Wucherischen Lebensmittelteuerung und für den berechtigten Kampf der Sozialdemokratie dagegen, als diese Angst und diese Einsicht des Herrn v. Zedlitz.

Die Räumung Rigas.

T. U. Petersburg, 9. Aug.(Indirekt.) Die Räumung Rigas ist im vollsten Gange. Die Straßen sind gedrängt voller Menschen, die Stationen werden belagert, die Ereig nisse scheinen mit Siebenmeilenstiefeln fortzuschreiten. Sämt⸗ liche Regierungsbehörden haben bereits die Stadt verlassen und zwar das erzbischöfliche Kapitel, die Filiale der Staats⸗ bank, Zoll⸗ und Steuerbehörden, das Landgericht und die Verwaltung der Riga-Orel-Eisenbahn. Die Bahnlinie Riga⸗ Petersburg befördert seit vorgestern keine Privatpersonen mehr. Die staatlichen Spiritus- und Schnapsläden wurden geschlossen. Pioniere haben unter den großen Eisenbahn brücken und unter zwei Holzbrücken, die zu der äußeren Stadt, der sogenannten Mitauer Vorstadt, führen, Sprengladungen gelegt. Eine Stadtmiliz wird organisiert.

Russischer Barbarismus.

Die vordringenden Deutschen begegnen, wie laut Ber liner Tageblatt die Daily News melden, einer Unzahl von Feuersbrünsten. Die militärischen Feuerstif⸗ tkungsbrigaden folgen der Nachhut der russischen Heere.

Militärische Nevolten in Rußland?

Stockholm, 9. Aug. In Moskau hat bei der Einberufung der 19 jährigen eine Straßendemonstration von Militär personen stattgefunden. Besonders auf dem Roten Platze rotteten sich niedere Militärchargen zusammen. Es wurden Rufe laut wie: Schlachtet keine Kinder! Nieder mit dem Krieg! Als die Polizei sie auseinandertreiben wollte, leiste len sie mit den Waffen Widerstand. Die Aussichten des Vierverbandes in Bulgarien.

Budapest, 9. Aug. Die Aussichten des Vierverbandes haben

5 sich, wie Az Est aus Sofia meldet, wesentlich verschlechtert. Der

französische Sondergesandte Cruppi machte Besuche bei allen bulgari⸗ schen Staatsmännern, wo ihm überall bestätigt wurde, daß Bul⸗ garien unbedingt auf der Rückgabe ganz Mazedoniens bestehe. Dazu meldet A Nap, daß Fürst Trubetzkoi völlig darauf verzichtet habe, Serbien zur Rückgabe von Mazedonien zu bewegen. A Nap meldet aus Sofia: Die Bevölkerung der bulgarischen Hauptstadt erfuhr gestern nachmittag den Fall von Warschau durch Sonder⸗ ausgaben der Blätter. Darauf versammelten sich große Menschen⸗ mengen, die zuerst vor das österveichisch⸗ungarische und dann vor das deutsche Konsulat zogen und den beiden Zentralmächten be⸗ geisterte Kundgebungen darbrachten. Hakki⸗Pascha über die Dardauellenaktion der Alliierten.

T. U. Berlin, 9. Aug. Der Korrespondent der Voss. Ztg. in Sofia hatte eine Unterredung mit dem neuen türkischen Botschafter in Berlin, Hakki Pascha, über welche er seinem Blatte berichtet: Hinsichtlich der Dardanellen ist Hakki Pascha voller Zuversicht. Die türkischen Nachschübe zum Ausfüllen der Lücken werden jederzeit leicht bewerkstelligt. Die Ein⸗ nahme der Befestigungen durch Landungstruppen sei nach wie vor ausgeschlossen. Die Zahl der Landungstruppen wird auf 300 000 geschätzt, wovon 100 000 tot oder verwundet sind. Die Entwicklung noch größerer Truppenmassen in dem be schränkten Raume auf Gallipoli sei unmöglich, weshalb die griechischen Inseln zur Unterbringung der Reserven beschlag nahmt wurden. Die feindlichen Meldungen über unerfreu liche Beziehungen zwischen den deutschen und den türkischen Offizieren seien falsch.

