Ausgabe 
12.8.1915
 
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der die Räumung von Hohrod befahl, dem deutschen

vier Reihen von Minen gehen. Als die türkischen Truppen den Angriff abgeschlagen hatten, wurden die Minen zur Explosion gebracht. Die Division ließ den größten Teil ihrer Mannschaften tot oder verwundet vor den türkischen Stel⸗ lungen liegen.

Bulgarien und der Weltkrieg.

T. U. Wien, 11. Aug. Az Est meldet aus Sofia: Die Narodui Prava, das Organ Radoslawows, erklärt in einem Leitartikel, daß Bulgarien bisher nur diplomatisch am Welt⸗ kriege teilgenommen habe, heute, wenn es notwendig werde, könnte es auch mit der Waffe daran teilnehmen. Bulgarien wird keinesfalls an der Seite Serbiens am Krieg teilnehmen. Die Gegensätze zwischen Serbien und Bulgarien seien un überbrückbar.

Die serbische Antwort an die Mächte des . Vierverbandes.

T. U. Chiasso, 11. Aug. Einer römischen Korrespondenz zufolge hat die serbische Regierung den Vertretern des Vier⸗ verbandes die Antwort auf deren Schritte vom 5. d. Mts. überreicht. Sie erklärt sich grundsätzlich mit den Mächten des Vierverbandes einverstanden, deren Wünsche die ihrigen seien, fügt jedoch hinzu, daß sie ihren Standpunkt nicht end⸗ gültig festlegen könnte, solange sie nicht von den Mächten die Garantie erhalte, daß die anderen Balkanstaaten nicht in der völligen Unnachgiebigkeit verharren.

Die Cholera in Petersburg.

Die Ausbreitung der Cholera in Petexsburg läßt sich nicht mehr vertuschen, obwohl behördlicherseits die Krankheit fast immer nur als akute Darmerkrankung bezeichnet wird. Der Petersburger Obevbürgermeister, Graf Tolstoi, hat bei der Sanitätsverwaltung

die Erlaubnis nachgesucht, die Einwohner von dem Ausbruch der Epidemie in Kenntnis zu setzen. Die städtische Sanitätsver⸗ waltung hat in sechs Krankenhäusern Cholerabaracken aufgestellt. Unter dem Vorsitz des Petersburger Stadthauptmanns Fürsten Obolenski fand eine Sitzung der Aerzteschaft statt, in der über die zu treffenden Maßregeln beraten wurde.

Choleraepidemie in Italien

T. U. Lugano, 11. Aug. Wie von durchaus zuverlässiger Seite versichert wird, herrscht augenblicklich in Italien starke Cholera⸗ (pidemie. Die dagegen getroffenen Maßnahmen sind sehr mangel⸗ haft, die italienischen Sanitätsbehörden stehen der Epidemie ziemlich machtlos gegenüber. Die Seuche erfordert täglich viele Opfer. Die unzufriedenheit unter den englischen Arbeitern

T. U. Amsterdam, 11. Aug. Die Unzufriedenheit unter den englischen Arbeitern äußert sich auf immer neuen Ge⸗ bieten. Die Angestellten der schottischen Eisenbahn⸗ und Lokomotiv⸗Werkstätten verlangen eine Erhöhung ihres Wochenlohnes um 5 Schilling. In der Baumwollindustrie widersetzen sich die Arbeitgeber der Forderung der Weber nach einer 5prozentigen Lohnerhöhung. Aus Bredford wird gemeldet, daß nur diejenigen Wollkämmer der Kammgarn⸗ spinnereien eine Kriegszulage von 2 Schilling erhalten sollen, welche die volle Zeit arbeiten wollten.

Absturz zweier französischer Flieger.

T. U. Paris, 11. Aug. Ein von dem Adjutanten Hoqueville und dem Sergeanten Spulat geführter Zweidecker wurde am Montag morgen bei Petit Bizetre bei der Landung in einem Kornfeld um⸗ geworfen. Die beiden Flieger, die schwer verletzt in das Spital von Versailles gebracht wurden, sind gestorben.

Kriegsnotizen.

