Hessen und Nachbargebiete.
Gießen und Umgebung. Wer vertevert die Lebensmittel?
Die agrarische Presse wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Behauptung, daß den Landwirten die Schuld an der herrschenden gewaltigen Teuerung beizumessen sei. Wenn man's so liest, möcht's leidlich scheinen. wenn nur anderer- seits ncht Tatsachen vorhanden wären, aus denen sich die Be⸗ rechtigung der erhobenen Vorwürfe ergibt. Man denke nun an das Verhalten vieler Landwirte in der Kartoffelver⸗ sorgung und den famosen Schweinehandel der Landwirt schaftskammer in Hannover. Die Preistreiberei für Milch sällt in das gleiche Kapitel. Die Deutsche Tageszeitung bringt nun zur Abwehr einen Artikel des Geheimrats Semmler-Breslau, der mit seiner Beweisführung offene Türen einrennt, denn es ist noch von keiner Seite bestritten worden, daß die Preise für Dünge- und Futtermittel in die Höhe gegangen sind. Diese Preissteigerung steht aber in gar keinem Verhältnis zu der Steigerung, die die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse erfahren haben. Daß es der Landwirtschaft nicht schlecht geht, das ergibt sich auch aus den Rechnungsabschlüssen landwirtschaftlicher Spar- und Dar⸗ lehensvereine. Geheimrat Semmler schiebt demgegenüber die ganze Schuld auf den Handel, indem er schreibt:
„Die Landwirtschaft will keine höheren Preise haben, als sie durch die Kosten und durch einen mäßigen Verdienst bedingt werden. Sie kann nicht billiger liefern als zu Preisen, wie sie die Aufrechterhaltung der Wirtschaftskraft erfordert: das ist der Grundsatz, der gerecht ist und gegen den niemand verstoßen darf. Es ist dann Sache der Verbraucher, die ihnen von der Landwirt⸗ schaft zur Verfügung gestellten Nahrungsmittel sinn- und sach⸗ gemäß zu behandeln und zu verwalten; Sache der Verbraucher ist es, scharf aufzupassen, daß die Nahrungsmittel, sobald sie den Hof des Landwirts verlassen haben, nicht unnütz verteuert wer⸗ den: Auge und Ohr muß der Verbraucher offen halten, wenn er nicht die Erfahrung machen will, daß die Verteuerung der Lebens⸗ mittel erst eintritt, nachdem der Landwirt sie abgeliefert hat. Ganz ungeheuer sind im letzten Kriegsjahr die Aufschläge ge⸗ wesen, die die Verbraucher dem Zwischenhandel bei manchen Artikeln haben bezahlen müssen. Der Landwirt hat durchaus kein Interesse daran, daß der Zwischenhandel ausgeschaltet wird, aber er hat ein großes Interesse daran, daß die Höhe der Lebens⸗ mittelpreise nicht ihm selber in die Schuhe geschoben wird. Zu⸗ nächst möge man unter allen Umständen dahin wirken, daß Höchstpreise für Mehl festgesetzt werden. Die Getreidepreise müssen nach meiner Ueberzeugung unbedingt dem letzten Jahr gegenüber erhöht werden, aber diese Erhöhung spielt keine Rolle für den Brotpreis. Die Verbraucher werden billigeres Brot haben, wenn nur die unnötigen Verdienste im Mehlhandel be⸗ schnitten werden.“ 5 l 5
Kein Mensch hat bestritten— die Interessenten natürlich ausgenommen— daß Spekulation und Handel auch ihr red⸗ lich Teil zur Verteuerung mit beigetragen haben. Deshalb muß immer wieder verlangt werden, daß die Beschlagnahme der Lebensmittel beim Produzenten erfolgen muß unter gleichzeitiger Festsetzung von Höchstpreisen für den Handel. Auf keinen Fall aber ist eine Erhöhung der Getreidepreise gerechtfertigt, wenn man nicht direkt auf eine Katastrophe zu⸗ steuern will.
