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sicherheit Hunderte von Millionen ihnen anvertrauter Gelder jetzt außerhalb des Bundesgebietes in Bulgarien zu mäßigen Beding⸗ ungen anlegen, so ist das ein deutlicher Beweis unserer und un⸗ serer Verbündeten finanzieller Kraft und ein wertvoller Hinweis auf den Stand des wirtschaftlichen und politischen Barometers. Ueber die Einzelheiten der Option ist noch zu bemerken, daß die im Vorjahr ausgegebenen 120 Millionen Francs bulgarischer 7proz. Schatzscheine zum Kurse von 81.25 Mark für 100 Francs jetzt
von der Bankengruppe für die Rechnung der bulgaxischen Re⸗ gierung bezahlt werden. Die von Bulgarien den französischen
Banken geschuldeten Beträge(ohne aufgelaufene Zinsen 75 Mill, Francs) bleiben bei der Bankengruppe hinterlegt, da während des Krieges auch indirekte Zahlungen an Banken feindlicher Länder nicht stattfinden.
Die angebliche Bestechung der italienischen
5 Sozialisten.
Eine Mitteilung des Cri de Paris, Deutschland habe versucht, durch den Schweizer Sozialistenführer Greulich die italienische Sozjalistenpartei zu bestechen, und ihr kurz vor Ausbruch des italie⸗ nischen Krieges große Summen zur Bekämpfung des Kriegsgedan⸗ rens angeboten, war von der italienischen Presse eifrig aufgegriffen worden. Alledem wird jedoch durch eine offizielle Erklärung der italienischen sozialistischen Parteidirektion schnell ein Ende gemach!. Das Geldangebot an die italienischen Sozialisten ging, wie Greulich erklärte, von der amerikanischen Sozialistin Warron Springs aus Chicago aus, die angelsächsischer Abstammung ist, und vom Mil⸗ liardär Carnegie, der dadurch die Friedenssache fördern wollte.
Eine neue Friedensaktion des Papstes.
Wie die Ag. Fournier von einer hohen Persönlichkeit des Vatikans erfährt, gedenkt der Papst Ende September, späte— stens in den ersten Oktobertagen, ein großes Konsi⸗ storium einzuberufen, zu dem er alle italienischen und aus⸗ ländischen Mitglieder des Heiligen Kollegiums einladen wird. Es handelt sich hierbei um eine weitere Friedensaktion des Papstes.
„Unaugenehm, aber wenig gefährlich.“
Die in diesem Krieg zur Anwendung gelangenden Hilfsmittel sind bekanntlich auch durch Bomben bereichert worden, denen betäu⸗ bende Gase entströmen. Ueber die Wirkung dieser Gase läßt sich ein in deutsche Hände gefallener Regimentsbefehl des 112. französischen Infanterieregiments wie folgt aus:
„Die erstickenden Gasgranaten, deren sich die Deutschen bei dem Angriffe vom 20. d. M. bedient haben, waren mit einem erstickenden Stoff geladen, der ein Bromuer stark riechenden Kohlenstoffs zu sein scheint. Dieser Stoff besitzt sehr starken Geruch, er hat außerdem äußerst reizerzeugende Eigenschaften, die Tränen und Husten hervor- rufen. Seine giftigen Eigenschaften sind ziemlich schwach; sie stellen ein Produkt dar, das Atmungsbeschwerden hervorrufen, aber nicht im eigentlichen Sinne des Wortes Ersticken herbeiführt. Alles in allem ist es recht unangenehm, aber wenig gefährlich, ihn einzu⸗ atmen.“
Der Berliner Lokal⸗Anzeiger zieht daraus den Schluß:
„Auch in diesem Falle also haben die Franzosen bewußt un⸗ wahre Anklage gegen die deutsche Heeresleitung erhoben. Trotzdem sie selbst in Anwendung giftiger Gase vorangegangen waren, haben sie die Behauptung in die Welt gesetzt, Deutschland verwende tötende Gase, während sie sehr wohl wußten, daß die von den Deutschen ver⸗ fend Gase„sehr unangenehm, aber wenig gefährlich einzuatmen ind“.