Die Vossische Zeitung meldet: Am Sonntag morgen brach in einer Baumwollspinnerei in Bacup(Grafschaft Lancaster), wo Stoffe für Flugzeugbespannung angefertigt werden, Feuer aus. Der angerichtete Schaden beträgt etwa 400 000 Mk.

Durch Spruch des Kommandanturgerichts in Colmar vom 5. August wurde die Ehefrau des Landwirts Michel Blaise vom Hof Langäckerle bei Stoßweier(Münstertal) wegen Kriegs ver⸗ rats zu einer Zuchthausstrafe von zehn Jahren und zehnjährigem Ehrverlust verurteilt. Das Gericht hat in tatsäch⸗ licher Beziehung festgestellt, daß die Angeklagte im Spätiahr 1914 den mit ihr verschwägerten Ackerer Martin Haberey den Franzosen angezeigt hat, weil er einen Anschlag des französischen Generals, General in Abschrift mitgeteilt hatte. Hierdurch hat sie die Gefangennahme des Haberey durch die Franzosen herbeigeführt.

fallen 297 auf das letzte Vierteljahr) bewilligt worden. 3 . p̃˙̃ ZT aY⏑ʃ. w wr wmr.emm̃nnmrrrrrrrrrrr rr.

Vom Genfer Territorialgericht wurde heute der Spio⸗⸗

und France⸗

nageprozeß gegen die Italiener Mari e den 8 Deutsche Elise

chin i, den Schweizer Lardi und die Eli

Sprenger beendet. Die Angeklagten wurden zu Gefängnis⸗ strafen von 10, 8, 6 und 3 Monaten, sowie zu Geldͤstrafen ver⸗ urteilt. Gegen die beiden Erstgenannten wurde auch auf Landes⸗ verweisung erkannt. Die Verurteilten hatten junge Deutsche, Frauen und Mädchen, nach Deutschland geschickt, um Auskünfte militärischer Natur zu erlangen, die an Italien übermittelt wer⸗ den sollten. 5

Das norwegische Storthing verbot die Alkoholein⸗ fuhr während der Kriegszeit.

Für die Aufrechterhaltung des Verteidigungs zu standes der norwegischen Armee werden abermals 15 Mil lionen von der Budgetkommission eingestellt.

England, Frankreich und Italien Vereinbarung über die Portofreiheit der getroffen.

In der Daily Mail schreibt ein Oberst, daß ein lebhafter Handel mit ärztlichen Zeugnissen über die Untaug⸗ lichkeit zum Kriegsdienst stattfindet. Tatsächlich untaugliche Leute begeben sich zur Untersuchung und verkaufen dann ihr Untauglichkeits-Zeugnis.

In einer Zuschrift an die Times fordert ein in London sehr bekannter Geistlicher strengere Maßregeln gegen das übermäßige Trinken besonders der Frauen und be⸗ schreibt die Auftritte, die man Samstags in den großen Verkehrs⸗ straßen beobachten kann.

Parteinachrichten.

Verhaftungen in Dresden.

Am Samstag wurde nachdem schon zweimal ergebnislos gehaussucht wurde Genosse Wolf in Untersuchungshaft ge⸗ nommen. Um welche Sachen es sich dabei handelt, ist nicht bekannt. Wolf, der seit über 30 Jahren als Vortragender und Agitator im Plauenschen Grunde tätig und sehr beliebt ist, steht auf seiten der Parteiminderheit. Seine beiden Söhne verteidigen das Vaterland.

* Richtigstellung.

