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Hessen und Nachbargebiete.

Gießen und Umgebung.

Kriegsbeschädigtenfürsorge und Unternehmertum.

Wie sich die Vereinigung der Deutschen Arbeitgeber verbände die Mitarbeit des Unternehmertums an der Kriegs veschädigtenfürsorge denkt, lehrt folgende von ihr verbreitete Kundgebung:

Die Frage der Unterbringung der Kriegsbeschädigten in ihren alten Berufen oder in neuen Stellungen, zu deren Ausfüllung sie mit Rücksicht auf ihre erlittene Beschädigung besser befähigt sind, beschäftigt zurzeit lebhaft die Behörden, Arbeitgeber, Arbeitnehmer und andere hierfür interessierte Kreise. Eine große Rolle spielt bei diesen Verhandlungen die Entlohnung der Kriegsbeschädigten. Es ist durchaus folge richtig und gerecht, dabei nach demselben Grundsatz zu ver fahren, der für die Entlohnung von Arbeitern mit Vollbesitz ihrer körperlichen Kräfte und Gliedmaßen maßgebend ist, und demgemäß die Kriegsbeschädigten entsprechend ihren Leistungen zu entlohnen. Es wird nun von mancher Seite die Forderung erhoben, daß die Kriegsbeschädigten in den jenigen Industrien, in welchen Tarifabkommen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bestehen, nach diesen Tarif sätzen entlohnt werden sollten. Hiermit würde der gesunde Grundsatz, die Kriegsbeschädigten nach ihren Leistungen zu bezahlen, durchbrochen werden, denn die Tarifabkommen be ziehen sich naturgemäß nur auf die Entlohnung vollwertiger Arbeitskräfte. Es liegt jedoch kein Anlaß vor, die Kriegs- beschädigten, die zunächst in den Genuß der ihnen zustehenden Renten eintreten, relativ höher zu entlohnen, als die voll wertigen unbeschädigten Arbeiter. Dieses würde aber der Fall sein, wenn die Kriegsbeschädigten nach Tarifsätzen ent⸗ lohnt würden, obwohl sie mit Rücksicht auf ihren körperlichen Zustand in den meisten Fällen nicht dasselbe wie die unbe⸗ schädigten Arbeiter leisten können. Es ist auch zu berück sichtigen, daß durch die Forderung der Entlohnung der Kriegsbeschädigten nach Tarifsätzen den Arbeitgebern die Frage aufgedrängt wird, ob es für sie unter solchen Um⸗ ständen nicht wirtschaftlicher ist, auf die Beschäftigung von Kriegsbeschädigten überhaupt zu verzichten und nur voll⸗ wertige Arbeiter einzustellen. Es liegt daher im Interesse der Kriegsbeschädigten selbst, wenn sie die Entlohnung nach Leistungen als richtig anerkennen, zumal dieser Grundsatz nicht ausschließt, daß kriegsbeschädigte Arbeiter dasselbe ver dienen wie unbeschädigte.

Aus diesem Schriftsatz ist trotz allen wohwollenden Redensarten und verbrämenden Floskeln unschwer zu er kennen, daß eine Kriegsbeschädigten⸗Fürsorge nach dem Herzen der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände nichts anderes als eine Fürsorge für solche Unternehmer sein würde, die mit Hilfe der Kriegsbeschädigten die Lohnverhält⸗ nisse der Arbeiterschaft herabdrücken möchten.

Das geht nicht nur aus dem Sturmlauf der Vereinigung gegen die Entlohnung der Kriegsbeschädigten nach tariflichen Sätzen, sondern auch aus der Wendung hervor, daß für die Unternehmer kein Anlaß vorliege,die Kriegsbeschädigten, die zunächst in den Genuß der ihnen zustehenden Rente ein⸗ treten, relativ höher zu entlohnen, als die vollwertigen un⸗ beschädigten Arbeiter. Diese Wendung verrät die Absicht, die Rente allgemein vom Lohne abzurechnen, wogegen sich die Arbeiterschaft durch ihre Organisationen im Interesse der Kriegsbeschädigten mit aller Entschiedenheit wenden wird.