Dem Andenken Jaurds.
Die sozialistischen Zeitungen Frankreichs feierten gestern die Erinnerung an den Jahrestag der Ermordung von Jaureès. Hervs schreibt dabei in der Guerre Sociale, Jaurès sei der Mann, der Frankreich fehle und fehlen werde bei der Neugestaltung Europas.
Italien hilft im Westen wie an den Dardanellen.
Wie dem Berliner Tageblatt aus Bern gemeldet wird, wird das Zusammenwirken Italiens mit der Entente nun⸗ mehr Tatsache. Wie Privatmeldungen aus Italien besagen, stehen in sämtlichen Hafenstädten, abgesehen vom Adriatischen Meere, bedeutende Truppenkontingente bereit, um im Ver⸗ laufe der Woche nach den Dardanellen befördert zu werden. Bereits Donnerstag und Freitag sei eine Anzahl Reiter⸗ regimenter, die an der österreichischen Front entbehrlich waren, nach Frankreich abgegangen.
Die Besetzung von Cholm.
T. U. Berlin, 2 Aug. Dem Berl. Tagebl. wird aus dem K. und K. Kriegspressequartier gemeldet: Zwischen Weichsel und Bug versuchten die Russen neuerdings Widerstand zu leisten und das Vordringen der Verbündeten aufzuhalten. Die Verbündeten griffen den Feind an und warfen ihn zurück. Am heftigsten tobte der Kampf bei Strzelce, wo die deutschen Truppen die feindlichen Linien durchbrachen. Die Russen ziehen sich, von unseren Truppen scharf verfolgt, zurück. Bei Strzelce warf der Feinde starke Kräfte gegen uns und ver⸗ wendet von Brest-Litowsk gebrachte schwere Artillerie, die jedoch unsere kampfesmutigen Truppen nicht hinderte, den Feind zu schlagen und große Beute zu machen. Cholm, um dessen Besitz einige Tage gekämpft worden war, wurde gestern nachmittag von unseren Truppen besetzt. Mit Cholm ist ein wichtiger Knotenpunkt in unsere Hand gefallen. Unsere Truppen sind von Cholm aus nördlich im Vormarsch.
Der neue deutsche Kreuzer„Hindenburg.“
Berlin, 2. August.(W. T. B.) Der gestern auf der kaiserlichen Werst in Wilhelmshaven von Stapel gelaufene große Kreuzer„Er⸗ satz Herta“ hat auf Befehl des Kaisers den Namen„Hindenburg“ erhalten. Großfener in Konstantinopel.
T. U. Rotterdam, 2. August. Aus Sofia wird gemeldet, daß in der Nähe der deutschen Botschaft in Konstantinopel 18 Häuser ein- geäschert worden sind. Die deutsche Botschaft befand sich ebenfalls in Gefahr; ein Nebengebäude hatte bereits Feuer gefangen, das aber bald gelöscht werden konnte. Im ganzen wurden bei dieser Feuersbrunst 1500 Häuser eingeäschert.
Parteinachrichten. Parteiausschuß und Reichstagsfraktion.
Am Samstag, den 14. August, nachmittags 3 Uhr, tritt der Parteiausschuß mit der Reichstagsfraktion zur Diskussion der Frage der Kriegsziele zusammen, um Samstag und Sonntag zu tagen.
Gleichen Tages, vormittags 10 Uhr, ist für die Fraktion eine Sitzung angesetzt.
Nach dem französischen Nationalrat.