5 Erdbeben in Italien.

T. U. Lugano, 0. Aug. Aus Tarent wird gemeldet, die hiesige Warte verzeichnete gestern nachmittag ein starkes Fernbeben, dessen Entfernung ungefähr 1700 Kilometer beträgt. Die erste Bewegung erfolgte um 4 Uhr 7 Min. 36 Sek. nachmittags.

Nriegsnotizen.

Einzelne Bundesstaaten haben in dem Bestreben, die Ver⸗ sorgung ihrer Bevölkerung mit Fleisch zu sichern, Ausfuhr⸗ verbote für Vieh nach anderen Bundesstaaten erlassen. Der Bundesrat hat nun der reußischen Regierung in Gera auf Anfra

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den Bescheid erteilt, daß solche Verbote unzulässig und sogleich zu beseitigen seien. 5

Aus fämtlichen Eisenbahn⸗Personenwagen, die leer oder besetzt nach dem östlichen Kriegsgebiet laufen, sind, um dem Einnisten von Ungeziefer und der damit verbundenen Gefahr der Verbreitung ansteckender Krankheiten vorzu⸗ beugen, alle Fenstervorhänge, Polsterrollen, Fußteppiche usw. zu entfernen und auf den Heimatstationen aufzubewahren.

Aus dem Arbeitskommando des Landesbauamts Dies sind drei französische Kriegsgefangene entwichen, und zwar Léon Moel, James Beniat und Michael Weber. Sie sind 1,75 Meter, 1,70 Meter und 1,61 Meter groß und sprechen nur französisch.

Der Avanti berichtet in der Nummer vom 2. August von Zaurès⸗ Gedenkfeiern in ganz Italien. An einzelnen Orten jedoch hat die Polizei ihre Abhaltung verboten. So in S. Marzano, wo der Präfekt von Alessandria die Versammlung untersagte, und in Livorno, trotzdem sie im letzteren Falle nur mittelst 500 privater Einladungen einberufen war.

Das Kriegsgericht von Devonport verhandelte gegen den Kapitän eines zur Kriegsflotte gehörenden Fischdampfers, weil er sah, wie ein Unterseeboot einen Schooner beschoß und versenkte, ohne das Unterseeboot anzugreifen und dem Schooner zu helfen. Der Kapitän wurde im Sinne der Anklage für unschuldig, aber der Nachlässigkeit für schuldig befunden und aus dem Dienste entlassen. a

Der Ort Pennsgrove in New⸗Jersey, Amerika, ist nach der gewerkschaftlichen Monatsschrift Life and Labor in der Zeit des Krieges aus einem Dörschen mit 200 Einwohnern zu einem großen Industrieort geworden, in dem 7000 Arbeiter der dort Tag und Nacht arbeitenden Pulverfabrik leben.

Parteinachrichten.

Haussuchungen und Verhaftungen.

In Elberfeld-Barmen unternahmen die Polizeibehörden am Donnerstag eine große Aktion. Haussuchungen an verschiedenen Stellen, u. a. in dem Bureau des Sozialdemokratischen Vereins und der Redaktion der Freien Presse, folgte die Festnahme einiger Vor⸗ standsmitglieder, der Genossin Hille, der Genossen Reichstagsabge⸗ ordneter Haberland, Sauerbrey und Hoffmann. Nach längeren und wiederholten Verhören und Gegenüberstellungen wur⸗ den die auf dem Polizeiamt in Elberfeld Festgehaltenen wieder ent⸗ lassen. Die Verhöre werden, auch mit anderen Genossen, fortgesetzt.