Die unternehmerliche Kriegsbeschädigtenfürsorge wird aber besonders gekennzeichnet durch den Satz der Kundgebung, daß durch die Forderung der Entlohnung der Kriegs beschädigten nach Tarifsätzen den Arbeitgebern die Frage auf gedrängt wird,ob es für sie unter solchen Umständen nicht wirtschaftlicher ist, auf die Beschäftigung der Kriegsbeschädigten überhaupt zu verzichten und nur vollwertige Arbeiter einzustellen. Die ganze Kriegs beschädigtenfürsorge erscheint also der Vereinigung zwecklos, sofern die Unternehmer den Kriegsbeschädigten tarifmäßige Löhne bezahlen sollen, die jede Ausnutzung der Kriegsver- letzten zur Lohndrückerei vereiteln! Das sagt jedenfalls genug.

Die Gewerkschaften werden scharf darüber zu wachen haben, daß jede Ausnutzung der Kriegsbeschädigtenfürsorge im Unternehmerinteresse und ihre Umwandlung in eine Für sorge für das Unternehmertum unterbunden wird.

1 2 f Nenschheitsgefühl.

Als wenn der tobende Krieg die Menschheit ganz zerrissen und zerspalten hätte, so sieht es aus. Hie Freund, hie Feind, scheint das Motto zu sein, das über unserer Zeit steht. Und dennoch ist auch diese Zeit der Zerrissenheit nicht bar an Momenten der Einheit, an Beweisen für ein eines Menschheitsgefühl. 5

Das haben unsere Soldaten im Felde immer und immer wieder erlebt. Wenn sie draußen in die feindlichen Städte und Dörfer kommen, dann zeigen sich die Bewohner allerdings zunächst als Feinde. Sie sind mißtrauisch und argwöhnisch und damit unfreund⸗ lich und ungern zu Diensten und Gefälligkeiten bereit. Wenn die Soldaten dann aber einige Zeit bleiben, bann verschwindet dieses Wesen immer mehr. Die Menschen werden immer entgegenkommen der und hilfsbereiter und sie gewöhnen sich mit der Zeit oft so an ihre Mitmenschen aus Feindesland, daß ihnen der Abschied schwer fällt und den Frauen die Tränen in den Augen stehen.

Und was war es, das diese Menschen so anders machte? Nun, sie fürchteten zuerst Schlechtes, aber das Schlechte trat nicht ein. Sie sahen, daß sie es mit guten Menschen zu tun hatten, die ihnen nicht übel wollten, und da konnten sie ncht anders, als ihnen ent⸗ gegenzubringen Herzlichkeit. Die Idee des Guten war es, die den Menschen mit dem Menschen verband.

Das zeigt uns, was die erste Voraussetzung ist zu einem ge⸗ meinsamen Menschheitsgeflihl. Gut miissen die Menschen sein. Keine niederen Motive dürfen das Leben leiten. Das Zusammen⸗ leben muß auf dem Gedanken eines Zusammenwirkens für das ge meinsame Ganze aufgebaut sein. ö 5

Heute ist das allerdings noch nicht möglich. Unsere Welt wird von dem Gedanken an das persönliche Ich beherrscht. Und da ent⸗ stehen Spaltungen im Lande und zwischen den Ländern. Erst wenn die Menschen flür einen gemeinsamen hohen Zweck leben, erst wenn sie somit gut find, von einer höheren Warte betrachtet, erst dann verschwinden die persönlichen Reibungen, erst dann sieht man im anderen nicht den Konkurrenten, sondern den Bruder, erst dann kann man Mensch sein. Erst wenn das Leben frei von Egoismus

wird, erst dann hält das Anschheitsgefühl seinen Einzug in die

Welt. Und daß diese Zeit einmal kommt, das zeigt uns die Herz lichkeit, die der feindliche Bewohner so vielfach dem deutschen Sol daten entgegenbringt. Wenn jetzt, wo die Welt in Flammen steht, schon soviel Menschlichkeitsgefühl unter Feinden möglich ist, wie viel Liebe wird da die kommende Welt enthalten, die auf dem Ge a der Einheit und der Verwerfung persönlicher Gier aufge haut ist.

DieBegeisterung der Kämpfer.

