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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 178
Gießen, Mon lag, den 2. August 1915
10. Jahrgang.
Ein Rückblick.
Die Frankf. Ztg. schreibt in einem Rückblick auf das vergangene Jahr des Weltkriegs:
Wem noch ein Zweifel bestünde, daß wir es weit gebracht haben in diesem Jahre an äußeren Erfolgen und an innerer Festigkeit, dem würde die Schlußsitzung des englischen Unter⸗ hauses, das vorgestern lärmend in die Ferien ging, es beweisen. Wie in ein Geschäft, in dem sie nichts zu riskieren hätten, oder wenigstens nichts Ernstliches zu befürchten und das sie auf Jahre hinaus bis zur Niederzwingung Deutschlands mit ihren Verbündeten betreiben könnten, sind die Herren Asgquith und Grey in den Krieg hineingegangen, wie Unternehmer, die vom sicheren Port aus fremde Armeen und Völker dirigieren, und jetzt dringt aus dem Unterhause scheltende und lärmende Kritik, berechtigte Kritik hinaus über die Nachlässigkeit und die Mißerfolge englischer Kriegsführung, ähnliche Kritik, wie sie bei Englands Verbündeten schon seit geraumer Zeit laut wird; und eine konservative Stimme ist es, die der Regierung zuruft, es sei hohe Zeit, daß England auch daran denke, daß es verlieren könne; unter den Neutralen gäbe es eine Menge von Personen und sogar Regierungen, die zu der Ueberzeugung gekommen seien, daß England nicht gewinnen werde. Sicher hat in England an die Möglichkeit des Verlierens heute vor einem Jahre niemand gedacht, aber inzwischen werden sich mehr als dieser eine Konservative an den unangenehmen Gedanken gewöhnt haben.
Kein Zweifel mehr, der Jahrestag des Kriegsbeginns wird Deutschland und seine Verbündeten auf einer allen berech— tigten und sogar kühnen Erwartung entsprechenden Höhe der militärischen Erfolge treffen. Wo ist das vielgerühmte Millionenheer Kitcheners geblieben? Bis jetzt war es ein Bluff und hat die deutsche Heeresleitung nicht verhindert, an dem großen Plane und der energischen Durchführung der umfassenden Offensi im Osten. Was ist aus Joffres so pomphaft und auf ganz be— stimmte Daten angekündigten Offensiven geworden, der vom Winter, die in der Winterschlacht in der Champagne endgültig zu⸗ sammenbrach, und der vom Sommer, deren Mißerfolg wir fünast er⸗ lebt haben? Was heute vom südöstlichen Kriegsschau⸗ platz gemeldet wird, von den siegreichen Kämpfen zwischen Weichsel und Bug, von der neuen Durchbrechung der starken rus⸗ süschen Stellung und der Erschütterung der ganzen russischen Front, auch dort, wo ihre besten Regimenter, die Gardetruppen, kämpften, das läßt einen befriedigenden und hoff⸗ nungsvollen Fortgaug des umfassend angelegten Kampfes gegen die russische Front in ihrer Gesamtausdehnung mit Zuversicht erwarten. Schon hat man gehört, wie am Gedenktage unsere Feinde Kund⸗ gebungen und Resolutionen beschließen wollen. Es wird in⸗ teressant sein, zu hören, wie sie sich mit dieser militärischen Lage im Westen und im Osten abfinden, die doch nur mittels einer selbst in diesem Kriege erstaunlichen Feindschaft gegen die Wahr⸗ heit als Mißerfolg auf der gesamten Linie verschleiert werden kann.
Im neutralen Auslande auch dort, wo man gespannt die Vorgänge auf den Kriegsschauplätzen verfolgt, um nach ihnen die Entscheidung über die eigene Haltung abzuwägen, gibt man sich Taum noch Täuschungen über die mißliche Lage des durch den Verrat Italiens vergrößerten, aber nicht bereicherten Dreiverbandes hin. Die Nachrichten, die neuerdings aus Rumänien kommen, lassen deut⸗ lich erkennen, daß man sich dort des Uebergewichts der Zentralmächte über das gefürchtete Rußland bewußt wird, und das man sicherer als bisher zum mindesten die abwartende Haltung bei⸗ behalten wird. Manch schwieriges, in langwierigen diplomatischen Verhandlungen bearbeitetes Problem, das der Balkan für uns barg, reift unter dem Eindruck unserer planmäßigen beharrlichen Fort⸗ schritte im Osten befriedigender Lösung entgegen.
