Ausgabe 
3.8.1915
 
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ständliche Verteidigung des Vaterlandes

berhessische

Organ für die Interessen

fözeitung

des werktätigen Volles

der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 179

Gießen, Dienstag, den 3. August 1915

10. Jahrgang.

Warschau vor dem

* 2 Der Jahrestag und die Presse.

Die Blätter aller Parteien Deutschlands sind mit Jahresbe trachtungen angefüllt über das Ergebnis des Krieges draußen auf dem Felde und innen in der Heimat. Ueber die militärischen Er folge zu Lande und Wasser sind die Parteien ohne Unterschied einer Meinung. Mit Recht sind wir alle voller Stolz über die Leist⸗ ungen unserer Heere, unserer Marine, über die Leistungen der Hunderttausende, die für den Schutz des Vaterlandes ihr Leben ge opfert haben und noch im heißen Kampfe opfern müssen.

ö Sehr viel anders sind die Anschauungen über das Er⸗ gebnis des Jahres für die innere Politik und die Andeut⸗

ungen über die Zukunft des inneren Deutschlands. Wir finden in der Kreuzzeitung einen spaltenlangen Artikel eines in den weitesten Kreisen unbekannten Herrn Gontermann, der voll religiöser Inbrunst davor warnt,allerlei Forderungen, die sich heute schon trotz des Burgfriedens an die Oeffentlichkeit wagen und deren grundstürzende Tendenz schlecht verhüllt wird, ver wirklichen zu helfen. Er sieht die Rettung allein im Beten und in der ältesten Art der preußischen Bureaukratie. Er will das Volk deshalb nicht nur von neuem, sondern auch verstärkt zu seine im Gott zurückgeführt sehen und verdammt alle, die ihm nicht zu stimmen. Sehr viel anders klingt es schon aus den Auslassungen des Führers der konservativen Partei, des Herrn v. Heyde brand, der sich zwar auch nicht den neuen Forderungen unbe dingt hingibt, aber doch Rücksicht und Verantwortlichkeitsgefühl

genug besitzt, um die Leistungen dieser Zeit nicht spurlos an sich vorübergehen zu lassen. Viel deutlicher und sympathischer tönt es natürlich, je mehr

man sich auf der Linie der Parteien der Linken nähert. Schon bei den Nationalliberalen sind bemerkenswerte Zeugnisse ans Licht gekommen, die für eine tiefere Einsicht in die Forderungen der Gegenwart und Zukunft sprechen. Der Abgeordnete Dr. Böhme veröffentlicht so einen höchst verständigen Artikel über den monarchischen Gedanken und den Krieg, in dem er gerade heraus fordert, das Bekenntnis zur Monarchie, das einige Ultra konservative bekanntlich erneut in den Katechismus der Zukunft aufnehmen möchten, möglichst aus dem Spiel zu lassen. Er frägt mit Recht, welchen Eindruck es machen würde, wenn jemand, der etwa auch nach dem Kriege, weil er zur Sozialdemokratie gehört, als vaterlandslos bezeichnet würde, dann mit dem Eisernen Kreuz geschmückt vor dem stehen würde, der ihn also brandmarken will und der vielleicht nicht in der Lage war, dem Vaterlande solchen Waffendienst zu leisten; jeder, der etwas der artiges versuchen wollte, schreibt Dr. Böhme wörtlich, würde scheitern, sich wahrscheinlich lächerlich machen und auf alle Fälle die Monarchie schädigen, anstatt ihr zu nützen. Mit gleicher Deutlichkeit wendet er sich gegen die Gefahr, die er in einem irgendwie tendenziös gefärbten Geschichtsunterricht der Zukunft sieht. Er weiß, wieviel hier gesündigt wurde und hofft für die Zukunft, daß auf diesem Gebiet gründliche Besser ungen und Aenderungen vorgenommen werden.

Ausgezeichnet ist dann aber ein Artikel des einen Führers der

nationalliberalen Partei, des Abg. Dr. Schiffer. Er be⸗ schäftigt sich sachlich und zurückhaltend mit den militärischen Er⸗ folgen, aber voll Kraft und Klarheit mit der Zukunft unserer

inneren Politik. Er rühmt die neuen Werte, die der Kampf für das Vaterland im Inneren geschaffen habe und er fordert, daß sie auch für die Zukunft nicht unverloren sein sollen. Mit scharser Ironie wendet er sich gegen diejenigen Politiker, die zwar energisch auf die Flaumacher in militärischen Angelegenheiten schimpfen, aber selbst die größten Flaumacher gegen neue Er⸗ scheinungen und Forderungen für die innere Politik sind. Es ist zweifellos, daß Dr. Schisser hier nicht zuletzt seine eigenen engeren Parteigenossen im Auge hat. Sehr treffend bemerkt er, daß Leute, die die Grenzen unseres Volkstums nach außen nicht weit genug vorschieben können, gegen ihre Erweiterung im Innern voller Bedenken sind. Das ist eine Kennzeichnung, die zugleich die Forderung nach Erweiterung der Rechte des Volkes im Innern enthält, die wir an unserem Teil nur auf das Lebhafteste be grüßen können.