Es handelt sich um eine recht harmlose Sache. Im Kreise Elber⸗ feld⸗Barmen ist den Funktionären der Partei vertraulich einiges Insormationsmaterial übergeben worden, wie das Memorandum der Bezirksleitung Niederrhein, der ArtikelDas Gebot der Stunde und anderes, auch aus bürgerlichen Quellen stammendes. Einige Genossen führten darüber in einer Wirtschaft eine Dis⸗ kussion, welcher ein Offizier in Zivil zuhörte. Auf diesem Wege bekam die Polizei Kenntnis davon. Sie wird inzwischen eingesehen haben, daß zur Nervposität nicht der geringste Anlaß vorliegt.

Ueber den Gesundheitszustand Troelstras wird uns aus Amsterdam geschrieben: Troelstras Gesundbeit bessert sich nach ärztlichem Urteil zwar langsam aber stetig. Die nervöse Erschütterung, die sich u. a. darin äußerte, daß er nicht gehen konnte, weicht allmählich. Sein Zustand erfordert aber noch immer sorg⸗ fältigste Pflege und sehr lange Ruhe. Vermutlich geht er in sechs fache acht Wochen in die Schweiz, um dort vollständige Genesung zu suchen. Kriegswahlen in Fiume.

Bei den am 25. Juli in Fiume stattgefundenen Stadtverord⸗ netenwahlen wurde der Kandidat der sozialdemokratischen Partei, Genosse Dr. S. Mayländer, mit 641 Stimmen zum Stadtrepräsen⸗ tanten gewählt. Durch diese Wahl hat nun das Fiumer Proletariat zum erstenmal einen Vertreter und Anwalt im Stadtrat. Fiume ist die bekannte ungarische Hafenstadt, die natürlich auch von Italien reklamiert wird.

Sozialistische Fortschritte in Portugal.

Auch die wechselvollsten Strömungen in der jungen portugiesi⸗ schen Republik können den Fortschritt des Sozialismus nicht auf⸗ halten. Am 13. Juli fanden die allgemeinen Wahlen statt, bei denen im Wahlkreise Oporto der Genosse Manoel da Silva wieder⸗ und der Genosse Dr. Costa jr. neugewählt wurden. In vielen anderen Wahlkreisen wurde ein starkes Anwachsen der sozialistischen Stim⸗ men konstatiert. 8

Der Sozialismus in Paraguay.

Wie aus der südamerikanischen Republik Paraguay erst jetzt berichtet wird, bildete sich dort eineAzbeiterpartei. Ihr Programm ist ein sozialistisches. Es wurde durch eine Konferenz angenommen, die am 3. Dezember 1914 in Asuncion stattfand.

Vermischtes.

Bei denBarbaren. Wir lesen in der Karlsruher Bad. Presse vom 6. d. Mts.: Am Dienstag fand auf dem hiesigen Friedhof die Beerdigung zweier Franzosen statt, die im Lazarett ihren schweren Verletz ungen erlagen, die sie bei einem Angriff in den Argonnen erhalten hatten. Zugegen waren u. a. auch viele Franzosen, welche ihren

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beiden Kameraden das Geleit zum Grabe geben durften. Schon in der Leichenhalle nahmen sie mit stummer Freude von der schönen bekränzten Aufbahrung Notiz und hörten mit großer, Andacht auf die liebevollen anerkennenden Worte des nach der Einsegnung. Eine größere Abordnung von den Grena⸗ dieren unter dem Kommando eines Jeldwebels, nebst den Spiel⸗ leuten einer Kompagnie, den Tambour an der Spitze, empfing

unter präsentiertem Gewehr und mit Trommelwirbel die beiden Toten vor dem Haupteingang der Kapelle. Unter den Klängen des Trauermarsches wurden die gefallenen Franzosen 0 tragen. Am Ziele angelangt, wurden bie Särge mach vollzogener

militärischer Aufstellung langsam versenkt. Als das letzte Gebet

gesprochen war, trat der den französischen Verwundeten zugeteilte Sanitäts⸗ Unteroffizier und Aufseher an ihr Grab und richtet, in beiden Sprachen Satz für Satz, an seine dahingeschiedenen Pflegß⸗

