Ausgabe 
11.8.1915
 
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begabtes Volk, und wenn sie sich die Geschehnisse an den Dardanellen ausmalen, so brauchen sie ein wenig Ermutigung vom Auslande, um sich zu fragen, was aus ihrer Flotte und ihrer Armee geworden wäre, wenn sie sich im März dieses Jahres dem Vierverbande an⸗ geschlossen hätten. Die griechischen Schiffe hätten das Schicksal des Bouvet, derMajestic und desTriumph! geteilt und ihre Armee würde sich den Kopf an den türkisch⸗deutschen Fortifikationen von Gallipoli eingerannt haben. Sie sagen: König Ferdinand von Bulgarien hätte seine größte Freude daran gehabt. Deshalb ziehen die Griechen die Neutralität vor.

Ein Attentatsversuch gegen Sasonow?

Mailand, 9. Aug. Der Sonderberichterstatter des Secolo telegraphiert aus Petersburg, daß ein ehemaliger Beamter des Ministeriums des Aeußern in das Zimmer des Ministers Sasanow eindrang und diesen mit einem Beil zu töten versuchte. Der Attentäter wurde verhaftet. Er scheine an nervösen Störungen zu leiden.

Amtliche Bestätigung der Arhbeiterstreiks in Petersburg.

Während kein Sterbenswörtlein über die Vorkommnisse unter der Arbeiterschaft in den russischen Zeitungen zu finden ist, bringt uns der Tagesbefehl des Oberkommandierenden von Petersburg die Kunde darüber, daß dort Streiks ausgebrochen sind. Es ist traurig heißt es in dem lakonisch verfaßten Befehl, daß die kampffrohe Stimmung an der Front von den Arbeitern einiger Petersburger Fabriken nicht geteilt wird, da sie die Munitions⸗ herstellung eingestellt haben. Streiks werden nicht geduldet und alle Maßnahmen dagegen seien ergriffen. Die Retsch rät den russischen Staatsmännern, dem Beispiele von Lloyd George zu folgen, unter die Arbeiter zu gehen, bei ihnen Begeisterung zu erwecken. Indes erhofft sie selbst nicht allzuviel davon, denn sie legt den Herren ans Herz, im Interesse der Landesverteidigung auch die ökonomischen Ursachen der Streikbewegung zu beseitigen.

Verbot des Abdruckes der Reden der sozialistischen Dumaabgeordneten. T. U. Stockholm, 9. Aug. Aus Petersburg wird ge meldet: Der Kommandant von Petersburg untersagte auf Grund des Gesetzes des Ausnahmezustandes den Abdruck der

Geld bleibt im Lande heißt nichts anderes als: Deutsch⸗ land führt seinen Krieg nicht mit Geld, son⸗ dern mit seiner aufs Intensivste angesp ang; ten Arbeit. Die Finanzfrage ist für uns die Frage der nationalen Arbeitsenergie. Deut ch la nd kann finan- ziell nicht unter liegen, solange seine Arbeits energie nicht betroffen ist, und Deutschlands Arbeitsenergie kann nicht getroffen werden.

Von der öffentlichen Ruhe und Sicherheit.

Ein in Berlin-Wilmersdorf lebender Sänger Borise, ein Russe amerikanischer Staatsangehörigkeit, hatte bei einer Geburtstags⸗ feier in der Wohnung einer Schauspielerin irgendwelches Kriegs⸗ geschwätz zum besten gegeben. Daraufhin wurde er denunziert und von der Strafkammer zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Das Reichsgericht hat diese Strafe aufgehoben, indem es sich auf den Standpunkt stellte, ein solches Gespräch im engbegrenzten Jamilien⸗ kreise könne die öffentliche Sicherheit nicht gefährden. Die Konse⸗ quenz des Strafkammerurteils wäre, daß überhaupt jedes Privat⸗ gespräch über den Krieg verboten sei. 2

Trotzdem halte man sein Zunge in Schranken, besonders wenn man etwa eine Reise ins verbündete Oesterveich tut. Dort steht die Rechtsprechung auf einem anderen Standpunkt. Von den Ver⸗ urteilungen wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung, die die Landwehrdivisionsgerichte in nicht ganz unbeträchtlicher Zahl besonders in den tschechischen Gebieten bekanntgeben, entfällt ein großer Teil auf Privat- und Wirtstischgespräche, aber auch auf von der Zensur konfiszierte Briefe, ja selbst auf Notizen, die man in Tischladen vorfindet. Das Recht ist eben nicht überall das gleiche.

