Ausgabe 
2.8.1915
 
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schen und französischen Kolonialtruppen erreichten, nur fünf Kilometer von der ursprünglichen Landungsstelle entfernt. Nach dem, was Asquith selbst mitgeteilt habe, hätten diese fünf Kilometer den Briten 45 000 Mann gekostet, alsoe jeder Kilometer 10 000 Mann, oder 10 Tote, Verwundete und Gefangene auf den laufenden Meter, anders ausgedrückt gegen 600 Mann täglich während voller drei Monate. Hierzu rechne man alle untergegangenen und beschädigten Kriegs⸗ schiffe, sowie die französischen Verluste, die nicht bekannt⸗ gegeben worden sind. Es werde klar, daß die Alliierten sich auf ein äußerst kostspieliges Experiment eingelassen hätten. Die Beantwortung der amerikanischen Note. T. U. Hannover, 31. Juli. Zu der Meldung der Voss. Ztg. vom Mittwoch abend, daß die deutsche Regierung die letzte amerikanische Note nicht beantworten werde, erfährt der Hann. Kurier zuverlässig, daß ein Beschluß darüber noch nicht gefaßt sei. Die bevorstehende Räumung von Warschau,

Iwangorod und Nowogeorgiewsk.

T. U. Kopenhagen, 31. Juli. Rußki Invalid schreibt: Augenblicklich steht das russische Heer fast der gesamten deut⸗ schen Reiterei, fast dem gesamten österreichischen Heer und mehr als der Hälfte der deutschen Streitkräfte gegenüber. Die Artillerie des Feindes ist groß an Zahl wie an Kaliber und reichlich mit Munition versehen. Das russische Heer leistet heftigen Widerstand. Es hält dem furchtbaren Feuer Stand bringt dem Feinde große Verluste bei und ermattet ihn voll⸗ ständig, trotz seiner reichen technischen Hilfsmittel. Auch für das russische Heer wird der Augenblick kommen, wo die not wendigen Vorräte zu seiner Verfügung stehen werden. Wenn auch Warschau und die Weichsellinie mit Jwangorod und Nowogeorgiewsk geräumt werden müssen, der Rückzug sichert Rußland eine baldige unwiderstehliche Offensive.

Grenzgefechte in Bessarabien. Bukarest, 31. Juli. Heutige Morgenblätter melden aus Mihaileni: Die Russen haben an der Grenze von Bessarabien eine neue empfindliche Niederlage erlitten. Truppen der Armee Pflanzer-Baltin haben in der Nacht einen schneidigen Angriff auf die Posten unternommen, die aus ihren Stellungen derart verdrängt wurden, daß sie viel Kriegs⸗ material und auch Gefangene in den Händen der Oesterreicher ließen und sich zurückzogen.

Die englische Note an Griechenland.

Genf, 31. Juli. Die englische Note an Griechenland wegen der Besatzung von Mytilene gibt den Blättern Anlaß festzustellen, daß England bereits zweimal dasselbe tat wie Deutschland gegenüber Belgien. England war aber sicher, daß niemand, auch nicht die neu⸗ tralen Länder, es wagen würden, sich einzumischen und England Ungerechtigkeit vorzuwerfen. Das Schlagwort vom größten Ver⸗ rechen der Geschichte sei eben, wie die Blätter sagen, nur Deutsch⸗ ö gegenüber anzuwenden.

Die Enthüllungen der Norddeutschen.

T. U. Genf, 31. Juli. Nach einer Privatmeldung bot Baron Guilleaume, der Gesandte des Königs Albert in Paris, wegen der Enthüllungen in der Norddeutschen Allgem. Ztg. seine Demission an, aber Poincaré und Delcassé wirkten auf den König ein, die Ent⸗ lassung einem späteren Zeitpunkt vorzubehalten, damit der Schein 5 werde, als ärgerten sich die Pariser leitenden Persönlich⸗ eiten.

Kriegsnotizen.