Die Landwirtschaftskammer für die Provinz Westfalen gibt z. B. die Versicherung ab:
„Die Landwirtschaft wird wie bisher, so auch in Zukunft vor keinem Opfer zurückschrecken, wo es sich um das Wohl des Vater⸗ landes handelt, und ist nach wie vor bereit, durch ihre Standes⸗ vertretungen auch in einem Ausgleiche der Sonderinteressen der einzelnen Bevölkerungsklassen mitzuwirken, soweit dies ohne Ge⸗ fährdung ihres Bestandes möglich ist.“ 5
Gleichzeitig aber droht dieselbe Landwirtschaftskammer:
Vor einer Festsetzung von Höchstpreisen für Vieh und tierische Erzeugnisse muß dringend gewarnt werden, da eine solche Maßnahme zu einer die Volksernährung bedrohenden Ein⸗ schränkung der Viehhaltung führt und daher eine ernste Gefahr für die Sicherung einer nachhaltigen Versorgung der Bevölkerung mit diesen Erzeugnissen in sich schließt.“ 5 a Wenn Worte noch einen Sinn haben sollten, dann können diese Sätze nur bedeuten, daß mit einer Einschränkung der Viehhaltung gedroht wird, falls das Reich Höchstpreise fest⸗ setzen sollte. Wo da die stets betonte Opferwilligkeit liegen soll, ist wirklich unerfindlich.
Lügt mit Verstand!
„Die Maulheldenpresse, deren wir jetzt nach zwölf Monaten des
zähesten aller Kriege leider immer noch eine beschämend große Zahl haben, treibt mit großem Eifer und noch größerer Strenge eine be⸗ sondere Art von Völkerpsychologie. Alle Nationen, die den Zentral⸗ mächten gegenüberstehen, werden auf Herz und Nieren geprüft, aber keine kann vor diesen Helden der Feder in des Wortes übelster Be⸗ deutung bestehen. Die Engländer sind erbärmliche Krämerseelen, die sich vor dem Kriege wie der Teufel vorm Weihwasser. Das framzösische Volk ist durch einen jahrhundertelangen liederlichen und ausschweifenden Lebenswandel vollständig entnervt und verbraucht. Nußland hat bestechliche und diebische Beamte, seine Offiziere sind Spieler, Säufer und Weiberhelden und der Muschik ist ein stumpf⸗ sinniges Vieh, also im Kriege nicht brauchbar. Die Serben sind Halbwilde. Die Montenegriner Hammeldiebe. Die Japaner Halb⸗ affen. Und unsere ehemaligen Bundesbrüder, die noch vor kr em von der Maulheldenpresse so heiß umworbenen Italiener, sind ein Volk non Plattenbrüdern, Mauldreschern und Feiglingen.
Man wird zugeben: diese Urteile sind einigermaßen befremdend. Nicht, weil sie erstunken und erlogen sind. Daß die Kriegsheter lügen, versteht sich von selbst. Auch daß sie gar so unanständig lügen, ist begreiflich; wenn schon, denn schon. Aber daß sie so ganz ohne Verstand, so unzweckmäßig lügen, ist doch sehr auffallend. Sie sind doch sonst geriebene Burschen. Wie können sie übersehen, was ein Blinder sieht: daß die fortwährende systematische Herabsetzung des Feindes auf eine Selbstherabsetzung hinauslaufen muß? Macht eséuch endlich einmal klar, ihr edlen Herren, was Ihr treibt! Ihr erzählt der Welt seit zwölf Monaten, daß die Armeen, mit denen die deut⸗ schen und österreichischen Truppen kämpfen, aus lauter Falstafsschen Steifleinenen bestehen. Da muß sich doch schließlich sogar Eueren Fritiklosesten Lesern die Frage aufdrängen: Wie ist es nur mög⸗ lich, daß der Weltkrieg länger als vierzehn Tage dauern koumte? Wenn die seindlichen Mächte wirklich nur schlecht ausgerüstete, schlecht verpflegte, schlecht geführte und von Haus aus demoralisierte Armeen ins Feld gestellt haben, wie kommt's, daß die in jeder Be⸗ ziehung hervorragenden Heere der Zentralmächte mit ihnen so lange nicht fertig werden können?