Ein Mitkämpfer Erich Everth beschäftigt sich in der Monatschrift Die Tat(Eugen Diederichs in Jena) mit der Seele der Soldaten im Felde. Er kommt auch auf das Thema von der Begeisterung im Felde und sagt allerlei Beachtenswertes:

Ein recht mißbrauchtes Wort der Oeffentlichkeit ist die Begeisterung unserer Soldaten. Die Leute, die so daherreben, als könne ein Heer, das 11 Monate lang unter großen Entbehrungen und Anstrengungen im Felde ist, anhaltend begeistert sein, ver stehen das Wort nicht. Man meint vielleicht den guten Geist der Truppen, und dann hat man freilich recht. AberBegeisterung haben viele draußen nicht kennen gelernt. Beide Extreme, die Be geisterungsbarden wie die Flauen, überläßt die Front gern dem Hinterland. In einem Feldpostbrief war kürzlich zu lesen:

Als wir einst schwuren, unsere Geschütze nicht schmählich zu verlassen, da verspürte ich einen Schauder durch meine Adern rieseln; aber als der Moment gekommen war, die Pflicht bis zum letzten Augenblick zu tun, da taten wir in nüchterner Ueber- legenheit unsere Pflicht, für den Schauder von einst war keine Zeit geblieben. So einfach, so frei von sentimentalem Gefühl erscheint uns Soldaten der Kampf, aber er ist deshalb nicht geringer, nicht leichter geworden. Was soll der Soldat mit großen Gefühlen anfangen? Er braucht kaltes Blut. Mit je schlichterem Sinne der Soldat seiner sicherlich nicht leichten Pflicht nachkommt, um so schöner ist sein Handeln.

So ist es! Man muß es nachdrücklich unterstreichen. Daß der überwiegende Teil unserer Truppen schon zu Anfang des Krieges ohne große Geste hinausging, mit gesammelter und ruhiger Kraft, ist oft ausgesprochen worden. Seither hat die Dauer der Kämpfe jeden Ueberschwang gedämpft, hat die Erfahrung jeden Leichtsinn beseitigt und überall eine angemessene Seelenlage geschaffen. All- mählich wird auch in der Bevölkerung die Ausdauer, die Geduld der Truppen erkannt und anerkannt, so daß nicht immer bloß von Schwung und Kmpfeslust die Rede ist. Die Leute draußen sind zumeist nicht auf den Krieg versessen, ich hörte von älteren Kriegs freiwilligen öfter:Wenn es bald zu Ende ist, um so besser, es kommt uns ja nicht auf den Krieg an; aber solange er dauert, helfen wir mit. Das ist gewiß eine Art Begeisterung, aber eine stille, zähe und wertvollere als die der populären Phrase.

Sicher gibt es Augenblicke des Rausches, beim Sturmangriff, bei der höchsten Energieentfaltung und in der höchsten Gefahr, wo die schnelle Bewegung und nervöse Aufregung eine Art Ekstase schafft, ähnlich dem Höhenrausch oder dem seltsamen körperlichen Jubelgefühl, das man bei schnellem Fahren oder Reiten erlebt. Und in solcher Lage haben auch einmal junge Freiwillige, wie wir nicht vergessen wollen,Deutschland über alles mitten im Angriff gesungen.

Nun aber setzt sich das in den Köpfen zu Hause als etwas Typisches fest und dadurch wird es zur Grimasse. Draußen ist ein solches Vorgehen nicht etwa zur Mode geworden, es hat sich seither kaum wiederholt, denn dort ist man von aller Tuerei welten weit entfernt. Ein derartiges Ereignis ergibt sich eben in der einzigartigen Lage des Augenblicks, und darin liegt sein keuscher Wert.

Einer der's wissen muß.

In der Neuen Züricher Zeitung fanden wir folgendes Inserat: Ein weiser Mann ist derjenige, der heute sein Geld im Lebensmittelgeschäft anlegt.

Zwecks Vergrößerung meines Engros⸗ geschäfts suche ich einen Kapitalisten als stillen Teilhaber mit evtl. bis Fr. 50 000 Einlage.

Sofortige Offerten erbeten unter Chiffre Z G 3407 an die Annoncen⸗Expedition Rud. Mosse, Zürich, Limmatquai 34. a Der Mann muß es wissen, was beim Lebensmittelhandel ver⸗ dient wird.