Wir können mit dem ersten schweren, opferreichen Jahre zufrieden sein, warten wir ab, ob etwa unsere Feinde be—
haupten wollen, sie seien es auch, gestützt vielleicht auf die frohe
Kunde daß dem stolzen England in Flandern 10000 Zulukaffern zu Hilfe kommen.
Eine rumänische Betrachtung
Bularest, 30. Juli.(W. T. B. Nichtamtlich.) Universul schreibt in einem Leitartikel unter dem Titel:„Betrachtungen über den bisherigen Verlauf des Krieges“:
Die größte Ueber raschung, die uns der Krieg brachte, liegt bei den Zentralmächten und Rußland. Als es bei Beginn des Krieges infolge der eduardischen Einkreisungs— politik Kriegserklärungen regnete, sagten sich selbst die ein— gefleischtesten Anhänger der Zentralmächte, daß diese ver— loren seien. Wie mächtig der deutsche Militarismus immer sein mag, wie tapfer die Armeen der beiden Reiche auch kämpfen mögen, so würden sie, glaubte man, nur Achtungs— erfolge davon tragen und schließlich zugrunde gehen. Im Kampfe gegen die ganze Welt würden sie wohl einige Wochen widerstehen, bis ihre Kraft gebrochen sei. Die größten Er— wartungen knüpften sich in dieser Beziehung an die Millionen- heere Rußlands, indessen sind in diesem Kriege alle Be— rechnungen über den Haufen geworfen worden. Wir sahen, daß die Deutschen trotz des Kampfes auf beiden Fronten, in Feindesland eindrangen und bedeutende Siege davontrugen. Mit Ueberraschung sehen wir, daß Oesterreicher und Ungarn, deren Kraft gebrochen schien, in Verbrüderung mit den Deut- schen heute die Russen auf der Flucht in Feindesland ver folgen, mit einem Worte: Die Berechnungen, die zu Beginn des Krieges aufgestellt wurden, haben fehlge— schlagen, Die Bilanz schließt mit einem bedeutenden
Gewinn für die Zentralmächte, und einem großen Defizit für den Vierverband. Die nächste Schlußfolgerung ist, daß wir, sowie der Vierverband die Kräfte der Zentralmächte unterschätzten, und zwar nicht nur die rein militärischen sondern auch ihre ganze Organisation auf allen Gebieten.
Lloyd George über die sͤhr ernste Lage.
Lloyd George sprach als Redner in einer in London abge— haltenen Konferenz von Vertretern der Arbeitgeber und Arbeit⸗ nehmer in der Kohlenindustrie. Er hob die Bedeutung r Kohle hervor, die schon in Friedenszeiten ein Lel interesse für di Nation habe und im Krieg in allererster Reihe berücksichtigt werden genug für den
müsse. Er müsse sich die Frage stellen: Tun wir Sieg? Niemand darf schlapp werden, wenn man ihn zu erringen wünscht. Das Schicksal der Freiheit der Menschheit hängt von
diesem Siege ab. Wenn die Seeländer und Australier in den Dar⸗ danellen einen Angriff der Türken erwarteten, konnten die Aerzt die Leute nicht überreden, sich krank zu melden. Alle bestanden fertig zu werden und erst dann Nur dieser Geist wird uns S zweifelt daran, d 8
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lassen. 18 micht sehrernst. enn die, Gefahr begreifen, in der sich das überzeugen können, selbst wenn die stünden.
Toten aus ihren Gräbern auf⸗ Die Stunde ist jetzt für jeden Mann und jede Frau gekom⸗ men, um das eine große Kapitel in der Geschichte unserer Insel
Die Schützengräben liegen nicht allein in Flandern. Jeder Schacht ist ein Schützengraben, jede Werkstätte ist ein Bollwerk, jeder Hof ist eine Festung.(Anhaltender Beifall.)
