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Die russische Nückzugslinie bedroht!
T. U. Rotterdam, 6. Aug. Mit großer Beklemmung ver⸗ folgen eingeweihte Pariser Kreise die Vorgänge in Polen. Man hat Nachrichten erhalten, daß die Rückzugslinie der Russen Brest⸗Litowsk bedroht ist und Mackensen dieser Festung schon näher wäre als die Warschauer Truppen der Russen. Man befürchtet die völlige Abschneidung der russischen Truppen bei ihrem Rückzug.
Der Eindruck in Italien und Frankreich.
Die Meldung von der bevorstehenden Räumung Warschaus durch die Russen hat in Italien große Bestürzung hervorgerufen. Die Sonderausgaben der Zeitungen wurden in den Straßen von der Polizei beschlagnahmt und den Leuten aus der Hand gerissen. Die Blätter bemerken dazu, es sei bedauerlich, daß die italienischen Behörden die Be— völkerung für unmündiger betrachten als der Zar seine Unter— tanen.
In der Pariser Presse macht sich große Niedergeschlagen⸗ heit geltend. Die radikale Richtung hält den Krieg für ver⸗ loren, während die reaktionären Blätter ihre Leser mit ge— heimnisvollen Andeutungen über eine baldige überraschende Wendung der Kriegsunternehmungen zu trösten suchen.
Die gefürchtete Kavallerie.
Paris, 6. August. In Erörterung der Kriegslage l erklärt der Gaulois, man müsse der zahlreichen Kavallerie der Armee Below eine besondere Beachtung schenken. Das Blatt glaubt, daß diese Kavallerie in der Absicht zusammengezogen wurde, um einen Streifzug auf die Verbindungslinie der russi⸗ schen Armee in Polen mit dem Innern Rußlands zu unternehmen, besonders die Linien nach Petersburg und Moskau. Diese Opera⸗ tion könne augenscheinlich beträchtlich der Vexproviantierung des russischen Heeres schaden, die Zufuhr von Munition sehr er⸗ schweren. Das Blatt hofft, daß das russische Oberkommando die nötigen Vorsichtsmaßregeln getroffen hat, um dieser drohenden Gefahr rechtzeitig zu begegnen.
Sperrung des Hafens von Archangelsk!
T. U. Genf, 6. August. Wie die Genfer Tribune meldet, wurde der Hafen von Archangelsk gesperrt und zwar infolge des Auf⸗ tauchens feindlicher Unterseeboote. Die Munitionstransporte nach Archangelsk sind demnach vorerst eingestellt.
Die Cholera in Rußland.
T. U. Wien, 6. Aug. Das 8 Uhr⸗Blatt meldet aus Bukarest: Der Generaldirektor des rumänischen Sanitäts⸗ dienstes wurde vom rumänischen Konsul in Odessa amtlich verständigt, daß die Cholera in der Umgebung von Odessa furchtbar wüte und zahlreiche Opfer fordere. Rumänien traf weitgehende Vorbeugungsmaßregeln für Reisende und Güter, die aus der betreffenden Gegend kommen.
Griechische Protestnote an England.
T. U. Wien, 6. August. Die Athener Zeitung Embros meldet: Fasel die englische Note an Griechenland, wegen Besetzung der Insel Mytilene ist eine Protestnote Griechenlands an das Lon⸗ doner Kabinett abgegangen.
Amerikanische Stimmungen.
Aus Newyork meldet man dem Petit Parisien, daß die Erbitterung der Gesellschaft der Friedensfreunde gegen Staatssekretär Lansing und die Regierung aufs höchste ge⸗ stiegen ist. In Flugschriften, die zu Millionen verbreitet werden, wird die Regierung angeklagt, sich mit den Millio⸗ nären verschworen zu haben, um das Land, entgegen den amerikanischen Interessen, in den europäischen Krieg zu stürzen. Gestern tagte auf der Ausstellung in St. Francisco die National⸗Allianz der Deutsch⸗Amerikaner, welche gegen die Regierung Stellung nehmen wird.