Die Petersburger Telegraphen⸗Agentur meldet: Ein deut sches Flugzeug, das Mitau überflog, ist aus großer Höhe a b gestürzt. Die beiden Flieger wurden getötet.

Die dänische Kommunalverwaltung erhielt für September und Oktober 1915 das Vorkaufsrecht zum Erwerb von Brennholz für Unbemittelte. In den Staats⸗ waldungen sollen umfassendere Ausforstungen bevorstehen.

Nach dem Berliner Lokalanzeiger bewilligte der schweizeri⸗ sche Bundesrat 15 bis 18 Millionen für die feldgraue Uni⸗ formierung der schweizerischen Armee.

Die Tribune meldet aus Washington: Trotz der britischen Blockade und der Tatsache, daß Deutschland faktisch von der übrigen Handelswelt isoliert ist, gelang es im Mai, Güter im 1 von 3 172 000 Dollers nach den Vereinigten Staaten zu

ringen.

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Parteinachrichten. Genossin Zetkin verhaftet. Wie wir vernehmen, ist die Genossin Klara Zetkin in Stutt⸗ art verhaftet und nach Tarlsruhe überführt worden. Der rund zu dieser Maßnahme ist nicht bekannt. Die Genossen Martin und Wicky 5 in Mülhausen im Elsaß wurden wegenBekundung deutsch⸗ feindlicher Gesinnung zu je drei Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Es sind seinerzeit in Mülhausen zehn Ge⸗ nossen verhaftet worden. Drei wurden wegen Briefschmuggels

nach Frankreich schon früher zu kurzen Strafen verurteilt, gegen fünf wurde das Verfahren eingestellt und gegen die Genossen

Martin und Wicky wurde jetzt verhandelt mit dem obenerwähnten Ergebnis. Gesprächsweise gefallene Aeußerungen während der französischen Invasion in Mülhausen, die von einem Landsturm⸗ mann als Zeugen wiedergegeben wurden, bildeten die Grundlage zur Beurteilung der Gesinnung der verurteilten Genossen durch den Richter. Die Strafe wurde auf die mehr als viermonatige Untersuchungshaft angerechnet. Ob die beiden Genossen entlassen sind oder noch weiter in Schutzhaft behalten werden, konnten wir bisher nicht feststellen. i Ein sozialdemokratischer Beigeordneter.

In der niederrheinischen Stadt Höhscheid(17000 Einwohner) besitzen unsere Genossen im Stadtverordnetenkollegium die Mehr⸗ heit. Anstelle eines kürzlich verstorbenen bürgerlichen Beige⸗ ordneten wählten unsere Genossen den sozialdemokratischen Stadt⸗ verordneten Alb. Freund zum Beigeordneten. Die bürgerlichen Herren stimmten für einen der Ihrigen.

Die Hamburger Budgetbewilligung.

In zwei stark besuchten Parteiversammlungen erörterten die Hamburger Genossen die Frage der sozialdemokratischen Bewillig⸗ ung des Budgets in der Hamburger Bürgerschaft. Mit sehr großer Mehrheit wurde beschlossen, diese Budgetbewilligung für gerechtfertigt zu erklären.

Die sozialdemokratischen Frauen und der Krieg.

Wie wir erfahren, ist die Arbeit der Genossin Zietz, die unter dem obigen Titel im Ergänzungsheft der Neuen Zeit erschienen und bereits von uns besprochen wurde, jetzt in einer billigen Agitationsausgabe herausgekommen. Der Verlag(Genosse Dietz Stuttgart) hat sich dabei sehr entgegenkommend gezeigt, er liefert das Einzelheft inkl. Porto für 15 Pfg., 1000 Stück, beim Bezug durch die Organisationen, für 75 Mk. Der sehr billige Preis er⸗ möglicht die weiteste Verbreitung, die auf das wärmste empfohlen werden kann.

Aus dem württembergischen Landtage.