Unser französischer Korrespondent schreibt uns vom 24. Juli:
Es war vorauszusehen, daß die Resolution des französischen Nationalrates, die wir bereits eingehend besprochen haben, inner- halb und außerhalb der Partei lebhaft kommentiert werden würde. In der Partei selbst dürfte die Resolution lebhaft dis⸗ kutiert werden. Wir können mit Sicherheit voraussagen, daß sie, weil sie einstimmig gefaßt worden ist, in den Parteiorgani⸗ sationen fast ebenso einstimmig verworfen werden wird. ist, wie wir gesagt haben, ein Kompromiß und also redigiert, um die Gegensätze zu überbrücken, die Meinungsverschiedenheiten zu verkleistern, die Schwierigkeiten, die aus diesen Gegensätzen und Meinungsverschiedenheiten für die innere Aktionseinheit entstehen, zu umgehen. Worin bestehen diese Meinungsverschiedenheiten? Die Parteileitung und die Mehrheit der Kammerfraktion ist der Meinung, daß die Partei, da Frankreich angegriffen worden ist, die Pflicht hatte, sich in den Dienst der Landesverteidigung zu stellen. Daß sie ihre ganze Kraft auf die Landesverteidigung zu konzentrieren hat, solange die beoͤrohte Unabhängigkeit und Inte⸗
grität Frankreich— und natürlich erst recht Belgiens— nicht sichergestellt ist. Die Opponenten— wir nennen sie weder die „Minderheit“ noch die„Mehrheit“, weil eine prinzipielle Ab-
stimmung nicht stattgefunden hat, obwohl wir überzeugt sind, daß sie die große Mehrheit der Parteigenossen sind— die Opponenten stimmen mit der Parteileitung überein, daß es Pflicht der Partei ist, die Unabhängigkeit und Integrität Frankreichs und Belgiens zu verteidigen. Sie wollen jedoch die Sicherstellung Frankreichs und Belgiens womöglich durch eine internationale Friedensaktion
erreichen. Und hier schieden sich die Wege der Opponenten und der Parteileitung. Sie mußten sich scheiden.
Die Parteileitung und die Kammerfraktion haben sich in der Tat durch den Eintritt von Sembat, Guesde und Albert Thomas in die Regierung an diese gebunden. Sie können nicht eine Politik verfolgen, die sie von der Regierungspolitik scheidet. Ein großer Teil von ihnen bedauert das, aber sie erkennen an, daß sie nicht ihre Politik von der Regierungspolitik scheiden können, ohne eine Ministerkrise hervorzurufen und also die Verteidigungskraft des Landes zu schwächen. Sie sagen also:„Welche Garantie bietet uns die Rekonstituierung der Internationale, wenn wir die Ver⸗ teidigungskraft des eigenen Landes so geschwächt haben werden? Ist die Internationale unter i
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Diethelm von Buchenberg.
Erzählung von Bertold Auerbach. 39
Diethelm glaubte zu bemerken, daß diese Anrede den
verkehrten Eindruck machte; alles. was mit dem Kriminal⸗ gericht zusammenhängt, schien keinen Spaß zu verstehen.
Wie ein gefangener Ritter empfahl nun Diethelm seine Rosse der sorgsamen Wartung. Waffen hatte er nicht abzu⸗ liefern, aber gewiß konnte Diethelm besser schreiben und lesen und war mindestens so verschlagen und ehrgeizig als je ein Mann, der im Harnisch rasselte; daß man aber in anderen Zeiten war, zeigte besonders der Ofen, der war so winzig und windig, und ein Ritter, wenn er von einem Raub— zug in eine Herberge kam, fand einen Baumstamm im breiten Ofen prasseln. Wäre nicht eine abgestumpfte Sandsteinkugel auf dem Ofen gelegen, Diethelm hätte sich nicht einmal die Hände wärmen können, und doch fühlte er von innen heraus eine unbezwingliche Kälte, als ob nicht Blut, sondern Eis— wasser ihm durch die Adern rinne. Er bat nun mit einer gewissen Demut, in der Stube bleiben zu dürfen, bis seine Zelle geheizt war. Der alte Gefangenenwärter ging weg und ließ Diethelm mit dem Landjäger und seinem Sohne allein. Diesem empfahl nun Diethelm nochmals seine Pferde und trug ihm auf, nach dem Waldhornwirt in Buchenberg zu schicken, damit er Roß und Schlitten abhole und gut imstand halte.