Kriegs notizen.
Vor kurzem gab in Straßburg die Erscheinung eines schwarzen Rekruten, der einem Pionierbataillon zur Au bildung überwiesen war, Veranlassung zu lebhaftem Aufsehen. war, wie die Straßburger Post schreibt, ein aus Deutsch⸗Südwe afrika stammender Eingeborener, der sich in Westfalen freiwilliges meldet hatte und nach Straßburg überwiesen wurde. Inzwischen
im Osten
ist der Mann nun allerdings wieder von der Truppe entrassen worden, da man an höherer Stelle nicht wünschte, daß ein Neger in den Reihen deutscher Vaterlandsverteidiger stehe.
Der stellvertretende kommandierende General des 7. Armeekorps (Münster i. W.) verbietet die Teilnahme an Zusammenkünften, in denen die Tätigkeit eines Vereins fortgesetzt wird, der von der zu⸗ ständigen Polizeibehörde aufgelöst worden ist. Wer gegen die Ver⸗ fügung verstößt, riskiert ein Jahr Gefängnis. Bisher ist von aufgelösten Vereinen im Bereich des 7. Armeekorps nichts bekannt geworden.
Eine brave Tat hat ein französischer Kriegsgefan⸗ gener ausgeführt, der auf dem Gut Rothof bei Würzburg als landwirtschaftlicher Arbeiter beschäftigt ist. Dort fiel das 3 jährige Söhnchen des Schweizers Hötzel in den Brunnen. Der Franzose kletterte am Brunnenrohr hinab und hielt den Knaben so lange über Wasser, bis weitere Hilfe herbeikam.
Zwei Briefboten, die schon über neun bezw. zwölf Jahre im Dienste stehen, wurden von der Strafkammer in Mainz wegen Diebstahls von Feldpostpaketen zu einem Jahr zwei Mo⸗ naten und zehn Monaten Gefängnis verurteilt.
Das Kriegsgericht in Venedig sprach den Kaufmann An⸗ gelo Pincherle aus Görz von der üblichen Anklage frei, dem Feinde Lichtsignale gegeben zu haben. Zu Grunde lag dem Prozesse nur die Beobachtung einer Petroleumlampe in Pincherles Wohnung am Lido. Der Staatsanwalt hatte Todes⸗ strafe beantragt.
Nach Blättermeldungen verhaftete die Polizei in Pontoise einen Arbeiter, weil dieser erklärt hatte, das französische Heer hätte viel Mißerfolge erlitten. Der Arbeiter wird wegen Verbreitung von Alarmgerüchten vor ein Kriegsgericht gestellt.
Bei der Explosion in der Waffenfabrik von Ardeer in Glasgow wurden im ganzen 39 Menschen verletzt; zwei sind inzwischen ge⸗ storben. Durch die Explosion wurde großer Sachschaden angerichtet, aber der Betrieb konnte aufrechterhalten werden. Die Ursache des Brandes und der nachfolgenden Explosion ist unbekannt. Eine Unter⸗ suchung ist im Gange.
Laut Rjetsch ordnete der russische Generalstab an, daß zur Ar⸗ beit in den Bergwerken und Kohlengruben ausschließlich slawische und rumänische Kriegsgefangene zu ver⸗ wenden seien, während deutsche und österreichische Gefangene haupt⸗ sächlich bei Eisenbahnbauten weit von den wichtigen Bahnlinien und bei privaten weniger wichtigen Industrieunternehmungen zu beschäf⸗ tigen seien.
Alle Blätter im jüdischen Jargon sind jetzt in Rußland verboten.
Parteinachrichten.
Die rheinischen Bergarbeiter zur Haltung der Partei.
