ging's hoch her im Schmausen und Unter⸗ redungen. Die eine Halbmaß zog Kameraden nach, und der Vetter hätte nichts dabei verloren, wenn er die Schenkung auf seine Kappe genommen hätte. Diethelm saß indessen i der oberen Stube und hielt beide Hände vors Gesicht, die Augen brannten ihm, aber weinen konnte er nicht. Mitten unter dem Ehrenjubel, der ihn neu ins Leben zurückführte, konnte er den Gedanken nicht los werden, daß das ein Leichen⸗ begängnis wäre, sein eigenes, er war scheintot, und er konnte nicht aufschreien: ihr begrabt einen Mann, der lebt, nein, ih 1 begrüßt unter den Lebenden einen Toten. Hirnverwirrend 0 drang es auf ihn ein, und er meinte, er sei wahnsinnig, er. hätte gern gesprochen, um vor sich selber sicher zu werden, wi er sei, aber der Lärm war so groß und Fahren und Reiten so wild. Darum freute er sich anfangs, als er seine eigen Rede vernahm, die so klug war, aber mitten in dieselbe sprang ihm unversehens der Todesgedanke, und wie ein fester Stern, der aus der Irre führt, erschien plötzlich die Anrufu des Schwurgerichts. Und doch war Diethelm eigentlich froh, daß dies nicht eingerichtet war. 1 (Fortsetzung folgt.)

.