Die Deutschen vor Wilna? 51

Rotterdam, 10. Aug. Nach dem Daily Expreß haben fünf deutsche Armeekorps den Angriff auf Wilna unternommen, wo die Russen von drei Seiten umzingelt zu sein scheinen. Auch bei Kowno entwickeln sich bereits Gefechte.

Seegefecht im Bottnischen Meerbusen?

T. U. London, 10. Aug. Einem Telegramm aus Soder⸗ ham zufolge wurde eine heftige, aus südöstlicher Richtung kommende Kanonade vernommen. Man vermutet, daß ein

T. U. Kopenhagen, 10. Aug.

er Mailänder Secolo fordert die Frauen Mailands mit 2 1 an die Arbeit auf, die italienischen Soldaten mit Wollsachen zu versorgen. Auch die Aerzteschaft richtet einen ähnlichen Aufruf an das italienische Volk. a

In den letzten Tagen wurde in Pontyprid(Wales) ein Deut⸗ scher namens Franz Tarr aus Kiel mit einer Geldstrafe vo 200 Mark belegt, weil er seinem Nachbarn erzählte, Warschau sei gefallen. So zu lesen in der Times vom 5. August am Tage der Eroberung Warschaus durch die Deutschen.

In der Aluminiumfabrik in Massena(Staat Newyork), di jetzt Munition für den Vierverband erzeugt, streikten die dort beschäftigten ungarischen Arbeiter. Am 1. August wurde die Miliz mobilisiert, die auf die Streikenden feuerte. Einer wurde getötet und eine Anzahl verwundet. 5

Aus Montreal wird gemeldet, daß die öffentlichen Sub⸗ rkriptionen den Ankauf von 1500 Maschinengewehren für die kanadischen Truppen an der Westfront ermöglichen werden.

Die Blätter melden aus Johannisburg, daß eine Ab⸗ teilung von Arbeitern für die Munitionsfa brikation nach England abgereist ist.

Parteinachrichten.

Aus den Organisationen.

Eine Konferenz des Kreises Teltow-Beeskow⸗Char⸗

lottenburg, welche am Sonntag den 8. August 1915 tagte, in welcher 44 Ortsvereine mit 127 Delegierten vertreten waren, nahm nach Referaten der Genossen Ebert und Haase und nach aus⸗ gedehnter Debatte folgende Entschließung gegen 11 Stimmen an: Im Bewußtsein der großen Aufgaben, die die Partei in der nächsten Zeit zu erfüllen hat und um die notwendige Einheit und Kampfkraft zu erhöhen, lehnen wir es zur gegenwärtigen Zeit ab, Stellung zu der früheren Haltung der Parteiinstanzen zu nehmen. Heute kann es sich nur darum handeln, was in Zukunft geschehen soll. 5. 970 1 Schon seit Monaten ist festzustellen, daß die Politik der Re⸗ gierung die Tnteressen der breiten Volksmassen ni cht berück⸗

von Kriegskrediten schließt sich die Konferenz des Kreises Teltow⸗

N in der Duma von Abgeordneten der sozialistischen Partei ge-] Seegefecht im Bottnischen Meerbusen im Gange ist. ane 55 5 5 en ben A . 8 r 8 2 1 5 mi n, kr. er garlamen inen, 0 9 1 87 1 5 0 i 5 9 155 Der griechische Protest von England zurückgewiesen. e 3 1 Volk durch Produzenten und Spekulanten aus⸗ 0 denten T. U. Genf, 10. Aug. Der Herald meldet: Die englische Re⸗ wuchern lassen und eine Kritik dieser Zustände durch Be⸗ 72 der halbamtlichen Petersburger Agentur du veröffentlichen. gierung hat den Protest Griechenlands wegen der Besetzung der schränkung der Preßfreiheit und Verbot von Versammlungen ver⸗ 45 Der Abgeordnete Tscheidse hat einen neuen Antrag in der griechischen Inseln mit dem Ausdruck ihres Bedauerns zurückge⸗ hindert. 5 g. f 1 1 Duma gegen die Verfügungen der Militärbehörden einge. wiesen, jedoch eine Entschädigung an Griechenland nach Kriegsende Auch in der inneren Politik soll wenn es nach dem Willen der 9 bracht. zugesichert. tali d die Türkei 1 e 15 5 e am Gut und Blut ö . alien un Ee Urket. ie breite Volksmasse weiter rechtlo! eiben. 5 4 6 Der Kampf gegen den Alkohol. 5 Berlinske Tidende meldet Für die zukünftige Haltung der Fraktion bei der Bewilligung

lungen an sich selbst.