Die Bergarbeiterzeitung weist auf Erklärungen und Andeutun⸗ gen in der Tagespresse hin, durch die der Eindruck erweckt werden soll, als ob der niederrheinische Industriebezirk betreffend die Be⸗ willigung der Kriegskredite anders gesonnen sei, als die große Mehrheit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Gewisse „niederrheinische Kräfte“, deren nähere Kennzeichnung sich das Berg⸗ arbeiterblatt bis nach dem Kriege vorbehält, haben sich seit Monaten große Mühe gegeben, in Mitgliedschaften des Bergarbeiterverbaudes den Geist der Sobelsohn und Konsorten hineinzutragen. Die Berg⸗ arbeiterzeitung bemerkt dazu:
.„In zahlreichen Mitgliederbesprechungen und Versammlungen wie auch in den Bezirkskonferenzen der in Betracht kommenden niederrheinischen Kreise(Mörs⸗Rees, Duisburg⸗Oberhausen, Essen) haben sich unsere Vorstandsmitglieder, Redaktion und Bezirksleitun⸗ gen notgedrungen mit den Mitgliedschaften über die bekannten Streitfragen ausgesprochen. Dabei stellte sich heraus, daß nur ver⸗ hältnismäßig sehr wenige Verbandskameraden den von unserer Ver⸗ bandszeitung vertretenen Standpunkt nicht teilen bezw. nicht teilten. denn von diesen Kameraden haben sich die meisten wach gründlicher Aussprache von der Irrkümlichkeit ihrer Meinung überzeugt. Die es noch nicht getan haben, sind jedoch keineswegs Anhänger der Sobelsohnschen Abenteurerpolitik. In keiner einzigen unserer Mitgliederbesprechungen oder Versammlungen, in keiner Bezirks⸗ konferenz hat sich auch nur eine des Redens werte Freundschaft für die„wilden“ oder die„gemäßigten“ Quertreiber und Sonderbündler herausgestellt! Für die Sobelsöhne erhob sich auch nicht eine einzige Stimme! Es haben drei Bezirkskonferenzen speziell für die niederrheinischen Kreise stattgefunden, die dritte noch vor wenig Wochen. In allen Bezirkskonferenzen stellten sich die Ver⸗ trauensleute der örtlichen Mitgliedschaften, durchweg aktive Bergar⸗ beiter, ohne Ausnahme auf den Standpunkt der Verbandsleitung, die alle Sonderbündelei und Abenteurerpolitik scharf zurückweist! Nun muß man beachten: die weitaus größte Zahl(über drei Viertel) der freigewerkschaftlich organisierten Arbeiter im großindustriellen niederrheinischen Bezirk gehört dem Bergarbeiterverband an, aus den Kreisen der fveigewerkschaftlich organisierten Arbeiter rekrutiert sich auch die ausschlaggebende Masse der sozialdemokratischen Partei⸗
fs ö auch t der Extra⸗ Mass Niederrhein“ sympathisierten auch nur mit ckre 5 icht zu helfen. Gerade die geschultesten eren 175 mae dend e en e gendwann, dann in kritischen Zeuen wie zen“ norwen i ie strengste Disziplin der„Größen“ not g ist. 205 110 n der Betrachtungsweise organisierter, sich 5 ihrer Pflicht gegen die Organisation bewußter Arbeiter.
Die Kontrollkommission zu den Stuttgarter Differenzen. 5
Die Kontrollkommission, die in voriger Woche 1179 1 bis Donnerstag wegen des württembergischen Partei E gd Stuttgart tagte, ist zu dem Beschluß gekommen, die 199 1 über die Beschwerde der Parteileitung des alten Sozia 10 10 schen Vereins Stuttgart und des Kreisvorstandes des 15 11 tembergischen Reichstagswahlkreises gegen den Par 77 10 0 vorläufig auszusetzen. Und zwar soll der e e 1 0 0 Einleitung neuer Verhandlungen zwischen den streitenden 2 teien ersucht werden. 12
Jaurés⸗Gedenkfeiern unter eee in der e
In der Schweiz sind eine Reihe Gedenkfeiern zum Jahres as der Ermordung Jean Jaures abgehalten worden. 1 das Züricher Volksrecht mitteilt, seien die Veranstaltungen, in 1 0 Genosse Grumbach-Bern und die Genossin wan referierten, polizeilich überwacht worden. Grumbach habe in Base gesprochen. Vor der Versammlung sei Polizelinspektor Müller zu 05 ge⸗ kommen und habe ihn aufgefordert, sich jeder Polemik gegen 4 Deutschland zu enthalten. Die Versammlung werde von 0 5 Polizeibeamten in Zivil überwacht, der sich Notizen machen 1 50 An die Genossin Balabanoff, die in Rorschach referierte, habe die Polizei das Ersuchen gerichtet, nicht über die schweizerische Neu⸗ tralität zu sprechen. Die Versammlung sei auch hier polizeilich überwacht worden.— Natürlich protestiert das Züricher Volks⸗ recht gegen das Vorgehen der Polizei.