Zur Verurteilung der Genossen Martin und Wicky in Mül⸗ hausen hat das Pressebureau in Berlin eine Darstellung gegeben, die unrichtig ist. Es heißt da: 1 2

Unbedeutende gesprächsweise gefallene Aeußerungen während der französischen Invasion in Mülhausen, die von einem Landsturmmann als Zeugen wiedergegeben wurden, bildeten die Grundlage der Beurteilung der Gesinnung der ver⸗ urteilten Genossen durch den Richter. 5

Da die Genossen Martin und Wicky sich noch in Schutzhaft befinden, sehen sich Unterzeichnete veranlaßt, folgende Erklärung abzugeben:

Die Darstellung des Pressebureaus ist unrichtig. Der Land⸗ wehrmann war nicht als Zeuge geladen. Es wurde am Schlusse der Verhandlung ein Brief von ihm verlesen, der mit den Worten beginnt:Wie ich soeben in der Zeitung lese, wurde der Landtagsabgeordnete Martin wegen deutschfeindlicher Kund⸗ gebung verhaftet, ich fühle mich verpflichtet usw. Tatsache ist, daß Abg. Emmel und Geschäftsführer Pargmann in der Hauptsache als Belastungs zeugen auftraten. In der Urteilsbegründung wurde gesagt, daß die zur Last ge⸗ legten Aeußerungen in den Räumen der Volkszeitung im vertraulichen Kreise gefallen sind.

B. Böhle, R. Fuchs.

*

haben eine Soldatenbriefe

Jaurès⸗Gedenkfeiern in Frankreich.

Die organisierten Arbeiter und Sozialisten Frankreichs feierten am 31. Juli und 1. August in großen Versammlungen das Andenken an ihren großen Führer. In Paris versammelten sich die Massen im Palais des Fétes, wo Genosse Renaudel eine Vorlesung aus Jaurès Buch über dieNeue Armee hielt, wobei er besonders hervorhob, daß der Verblichene trotz seines Glaubens an die Wiedervereinigung Elsaß⸗Lothringens mit Frankreich den Revanchegedanken ablehnte und die Gerechtigkeit von der Aus⸗ dehnung der Demokratie erwartete. In Lyon sprach Professor Levy über die Größe von Jaurès. In Albi, wo die Asche des großen Sozialisten provisorisch bestattet ist, versammelten sich die Arbeiter der Stadt sowie aus Carmaux, Cagnac und der ganzen Umgegend und schmückten das Grab mit Blumen. Im Midi Socia⸗ liste veröffentlichte Genosse Ellen Prévot, Deputierter von Toulouse, seine Erinnerungen an Jaurss, die sich hauptsächlich auf die große Gelehrsamkeit und das fortgesetzte Studium von Jaurés beziehen.

Das Zentralorgan der italienischen Partei über Deutschlands Verteidigungskrieg.

Schon zum Jahrestag des Kriegsbeginnes hat der Avanti einen außerordentlich besonnenen, ganz objektiv historischen Rück⸗ blick auf die den letzten Anstoß zum Kriegsausbruch bildenden Er⸗ eignisse des vorigen Jahres gebracht, aus dem es niemand ge lingen könnte, die Formel von Deutschlands brutalem Angriff herauszulesen.

Nun bringt aber die Nummer vom 4. August einen Leitartike der geradezu nachweist, daß nur Deutschland berechtigt ist, von seinem Verteidigungskrieg zu sprechen. Der Avanti kommentiert die kaiserlichen Kundgebungen in Deutschland und Rußland und findet, im Gegensatz zu den sehr positiven, längst erklärten Croberungsplänen der russischen dier gierung, die sich auf die Friedenssicherungen bei ö des deutschen kaiserlichen Manifestes unendlich vieldeutig und be⸗ ängstigend unbestimmt, meint auch, daß der Kaiser ebensowenig i Namen des ganzen deutschen Volkes spreche wie der russische Kaiser, und daß sie aber als Häupter kapitalistischer Staaten und Vertreter großer Militärmächte nun einmal kein pazifistisches 11 1 könnten, weil das dem widerspricht, die sie vertreten.. 8 ö Ae under er, daß Deutschland, d. h. die deutsche Re⸗ gierung, heute zweifellos sagen dürfe, daß ihr Krieg ein Ver⸗ teidigungskrieg ist. Alle leidenschaftlichen Ergüsse der Feinde Deutschlands von Lloyd George, Sazanoff und den Monarchisten Frankreichs bis zur Humanite⸗ beweisen käg⸗ f lich, daß Deutschland berechtigt ist, sich für angegriffen zu halten. Es könne sich auch gegen Liebknechts Beschuldigung, einen Präventivpkrieg heraufbeschworen zu haben, verteidigen und nachweisen, daß dagegen an⸗ deredemokratische(vom Avanti mit Anführungszeichen ver⸗ sehen) Länder Präventivkriege als ganz legal anerkannt und auch geführt hätten, während es seinerseits, ungeachtet der zahl⸗ reichen dafür geeigneten Gelegenheiten, keine Kriege herauf beschworen hat. Alle seine Gegner hätten außerhalb und inner⸗ halb Europas Kriege geführt undgemacht, in einer, Zeit, in der Deutschland nur die einzige koloniale Expedition in Südafrika zu