Eine Meldung des Temps aus Petersburg besagt, daß die Kussische Regierung die größten Anstrengungen mache, und mit un⸗ nachsichtiger Härte vorgehe, damit der von ihr unternommene Kampf gegen den Alkohol endgültige Resultate zeitige. Da die unverbesser⸗ lichen Alkoholiker sich nach dem Wodkaverbot auf das Kölnische Wasser und besonders auf den Brennspiritus geworfen haben, ordnete der Finanzminister neue Maßnahmen an, um dieses noch schlimmere Uebel auszurotten.

Deutschlands finanzielle Kriegs⸗ bereitschaft.

Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Dr. Helffe⸗ tich, hat dem Berliner Vertreter der Hearsthschen Blätter, Herrn Schweppendick, auf die Frage, ob die finan⸗ zielle Lage ein Urteil über die weitere Dauer des Krieges ermögliche, folgendes erwidert: Der Krieg erfordert un erhörte finanzielle Opfer. Ich schätze, daß die täglichen Aus gaben der kriegführenden Staaten sich jetzt auf nahezu 300 Millionen Mark stellen, die monatlichen Ausgaben also auf

ausschließlich mit Mitteln und Naturalien, die es unter Aus⸗ bietung aller nationalen Produktionsenergien imeigenen Lande erzeugt. Deutschlands Kriegsausgaben sind Zah Das landläufige Wortdas

aus Paris, daß Italien nunmehr in seinem Verhalten zur Türkei eine Entscheidung herbeiführen werde. Italien werde von der Türkei fordern, die Erfüllung aller seiner An⸗ sprüche und Schadenersatz für die feindliche Handlung der Türkei. Die Kriegserklärung sei angeblich in den aller⸗ nächsten Tagen zu erwarten.

Gegen die amerikanische Regierung.

Genf, 10. Aug. Petit Parisien meldet aus Newyork, daß die deutsch-amerikanische Wochenschrift Vaterland eine sensationelle Nummer hat erscheinen lassen. Sie stellt die Politik von Präsident und Regierung bloß und richtet einen Aufruf an alle diejenigen, deren Inspirationsquellen nicht in London sind. Der Aufruf warnt vor einer kriegerischen Aktion, namentlich im Hinblick auf die nächsten Wahlen, und greift den Präsidenten, die Mitglieder der Regierung und die Senatoren an. Die Vereinigten Staaten könnten keinen Krieg gegen Deutschland führen, ohne den Bürgerkrieg im

Nriegsnotizen. Wie jetzt bekannt wird, erbrachen die Russen seinerzeit im Park des Schlosses Georgenburg bei Insterburg das Mausoleum der Familie von Simpson, öffneten die Särge und durchwühlten sie nach Schmucksachen.

Beeskow der von den Genossen Bernstein, Haase und Kautsky in ihrem ArtikelDas Gebot der Stunde dargelegten Auffassung an, und fordert die Parteiinstanzen auf, nicht mehr für die Be⸗ wlligung der Kredite einzutreten. Insbesondere da immer deutlicher hervortritt, daß einflußreiche Politiker daran sind, so horrende Friedensziele aufzustellen, daß die Herbei⸗ führung des Friedens dadurch immer schwieriger wird. 1 Auch von den Bruderparteien erwarten wir, daß sie alles vermeiden, was den Krieg verlängern könnte: dagegen

alles tun werden, was zur schleunigen Herbeiführung des

Friedens geeignet ist. 4

Auch die Leitung der Parteiorganisation im 5. schleswig⸗ holsteinischen Reichstagswahlkreis ließ die Stelluß⸗ nahme der Genossen zum Parteistreit feststellen und in allen größeren Ortsvereinen zu diesem Zwecke Mitgliederversammlungen abhalten. In den kleinen Ortsvereinen war das leider nicht möglich. Mit Ausnahme einer Versammlung, in der sich einige Genossen als An⸗ hänger der Opposition bezeichneten, wo aber wegen des schwachen Besuchs eine Abstimmung nicht stattsand, stellten sich alle Ortsvereine geschlossen hinter den Parteivorstand, die Reichs⸗

des schlesischen Wahlkreises Grüneberg, der als gedienter Landsturm⸗ mann ins Heer eintrat und die jüngsten Kämpfe in Rußland mit⸗ machte, ist ebenfalls vor einigen Tagen leicht verwundet wor⸗

den: Näheres ist noch nicht bekannt.