linge folgende Worte: 5 N 1 Brugiere und Soldat Glͤonec! 5 vor Eurem Grabe, Euere französischen Kameraden in Trauer, wir Deutsche in stiller Ehrfurcht. In treuer 8 erfüllung und in gutem Glauben und Vertrauen auf Obrigkeit habt Ihr gekämpft, gelitten und seid fern von Eurer

großer

Iflicht⸗

Heimat als tapfere Soldaten Euern schweren Verletzungen er⸗ 0 Wir Deutsche verstehen dies voll und ganz zu würdigen,

legen. und ohne feindlichen Groll im Herzen reichen wir Euch am Grabe die Hand. Gott gebe Euern Angehörigen Trost und Euch fried⸗ liche Ruhe in deutscher Erde! 5 1 Ein Kommando ertönte, Salvenfeuer krachte, und die letzte militärische Ehrung ward abgegeben. Tief ergriffen warfen die trauernden Franzosen ihren verstorbenen Kameraden die ersten Schollen in das Grab, und dankbare Blicke tauschten sie

ritterlichen deutschen Soldaten. Unter Führung besahen sich die

Franzosen dann noch die übrigen Soldaten-Gräber des Friedhofes,

in denen deutsche und französische Krieger friedlich nebeneinander gebettet sind. Schweigend entfernten sie sich alsdann, an den Gräbern der bei dem tückischen Fliegerüberfall am 15. Juni Ge⸗ töteten vorbei, nach dem bereitstehenden verschlossenen Auto, das sie in ihr Lazarett zurück zu ihren Kameraden verbrachte, als Zeugen

deutscher Sitte. Vom Blitz getroffen.

Der Berl. Lok.⸗Anz. meldet: Am Sachsendamm in Schöneberg

wurden zwei Eisenbahnarbeiter auf dem Nachhauseweg vom Blitz getroffen. Einer war sofort tot, der andere wurde verletzt und nach der Unfallstation gebracht.

Zwang.

So manche Grenze hat der Krieg verwischt, so manche Schranke hat er fallen lassen, deren Existenz man früher für wesentlich und wichtig hielt. Dazu gehört auch der militärische Zwang und Drill. Die sleife Förmlichkeit, der stramme Zwang bis in die Kleinigkeiten des militärischen Lebens, sie sind zu einem ganz erheb⸗ lichen Teile draußen geschwunden. An ihre Stellen ist ein neues Gefühl getreten. das Bewußtsein, daß es sich um ein großes Ziel handelt und daß diesem Ziele entgegenzuwirken die allgemeine Pflicht aller Krieger ist, vorgesetzter wie untergeordneter, und gegen⸗ über diefer Pflicht verblassen so manche kleinliche Pflichten des mili⸗ tärischen Alltagslebens.

Das zeigt uns einmal wieder, daß es gewiß einen Zwang geben muß, daß dieser Zwang aber auch seine Grenzen hat. ist nur insoweit berechtigt, als er für die Erreichung des Zleles nötig

ist. Als freies Glied eines Ganzen hat sich jeder zu fühlen. Nur

dann kann ein Ziel erreicht werden, wenn all die einzelnen sich

ohne kleinliche Belästigung mit voller Freudigkeit ganz auf ihre große Sache werfen können. Das haben wir stets gesagt, aber man verstand uns nicht. Jetzt vermindert der Krieg von selbst in hohem