Die Sozialdemokratie bleibt all diesen Betrachtungen gegenüber verhältnismäßig kühl. Sie verlangt für die selbstver⸗ i leine Belohnung, aber sie verlangt auch die Selbstverständlichkeit der Gleichheit aller vor dem Gesetz und in der inneren Verwaltung. Sie fühlt sich stark genug, gerade in der Zukunft diese Forderungen mit neuer Kraft, und wie wir hoffen, auch mit neuem und durch⸗ greifendem Erfolg zu vertreten. Dazu ist vor allem die Vermehrung ihrer eigenen Kraft notwendig, die in der Ge⸗ schlossenheit der Organisation, in dem Aus bau ihrer Presse, in der Aufklärung ihrer Mitglieder besteht. Hier setzen die eigensten Pflichten der Partei, der Ge⸗ werkschaften und der Genossenschaften ein. Jede dieser Organi⸗ sationen muß an ihrem Teile mit den anderen wetteifern, ihr bestes für die Zukunft zu leisten. Dann können wir voller Ver trauen und Sicherheit in die neue Zeit hineingehen.

*

Warschau und Iwangorod offiziell aufgegeben! Die russische Heeresleitung hat durch den Invalid, ihr halbamtliches Organ, und durch die englischen Berichterstatter in Petersburg, die natürlich ihren Blättern nur das melden

können, was ihnen die russischen Behörden mitteilen, der Welt verkündet, daß die Weichsellinie ge⸗

räumt, Warschau und Jwangorod aufgegeben und der Feind, wie vor hundert Jahren Napoleon, in die un wirtliche Tiefe des russischen Landes gelockt werden solle. Wir wissen natürlich nicht, ob dies wirklich die Absicht des

Großfürsten ist; die Ankündigung erfolgt so geräuschvoll, daß sie leicht auch zur Verschleierung anderer Pläne bestimmt sein könnte. Vielleicht will man aber wirklich die Verbündeten und die Russen selber auf eine Notwendigkeit vorbereiten, deren Erkenntnis aber der russischen Leitung wohl schon zu spät gekommen sein dürfte. Sie versteht sich zwar vorzüglich auf die Durchführung von Rückzügen, in denen sie seit dem ostasiatischen Krieg eine bemerkenswerte Uebung erlangt hatte. Wenn sie aber jetzt ihre Armee aus der gewaltigen Zange herausführen will, die sich von Norden und Süden her immer enger schließt, so wird sie dabei schwere Opfer bringen müssen, die in ihrer Bedeutung einer neuen großen Niederlage gleichkommen. Darin aber liegt der grund legende Unterschied gegenüber der strategischen Lage, die der Zauderer Kutusow 1812 durch seinen Rückzug und die Preis gabe Moskaus schaffen konnte. Natürlich ist ein Eindringen auf Hunderte von Kilometern in Feindesland bei den heutigen technischen Hilfsmitteln von vornherein etwas, was sich mit dem Zuge der großen Armee Napoleons kaum vergleichen läßt. Die deutschen Heere und ihre Verbündeten verfolgen aber einen Feind, der, im Gegensatz zu den Russen von 1812, schon mehrfach schwer geschlagen, dessen stärkste Verbände zer schmettert oder schwer erschüttert, dessen moralische und wirt- schaftliche Hilfsmittel schon zum großen Teile verbraucht sind. Wenn daher auch der Entschluß zum Rückzuge, den die Russen der Welt mitteilen, wirklich gefaßt worden sein sollte, so kann er doch die strategische Lage nicht mehr bestimmen. Die ver bündeten Heere sind stark genug, um jeder Form des Felo zuges gewachsen zu sein das Gesetz des Handelns wird trotz aller Proklamation nicht der Großfürst bestimmen, sondern Marschall Hindenburg.

Englische Sorgen. Warschau Paris Calais.