*

Diethelm von Buchenberg.

Erzählung von Bertold Auerbach. 46 Als sie nun aber hörte, daß der Vater für unschuldig galt, und daß es nur darauf ankam, diese Geltung aufrecht zu er⸗ halten, verwelkten die in Schmerz erblühten Blumenkelche wieder. Wer weiß, in Schmach und Not wäre Fränz vielleicht eine Heldin an Duldung geworden; jetzt war sie wieder in der Welt voll Lug und Trug, wo alles darauf ankam, sich in seiner Rolle zu behaupten, und Fränz wurde wieder die hof färtige, alle Welt verhöhnende Tochter Diethelms; nur eine gewisse Umflorung, die aus dem Kummer um das noch nicht entschiedene Schicksal des Vaters entsprang, dazu eine Nach⸗ wirkung von jener immer mehr verklingenden Trauer stimmung, verhinderte, daß nicht mit einem Wort der leib hafte Nückel wieder da war.

licher vorhielt, wie gut das für den Vater wäre, wenn man mit dem Amtsverweser bekannt sei, und wie man auch ge⸗ sprächlich manches von ihm erfahren könne über den Stand der Untersuchung. Das leuchtete ein.

Anfangs stand Martha oft viele Tage mit trockenem Munde auf, sie konnte keinen Bissen hinabbringen, wenn sie denHerrn ansah, der ihr so schweres Herzeleid angetan und der ihren Mann zeitlebens ins Zuchthaus bringen konnte. Es war ihr immer, als säße sie mit einem Henker am Tische, und sie begriff gar nicht, wie er so ruhig Speise und Trank zum Munde führte, während er auf die Fragen seiner Tisch⸗ nachbarin erzählte, daß heute der und jener eingebracht oder daß dieser und jener ins Zuchthaus abgeführt worden sei. Martha sah dann oft nach seinen Händen, ob die nicht vom Blute rauchten. Nach solchen Tagen hatte Fränz immer einen schweren Stand, denn die Mutter wollte durchaus nicht mehr an die öffentliche Tafel. Nun aber hieß es, das könnte dem

Reiz verlieh. Dennoch kam es nicht weiter als zu einer ge wissen gefallsamen Annäherung zwischen Fränz und dem Amtsverweser, denn beide hüteten sich in Betracht der Um stände vor jeder ausgesprochenen Zuneigung. Was Wunder, daß unter solchen Verhältnissen die Untersuchung gegen Die helm nur mangelhaft geführt wurde, zumal keine rechten B weise vorlagen. Der Verweis, den der Amtsverweser daro von dem neubestallten Richter erhielt, nützte nicht mehr viel, 110 der Richter versuchte nun selbst den rechten Haken zu inden.

In der Wohnstube der Postmeisterin war große Trauer, als der Amtsverweser seine Versetzung nach einem vielbe⸗ suchten Badeort ankündigte. Als er bald Abschied nahm, reichte ihm Fränz mit einem vielsagenden Blicke die Hand; der Amtsverweser bot nun auch Martha die Abschiedshand, sie reichte sie und spürte dabei mächtig ein Jucken in der Hand,

f mehr als 8 Milliarden Mark und die Jahresausgaben auf eigenen Lande zu entfesseln. tagsfraktion und den Parteiausschuß. Entsprechende 6 rund 100 Milliarden Mark. Die schwersten finan⸗ Streikende amerikanische Arbeiter Resolutionen wurden überall angenommen. 1 1 9 5 ellen 0 fer tragen*. 41 ch 9 0 Dan na 9588 5 Nach einer Newyorker Meldung des Rotterdamschen Courant 8 Opfer des Krieges. 8 2 0 Ich glaube jedoch nicht, daß die finanziellen Ausgaben einen] befinden sich laut Täglicher Rundschau 11000 Munitionsarbeiter Der Redakteur der Ameise, des Verbandsorgans der Porzellan 1 Anhalt für ein Urteilüber die Dauer des Krieges wegen Lohnstreitigkeiten im Ausstand: das sei ein Sechstel der ge⸗ arbester Deutschlands, Genosse Karl Eberhardt, ist am 25. Ju 9 ˖ ermöglichen; wenigstens ist das für Deutschland nichtsssamten Munitionsarbeiter in den Privatbetrieben der Vereinigten fegen in Polen gefallen. Ein Herzschuß setzte 5 der Fall. Denn Deutschland führt den Krieg so gut wie] Staaten. Reichstagsabgeordneter Geuosse Davidsohn, der Vertreter,