Seht Ihr, verehrte Herren Kriegshetzer, das kommt von der sinnlosen Schimpferej auf den Feind. Besiegt man ihn im ersten Anlauf, so ist der Sieg von vornherein durch Euer Geschwätz ent⸗ wertet, weil es natürlich beine sonderliche Ehre sein kann, einen kriegsuntschtigen Feind niederzuringen. Läßt aber der Sieg auf sich warten, so mülssen die hirnrissigen Schmähungen, mit denen ihr
den Feind überhäuft, verwirrend und beunruhigend wirken. Also verbessert Eure Methoden! Das soll nicht heißen: Lügt nicht mehr! sondern: Luigt mit Verstand! Macht den Feind herunter, aber nicht so, daß er lächerlich und ungefährlich erscheint, sondern so, daß man Respekt vor ihm haben muß! Bedenkt doch: wie werdet ihr dann nach jedem Sieg triumphieren können!
— Ueber die voraussichtliche Kartoffelernte wird von allen Seiten günstig berichtet. Seit Jahren hätten die Kartoffeln nicht so schön gestanden, als in diesem und wenn die Witterung einigermaßen günstig bleibe, so wäre eine ganz ausgezeichnete Kartoffelernte zu erwarten. Auch über die Frühkartoffeln kann man gar nicht klagen, obwohl sie infolge der Inni⸗ Trockenheit im Wachstum zurückblieben. Hoffentlich greifen die Behörden rechtzeitig ein, damit die Konsumenten nicht wieder derartig übervorteilt werden, wie es im vorigen Herbst der Fall war.
75 Jahre in einer Mietwohnung. Im Korrespondent für Deutschlands Buchdrucker wird berichtet: Der dieser Tage in Stuttgart verstorbene 76 Jahre alte Buchdrucker Wilhelm Götz, eine in weiten Stuttgarter Kreisen wohlbekannte Persönlichkeit, hat 75 Jahre, also sein ganzes Leben lang, in ein und derselben Mietwohnung zugebracht.(Das läßt darauf schließen, daß der Hausbesitzer nicht so steigerungswütig war, wie viele seiner Kollegen.)
— Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Kanonier Richard Waldeck aus Alsfeld, 21. Fuß⸗Artillerie⸗
Bataillon.— Wehrmann Wilhelm Euler aus Albach, Inf. Reg. 186.— Musketier Karl Bill aus Naunheim, Inf. Reg. 221.— Schütze Wilhelm Messerschmidt aus Ulm,
Kreis Wetzlar.
— Sonnenbad und Hautverbreunnung. Es gibt Leute,— so schreibt die Arbeiter⸗Turn⸗Zeitung— die es schön finden, wenn sie braungebrannt Kraft und Gesundheit oder glauben, daß es die Leute dafür halten. Aus purer Efsekthascherci lausen sie ins Sonnenbad, lassen sich dort regelmäßig braten und wundern sich dann, wenn sie statt der erhofften Wohlgefühle Fieber bekommen, und ihnen nach Tagen die Haut fladenweise nom Leibe pellt. Man muß sich geradezu wundern, welch krasse Unwissenheit über die Wirkung der Sonnen⸗
bäder herrscht, denn man sollte meinen, jedermann müßte wissen, daß Verbrennung eben Verbrennung ist, ganz gleich, ob sie von den Man ihn