Ein weltfremdes Ernährungsflugblatt. Der Kriegswirt schaftliche Ausschuß beim Rhein-Mainischen Verband für Volksbildung in Frankfurt a. M. veröffentlicht ein neues Merkblatt unter dem Titel: Wie sollen wir uns in der Kriegszeit ernähren?, welches von Professor C. von Noorden verfaßt ist. Das Merkblatt ist nach einer Mitteilung der Verbandsstelle dazu bestimmt, den Beratern des Volkes, ins⸗ besondere den Geistlichen, Lehrern, Aerzten, Bürgermeistern usw. Material zur Aufklärung zu bieten. Es bespricht die einzelnen Nahrungs⸗ und Genußmittel(Fleisch, Fisch, Eiec, Milch, Ersatzmittel für Fleisch, Fett, Getreidefrüchte, Kar toffeln, Zucker, Obst, Gemüse, Getränke) vom physiologischen und hygienischen Standpunkt aus. Das Blatt wird in ein⸗ zelnen Exemplaren von der Geschäftsstelle des Verbandes, Paulsplatz 10, kostenlos abgegeben; größere Mengen stehen zum Preis von 1 Pfg. für das Blatt zur Verfügung. Wie die Ratschläge aussehen werden, die nach diesem Merkblatte erteilt werden sollen, dafür nur einige Proben. BeiFleisch heißt es darin:Der Einzelne soll nicht mehr als 100 Gramm Fleisch am Tage verzehren(Gewicht im genußfertigen Zu stand). Das ist reichlich. Kleine Kinder entsprechend weniger. Ein jeder soll mindestens einmal, möglichst zweimal in der Woche einen fleischfreien Tag halten. Ob 100 Gramm für den Tag als Fleischnahrung des Erwachsenen ausreichen darüber kann man geteilter Meinung sein. Aber es sei so. Eine fünfköpfige Familie würde dann täglich etwa 300 Gramm Fleisch auf den Tisch bringen müssen. Diese 300 Gramm kosten in zubereitetem Zustande heute etwa 1 Mark. Das ist so viel, als die fünfköpfige Familie eines mit 30 bis 35 Mark wöchentlich entlohnten Arbeiters wie viele gibt es davon? ungefähr für das ganze Mittagbrot ausgeben kann. Es wird deshalb der Rat, nicht mehr als 100 Gramm pro Kopf an Fleisch zu essen und ein oder zwei fleischlose Tage in der Woche einzuführen, offene Türen einrennen, weil diejenigen. denen der Rat erteilt werden soll, heute meistens überhaupt kein Fleisch zu kaufen vermögen. Dann heißt es weiter bei denEiern:.. Legt Eier für die Wintermonate ein. Herr Professor v. Noorden muß das den Arbeiter- und Beamten frauen bei einem Eierpreise von 1518 Pfg. einmal vor. machen. Ferner unterMilch:Soweit die Milch nicht als Vollmilch unmittelbar verwendet werden kann, soll Dauer ware hergestellt werden, d. h. die Milch soll verbuttert wer den. Wirklich in den Zeiten, wo der städtischen Einwohner schaft von den Milchbauern und Molkereien die Milch so wie so schon maßlos verteuert oder gar ganz vorenthalten wird, ist das ein Vorschlag, für den der AusdruckWeltfremdheit

zu wenig ift. So geht es dann mit Grazie weiter bis zum Schlusse, wo es u. a. heißt: 1 Liter Vollmilch, etwa 100 Gramm Käse, 250 Gramm Brot, 500 Gramm Kartoffeln, 500 Gramm Obst und Gemüse, etwa 60 Gramm irgend eines Fettes, 100 Gramm Zucker geben die Grundlage für eine überaus nahr⸗ hafte Kost, mit der der erwachsene und schwer arbeitende Mann auskommt. Fleisch und Eier treten dabei in die Rolle der Nebenkost und brauchen nur hin und wieder zur Er⸗ gänzung und zur Abwechslung herangezogen zu werden. Haben Sie, Herr Professor, ausgerechnet, was der Mann für diese Ernährungsweise wöchentlich ausgeben muß? Sicher nicht. Wir wollen es Ihnen sagen: rund 10 Mark. Lassen Sie den Mann nun einen sogenannten guten Verdienst von 3035 Mark haben. Dann soll er nach IhremRatschlag allein ein Drittel seines Verdienstes für seine eigene Er⸗ nährung aufwenden, und die übrigen 2025 Mark würden für die Ernährung der Frau und seiner drei Kinder, für Miete, Bekleidung und alle andere Lebensbedürfnisse übrig bleiben. Herr Professor, Sie sind ein Tausendkünstler. Ihre Ratschläge passen für den Mond, aber nicht nach Deutschland im Kriegsjahr 19151