Bei der Schlußabstimmung über den Etat stimmten unsere Ge⸗ nossen im württembergischen Landtage mit Ja unter Abgabe sol⸗ gender Erklärung:

Wir haben dem vorliegenden Hauptfinanzetat, dessen Berat⸗ ung unter außergewöhnlichen Umständen erfolgte, aus solgenden Gründen zugestimmt: Durch die Einführung der Ver⸗ mögenssteuer ist eine alte Forderung unserer Partei in einer Form verwirklicht worden, die zwar nicht alle unsere Ansprüche erfüllt, in ihrer weitgehenden Befreiung der kleinen Ver⸗ mögen aber unsere Anerkennung findet. Auch die Gewinnung der Wertgzuwachssteuer für den Staatshaushalt findet unsere Anerkennung. Die Regierung hat durch die Vorlage der beiden Gesetzentwürfe bei der Deckung des Defizits nach dem, Grundsatz der Schonung der weniger leistungsfähigen Klassen ge⸗ handelt, den wir für die Ausbildung des staatlichen Steuersystems in die erste Linie stellen.

Weit schwerer als dieser Gesichtspunkt fällt für unsere Ent⸗ scheidung die Erwägung ins Gewicht, daß alle inner politi⸗ schen Gegensätze solange zu schweigen haben, als die Gefahren, die dem Sein unseres Volkes von einer feindlichen Uebermacht drohen, nicht endgiltig abgewehrt sind. Die Geschlossenheit des württem⸗ bergischen Volkes in diesem ungeheuren Kampfe auch nach außen zu betonen, galt uns als erste Pflicht. Es handelt sich jetzt für uns nicht darum, einer Regierung ein Vertrauens votum zu geben. Wir lehnen daher alle Schlüsse ab, die man in dieser Hinsicht aus unserer Handlung ziehen möchte. Es handelt sich vielmehr darum, auszusprechen, daß die Volks⸗ klassen, die wir zu vertreten haben, sich als untrenn⸗ baren Teil des Volksganzen betrachten.

Die FraktionSozialistische Vereinigung(Westmeyer⸗ Gruppe) stimmte gegen den Etat.

In einer gemeinsamen Sitzung beider Kammern erfolgte der Schluß der Tagung mit der Bekanntgabe einer Botschaft des Königs, die den Dank für die Arbeit des Landtages, besonders aber für die Truppen im Felde zum Ausdruck brachte, und mit einem vom Präsidenten der Ersten Kammer ausgebrachten Hoch auf König, Truppen, Land und Volk.

Für Narteivorstand und Neichstagsfraktion.

Zur Haltung der Reichstags fraktion in der Kriegs⸗ kredit⸗ und Budgetbewilligungsfrage und den Vor⸗ gängen in der Partei nahmen am vor. Sonntag zwei Vertrauens⸗ männerversammlungen des 22. ischen Reichstagswahl⸗

n*

N

. kreises in Reichenbach und Plauen Stellung. Die Vertrauensleute

des 22. Kreises nahmen nach einem Referat des Bezirkssekretärs,

i 5. Juli in Reichenbach j. V. versammelten Ver⸗ . 55 Jagtalbemokratischen Vereins für den 22. e schen Roichstagswahlkreis erklären sich mit der 1. gebung des Parteiausschusses vom 1. Juli ein vet st a 55 115 In der Konferenz des 23. Kreises wurde nach einem Vortrag s Reichstags a zenossen und längerer Debatte des Reichstagsabgeordneten Genossen Jäckel un 18 9651 zunächst eine Resolution abgelehnt, welche die bis 7217 1105 ligung der Kriegskredite und des Budgets verurtei 1 105 fernere Bewilligung derselben ablehnt und im weiteren 8 n die Beschlüsse des Parteiausschusses in seiner Stellung zur b 1799 heit und zur Kundgebung der 110 e usw. wendet. Für iese Resolution sti ur drei Gen. 5 33 Bonn gegen 16 Stimmen von ungesähr

110 anwes retern folgende Resolution ann 5 teste des 23. sächsischen Wahlkreises stellen sich in Sachen der Kriegskredite auf den Boden der Beschlüsse des Parteivorstandes und des Parteiausschusses. 1 1 Sie danken den Partciinstanzen für die zahlreichen Kundgebungen zum Zwecke der Herbeiführung eines bal⸗ digen Friedensschlusses und erwarten erweiterte Tätigkeit nach

dieser Richtung. N. besonders notwendig erscheint den Vertrauensleuten Ganz besonders notwendig den emflußrein en wirf

entschiedener Protest gegen die von 0 0 lichen, fast die gesamte bürgerliche Welt Deutschlands repräsen⸗

tierenden Körperschaften propagierten A nnexionspläne.