Militärausgaben geringer als die seiner Feinde wären. Der Avanti erwähnt hier die von Morel im Labour Leader neulich ge⸗ brachten Vergleiche der deutschen Rüstungen mit denen der Ver⸗ bündeten(auch von uns gebracht), die beweisen, welcher Mili⸗ tarismus der eifrigst rüstende war. Deutschland könne sich außer⸗ dem darauf berufen, daß die von Rußland und England unter⸗ stütztenEinkreisungsmanöver Delcassées von 1905 und die ihm gestellteFalle von Algeciras zwei Ausdrücke, die der Avanti Marcel Sembat entnimmt, der heute mit demselben Delcasses im Ministerium sitze ihm die klare Erkenntnis, einem unge⸗ heuern politischen und militärischen Trust gegenüberzustehen, hat bringen müssen, der zu seiner Schädigung begründet war. 3 Zweck der Ausschließung gerade seines Handels, gerade seiner dlühenden Industrie, gerade seines Einflusses von all den Län⸗ dern, die unterdessen der Machtsphäre der andern einverleibt wur⸗ den, wie Marokko. Persien, Syrien usw. Und Deutschland könne sich darauf berufen, daß in dem gewaltsamen Kampf, den England um Aufrechterhaltung seiner niedergehenden industriellen Hege⸗ monie führt, es jederzeit gewärtig sein mußte, von seinem Rivalen blockiert und durch Hunger bezwungen zu werden. 5 1

Im Schlußabsatz seines Leitartikels, für den die Verbündeten dem Avanti wenig danken werden, meint er dann, daß, wenn dies alles in Wahrheit von Deutschland behauptet werden kann, aller⸗ dings noch eine Kehrseite da wäre, die das offizielle Deutschland freilich nicht zugeben werde, und das sei, daß es im Innern freilich Rußlands Verbündeter war in allem, was kosakisch und rück⸗ schrittlich ist, und daß es seine Irredenta durch allerlei Drohungen gereizt habe, die den Außenstehenden öfters die Auffassung ge⸗ 5315 habe, daß es kriegerischere Absichten hege, als es wohl der Fall war.

Soziales.

Die Leistungen der Landesversicherungsanstalten. 0

Nach einer im Reichsversicherungsamt gefertigten Zusammen⸗ stellung sind von den 31 Landesversicherungsanstalten und den 10 vorhandenen Sonderanstalten bis einschließlich 30. Juni 1915 2419 803 Invalidenrenten, 167 438 Krankenrenten, 545 335 Alters⸗ renten, 27 207 Witwen- und Witwerrenten, 1071 Witwenkranken⸗ renten, 115 153 Waisenrenten(Rente an Waisenstamm), 46 Zusatz⸗ renten bewilligt worden. Davon sind in dem letzten Kalender⸗ vierteljahre 25 327 Invalidenrenten, 2518 Krankenrenten, 2791 Altersrenten, 2728 Witwen- und Witwerrenten, 160 Witwenkranken⸗ renten, 26 449 Waisenrenten, 4 Zusatzrenten festgesetzt worden. In⸗ folge Todes oder aus anderen Gründen sind bereits 1394 203 Invalidenrenten, 146824 Krankenrenten, 462 320 Altersrenten, 2065 Witwen⸗ und Witwerrenten, 325 Witwenkrankenrenten, 7550 Waisenrenten, 15 Zusatzrenten weggefallen, sodaß am 1. Juli 1913 noch 1025 600 Invalidenrenten, 20 614 Krankenrenten, 83 015 Altersrenten, 25442 Witwen⸗ und Witwerrenten, 746 Witwen⸗ krankenrenten, 107 603 Waisenrenten, 31 Zusatzventen liefen. Da⸗ nach hat sich im letzten Vierteljahre der Bestand an Krankenrenten um 622, an Witwen- und Witwerrenten um 2395, an Witwen⸗ krankenrenten um 121, an Waisenventen um 25 275, an Zusatz⸗ renten um 2 erhöht und der Bestand an Invaliden renten um 194, an Altersrenten um 612 vermindert. Bis einschließlich 30. Juni 1915 ist Witwengeld in 36 850 Fällen(davon entfallen 8145 auf das letzte Vierteljahr) und Waisenaussteuer in 2048 Fällen(davon ent⸗