Aus London wird der Frankf. Ztg. gemeldet:

Der bevorstehende Fall von Warschau erregt in den eng lischen Blättern eine kaum verhehlte Besorgnis, wenngleich man sich allgemein mit dem Gedanken zu trösten sucht, daß die russische Armee sich aus dem allgemeinen Débacle herausretten und daß es den Deutschen unmöglich sein werde, die russische Armee zu vernichten. Die größte Sorge bleibt jedoch, daß die Deutschen zahlreiche Truppen⸗ körper, die nun im Osten überflüssig werden, nach dem Westen bringen könnten, um dort die Linien zu durch brechen. Die Daily Mail sagt: Die Deutschen sind dabei um ihre hauptsächlichste Beute gebracht worden, nämlich um die russischen Heere. Aber wir machen einen großen Fehler, wenn wir annehmen, daß Deutschland nicht jetzt mit Hoffnungen erfüllt wäre, sein Ziel zu erreichen. Dieses Ziel gilt drei Plätzen: nämlich Warschau, Paris und Calais, und sie stehen im Begriff, das erste Ziel zu erreichen, und noch mehr, sie sind der Ansicht, daß dies erste Ziel den Schlüssel zu den beiden anderen bildet. Sie werden die polnische Front, wenn Rußland zurückgetrieben worden ist, mit der Hälfte der vier oder fünf Millionen deutscher Truppen halten, die jetzt im Osten operieren, und sie berechnen, daß, wenn sie imstande sind, nicht nur einige Hunderttausend, sondern Millionen nach der Westfront zu bringen, sie in der Lage sein werden, diese zu brechen und sich einen Weg zu bahnen mit dem Feuer von Tausenden Kanonen nach ihren beiden anderen Zielen zu. Also Warschau berührt uns in England nahezu scharf. Die Daily Mail bespricht den letzten deutschen Tagesbericht, wonach die Eisenbahnlinie Lublin-Cholm erreicht worden ist und sagt wehmütig, daß noch vor zwei Tagen die russischen offiziell 2

en Tagesberichte mitgeteilt hätten, daß die Offensive nun in die Hände des Groß fürsten übergegangen sei. Und nun sei die Schlacht endgültig verloren worden. Keine Offensive der Deutschen in Frankreich?

T. U. Lausanne, 1. August. Die Revue ist der Meinung, daß die Deutschen in Frankreich keine, Offensive aufnehmen, bevor sie nicht in Rußland ein bestimmtes Ziel erreicht haben, um ohne Be⸗ denken Truppen abtransportieren zu können. Das Blatt glaubt jedoch, daß an der Westfront genügend deutsche Truppen stehen, die mit Unterstützung ausgezeichneter Artillexie nichts von einem allge meinen Angriff der Alliierten zu befürchten haben.

Die Arbeit der U-Boote.

Reuter meldet aus London: Lloyds teilt mit: Ein Passagierdampfer der Leyland-Linie, derIberian, ist durch ein Unterseeboot in den Grund gebohrt worden. Das Schiff wurde zunächst durch das Unterseeboot beschossen, dann wurde es torpediert und sank. 7 Personen sind getötet, 61 wurden gerettet.

Calle?

Meldung des Reuterschen Bureaus. Vier Fischer⸗ fahrzeuge aus Lowestoft sind von Unterseebooten ver⸗ senkt worden. Die Besatzungen wurden gelandet.

Nach einem Lloydsbericht aus Wrath ist das norwegische Dampfschiff sTTrondhjemsfjord durch ein deutsches Unterseeboot in den Grund gebohrt. wurde gerettet.

Reuter meldet aus London: Nach einem Lloydbericht ist das belgische DampfschiffPrince Albert auf eine Mine gestoßen. Die Besatzung wurde gerettet.Prince Albert hatte 1820 Tonnen Inhalt und gehörte der Ozean⸗ Gesellschaft in Antwerpen.

Deutsche Unterseeboote im Eismeer.

Wie Aftenposten aus Hammerfest meldet, befinden sich einige deutsche Unterseebobote im Eismeer, das voll von Minen sein soll, die angeblich ein deutscher Dampfer ausgelegt hat. Durch Minen verunglückte Dampfer könne man täglich auf Land gesetzt sehen. Bekanntlich führt der Weg nach Archangelsk am Nordkap vorbei.

Ein feindlicher Torpedobootszerstörer gesunken.

Konstantinopel, 1. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Zu⸗ verlässigen Privatnachrichten zufolge ist ein großer feindlicher Torpedobootszerstörer aus unbekannter Ursache im Schwarzen Meer auf der Höhe Keeken, östlich Schile, gesunken.