„Soll ich den Hund hier behalten?“ fragte der junge Kübler den abgewendet Sprechenden.
Diethelm schüttelte den Kopf verneinend, dann Wendete er sich um und sagte in heiterem Tone:„Dein' Braut ist vor ein paar Tagen noch bei mir gewesen, ihr könnt euch drauf verlassen, daß ich euch auf den Tag hin, wie's versprochen ist, Hochzeit mache, und Gevatter bin ich auch; dann wollen wir lustig sein, daß die Stern' am Himmel zittern; der Ver⸗ geltstag bleibt nicht lange aus.“
Der Landjäger verbot eben Diethelm jedes weitere Reden, als der Gefangenenwärter eintrat mit der Kunde,
diesen Umständen nicht vielmehr eine
.. i ien? Die Re⸗ Falle, als eine Garantie für Frankreich und Belgien? 10 konstituierung der Internationale ist gewiß eine schöne und wün⸗
schenswerte Sache, aber da wir nicht darauf rechnen können, daß die deutsche benckeate so viel Macht besitzt— gesetzt 1115 Fall, sie hätte den Willen dazu um jede e iti Deutschlands zu verhindern, können wir zu einer 5'onalen Friedensaktion nicht die Hand bieten, solange wir n 1 aus eigener Macht die Unabhängigkeit und Integrität Frankreichs sichergestellt haben.“ So argumentieren Parteileitung und Kam⸗ merfraktion und sie haben 1 8 vollendeten Teilnahme an der Regierung die Logik auf ihrer Seite. 5
Die den wollen entweder überhaupt nichts von der Re⸗ gierungsbetefligung wissen und bestreiten, daß der Austritt der sozialistischen Minister aus der Regierung die Verteidigungskraft Frankreich bedrohen würde— und insofern sind sie ebenso konse⸗ quent wie die Parteileitung— oder sie halten eine internationale
Ari 155 e f i Teilnahme an der Friedensaktion nicht für unvereinbar mit der
Regierung. Der Gegensatz zwischen den i e Parteileitung ist dadurch überbrückt, oder vielmehr, umgangen
worden, daß man anstelle des„Krieges bis zu Ende! die Auffargeng an 99 Regierung setzte, schon jetzt einen Schiedsgerichtsvorschlag zu machen, der geeignet wäre, zum Frieden zu führen. f g Auf den ersten Blick haben die Opponenten Genugtuung. Die Tatsache, daß die Aufforderung sich an die Regierung und nicht an die Internationale richtet, zeigt, daß im Prinzip die Parteileitung an ihrer seitherigen Politik festhält, wenigstens insofern sie die Politik der Partei an die Regierungs⸗ politik bindet. Sie versucht nur, die Regierung in ihrem Sinne zu beeinflussen und damit aus der Sackgasse herauszukommen. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß beide Richtungen sich den Sieg zuschreiben, die Opponenten mit weniger Recht, wäh⸗ rend die Parteileitung in der Tat nur einen prekären Pyrussieg davongetragen hat. Wird ihr die französische Regierung aus der übeln Lage helfen? Wir wollen es zweifelnd abwarten. In⸗ zwischen triumphiert der Leutnant Vaillants und Parteisekretär Dubreuilh mehr brutal als klug, indem er in der Humanité schreibt, daß entsprechend der Resolution, die Partei sich gegen alle Friedensversuche die Ohren verstopfen werde, solange Frankreich und Belgien nicht vom Feinde geräumt sind. Und der Temps peitscht die Parteileitung, indem er schreibt, daß die sozialistischen Bekundungen der Resolution„nur die üblichen Argumente sind,
bestimmt, das Vertrauen der Genossen nicht zu erschüttern, ge⸗ wöhnliche Beruhigungsmittel.“ 75 Wir können diesen Auslassungen gegenüber nur sagen:
„Weniger wäre mehr gewesen.“ 5
Die Genossen außerhalb Frankreichs würden einen schweren Fehler begehen, wenn sie sich von diesen lärmenden Kundgebungen beirren ließen. Der Lärm ist nichts anderes als die Wut nach der ausgestandenen Angst. Möge allenthalben die internationale Friedenssolidarität laut verkündet und energisch vertreten werden. Daran wird, ehe vier Monate vergangen sein werden, auch die festeste Ministersolidarität zerschellen. Wer den Frieden will, muß zum Frieden rüsten.