Bezirks-Kriegsausschuß für Konsumenten⸗Juteressen. Auf Anregung des Kriegsausschusses für Konsumenten⸗In⸗ teressen Berlin hat sich jetzt auch in Frankfurt a. M. ein Be⸗ zirksausschuß für den Bereich des XVIII. Generalkommandos gebildet. Die vorläufige Adresse ist Darmstädter Landstraße 17. Die Gründung erfolgte von 21 Vereinigungen der Beamtenschafts⸗, Angestellten⸗ und Arbeiter⸗-Organisationen. Weitere Beitrittserklärungen von Korporationen sind zu erwarten, ebenso die Angliederung von Ortsausschüssen aus dem Wirtschaftsgebiet von Frankfurt.

Zur Versorgung der Kriegshinterbliebenen. Die Deutsche Parlamentskorrespondenz berichte: Im Haushaltungsaus⸗ schuß des Reichstags teilte der Staatssekretär des Reichsschatz⸗ amtes Dr. Helfferich mit, daß die Reichsregierung bereit sei, etwaige Härten, die sich in gegebenen Fällen aus der gegen⸗ wärtigen Gesetzeslage hinsichtlich der Versorgung der Kriegs⸗ hinterbliebenen ergeben können, im Unterstützungszweige auszugleichen, und daß zu diesem Zweck entsprechende Mittel bereitgestellt seien. Es wurde zugesagt, daß die hierfür maß⸗ gebenden Gesichtspunkte bekannt gegeben werden sollen. Als zum Ausgleich geeignete Fälle von Härten können hiernach in Betracht kommen:

1. Witwen und Waisen, deren Gatte oder Vater als Offizier⸗ stellvertreter gefallen war, denen aber nur die Versorgung der Hinterbliebenen von Militärpersonen der Unterklassen gewährt werden konnte, obwohl der Gefallene bereits zum Feldwebel⸗ leutnant in Vorschlag gebracht war und dessen Beförderung sich lediglich infolge der Zufälligkeiten des Krieges verzögert hatte.

2. Geschiedene Ehefrauen, die schuldlos an der Ehescheidung, von ihren Gatten unterhalten werden mußten. Nach dem Tode des Gatten hatten sie keinen gesetzlichen Anspruch auf Versorgung.

3. Eltern und Geschwister des Gefallenen, die für die Berufs⸗ ausbildung des Sohnes oder Bruders ihr Vermögen oder erheb⸗ liche Teile davon geopfert hatten in der Hoffnung, in dem Sohne oder Bruder später eine Stütze zu haben. Die Eltern hatten in solchen Fällen nach S 22 M. H. G. keinen gesetzlichen Anspruch auf Kriegselterngeld, da der Gefallene ihren Lebensunterhalt nicht ganz oder überwiegend bestritten hat oder auch in anderen Fällen schon bei Beginn des Krieges dem Heere angehört.

Anträge müssen lediglich bei der zuständigen Ortsbe⸗ hörde gestellt werden.

Kommunale Wucherbekämpfung. Die Stadt Worms verkauft nunmehr gegen Bezugsscheine auch Pflanzenfett(in Tafeln) das Pfund zu 1 Mark und Suppengerste(Graupen) das Pfund zu 30 Pfg. Die Preise stellen die Selbstkosten der Stadt dar und bedeuten gegenüber den Ladenpreisen eine bedeutende Ersparnis.