Goremykin und die Duma.

T. U. Bukarest, 1. Aug. Die Moldava meldet aus Peters⸗ burg: Ministerpräsident Goremykin erklärte den Partei führern, daß die Regierung die Verhandlungen der Duma, falls diese einen ihr nicht genehmen Charakter annehmen sollten, aufheben und die Duma auflösen werde. Die Stim⸗ mung in Rußland ist sehr gedrückt, es werden alle Maß⸗ nahmen getrofen, um revolutionäre Bewegungen im Keime ersticken zu können.

Allerlei Russisches.

Aus Petersburg wird mitgeteilt:

In letzter Zeit erscheinen hier oft revolutionäre Auf⸗ rufe der russischen Sozialdemokratie. Starke Verbreitung fanden zwei Aufrufe des Organisationskomitees dieser Partei über die Ausrottung der Juden und über den Moskauer Pogrom; auch über die Aburteilung der sozialdemokratischen Dumadeputierten wurden mehrere Aufrufe verteilt. Die Regierung ist darüber in hohem Grade beunruhigt, besonder weil von der Partei die Arbeiter sustematisch zum Protestausstand aufgefordert werden, und nicht immer ohne Erfolg. Um diesem Treiben entgegenzuwirken, ließ die Regierung an allen größeren Fabriken einen Anschlag folgenden Inhalts aushängen:

Die Proklamationen, die jetzt die Arbeiter zum Streik auf⸗ fordern, werden von Agenten Deutschlands angefertigt. Wir fordern die Arbeiter auf, jeden, der diese Aufrufe verteilt. der Polizei auszuliefern, um ihn einem Feldgericht zu übergeben

Die älteren Arbeiter und alle, die schon länger in der Stadt leben, verstehen wohl, daß die Behauptung der Regierung eine freche Lüge ist, die jüngeren aber, besonders die erst unlängst vom Lande hergezogen sind, glauben und schimpfen auf die Deutschen.

In den Maschinenfabriken werden jetzt auch Frauen beschäftigt. Sie bekommen den halben Lohn der Männer. Die Arbeiterinnen sind der Gewalt und den Gelüsten der Aufseher schutz⸗ los preisgegeben. Die liberalen Blätter füllen ihre Spalten mit Berichten über angebliche Vergewaltigungen von Frauen, die die deutschen Offiziere und Soldaten in den besetzten Gebieten begehen sollen, lassen aber die Verbrechen, die tagtäglich in Petersburg selbst in den Fabriken geschehen, völlig unerwähnt.

Um daspatriotische Gefühl in den Massen zu heben, werden die Kriegsgefangenen bei ihrer Ankunft in Petersburg durch den Newski⸗Prospekt und andere große Straßenspazieren geführt. Die Gefangenen sind zum Umfallen müde und abgequält und miissen stundenlang durch die Stadt marschieren. In den Viehwagen, in denen sie nach Petersburg gebracht werden, haben sie kaum Platz zum Stehen; die Reise gestaltet sich zu einer unbeschreiblichen Qual und dazu noch die Schaustellung in den Straßen. Die Regierung er⸗ reicht aber dadurch gevade das Gegenteil von dem, was sie erstrebt: Der Anblick der Gefangenen vuft bei der Petersburger Bevölkerung das größte Mitleid hervor; weinend schauen ihnen die Frauen nach und tatsächlich ist fast jeder empört gegen eine Regierung, die devart unnötig die Gefangenen quält.

Eine bulgarische Anleihe in Deutschland und Oesterreich⸗ Ungarn.

Die unter der Führung der Diskontogesellschaft stehende große deutsche und österreichisch-ungarische Bankengruppe, der auch bel⸗ gische Banken angehören, hat der Kölntschen Zeitung zufolge, heute am 1. August trotz der sonstigen Ungunst der Kriegszeit die Option auf die erste Reihe von 250 Millionen Franes der bulgarischen 500 Millionen-Auleihe von 1914 ausgeübt. Es ist das ein sehr be merkenswertes Ereignis. Die Tatsache mag zunächst wirtschaftliche Bedeutung haben, indem sie beweist, daß die kriegerischen Wirre⸗ das seste Vertrauen zwischen den deutschen und österreich t; ungarischen Geldgebern und den bulgarischen Geldnehmern erschüttern konnten. Wenn so vorsichtige Finanzleute, wie 9. leitenden Männer der Großbankengruppe in ruhiger Zukunft

Die Besatzung

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