Sonnenstrahlen oder von einer audern Feuerquelle herrührt. stelle jemand in die Nähe eines glühenden Ofens und beriesele des öfteren mit Wasser, und man wird sinden, daß er bald die 5 eines duftenden Schweinebr 3 annimmt. Ganz dieselbe Pr dur, wenn auch in milderer Form, nimmt der braunlsüsterne Jüng⸗ ling vor, wenn er in einem Bade aus dem Wasser steigt und sich in die brennende Sonne legt. Je öfter den Aufenthalt zwischen Sonnenschein und Wasser wechselt, um so schneller wird er braun. Die Wirkung kommt auf ziemlich einfache Art zustande, die Wasser tropfen auf der Haut fangen die Sonnenstrahlen wie eine Lin konzentrieren und verstärten damit ihre Wirkung um ein vielfaches, ohne daß der ahnungslose Jüngling etwas davon merkt. Wenn es ihm zu warm wird, geht er vertrauensvoll wieder ins Wasser, um sich abzukühlen und glaubt obendrein noch, der guten Sonne ein Schnippchen geschlagen zu haben, bis er dann gegen Abend den Braten merkt. Die Haut ist zum Platzen spröde und im Körper glüht es, als stecke die Hölle darin. Das ist das Fieber. Im günstigsten Falle kommt er mit dem Verlust der obern Hautschicht davon, damit ist dann freilich quuch die„schöne“ braune Farbe wieder zum Teufel. Es kann aber auch schlinnmner kommen, ja, sogar das Leben kosten. Die verbrannte Haut kann nicht mehr atmen, ist also ihrer wichtigsten Funktion beraubt. Was das für den Körper be⸗ deutet, davon zeugt das entstehende Fieber recht deutlich.
Beim Gebrauch non Sonmenbädern muß ganz vorsichtig be⸗ gonnen werden, das Liegen in der Sonne ist überhaupt verwerflich. muß aber jedenfalls an den ersten Tagen streng vermieden werden. Nach dem Verlassen des Wassers muß der Körper trockengerieben werden. Ist erst die Haut genügend abgehärtet, dann ist keine Ge⸗ fahr mehr vorhanden, aber das Herumlaufen im grellen Sonnen⸗ schein mit nassem Körper ist auch dann zu unterlassen.
Fürsorge für die Kriegsbeschädigten. Der Landesausschuß für die Kriegsbeschädigtenfürsorge im Großh. Hessen gibt soeben eine kleine Druckschrist heraus, die für die weiteste Oeffentlichkeit be⸗ stimmt ist. Der Landesausschuß richtet darin zunächst ein Trost⸗ und Mahnwort an die Kriegsbeschädigten und verbreitete sich dann eingehender über die Zwecke und Aufgaben der Kriegsbeschädigten⸗ fürsorge sowie über ihre Organisation im Großh. Hessen. Die Schrift wird an alle Interessenten kostenlos abgegeben und kann von der Landesversicherungsanstal; Großh. Hessen, Darmstadt, Wil⸗ helminenstraße 34 bezogen werden. Gleichzeitig verbreitet der Landesausschuß ein Merkblatt über die Versorgungsansprüche der Kriegsbeschädigten und ihrer Hinterbliebenen, das ebenfalls von der Landesversicherungsanstalt unentgeltlich abgegeben wird.
— Bestandserhebung und Beschlagnahme. Das stellvertretende Generalkommando des 18. Armeekorps hat zwei Verordnungen erlassen und zwar über:
I. Beschlagnahme, Meldepflicht und Ablieferung von fertigen, gebrauchten und ungebrauchten Gegenständen aus Kupfer, Messing und Reinnickel.
A) Gegenstände aus Kupfer und Messing:
1. Geschirr und Wirtschaftsgeräte jeder Art für Küchen Backstuben.
2. Waschkessel, Türen an Kachelöfen und Kochmaschinen bezw.
Herden. Warmwasserschiffe, behälter,
3. Badewannen; ⸗schlangen usw. B) Gegenstände aus Reinnickel: 1. Geschirre und Wirtschaftsgeräte jeder Art für Küchen und Backstuben. 2. Einsätze für Kocheinrichtungen, wie Kessel, Deckelschalen usw. II. Sämtliche Vorräte der in einer der Bekanntmachung beige⸗ fügten Uebersichtstafel erwähnten Chemikalien. Die Verordnungen benennen in 8 3 alle von ihr be⸗ troffenen Personen, Gesellschaften und Betriebe.