Fränz ertrug den Schmerz um die sich in die Länge über das sie seit Wochen schon oft geklagt hatte. 1

ziehende Gefangenschaft des Vaters leichter als die Mutter,] Vater schaden, wenn man jetzt zeige, daß man sich schäme: Fränz war nun selbst damit einverstanden, daß man von weil sie ihn für schuldig hielt; von einem Morde an Medard] die Mutter verstand sich mit schwerem Herzen dazu, und der Gasttafel wegblieb, sie war agen di fil und 0 ahnte sie nichts, und für einen Brandstifter gehalten worden] Fränz hatte oft aufrichtiges Mitleid mit ihr, wenn ihr der] sinnend; sie sang oft still vor sich hin und unterbrach sich dan 15

zu sein, dachte sie, ist am Ende keine Schande, wenn man nur freigesprochen ist.

Seit mehreren Tagen hatte Fränz jedesmal um Mittag gesagt:Jetzt ist's halb eins, und wenn die Mutter fragte: Warum?, antwortete sie lächelnd:Weil der Amtsverweser da über den Markt herkommt, er ist ein sauberes Bürschle, er speist unten an der Tafel. Die Mutter ermahnte sie, vom Fenster wegzugehen, sie müsse sich ja schämen, wenn er sie sähe; Fränz aber behauptete, daß das gar nicht der Fall sei, und bald bemerkte der Amtsverweser, welche Augen nach ihm ausschauten, und es entstand ein regelmäßiges und immer entschiedeneres Grüßen hinauf und hinab am Mittag. Die Mutter ward bald neugierig, den Mann zu sehen, den sie seit jenem schrecklichen Abend nicht mehr erblickt hatte, und von da an hatte Fränz gewonnen Spiel; sie ließ nicht ab und hatte dabei willfährige Hilfe an der Frau Postmeisterin, bis die Mutter sich entschloß, mit ihr an der Tafel zu speisen. Martha gab endlich nach, besonders als ihr Fränz immer eindring⸗

Gang zu Tische so peinvoll wurde; aber sie beredete sie, es sei nötig, daß sich die Mutter wieder an die Menschen gewöhne, und sie vermochte die Postmeisterin, sich mit an den Tisch zu setzen und die Mutter beständig im Gespräch zu erhalten. Der Amtsverweser lehnte auch fortan jede bezügliche Frage seiner Nachbarn ab, und man war fast heiter. Die Mutter lebte sichtlich wieder auf. Fränz war in der Wohnstube der Post⸗ meisterin bald mit dem Amtsverweser bekannt geworden, und dieser teilte ihr freiwillig, aber unter dem Siegel der Ver⸗ schwiegenheit, frohe Kunde über den Vater mit. Martha fand ihn nun gar nicht mehr henkergleich, sondern grundmäßig gut, man sähe es ihm ja an den Augen an; sie segnete ihm jeden Bissen und jeden Trunk, den er zum Munde führte. Von nun an kam der Amtsverweser jeden Tag später als gewöhnlich in die Kanzlei, denn er trank seinen Kaffee und rauchte seine Zigarre in der Wohnstube der Postmeisterin und unterhielt sich eifrig mit Fränz, die redegewandt und schelmisch war und der die verhüllende Trauer noch einen besonderen

plötzlich, wenn sie dachte, in welcher Lage sie war. Die Mutter ermahnte sie nun selbst oft, zur Wirtin hinabzugehen, während sie einsam spann. 1

Eines Tages kam Fränz atemlos ins Zimmer gestürz

Mutter, schrie sie,Mutter, er ist da!

Wer? Um Gottes willen, der Vater?

Ja, der Vater, keuchte Fränz und wollte sich eben wiede umwenden, um dem Kommenden entgegen zu gehen, als di Mutter mit einem Schrei vom Stuhle auf den Boden fiel.

Sie beugte sich über sie, als Diethelm eintrat, und kaum hatte er mit seiner klangvollen Stimme die Worte gesprochen Was ist der Mutter?, als die Ohnmächtige die Augen au schlug und in ein krampfhaftes Weinen und Lachen ausbrach, daß Diethelm mit zitternden Händen dastand und gar nick wußte, was er tun sollte. f