Maße all die kleinen Belästigungen, den falschen Zwang, den Drill und nichts hat man mehr im Auge als Erreichen eines großen Zieles. So muß es natürlich auch im Friedensleben sein. Auch da hat ein jeder ein Kämpfer zu sein für eine hohe Idee und als solcher muß er frei sein von unnatürlichen Beschränkungen und Bevormun⸗ dungen. Als freier Mensch hat ein jeder seine ganze Kraft für das Ganze einzusetzen und dessen weitere Entwicklung. Heute ist das aber noch nicht möglich. Unser heutiges Zusammenleben ist auf einer anderen Grundlage aufgebaut. Es fehlt zu sehr die persönliche Freiheit jedes einzelnen und die freie Entfaltung jedes einzelnen für eine große Einheit. Und darum eben ersehen wir ja auch die neue sozialistische Welt, in der ein jeder ohne jedweden unnatürlichen Zwang sein ganzes Ich freudig hingeben kann für das Ganze. Der Zwang besteht dann allein in der notwendigen Hingabe der natür⸗ lichen Kräfte und Fähigkeiten und solchen Zwang fühlen wir als Freiheit, da solch ein Wirken der natürliche Ausfluß unserer Veranlassung ist. Freiheit aber und sie allein ist das Glück. Und darum bringt uns ein reines, lauteres, edles Glück, ein schönes Ar⸗ beits⸗ und Lebensglück allein die Zukunft, unsere Zukunft. g

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Diethelm von Buchenberg.

Erzählung von Bertold Auerbach. 45 8

In der Post lebte Fränz mit ihrer Mutter still und ein sam. Frühmorgens gingen sie täglich nach der Kirche, wo die Mutter immer so zerknirscht betete, dann ging es jedes mal hinaus nach dem Gefängnis, um von dem alten Kübler zu erfahren, wie sich der Vater befinde; er gab in der Regel einförmig guten Bescheid, nahm bisweilen auch Geschenke an, ließ sich aber nicht herbei, Diethelm irgendeine Nachricht zu bringen, und so waren Mutter und Tochter von ihm wie durch Meere geschieden. Von dem einzigen Ausgang abge sehen, lebten sie selber wie in Gefangenschaft, die Mutter saß in der Mitte der Stube und spann, obgleich sie immer klagte, daß ihre Spinnfinger wie abgestorben seien. Sie hatte nicht Lust, bei der Arbeit manchmal hinauszusehen nach den Vor übergehenden, sie kannte niemand und wollte niemand kennen, und oft, wenn sie eine volle Spindel abstellte, klagte sie über die schöne Aussteuer der Fränz und über die Tausende von selbstgesponnenen Spindeln, die da mit verbrannt seien. Fränz saß am Fenster und stickte für den Vater sehr bunte Pantoffeln, sie hatte das in der Hauptstadt trefflich gelernt; oft schaute sie aber auch hinaus auf die Straße und machte allerlei Bemerkungen über die Vorübergehenden. Die Mutter verwies ihr das immer mit steter Wiederholung:Wir haben gar nichts zu spötteln über andere Menschen, wir müssen froh sein, wenn man nicht mit Fingern auf uns weist. Nun verschwieg Fränz meistens ihre Bemerkungen, sie hatte, wie sie glaubte, die unsäglichste Geduld mit ihrer Mutter, die gar keine Zerstreuung wollte und so gewiß das Tischgebet jedes⸗ mal, wenn man sich zum Essen setzte, sagte:Ach Gott, jetzt muß der Vater allein essen, ich weiß, daß ihm kein Essen schmeckt, er hat nie was allein essen mögen, ohne dabei zu reden, und wenn er heimkommen ist und ich ihm Essen hin⸗ gestellt hab', hab' ich mich immer zu ihm setzen müssen, und

beim Tisch hab' ich nie aufstehen dürfen, und wenn was ge fehlt hat, hat er immer gesagt: Lieber kein Salz auf dem Tisch, als daß du mir fehlst. Ach Gott! Wir haben doch so gut miteinander gelebt, und wenn's auch manchmal ein bißle uneben'gangen ist, es gibt doch kein' bessere Ehe auf der Welt, und alle Adern hätt' sich eins fürs andere aufschneiden lassen. Fränz hörte das immer geduldig an und ermahnte nur die Mutter, das Essen nicht kalt werden zu lassen.

Fränz trauerte auch aufrichtig um das Schicksal des Vaters, aber sie konnte diese immerwährende Trauer nicht aushalten und sehnte sich nach Zerstreuung. Sie wollte von keinem Zweifel mehr wissen, daß dem Vater etwas geschehen könne, und sprach oft davon, daß sie gar nicht mehr in das Dorf zurückkehren wollten; wenn der Vater frei sei, müsse er mit ihnen in der Stadt bleiben. Martha wollte nichts davon hören, und Fränz suchte ihr alle Schauer zu erregen, die man erleben müsse, wenn man in einem Hause wohne, wo früher ein Mensch verbrannt sei.