Die Meldepflicht zu J. wird noch festgesetzt, zu II. be⸗ ginnt sie am 10. August dieses Jahres. Die Bekanntmachung ist am Gießen ausgehängt und auch auf unserem Bureau
worauf wir besonders hinweisen.
— Die Gießener Freilichtbühne hat mit der am Samstag im Stadtheater nochmals veranstalteten Aufführung des„Bimbächer“ vorläufig Schluß gemacht. Wieder war die Vorstellung recht gut besucht und erzielte lebhaftesten Beifall. Herrn W. W. Göttig, der unermüdliche Arbeit für die Freilichtbühne geleistet hat, wurde ein Lorbeerkranz überreicht.— Ob nach den großen Ferien noch rag 5 zur Aufführung gelangen können, ist vorläufig noch raglich.
und
⸗blasen,
Bürgermeistereigebäude zu einzusehen,
Kreis Friedberg⸗ Büdingen.
— Tyb infolge einer kleinen Verletzung. In Rendel stieß sich dieser Tage ein junger Bursche einen Holzsplitter unter den Fingernagel. Es entstand eine Blutvergiftung, zu der noch ein 5 hinzutrat, an dessen Folgen der junge Mann ver⸗ arb.
Bad⸗Nauheim, 31. Juli. 1015: 14309 Kurgäste angekommen. 175 090 abgegeben.
Badebesuch. Bis zum 29. Juli Bäder wurden bis dahin
—
An das deutsche Volk!
Berlin, 31. Juli.(W. B. Amtlich.)
Ein Jahr ist verflossen, seitdem ich das deutsche Volk zu den Waffen rufen mußte; eine unerhört blutige Zeit kam über Europa und die Welt. Vor Gott und der Geschichte ist mein Gewissen rein: Ich habe den Krieg nicht gewollt. Nach den Vorbereitungen eines ganzen Jahrzehnts glaubte der Verband der Mächte, denen Deutschland zu groß geworden war, den Augenblick gekom⸗ men, um das in gerechter Sache treu zu seinem österrei⸗ chisch-ungarischen Bundesgenossen stehende Reich zu demütigen oder in seinem übermächtigen Ringe zu erdrücken.
Nicht Eroberungslust hat uns, wie ich schon vor
einem Jahre verkündete, in den Krieg getrieben. Als in den Augusttagen alle Waffenfähigen zu den Fahnen eilten und die Truppen hinauszogen in den Verteidigungskampf, fühlte jeder Deutsche auf dem Erdball, nach dem einmütigen Beispiele des Reichstags, daß für die höchsten Güter der Nation, ihr Leben und ihre Freiheit, gefochten werde,— wußte, was uns bevorstand, wenn es fremder Gewalt gelang, das Geschick unseres Volkes und Europas zu bestimmen. Das haben die Drangsale meiner lieben Provinz Ostpreußen gezeigt. Durch das Bewußtsein des aufgedrungenen Kampfes ward as Wunder vollbracht: Der politische Meinungsstreit ver⸗ stummte, alte Gegner fingen an, sich zu verstehen und zu achten, der Geist treuer Gemeinschaft erfüllte alle Volks- genossen.