Sie 1 8 für geboten, ungesäumt in geeigneter Weise den Standpunkt der Sozialdemokratie zur Frage der Annexionen ein⸗ gehend vor der Oeffentlichkeit zu begründen und dem deutschen Volke die aus der Befolgung der Annexionspläne erstehenden Schäden darzulegen. 8 2

Des 1 5 hat die Fraktion die Freigabe der Diskussion der Kriegsziele zu verlangen, gogen weitere Kredite zu stimmen, sobald Eroberungen als Kriegsziele erkannt sind.

Sie verurteilen die vergiftende Tätigkeit jener Anhänger der Minorität, welche, in Sondergruppen organisiert, die Partei im In⸗ und Auslande, in Flugblättern und Preßartikeln schmähen und herabsetzen. 1

In Sachen des Aufrufs der Genossen Haase, Kautsky sind die Vertrauensleute der Meinung, daß es Pflicht des Parteivorsitzenden ist, vor Erlaß solcher Publikationen seine Absicht dem Parteivorstand vorzutragen. Sie lehnen es aber ab, aus dem Einzelakt zu folgern, daß Haase als Vorsitzender un⸗ möglich sei.

Parabellum

gießt wieder einmal in der Berner Tagwacht seinen Unrat über die deutsche Sozialdemokratie. In einem ArtikelRevolutionäre Durchgaltepolitik beschäftigt er sich mit den friedens feindlichen Beschlüssen des Nationalrats der französischen Sozialdemokratie. Diese Beschlüsse sind ihm natürlich sehr unangenehm, sind sie doch der beste Beweis für die Richtigkeit der deutschsozialistischen Politik des vierten August, und er befürchtet, wie sehr deutlich aus dem Artikel zu erkennen ist, durch diese Beschlüsse eine Diskredi⸗ tierung und Erschütterung der deutschen Parteiminderheit. Aber einem Parabellum muß alles zum Vorteil dienen, wenn es gilt, die deutsche Parteileitung und die hinter ihr stehende Parteimehr⸗ heit zu verunglimpfen. Und so findet er denn, daß die Schuld an der friedensfeindlichen Haltung des Nationalrates der französi⸗ schen Partei die deutsche Parteileitung und Parteimehrheit tragen. Er schreibt nämlich:

Dann kommt noch eines in Betracht, was die deutsche Opposition bedenken muß: sie, die ganze Organisationen hinter sich hat, bewährte Führer, über Preßorgane verfügt usw., steht, was die politische Aktion gegen den Krieg anbetrifft, erst am Anfang. Und nur ihre kräftige Aktion kann in weiteren Kreisen der französischen Arbeiterschaft die Zuversicht wecken, daß es in Deutschland eine Kraft gibt, die dem Imperialismus in den Arm fallen kann. Die einzige wirklich aussichtvolle Art, auf die Friedensbestrebungen der französischen Arbeiter einzuwirken, ist die politische Aktion gegen den Imperialismus in Deutschland zu steigern. Die deutschen Sozialpatrioten ziehen natürlich den umgekehrten Schluß: daß nach dem Ausgang der Tagung des französischen Parteirates nichts anderes zu tun sei, als sich desto enger um den Kaiser zu scharen, was sie schon bisher mit per⸗ verser Wollust getan haben. Die Heuchler! Als ob die Haltung der französischen Sozialdemokratie nicht zu gutem Teil der Aus⸗ fluß der Tatsache wäre, daß eben die jetzt von Entrüstung heulen⸗ den deutschen Sozialpatrioten die Fahne des Sozialismus mit Füßen getreten haben! Als ob sie und die Parteiinstanzen nicht alles getan hätten, um der französischen Sozialdemokratie klarzumachen, daß die Opposition in Deutschland keine Bedeut⸗ ung habe.