Wo nur der Paßauf hin ist? fragte Martha ablenkend.

Fränz erwiderte:Ihr könnt Euch darauf verlassen, der ist mit dem alten Schäferle, wie er zum Verhör in der Stadt gewesen ist.

Hast du den Munde in der Hauptstadt nicht gesehen? fragte die Mutter wieder.

Freilich, erzählte Fränz,er ist, wenn er nicht auf die Wacht gemußt hat, jeden Tag und jeden Tag in den Rauten⸗ kranz kommen, er tut noch immer so narret mit mir.

Martha erzählte nun, daß der Vater ihr den Munde zum Manne bestimmt habe, aber Fränz wehrte sich dagegen, daß sie dasOpferlamm sein solle; wenn sie einen Mann nehme, so nehme sie ihn für sich und für niemand anders. Sie ließ sich nicht dazu herbei, zu erklären, was sie mit dem Opfer⸗ lamm gemeint habe, sie behauptete, das sei nur Redensart, in ihr aber erwachte wieder der Gedanke, den sie auf der ganzen Herreise gehabt, daß ihr Vater doch schuldig sei und daß es nur gelte, sich hinauszureden. An jenem letzten Tage

in der Stadt hatte die Eröffnung Mundes, obgleich er sie so

klug zu verhüllen trachtete, einen gewaltigen Eindruck auf Fränz gemacht. Sie kannte durch ihre öftere Begleitung die Verhältnisse des Vaters besser als irgend jemand, sie wußte, daß er tief in Verlegenheit steckte, auch klagte ihr der Vater

öfters; sie gedachte während der Fahrt jenes Augenblicks, da 1

der Vater auf dem Markte niedergefallen war, als ihm der Kaufmann Gäbler sagte, daß er mit der Feuerschau käme; sie hatte den Vater dann auf der Kalten Herberge beobachtet, wie er mehrmals die Farbe wechselte und dann wie besessen davonjagte, und jetzt war es ihr deutlich, warum der Vater so klagend davon sprach, daß er Armut nicht überleben würde, als die Deichsel gebrochen war; und als der Vater sie zum letzten Male in der Hauptstadt besucht, war er wieder voll Jammer und Klage gewesen. Darum glaubte Fränz schon auf dem Wege an die Schuld des Vaters, und als sie nach⸗ träglich erfuhr, daß er ihr den Munde zum Manne bestimmt hatte, kam kein Zweifel mehr auf. An einen vom Vater be gangenen Mord dachte sie nicht, wohl aber, daß er mit Medar gemeinsam Feuer angelegt und daß Medard dabei verunglü war. 7 Von allen Menschen auf Erden hatte Diethelms einziges Kind allein eine gegründete Ueberzeugung von dessen Schuld und erklärte sich ihren Zusammenhang, und Fränz allein war als durchaus unbeteiligt nie verhört worden. 5 Auf jener Tag und Nacht währenden Heimafhrt war ein große Wandlung mit Fränz vorgegangen; sie sah sich scho verstoßen und verhöhnt von aller Welt und war tief trau und voll Demut gegen jedermann und empfing darum ü all eine Behandlung voll Teilnahme und Rücksicht, die wieder mild stimmte. Als sie die Mutter sah, warf sie ihr mit Inbrunst entgegen; das war das einzige Serz der Welt, das sie nicht von sich stieß, und die in Letz Rechthaberei verhüllte Kindesliebe brach gleichzeitig mit demütigen Milde gegen alle Menschen auf, zwei Lilien g in einer Wetternacht aufgebrochen. 8

(Fortsetzung hola)

Garnifon⸗Geistlichen

zu Grabe ge⸗

Hier stehen wirs

Eure

mit den

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Der Zwang

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