Diethelm von Buchenberg.

Erzählung von Bertold Auerbach. 47

Martha, ich bin frei, sagte Diethelm, sie aufrichtend,

nimm dich zusammen und sei froh. Es ist ja alles wieder gut.

Martha hielt immer noch seine Hand fest, und das erste Wort, das sie sprach, war:Alles, was ich auf dem Leib trage, schenke ich einer armen Frau, und meinen Mantel auch, und ich will Gutes tun an der ganzen Welt. Komm', Diethelm, komm', weißt, was wir tun wollen? Wir wollen jetzt gleich in die Kirch' gehen. Komm', Fränz, komm'.

Du bist jetzt so schwach, laß es auf ein andermal.

Nein, nein, jetzt gleich, ich bin nicht schwach, es hat mich nur so angewandelt. Ich bitt' dich, folg' mir jetzt, ich will dir auch in allem folgen, was du willst.

Diethelm mußte willfahren und mit seiner Frau in die Kirche gehen. Es schauerte ihn und durchfuhr ihn eiskalt, als er in die hohe Halle eintrat; er warf sich mit seiner Frau vor dem Altar nieder und bat Gott, ihn auf dieser Welt um seiner Frau und seines Kindes willen zu verschonen.

Als sie aus der Kirche traten, wo sich viele Menschen ver sammelt hatten, schenkte Martha sogleich einer armen alten Frau ihren Mantel und gab nicht nach, daß sie den Mantel nur noch bis zur Post behalten möge. Diese Schenkung, so wie der auffallende Kirchgang überhaupt, verbreitete sich schnell, und Diethelm hörte schon auf seinem Heimwege davon reden. Viele Menschen, die er starr ansah, zogen den Hut vor ihm ab, und er sah, daß er neue Ehre gewonnen habe, er Par entschlossen, sie zu behaupten.

Als sie aus der Kirche zurückgekehrt waren und die Glück wünschenden sich entfernt hatten, saß Diethelm lange am Tische, auf den er die Arme gestemmt und den Kopf in die Hände gedrückt hatte, und als ihn Martha bei der Hand faßte, schaule er zu ihr auf und große Tränen rollten über seine Hakan. Zum ersten Male in ihrem Leben sah Martha ihren Kiethelm weinen, sie schrie laut auf, er aber beruhigte sie,

und es war die volle Wahrheit, als er ihr sagte, daß diese Tränen ihn erfrischt und ihm hellen Mut gegeben hätten.

Martha drängte, daß man noch heute heim nach Buchen⸗ berg zurückkehre. Diethelm sah sie traurig an, da sie vom Heimkehren sprach, wo waren sie daheim? Er fragte nach seinen Rappen, und als er hörte, daß sie in Buchenberg stün⸗ den, blieb er fest dabei, erst morgen abzureisen; er schickte so⸗ gleich einen Boten nach seinen Pferden, das war das einzige, was ihm lebendig von seiner früheren Habe verblieben war, und mit ihnen wollte er stolz in Buchenberg einziehen.

XXII.