Permischtes.
Das vierundzwanziaste Kind 5 ö wurde dem Küfer Martin Lorentz in Düttlenheim(Kreis Ersteim) geboren. Sämtliche Kinder, zwölf Jungen und zwölf Mädchen, sind am Leben. Zwei der Söhne stehen im Felde, und zwei andere werden demnächst militärpflichtig, während die anderen in stufen⸗ weiser Reihenfolge bis zum kleinsten Sprößling meistens in Zwi⸗ schenräumen von einem Jahr geboren sind.
Jagd auf Einbrecher.
In der Nacht zum Freitag kam es in Karlsruhe zu einer Ein⸗ brecherjagd. Zwei Burschen, der 18jährige Maurer Johann Breit⸗ ner und sein 16jähriger Bruder Steindrucker Michael Breitner waren bei dem Einbruch in ein Straßenverkaufshäuschen auf frischer Tat ertappt worden. Einer der Burschen entkam sofort und der andere ebenfalls, nachdem ihm die Kleider vom Leibe gerissen waren. Als die Täter dann in ihrer Wohnung sestgenommen werden sollten, flüchtete der ältere abermals aus einem Fenster über das Nebenhaus und entkam, während der jüngere verhaftet werden konnte.
f Zu Tode gequetscht..
Der von Orterberg gebürtige Bahnsteigschaffner Bahr geriet beim Manövrieren auf der Station Halbmeil bei Wolfach zwischen die Puffer zweier Wagen und erlitt so schwere Verletzungen, daß er kurz darauf starb.
Ein szwölffähriger Knabe erschossen.
Der sachszehnjährige Präparand St. in Nauen spielte am Lum⸗ mertschen Mihlwege in Berlin mit einem Terzerol. Er hatte schon mehrere Schüsse auf Spatzen abgegeben, als er plötzlich den zwölf⸗ jährigen Schulknaben Meinardt traf, der mit anderen Knaben„Sol⸗ daten“ spielte. Die Kugel drang dem Kind über dem linken Auge ins Gehirn. Im Kreiskrankenhaus starb der Knabe kurz nach der Einlieferung.
E cen
man ihm alles aus den Taschen nahm, als man ihm das Halstuch abnahm und sogar die Hosenträger abnestelte; dieses letztere geschah aus dem doppelten Grunde, damit der Ge— fangene nichts habe, um sich dran zu erhängen, und bei einem etwaigen Fluchtversuch durch die Nötigung, die Hosen in der Hand aufzuhalten, gehindert sei. Eine Minute lächelte Diet— helm über diese Vorkehrungen, bald aber ward er des grau— samen Ernstes bewußt, und mühsam schleppte er sich die Treppe hinan, nach seiner Zelle; der junge Kübler trug ihm noch mitleidig seinen Mantel nach. Erst als ihn der Land— jäger verließ, sagte er:„Ihr kennt mich wohl nicht. Ich bin von Grubenau bei Letzweiler gebürtig. Meinen Vater hat man den Schreinerhannesle geheißen, er ist ein guter Freund von Eurem Vater gewesen. Ich hab' viel von Euch und Euren Guttaten gehört, wie ich noch klein gewesen bin. Nun b'hüt Gott. Ich wünsch' alles Gute.“
Diese Mitteilung des Landjägers machte einen eigenen Eindruck auf Diethelm; daß der Mensch sich gedrungen fühlte, sich ihm zu erkennen zu geben, und daß er von seinem Ruhme sprach, wie traf das jetzt das Herz des Gefangenen.