Parabellum ist kein deutscher Sozialdemokrat; insofern könnte man ihn seinen Gemeinheiten gegen die deutsche Partei einfach überlassen. Aber die Minderheit der deutschen Sozialdemo⸗ kratie, sollte es sich verbitten, daß Parabellum als ihr Lehrer, Führer, Berater und journalistischer Herold sich aufspielt.

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Sehen ven Dugenere

Erzählung von Bertold Auerbach. 38

Der alte Schäferle trat ein, bleich, mit weißen Haaren und eingefallenen Wangen, eine bejammernswerte Gestalt. Alle Blicke waren auf Diethelm gerichtet, und dieser wußte, daß dies geschah; mit ruhigen Augen betrachtete er den Mann. in der Wunde am Arme zuckten Pulse, als spürten sie die Nähe des Rächers. In dem Gesicht Diethelms wollte sich's regen, aber er beherrschte seine Züge, er sah gewaltsam starr drein, und kein Nerv bebte.

Sagt, was Ihr habt? ließ sich Diethelm nach einer lautlosen Pause vernehmen, in der man nichts als das Winseln von Medards Schäferhund vor der Tür vernahm.

Das ist meine Sache, fiel der Amtmann ein, und oft von Weinen und Schluchzen unterbrochen, erklärte der alte Schäferle, wie sein Medard ihm schon im Herbste gesagt habe, der Diethelm habe nur eingekauft und versichert, um anzu zünden, er habe sichere Anzeichen davon; wie der alte Mann jetzt klagte, daß er nicht einmal die Leiche seines Sohnes habe, um sie zu bestatten, fuhr sich mancher mit der Hand über das Gesicht; auch Diethelm wischte sich die Augen. Als aber der alte Schäferle schloß:Wenn der Hund da draußen reden könnte, der wüßte mehr, was vorgegangen ist, da spielte ein Lächeln auf dem Antlitz Diethelms. Wieder entstand eine Pause, in der man nichts als das Federkritzeln des Proto kollanten und das Winseln des Hundes hörte.

Soll ich was drauf antworten? fragte Diethelm in höflich stolzer Weise den Amtmann, und dieser erklärte, daß er vorerst gar nichts zu sagen habe.

Der Schäferle erwähnte nun noch, daß ihm Diethelm beim Wegfahren einen Knaben geschickt habe mit der Weisung, er habe Medard über Feld geschickt, und der Vater möge ihn nicht besuchen, während Diethelm doch beim Bahn schlitten gesagt habe, Medard müsse zu Hause bleiben.

Alle Zuhörer in der Stube nickten einander zu und deuteten sich mit den Fingern, wie wichtig das sei.

Soll ich darauf auch nichts sagen? fragte Diethelm,

den Kopf zurückwerfend,man soll den Buben holen lassen, was ich ihm aufgetragen hab', und da mein Vetter war bei mir im Schlitten, der hat alles gehört.

Ich hab' nichts gehört, platzte der Vetter heraus.

Ruhe! gebot der Amtmann,ich weiß schon selbst, wen ich zu verhören habe.

Er verkündete nun Diethelm, daß er verhaftet sei und nach der Stadt abgeführt werde.

Gut, sagte Diethelm aufstehend,darf ich in meinem Fuhrwerk fahren? Ich hab' einen bösen Arm.

Der Amtmann bewilligte dieses, und jetzt trat Martha vor, die allem still zugehört hatte, und sagte:Ich weiß von allem so gut wie mein Mann, ich will mit in den Turm, ich bleib' bei dir, Diethelm. Wir sind von Gott zusammen⸗ gegeben, kein Mensch kann dich von mir trennen.