Schweizerischer Protest gegen die Verhaftung der Genossin Zetkin.
Der Zentralvorstand des Schweizerischen Arbeiterinnenver⸗ bandes erläßt im Züricher Volksrecht vom 3. August einen Protestaufruf gegen die Verhaftung der Gen. Zetkin. Die in der Schweiz lebenden Genossinnen werden aufgefordert, in sofort ein⸗ zuberufenden Versammlungen zu protestieren. Genossin Zetkin solle sehen, daß die sozialistischen Frauen mit ihr seien. Es
brauchten keine langen Resolutionen angenommen zu werden. es genüge, wenn gesagt werde: Clara Zetkin, wir danken dir. Dem Sozialismus treu für immer!
Kameradschaft. 5 ö
Als eine Pflicht wird jedem Soldaten bei seinem Eintritt in das Heer treue Kameradschaft ans Herz gelegt. Das gilt besonders für die setzige Kriegszeit und auch gerade in der jetzigen Kriegszeit ö zeigt sich die Kameradschaft von ihrer interessantesten Seite. Dn ideellen Wert der Kameradschaft erwartet nahe war im Frieden wie 9 im Kriege im gleichen Maße. Die Soldaten ollen sich als Glieder 9
eines Ganzen fühlen, als gleichberechtigte und gleichverpflichtete Teile einer großen Gemeinschaft. Aber jetzt im Kriege kann mam so besonders deutlich einen Einfluß dieses kameradschaftlichen Geistes auch auf das praktische Leben erkennen. Gerade jetzt können unsere Soldaten nicht nur kameradschaftlich fühlen, sondern auch in be⸗ deutend weiteren und interessanterem Umfange als im Frieden
kameradschaftlich handeln.
Das vermögen wir schon zu erkennen, wenn wir einmal auf Bahnhöfen oder dergleichen das Leben unserer aus rückenden Sol⸗ daten beobachten, die in langen Eisenbahnzügen als frischer Ersatz hinausgeführt werden ins Feld. Aus dem Tun und Treiben spricht da zu uns ein den meisten ganz neuer kameradschaftlicher Geist des
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praktischen Lebens. Da ist der eine darauf bedacht, daß der andere seinen Vorrat an Brennstoff nicht unnütz vergeudet oder dergleichen, 4 weil andere Zeiten kommen können, da wird überlegt und gewirt⸗ 10 schaftet, daß das Ganze mit den vorhandenen Beständen z. B. an Licht möglichst lange auskommt. Zu einer rationellen Ge⸗ meinschaft ist hier die Kameradschaft geworden. Und da ein Verstoß gegen dieses Tun und Treiben unkameradschaftlich sein würde, so ist die rationelle Gemeinwirtschaft hier geworden zur sittlichen Pflicht. 9
Zeigt uns solch ein Blick ins kameradschaftliche Leben unserern Krieger nicht, daß Sittlichkeit und Wirtschaftlichkeit nicht nur zu⸗ sammen möglich sind, sondern daß ihr Zusammenhang, die Einheit von Sittlichkeit und Wirtschaftlichkeit, sogar nötig ist? Darum ist unser wirtschaftliches Ziel nicht nur ein Ergebnis nüchternen Denkens, sondern das Gefühl der Einheit mit dem Ganzen ist cs, das uns zu einem rationellen Wirtschaftsleben zwingt. Wie jene Krieger sich in ihrem militärischen Verbande als gleiche Gliedern fühlen, so fühlen wir uns als Glieder einer großen Welt. darum ist uns die rationelle Wirtschaft im ganzen Menschheitslebe sittliche Menschenpflicht.
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Diethelm von Buchenberg.
Erzählung von Bertold Auerbach. 43 XX.
Diethelm hatte dem jungen Kübler gesagt, er möge den Vetter Waldhornwirt nach der Stadt entbieten, damit er die Pferde hole. Das konnte offenbar nichts als ein versteckter Auftrag sein, der eigentlich hieß: mach', daß ich den Vetter so bald als möglich hier habe und spreche. Mit fröhlicher Eilfertigkeit— denn es liegt im Silfebringen für einen Leidenden oft eine Fröhlichkeit— eilte der junge Kübler selbst nach Buchenberg, und unterwegs lächelte er oft vor sich hin, indem er überdachte, wie klug er doch sei, daß er solch vee— mummte Gedanken erkenne, und wie ihn Diethelm darob loben müsse. Natürlich vergaß er dabei nicht, wie vielen Dank ihm dadurch Diethelm schuldig werde, und das war ein Kapital, das gute Zinsen trägt. In Buchenberg war schon alles zur Ruhe gegangen; nur bei der Brandstätte, von der noch immer ein zum Ersticken übelriechender Rauch aufstieg, wandelten einige Wachthabende hin und her. Der Vetter Waldhornwirt mußte aus dem Schlafe geweckt werden, und unter Verwünschungen machte er sich endlich bereit, mit Kübler nach der Stadt zu fahren. Erst draußen vor dem Dorfe hängten sie dem Pferde das Rollengeschirr um und fuhren dann mühsam und verdrossen nach der Stadt, wo sie erst gegen Morgen ankamen.
Der junge Kübler zog seinem Vater die Gefängnis⸗ schlüssel unter dem Kopfkissen weg, führte den Waldhornwirt die Treppe hinauf, öffnete die Zelle Diethelms, und jetzt standen beide vor dem grimmig Fluchenden, der sie nicht als⸗ bald erkannte. Als sie sich zu erkennen gaben und Kübler triumphierend berichtete, daß er nach den Andeutungen Diet— helms den Vetter geholt habe, rieb sich Diethelm mehrmals die Stirn und fuhr dann zornig auf:„Verfluchtes, blitz⸗ dummes Getue! Kübler, was habt Ihr gemacht? Ihr bringt mich nur in neue Ungelegenheit. Ich bin freigesprochen, alles liegt sonnenklar am Tag, und jetzt, wenn's herauskommt, und
es kommt gewiß heraus, daß Ihr meinen Vetter zu mir ge—
Verdacht auf mich werfen, und es geht neu ans Protokollieren, und ich kann noch Tage und Wochen da hocken müssen, und Euer Vater kann seinen Dienst verlieren. Aber mich geht's nichts an, und wenn's darauf ankommt, ich kann's nicht anders machen, ich kann's beschwören, und ich tu's, daß ich Euch das nicht angelernt und nichts davon gewollt hab'.“
Der junge Kübler stand wie vom Blitze getroffen, er hatte mit Klugheit Dank und Lohn zu erwerben geglaubt und mußte sich nun ausschelten lassen und fast noch bitten, daß man ihn nicht verrate. a
Diethelm rieb sich vergnügt die Hände. Er war stolz auf sich, mitten aus dem Schlafe geweckt, hatte er seine Besinnung behalten und gegen zwei Menschen, deren er bedurfte, sich so gestellt, daß sie ihm dienen mußten, ohne ihn dafür irgendwie in der Hand zu haben. Es durfte niemand geben, der nicht an seine Unschuld glaubte oder gar Grund und Beweis gegen ihn habe; dürfte das sein, so wäre ja alles mit Medard um⸗ sonst.... Einlenkend reichte er nun dem Vetter die Hand und sagte:„Tut mir leid, daß du dir so viel unnötigen Brast machst, und Ihr habt's auch gut gemeint, Kübler, das weiß ich wohl, und ich bin auch erkenntlich dafür, wenn ich's auch nicht brauch'. Ich mein, Vetter, es wär' am besten, wir reden gar nichts, ich hab' dir ja nichts zu sagen und du kannst ruhig vor Gericht auslegen, was du weißt.“