Diethelm war nun allein. Er hatte sich vor niemand mehr zu verstellen. Auf dem Stuhle vor dem Ofen saß er, und es war ihm, als müßte sein Körper in Stücke zerfallen. In dem Ofen brummte das Feuer, manchmal knallte ein Fichtenast und zischte langsam ein grünes Scheit. Diethelm fühlte, wie ihm alles Blut im Herzen zusammengerann, aber Wärme verspürte er nicht, kalt, unendlich kalt war es ihm; er hüllte sich in seinen Mantel und wickelte sich in die wollene Decke, die auf der Pritsche lag, immer war es ihm, als ob er in der so wohlverschlossenen Zelle mitten in einem Luftzug stehe, und plötzlich fuhr er wie emporgeschnellt auf, die Wände dröhnten und schmetterten, zitternder Drommetenklang um— rauschte ihn von allen Seiten. Erst nach geraumer Weile besann er sich, daß die Stadtzinkenisten den Abendchoral bliesen, die Trompeten und Posaunen schienen gerade nach seiner Zelle gerichtet, so unmittelbar, so gradaus strömten
daß alles bereit sei. Diethelm erzitterte jetzt vor Wut, als
die Töne in dieselbe, und vor allem stand jener Tag wieder
vor Diethelm, an dem er sich zum unmäßigen Einkauf ver⸗ leiten ließ. 8 Was war seitdem aus ihm geworden! Ein Mordbrenner!
Diethelm hielt sich die zitternde Hand vor den schnell atmen⸗
den Mund, daß er das Wort nicht laut ausrufe. Er warf sich auf die Knie, und ein heftiger Tränenstrom entlud sich aus seinen Augen, er fühlte seine Wangen glühen, und plötz⸗ lich wurde es ihm warm. Mit dem Antlitz auf dem Boden liegend, sprach es in ihm, daß er alles bekennen müsse, und er streckte sich weit aus, den Todesstreich zu empfangen, zu sterben.... Er weinte aufs neue um sein verlorenes Leben; über ihm tönte der wehklagende Grabgesang, ein schriller Drommetenton verwandelte sich in die Klagestimme der Martha und ein anderer in die seiner Fränz.... Und die
sich auf, und als jetzt von einer anderen Tie 855 erscholl, sang er die Töne laut mit, und seine Stimme tönte so voll, fast wie Posaunenschall. Er sang so laut am Fenster, daß 0 1 195 Schloß hinter ihm knarrte die Tür sich öffnete und der Gefangenenwärter ei 1 5 Serben 9 wärter eintrat, ihn zum Un dieselbe Zeit war Martha in der Stadt angekommen. Sie ging mit fest zusammengepreßtem Munde und tränen⸗ losem Auge umher, das Schicksal ihres Mannes, der Tod ihrer Tochter, der sie nun nicht einmal eine eisige Scholle auf die Bahre werfen konnte, der gräßliche Tod des treuen Knechtes, das Verbrennen des Hauses, in dem sie so viele Jahre Freud und Leid verlebt, alles das bestürmte ihr Herz und machte sie dumpf und verwirrt. Ihrer Bitte auch l gesperrt zu werden, hatte man nicht willfahrt und sie Heß wie ein verwirrtes, verstoßenes Bettelkind a 850 Straßen umher, als müßte sie jemand finden, der ihr den Weg aus dem Wirrwarr heimwärts zeigte. 5
[Fortsetzung folgt.)
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