Ein billiges Durststillungsmittel für unsere Truppen. Einer der größten Plagegeister unserer Truppen ist in der Sonnenhitze das Durgefühl, und so gehört die ganze Selbstzucht des Soldaten dazu, um mit trockener Kehle an einem lockenden Wassertümpel vorüberzugehen. Da macht in der Allgemeinen Fischereizeitung Fischereidirektor a. D. Heyking auf Grund feiner eigenen Er⸗ fahrungen von 1870/71 auf die durststillenden Eigenschaften der Kalmuswurzeln aufmerksam und empfiehlt die Sendung an die Truppen. Die Wurzel soll 1870 den deutschen Truppen bei Ge⸗ waltmärschen in großer Hitze gute Dienste geleistet haben. Ein Stück in den Mund genommen und daran gelutscht, soll das Durst⸗ gefühl zum Verschwinden bringen. Der Standort des Kalmus sind Bachufer, Teiche, Gräben, Torflöcher usw. In der Teichwirtschaft rechnet er zu der harten Flora und wird als sogenanntes Teich⸗ unkraut betrachtet. In Seen trägt er viel zur Verlandung bei. Teichwirt und Binnenfischer sehen daher die Pflanze nicht gern. Die Vermehrung des Kalmus geschieht bei uns durch die Wurzel⸗ stöcke. Die Ernte der Kalmuswurzel ist sehr einfach. Vermittelst einer Getreidegabel, deren Zinken hakenförmig umgelegt sind, mit recht langem Stiele, zieht man die meist schwimmenden Wurzeln an Land und schneidet hier die dicken Wurzeln in fingerlange Enden aus. Die Rhizome wirft man wieder ins Wasser, da sie sich wieder als Pflanzen entwickeln. Die Wurzelenden werden an der Sonne getrocknet und halten sich jahrelang. Durch künstliche Trocknung verflüchtigt sich viel ätherisches Oel sie ist also nicht zu empfehlen. Eine Getreidegabel mit gebogenen Zinken wird man nur ge⸗ brauchen, wenn man in größerem Umfang Kalmus ernten will sonst tut es ein Stecken oder Ast oder im Wasser watend die Hand. Das Einsammeln der Wurzeln kostet nichts, da man es auf Aus⸗ flügen selbst besorgen kann. Teich- und Seebesitzer werden nichts gegen das Einsammeln haben, da Kalmus tatsächlich ein lästiges Wasserunkraut ist. Die Soldaten werden vielleicht das Einsammeln von Kalmus im Felde selber besorgen können(wie 1870), wenn man sie über den Wert der Pflanze für ihre Zwecke von der Heimat aus unterrichtet.

Das Wandergewerbe in Hessen. Die Zahl der Betriebe im Großherzogtum, welche i. J. 1914 eigentliche Wandergewerbesteuer zahlten, betrug in Starkenburg: 3336(im Vorjahre 3465), in Oberhessen: 2732(3002), in Rheinhessen: 2116(2372), im ganzen Großherzogtum: 8184(8839). Ertrag der Steuer 78 000 Mk., im Vorjahre: 85611 Mk. Wanderlagersteuer zahlten in der gleichen Zeit in Starkenburg 12 Betriebe(i. V. 12), in Oberhessen 17(5),

V.

in Rheinhessen 2(7), im Großherzogtum 31(24). Von den Unternehmern wohnen in Hessen 3, außerhalb 28. Von den Be trieben dauerten 27 je eine Woche und weniger, mehr als eine

Woche 4. Ertrag der Steuer 3840 Mk.

Die Säuglingssterblichteit im Rückgange. Das Großhergogtum Hessen weist im Jahre 1914 von 31274 Lebendgeborenen 3229 Ge⸗ storbene im ersten Lobensfahr auf. Es kommen also in diesem Jahre auf hundert Lebendgeborene 10,3 Todesfälle. Es kamen auf das Hundert Lebendgeborene in den Jahren 1913; 9,3; 1912: 10,1; 1911: 129 und 1910: 11,3 Sterbefälle. Von 1906 bis 1910 betrug der Prozentsatz 12,0. Von 1911 bis 1914 dagegen beträgt er nur 10,6. Es ist also erfreulicherweise ein Rückgang zu verzeichnen. Die hohe Ziffer von 1911 ist auf den damaligen beißen Sommer aurückzufühwen.