Jetzt erst sah Diethelm tief traurig drein, wie seine Frau seine Hand faßte. Eine tiefe Bewegung bemächtigte sich aller, und der Amtmann erklärte, daß Martha nicht bei ihrem Manne bleiben, daß sie aber mit ihm selbst nachfahren könne, da man ihrer nur als Zeugin bedürfe.

Als Diethelm von dem Landjäger abgeführt wurde, legte er an der Tür die Hand auf die Schulter des Schäferl, sah ihn durchbohrend an und sagte:Du bist ein Vater, ich nehm' dir's nicht übel, was du tust, aber du wirst's bereuen, was du an mir getan. Wenn ich mit meinem halben Leben deinen Medard wieder aufwecken könnte, ich tät's; und da schwör' ich's vor allen Leuten, ich laß dir's nicht entgelten ich will dir helfen, wo ich kann, du hast ja deinen Sohn ver⸗ loren, und du könntest ja mein Vater sein; ich will mich dünken lassen, mein Vater lebt noch einmol.

Friedle, was hast du an uns tan? klagte die Frau und der Schäfer weinte, man sah es ihm an, wie weh es ihm tat ob dem, was er angerichtet, zumal um den Schmerz der Frau Martha.

Selbst der Landjäger behandelte Diethelm mit Freund⸗ lichkeit und redete ihm Trost zu, daß alles bald wieder aus sei. Als Diethelm an dem Berge vorbeifuhr, auf dem nur

noch ein Schutthaufen rauchte, stieß er einen Schmerzens⸗

schrei aus; dann schloß er die Augen wie zum Schlafe, aber seine Lippen bewegten sich stets, als spräche er; in der Tat stand er auch in Gedanken dem Untersuchungsrichter Red' und Antwort, und manchmal zuckte etwas wie ein Lächeln um seine Mundwinkel, wenn ihm eines der Beweismittel ein⸗ fiel, das jeden Verdacht abwälzen mußte. Der Landjäger schaute oft verwundert in das Antlitz des Schlafenden, der nach so grauenvollen Ereignissen unter peinlicher Anklage so ruhig träumte. Als man der Stadt nahe war, schlug der Landjäger den Mantelkragen Diethelms höher hinauf, setzte ihm die Pelzmütze tiefer ins Gesicht, und Diethelm dankte herzlich für die gutmütige Vorsorge des gegen Mitleid ab⸗ gehärteten Landjägers. Erst am Gefängnistor öffnete er die Augen, und jetzt erst merkte er, daß der Paßauf, Medards Schäferhund, ihm gefolgt war; der Landjäger scheuchte den Hund zurück, der Diethelm in die Stube des Gefangenen⸗ wärters folgten wollte. Zwei Stunden nach im verschlossenen Wagen

ihm fuhr der Amtmann mit Martha nach der Amtsstadt.

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zu erneuern, das erste fremde Menschenbild, Di

sah, war der Zeugmacher Kübler, und jetzt inge daß dieser ja der Sohn des Amtsdieners sei. Mit welch hoch⸗ mütiger Gönnerschaft hatte Diethelm immer diesen armen Teufel betrachtet, und jetzt überdachte er schnell, daß er ihm alles verdanken könnte und, wenn alle Mittel zuschanden werden die Flucht. Daran aber war noch lange nicht zu denken. Diethelm hob den Mantel von den Schultern in die Höhe und wartete ruhig, bis der dienstbeflissene junge Kübler nm denselben ehrerbietig abnahm; er streckte nun dem Amts- diener die Hand entgegen und sagte mit heller Stimme in herablassender Höflichkeit:Guten Morgen, lieber Amts⸗ diener. Wollt Ihr einen abgebrannten, armen Verwandten nicht ein paar Tage bei Euch wohnen lassen? Habt Ihr kein Zimmer frei? Ich nehme mit einem E 75

[Jortsetzung folgt.)

Die Sage vom Löwen und der Maus schien sich wieder

leinen vorlieb..

Genossen Mefer⸗ Zwickau folgende Entschließung ein stim mig an: