Ausgabe 
7.8.1915
 
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Oberhessi

Organ für die

zeitung

Interessen des werktätigen Volkes

der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 183

Gießen, Samstag, den 7. August 1915

10. Jahrgang.

Vom

Warschaus Eroberung.

Die Eroberung und Besetzung Warschaus ist niemand mehr überraschend gekommen. Sie ist 7 ein plötzliches Ereignis, das uns Herz und Kopf stürmisch gefangen nimmt, wie etwa vor einem Jahr der Handstreich 1 8 züttich, sondern sie ist von allen Polit: kern der Welt im voraus, fast möchte man sagen, auf den Tag, in die Rechnung eingestellt worden. Schon vorgestern hat der bekannte kühn urteilende Militär sachverständige des Berner Bund, Stegemann, auf die sichere und unausbleibliche Eroberung Warschaus in seinem Blatte hingewiesen und die große strategische Bedeutung dieses Er eignisses gewürdigt. Er hob mit Recht hervor, daß nunmehr nach der Eroberung, don Warschau die deutsche Front im Osten von Riga bis zur Zlota⸗Lipa im Süden eine gerade Linie bildet, was von höchster militärischer Bedeutung sei. Außer- dem sei es natürlich ein leichtes, die Weichselfestungen nach ihrer Räumung durch die Russen umzubauen und ihre Front nach Osten zu kehren. Selbst wenn man an nehmen soll, daß die Verbündeten nicht über diese angegebene Linie hinaus den Feind zu verfolgen gedächten, erreichten sie etwas, was sie niemals besaßen, nämlich eine gesicherte weit auf feindliches Gebiet vorgeschobene Militärgrenze, die sie mit bedeutend verringerten Kräften halten könnten und hinter welcher sie die Industriezentren Libau, Warschau, Lodz und die weiten Ackerflächen Kurlands und Polens aus nützen könnten. Selbst der rücksichtslofesten russischen⸗ Wüstungsstrategie könne es nicht gelingen, dem Boden seine Fruchtbarkeit zu rauben und die Fabriken zu vernichten. Der Verlust der letzteren sei aber für Rußland zweifellos schlimmer als die Aufgabe des Bodens. Der strategische Rück⸗ zug müsse die Russen hinter Brest⸗Litowsk führen, wo sie mit Verlust von noch ungezählten Streitern und Ge schützen anlangen würden. Daß ihre Offensivkraft auf viele Monate, wenn nicht für immer, gebrochen sei, lasse sich kaum noch bezweifeln. e

Der militärische Erfolg wird sich nicht Weiler, als in diesen Worten geschieht, darstellen lassen. Daß damit die deutsche Offensive im Osten zum Stillstand kommen werde und demnächst für die militärische Gesamtlage Deutschlands und Oesterreich⸗Ungarns eine große Entlastung eintritt, wird auch von der französischen Presse natürlich in einem ganz anderen Sinne erwartet und befürchtet. Die Pariser Presse hat schon in den letzten Tagen darauf aufmerksam gemacht, daß der Fall von Warschau eine deutsche Offensive in Frank reich erwarten lasse. Dies wäre wohl die nächstliegende strategische Folge des Falles der großen Weichselfestung. Wie weit diese Vermutung zutrifft, läßt sich natürlich nicht sagen. Hier hat der deutsche Generalstab die Entscheidung.

Es handelt sich aber bei der Eroberung von Warschau nicht nur um einen militärischen Abschluß großer Unter

ehmungen, sondern um eine Tatsache von ungeheurer wirtschaftlicher Bedeutung. Mit dem Fall Warschaus ist das Zentrum der polnischen Industrie in deut sche Hände gefallen und der große Kreis der industriellen Beziehungen wieder geschlossen, nur daß die wirtschaftlichen Kräfte Polens jetzt nicht mehr im Interesse Rußlands arbeiten, sondern von den deutsch⸗österreichischen Absichten benutzt werden können. Die wirtschaftlichen Kräfte Russisch Polens gehören zum Fundament der Wirtschaft Rußlands. Nicht nur der Ackerbau und die Land⸗ wirtschaft stellen einen wichtigen Teil der russischen Ge⸗ samtwirtschaft dar, es ist vor allem die polnische Indu⸗ strie, die in den letzten Jahrzehnten mit ihrem kolossalen Aufschwung die russische Reichsmacht gestützt hat. Die Eisen⸗ Kohlen-, Maschinen⸗ und nicht zuletzt die Textilindustrie Polens haben in Verbindung mit einer starken Zuckerindustrie nicht nur Polen für den Kapitalismus zu einer neuen Domäne gemacht, sondern auf ganz en außerordentlich stark kapitalistisch zurückgewirkt. Die Anfänge der kapitalistischen Entwicklung wurden, wie 1 9 1105 gewaltig von England beeinflußt, und kein geringerer wie Karl Marx hat diese Beziehungen zwischen Polen und England imKapital dar⸗ gelegt, und die ungeheuren Verwüstungen der polnischen Ar beitskraft, im besonderen in der Textilindustrie, gegeißelt. Die neuere Ertwicklung hat sich allerdings von England stark emanzipiert und sich durchaus und deutlich der deutschen Industrie angeschlossen. Die Einfuhrziffern wichtiger

Maschinenteile und Chemikalien nach Polen zeigen ein voll

lommenes Uebergewicht deutscher Fabrikate, sodaß man mit Recht davon sprechen kann, daß an dem wirtschaftlichen Auf

scchwung Polens in den letzten Jahren deutscher Geist und

deutsche Arbeit einen wesentlichen Anteil haben. Neben dieser Einfuhr von Waren hat eine starke Einfuhr von deutschen Arbeitskräften nach den wichtigen Stellen in der Industri stattgefunden. Dies alles wird natürlich für die deutsche Verwaltung Polens eine gewaltige Erleichterung bedeuten. Die Größe der Warschauer Industrie ist bekannt. Wir haben es da nicht nur mit einem großen Handelsplatz zu tun, der der Zentralpunkt des westöstlichen Eisenbahn verkehrs war, sondern mit einer eigenen Welt von Industrie

und Handel. Warschau ist nicht nur für die Landwirtschaft das Zentrum ihres Handels und Vertriebs geworden, sondern auch eine gewaltige Industriestätte für Leder, Tuch, Oele,

Maschinen, Wagen, Chemikalien und Metallgegenstände. Die Kleinkunst in Bronze, Gold- und Silberwaren hat ihren vor nehmsten Sitz in Warschau gehabt. Die Gesamtproduktion erreicht jährlich einen Wert von mehreren hundert Millionen Mark, was für die kapitalistische Entwicklung Polens und Rußlands viel beweiskräftiger als etwa die deutsche Summe in Deutschland oder England f sein würde. Diese gewaltige Entwicklung kommt jetzt in eine geordnete deutsche Verwaltung, und es ist ganz zweifellos, daß sie dadurch, nachdem die ersten Verwüstungen und Schrecknisse des Krieges überwunden sein werden, zu einem neuen Aufschwung Kraft

und Lust sammeln wird. Der Fall Warschaus wird über diesen augenblicklichen politischen und wirtschaftlichen Wert hinaus besonderen

Schmerz und besondere Wirrnis für Frankreich bringen. Die französische Bourgeoisie hat gerade für Polen nicht nur aus dem Bündnis mit dem gegenwärtigen Rußland große Befriedigung gezogen, sondern sie hegt für Polen alte Liebe aus historischer Erinnerung. Freilich hatte diese Erinnerung

einen stark revolutionären Beigeschmack und der alte französi sche RufNach Warschau! ist nicht für Besuche beim Zaren

geprägt worden, sondern stammt aus den Jahren der polnischen Erhebungen und hat zuletzt 1863 in Paxis noch wahre Orgien gefeiert. Man wird diese Erinnerung, wie so vieles andere, auf dem Altar der historischen Tradition ge opfert haben und sich heute damit begnügen, den Fall Wars schaus als einen ungeheuren Verlust 75 den russischen Verbündeten zu beweinen. Umsomehr, als man doch empfinden muß, was hier deutsche und österreichisch ungarische Kraft geleistet haben, und wie ungeheuer der Gegensatz zu den Taten der eigenen Verbündeten ist.

Deutschland wird auch ob dieses Erfolges nicht über mütig werden und nicht übertrieben jubeln. Die deutsche Kraft hat genug Selbstzucht und auch Selbstbewußtsein, um sich zu kennen und sich selbst in den höchsten Augenblicken der Freude zu zügeln. Wir empfinden unendliche Dankbarkeit für unsere Streiter im West und Ost, die den Feind vom deutschen Boden fernhalten, sodaß nur diejenigen die Schreck nisse des Krieges empfinden, in die Reihen unserer Feinde gestellt hat.

Aus dem Fall Warschaus aber schöpfen wir die Hoff

nung, daß die Millionen, die der Zarismus solange im Weichsellande geknebelt hat, endlich von diesem Joch befreit werden mögen. * 75 8 Deutschland und Amerika. Aus Amsterdam, 5. August, wird der Frankf. Ztg. tele

graphiert: Eine eben aus Amerika im Haag eingetroffene politische Persönlichkeit, die mit den leitenden Staatsmännern in anne gestanden hat, bestätigt auf das ee ichste, daß die aus Anlaß der Versenkung derLusitania gelicbeise als wahrscheinlich geltende Krisis der Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten nunmehrals beigelegt betrachtet werden könne. Viel habe zur Erschwerung der Verhandlungen die Schwierigkeit beigetragen, zwischen dem deutschen Botschafter in Washington und seinen heimischen Behörden einen regei 1 diplomatischen Gedankenaustausch in Gang zu halten. Die englische Kabelsperre werde in dieser Beziehung mit größ tem Nachdruck zum Vorteil der englischen Politik geübt. Während man in Amerika Deutschland als aggressiv und kriegslustig hinstelle, arbeiteten englische Agenten insbesondere in den neutralen Ländern englischer Sprache daran, falsche Nachrichten über das Anwachsen der antideutschen Stimmung in Amerika in Umlauf zu setzen, um so durch Ausnutzung des bestehenden englischen Kabel monopols Deutschland und die Vereinigten Staaten gegen einander aufzuhetzen.

Washington, 5. Aug.(W. Nichtamtlich.) Das Reutersche Bureau meldet: Deutschland weigert sich im seiner letzten Note,

B.

die das Schicksal nun einmal!

eltkrieg.

anzuerkennen, daß die Versenkung des DampfersWilliam Frye nach dem preußisch⸗amerikanischen Vertrage eine Verletzung der amerikanischen Rechte darstellt.

Kopenhagen, 5. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Meldung des Ritzauschen Burcaus. Der DampferWeco, von Newyork mit Petroleumladung vermutlich nach Stockholm be⸗ stimmt, ist von einem deutschen Torpedoboot angehalten worden. Es ging außerhalb des dänischen Seeterritoriums südlich von Dogden vor Anker.

Das Schicksal der Burenrebellen.

Aus Pretoria wird gemeldet: Die Bewegung, die für die Begnadigung der gefangenen Aufständischen arbeitet, hat zur Ankunft von 3000 weiblichen Abgeordneten

aus den verschiedenen Provinzen nach Pretoria geführt. 5000 Frauen, unter denen sich jene 3000 befinden, haben eine Bitt⸗ schrift an Lord Buxton gerichtet, worin ersucht wird, daß Dewet und andere Aufständische, auch jene, die noch nicht ver⸗ urteilt sind, freigelassen werden sollen. Die Abord⸗ nung aus Mitte wurde zwar wohlwollend empfangen,

ihrer aber Lord Buxton setzte auseinander, daß er nicht berechtigt sei, diesem Ersuchen zuzustimmen. Er versprach jedoch die Angelegenheit den Ministern vorzutragen.

Reuter meldet aus Pretoria: Piet Grobler, Mitglied des Volksrats, ist wegen Hochverrats zu zwei Jahren Gefängnis und 500 Pfund Sterling Buße verurteilt orden.

3 Kriegsverluste der Neutralen.

Unter den neutralen Ländern ist Norwegen das Land, dessen Handelsflotte während des Krieges die größten Verluste aufzuweisen bat. Eine Aufstellung der bisherigen Verluste ergibt, daß über 50 Schiffe vollständig verloren sind. Der gesamte Versicherungswert dieser Schiffe beträgt rund 16 Millionen Kronen. Der Gesamt⸗ schaden, der sonst dem norwegischen Erwerbsleben zugefügt worden ist, beläuft sich auf rund 25 Millionen Kronen. Das norwegische Versicherungsgewerbe ist daran 75 25 Millionen Kronen beteiligt. Bei den Schiffsverlusten büßten 75 Mann ihr Leben ein.

Rumänien in der Klemme.

Die Times erfahren aus Bukarest, daß Rumänien sich dor außerordentlichen Schwierigkeiten bezüglich seines kolossalen Ernteüberschusses befände. Das einzige Land, das unter den gegenwärtigen Transportmöglichkeiten in der Lage wäre, die rumänische Rekordernte aufzunehmen, sei Deutsch⸗ land. Dies zeige aber durchaus keinen Eifer, die Abnahme der rumänischen Ernte zu beschleunigen und zeige sich vor allen Dingen in* Frage der Gedgde deutscher Waggons sehr zurückhaltend. ie rumänischen Waggons, die die neue Riesenernte und den größten Teil der vorjährigen(bisher von der Regierung zurückgehaltenen) befördern müssen, seien völlig unzureichend.

Nationalliberale Unstimmigkeiten.

Daß innerhalb der nationalliberalen Partei starke Un⸗ stimmigkeiten vorhanden sind, ist durch Veröffentlichungen in den letzten Tagen hinlänglich festgestellt worden. Der Zentral⸗ vorstand der Parkei soll nun demnächst mit der Aufgabe be⸗ traut werden, die G eschlossenheit der Partei zu zeigen. Das Tageblatt ist jetzt in der Lage, folgende Mit⸗

zu machen:

Leipziger teilungen In jüngster Zeit ist an einigen Stellen der Partei gegen- über dem Reichskanzler öffentlich ein Verhalten betätigt worden, das von weiten Kreisen nicht gebilligt werden kann. Namentlich ist bei gewissen Kundgebungen und dies ist der springende Punkt der Anschein erweckt worden, als ob sie die Meinung der ganzen Partei darstellten. Dagegen haben verschiedene führende Persönlichkeiten Verwahrung eingelegt. Sie sind der Ansicht, daß die öffentlichen Erklärungen des Reichskanzlers keinen Anlaß zu der Annahme liefern, daß er eine schwächliche und illusionistische, den Interessen des Reiches nicht rückhaltlos dienende Politik betreibe. Diese Männer meinen weiter: Die öffentliche Bekundung eines angeblich allgemeinen Mißtrauens sei geeignet, die Autorität des leitenden Staatsmannes gegen⸗ über dem Auslande zu erschüttern und ihm gerade diejenige kraftvolle Politik zu erschwexen, die doch von ihm gefordert werde; unbegründete Angriffe gefährdeten die Einmütigkeit des deutschen Volkes und schüfen einen zwecklosen und bedauerlichen Gegensatz zu der Kundgebung des Kaisers, die sich selbstver ständlich mit dieser Auffassung des obersten und allein verant⸗ wortlichen kaiserlichen Beamten decken müsse; diese Kundgebung spreche insbesondere über das letzte Ziel dieses Krieges dem deutschen Volke aus der Seele.

Diese Mißstimmung kann sich nur gegen die Bassermann, Stresemann und Fuhrmann richten, die mehrfach, zuletzt vor den Vertretern der rheinisch-westfälischen Großindustrie in Köln, die Frage der Kriegsziele in einer Weise erörterten die eine deutliche Spitze gegen den Reichskanzler enthielten. Im Zusammenhang damit dürfte auch eine Konferenz mit nationalliberalen Parlamentariern gestanden haben, die am Montag im Reichskanzleramt stattgefunden hat.