Voll Dank dürfen wir heute sagen: Gott war mit uns. Die feindlichen Heere, die sich vermaßen, in wenigen Monaten in Berlin einzuziehen, sind mit wuchtigen Schlägen im Westen und im Osten weit zurückgetrieben. Zahl⸗ lose Schlachtfelder in den verschiedensten Teilen Europas, Seegefechte an nahen und fernsten Gestaden bezeugen, was deutscher Ingrimm in der Notwehr und deutsche Kriegs⸗ lunst vermögen. Keine Vergewaltigung völkerrechtlicher Satzungen durch unsere Feinde war imstande, die wirtschaft⸗ lichen Grundlagen unserer Kriegsführung zu erschüttern. Staat und Gemeinden, Landwirtschaft, Gewerbefleiß und Handel, Wissenschaft und Technik wetteiferten, die Kriegsnöte
zu lindern, verständnisvoll für notwendige Eingriffe in den
freien Warenverkehr. Ganz hingegeben der Sorge für die
Brüder im Felde, spannte die Bevölkerung daheim
alle ihre Kräfte an zur Abwehr der gemeinsamen Gefahr. Mittiefer Dankbarkeit gedenkt heute und immer⸗
f. dar das Vaterland seiner Kämpfer, derer, die todesmutig dem
Feind die Stirne bieten, derer, die wund oder krank zurück⸗ kehrten, derer vor allem, die in fremder Erde oder auf dem Grunde des Meeres vom Kampfe ausruhen. Mit den Müt⸗ tern und Vätern, den Witwen und Waisen empfinde ich den Schmerz um die Lieben, die fürs Vaterland starben.
Der innere starke und einheitlich natio⸗ nale Wille, im Geiste der Schöpfer des Reiches, ver ⸗ bürgen den Sieg. Die Deiche, die sie in der Voraus⸗ sicht errichteten, daß wir noch einmal zu verteidigen hätten, was wir 1870 errangen, haben der größten Sturmflut der Weltgeschichte getrotzt. Nach den beispiellosen Beweisen von persönlicher Tüchtigkeit und nationaler Lebens⸗ kraft hege ich die frohe Zuversicht, daß das deutsche Volk, die im Kriege erlebten Läuterungen treu bewährend, auf den erprobten alten und auf den vertrauensvoll betretenen neuen Bahnen weiter in der Bildung. und Gesittung rüstig vorwärtsschreiten wird.
Großes Erleben macht ehrfürchtig und im Herzen fest. In heroischen Taten und Leiden harren wir ohne Wanken aus, bis der Friede kommt, ein Friede, der uns die not ⸗ wendigen militärischen, politischen und wirtschaftlichen Sicherheiten für die Zu- kunftbietet und die Bedingungen erfüllt zur ungehemm⸗ ten Entfaltung unserer schaffenden Kräfte in der Heimat und auf dem freien Meere.
So werden wir den großen Kampf für Deutschlands Recht und Freiheit, wie lange er auch dauern mag, in Ehren bestehen und vor Gott, der unsere Waffen weiter segnen wolle, des Sieges würdig sein.
Großes Hauptquartier, den 31. Juli 1915.
Wilhelm J. R.
Tahesberichtedes Großen Hauptguartiers.
Heftige Luftkämpfe im Westen.
Vorwärts am Narew und am rechten Weichselufer. W. B. Großes Hauptquartier, 31. Juli, vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz.
Gestern früh stürmten wir die bei unserem Angriffe auf Hoghe(südlich von Ppern) am 3. Juni noch in englischer Hand gebliebenen Häuser am Westrande des Orts sowie einen Stützpunkt südlich der Straße nach Ypern. Nachmittags und nachts wurden Gegenangriffe des Feindes zurückgeschla⸗ gen. Wir eroberten 4 Maschinengewehre, 5 Minenwerfer und nahmen einige Engländer gefangen. Die in den Gräben des Feindes gefundene Zahl Toter beweist sehr große blutige Ver- luste.
Die Franzosen griffen bei Souchez abermals erfolglos mit Handgranaten an.
Die erbitterten Kämpfe um die Linie Lingekopf— Barrenkopf in den Vogesen sind zu einem Stillstand gekommen. Die Franzosen halten einen Teil unserer Stellung am Lingekopf noch besetzt. Schratzmännle und Barrenkopf sind nach vorübergehendem Verlust wieder in unserer Hand.
Als Vergeltung für die mehrfachen Bombenabwürfe der Franzosen auf Chauny, Tergnier und andere Orte hinter unserer Aisnefront wurde der Bahnhof Compieux beschossen.
Auf die Augrisse französischer Flugzeuggeschwader, die
gestern auf Pfalzburg, Zabern, nördlich Hagenau