Nahezu zwei Monate hatte Diethelm im Gefängnis ge sessen, es hatte mehrmals getaut, aber auch immer wieder frischen Schnee gelegt, und heute war ein heller, mäßig kalter, echter Schlittentag. Diethelm hatte sich gewundert, daß nicht der Vetter selber das Fuhrwerk gebracht, sondern einen Knecht mit demselben geschickt hatte. Die Rappen schienen ihren Herrn nicht mehr zu kennen, sie senkten die Köpfe, so sehr auch Diethelm sie klatschte, mit ihnen sprach und ihnen salzbestreu tes Brot vorhielt, sie hatten eben jenen gejagten Brandabend noch nicht vergessen und spürten ihn noch immer. Diethelm dachte, daß alle Welt verändert sei, und gewiß waren alle Häuser verschlossen, und niemand drängte sich zu ihm und reichte ihm die Hand, nicht einmal der Vetter war gekommen, ihn abzuholen. Die Menschen sind alle falsch wie Galgenholz, sie klagen und krächzen um einen Toten, und wenn er plötz⸗ lich wiederkäme, sie wären voll Zorn auf ihn, weil er sie um ihr Mitleid betrogen.

So dachte Diethelm, als er mit dem Wolfsschur angetan auf dem Vordersitz saß und die Pferde lenkte, hinter ihm saßen die Mutter und Fränz. Diethelm nahm sich vor, nur noch einmal nach Buchenberg zurückzukehren, allen seine Verach⸗ tung zu zeigen und sie dadurch zu züchtigen, daß er den Ort auf ewig verließ, sie waren es nicht wert, einen Mitbürger zu haben wie er. Er überlegte plötzlich, daß eigentlich nie⸗ mand in Buchenberg sei, bei dem es ihm der Mühe wert war, was er von ihm denke; sie sollten aber einsehen, wer er war,

wenn er nicht mehr in ihrer Mitte sei. Es tat ihm nur leid, daß er nicht eine wirkliche Rache an ihnen nehmen könne, der Vetter vor allem sollte es büßen, seine Hypothek war gekündigt. 50 1 Während er aber noch den Rachegedanken nachhing, erhob sich in ihm plötzlich der Zweifel, ob er ihnen Folge leisten dürfe. Wohl war die ganze Welt sein Feind, aber er durfte ihr nicht zeigen, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen sei, und wenn alles stechende Blicke auf ihn richtete, so war es doch klüger, zu tun, als ob man das nicht bemerke falsch sein gegen die falschen Menschen, das ist das beste, um unver⸗ sehens ihnen die Gurgel zuzudrücken; aber auch das muß vor⸗ sichtig und schlau geschehen. Hin und her warf es Diethelm in Gedanken, denn so argwöhnisch gegen sich und gegen die Welt ist ein Herz, das Arges in sich verborgen hegt. N

fingen zu, sagte Fränz:Vater, ich hör' Musik den Berg her⸗ auf, horcht, sie kommt näher. Was ist das? 1 Auch Diethelm hörte es. Das Leitseil schwankte hin und her, so zitterten seine Hände; er faßte es straff. 1 Ich mein' immer, sagte die Mutter mit verklärtem Antlitz,es sei alles nur ein Traum gewesen. Oh, das wär doch prächtig, wenn unser Haus noch stünde, und alles wär nicht wahr. a Weibergeschwätz, es ist alles wahr, still! sagte Diethelm zornig; die Kälte, die er immer innerlich spürte, rann ihm jetzt wieder durch Mark und Bein. Er hielt an und trank einen mächtigen Zug Heidelbeergeist. Die Musik kam immer näher. Man sah jetzt einen großen Trupp Reiter, und einer ritt im Galopp vorauf nach Diethelm zu, kehrte aber bald um und ordnete die Zurückgebliebenen hüben und drüben an der Straße zu Spalier. 4 Was sollte das sein? Sollte Diethelm wieder gefangen genommen werden? Aber wozu war dann die Musik? ie Rappen, von den Klängen erweckt, hoben die Köpfe hoch und rannten wiehernd davon. 1

Fortsetzung folgt.) e

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gen beziehenden Stellen

Wesen der Macht

Zum

Eine Strecke ab von der Kalten Herberge, Untertal-

1

buchen habe. Auch könne Deutschland sich darauf berufen, daß seine