Der junge Kübler beteuerte wiederholt seine Wohl—⸗ meinendheit und der Vetter sagte:„Ja, ich kann mich mit Teufels Gewalt aber nicht mehr besinnen, was Ihr zu dem Buben gesagt habt.“
„Kann mir's denken,“ lachte Diethelm,„wenn du von deinem Uhlbacher Ferndigen trinkst, vergißt du leicht, daß du Frau und Kinder daheim hast, geschweige was anderes, und dann hast du noch Kirschengeist darauf gesetzt, das tut nie gut. Laß mir aber von deinem Uhlbacher noch was übrig. bis ich heimkomm', und da der Kübler muß in Buchenberg Hochzeit machen, ich zahl' alles, und da trinken wir das Faß voll aus. Ja, was hab' ich sagen wollen? Ich hab's ganz vergessen.“
„Von wegen dem Buben,“ bedeutete der Vetter. 5
„Richtig,“ nahm Diethelm unbefangen auf,„besinn' dich nur, du mußt noch wissen, daß ich dem Buben deutlich gesagt hab', der alt' Schäferle soll zu seinem Medard'naufgehen, er müss' daheimbleiben und leide an seinem Beinbruch.“
„Vom Beinbruch, ja, da erinner' ich mich, das hab' ich deutlich gehört, guck, da fällt mir jetzt ein, das ist das Wahr⸗ zeichen,“ frohlockte der Vetter und rieb sich immer die linke Seite der Stirn, als weckte er ein Organ der Erinnerung.
Diethelm lächelte in sich hinein, daß der Vetter gerade dessen sich erinnerte, was er erst vor Gericht zu seinem eigenen Schrecken noch hinzugesetzt; er fuhr aber leichthin fort:„Dann wirst du dich an alles andere erinnern und daß ich mein! Fränz' hab' holen wollen, damit mein' Frau nicht so allein ist, wenn ihre Stieftochter stirbt; aber ich brauch' dir ja nichts zu sagen, das weißt du alles allein und sag' du's nur frei.“
So fuhr Diethelm fort und wußte nach und nach in der harmlosesten Weise dem Trompeter sein Stücklein auf Noten zu setzen, daß es eine Art hatte.
Der junge Kübler drängte zur Trennung, da es Tag zu werden begann. Diethelm reichte beiden wohlgemut die Hand, und der Vetter entschuldigte sich noch, daß er sich nicht gleich auf alles besonnen habe; der Schrecken beim Brand habe ihm alles weggescheucht, aber jetzt wisse er jedes Wort. Diethelm sah dem Vetter scharf ins Gesicht, um zu erkunden, ob ihn der ausgefeimte Schelm nicht verhöhne, aber der Vetten sah in der Tat mitleidig und treuherzig drein. Als die beiden 0 fort waren, streckte Diethelm die Zunge hinter ihnen heraus und sprach dann in sich hinein:„Neun Zehntel der Menschen 1 sind nichts als Hunde und Papageien, sie reden und tun, wie man sie's anlernt, und schwören dann Stein und Bein, daß das aus ihnen selber käm'. Alle, die oben dran sind und üben andere herrschen, verstehen nur die Kunst, die Menschen 1 glauben zu machen, was ihnen gut dünkt, und je mehr das 1 einer vermag, um so größer ist er und führt die Welt am 0
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Narrenseil herum.“ 0 (JFortsetzung folgt.).
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