Die Konferenz nahm eine Tagesordnung an, die allen Arbeit- gebern und Arheitern dringend empfiehlt, mit allen Kräften die Kohlensörderung zu vermehren.
Die Kriegsausgaben Frankreichs
T. U. Christiania, 30. Juli. Aftenposten meldet aus Paris, einer amtlichen Mitteilung zufolge betragen die Kriegs— ausgaben Frankreichs in den letzten fünf Monaten des Jahres 1914 sechs Milliarden 403 Millionen Frances.
* Vom Seekrieg. Keine Einschränkung des Unterseeboot Krieges. Unterstaatssekretär Zimmermann vom Auswärtigen Amt hat sich mit einem Vertreter der United Preß über die ameri kanische Antwortnote unterhalten und bei dieser Gelegenheit erklärt:„Unsere To nchboottaktik könnten wir nie preis und ich bin sicher, daß unser Volk dies nie billigen würoe denn die ganze deutsche Nation steht hinter ihrer Regierung.“ 0
schreiben zu können.
J Reuter meldet aus London: Das belgische Dampfschiff„Prin⸗ ceß Marie José“ wurde torpediert und ist gesunken. 21 Mann der Besatzung sind gerettet, vier sind getötet.„Princeß Marie José“ war ein Schiff von 1954 Tonnen Inhalt und gehörte der Belgischen Schiffahrtsbaugesellschaft in Antwerpen.
Deutsche Unterseeboote im Weißen Meer.
T. U. Basel, 30. Juli. Wie die Daily Mail meldet, wur⸗ den zwei deutsche Unterseeboote im Weißen Meer festgestellt Die Versicherungsprämien für Archangelsk sind unaufschwing— lich geworden.
Die französischen Bahnen in der Türkei
Konstantinopel, 30. Juli. Die Pforte enteignete die von Beirut nach Muzerib und von Beirut nach Muamelnin im Libanon [führenden Trambahnen, ferner die Eisenbahnlinie von R
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Rafak mit Anschluß an die Bagdadbahn, die Eisenbahnlinie Homs—Tripo⸗ polis, die Häfen von Tripolis und Mawna, die Bahnlinie Jaffa— Jerusalem mit sämtlichem rollenden und sonstigen Inventar. Die angeführten Unternehmungen sind durchweg französische.
Englischer Vohkott des deutschen Handels in China.
Die Telegraphen-Union berichtet aus San Francisco:
Wie aus Peking hierher gemeldet wird, hat England in ber Absicht, den noch bestehenden deutschen Handel in Ostasien völlig lahm zu legen, sich einen un⸗ erhörten Eingriff in die Hoheitsrechte des chinesischen Staates erlaubt. Nach einem, von den hervor— ragendsten Mitgliedern der englischen Kolonie in Peking aus— gearbeiteten und von der englischen Botschaft bewilligten Plane haben die englischen Handelshäuser den Boykott aller deutschen Waren über ganz China ver— hängt, Am Montag den 26. Juli erhielten die angesehensten chinesischen Kaufleute, Industriellen, Finanzmänner usw. Rundschreiben, in denen ihnen mit Entziehung des Kredits bei den englischen Banken und anderen Zwangs
maßregeln gedroht wird, falls sie nicht sofort jede Handels beziehungen zu deutschen Firmen ab
brächen und alle deutschen Angestellten ent- ließen.
Da die chinesische Handelswelt zurzeit völlig auf eng lisches Geld angewiesen ist, haben die Drohungen
seltkrieg.
bedauerlicherweise Erfolg gehabt. Hunderte deutscher An⸗ gestellter sind bereits entlassen worden. Auch diejenigen Deutschen, die seit Jahren in Firmen oder in den großen Hotels arbeiteten, die unter englischer Oberleitung stehen, wurden plötzlich auf die Straße gesetzt. Die deutsche Kolonie wird selbstverständlich mit allen Mitteln versuchen, dem unerhörten Vorgehen der Engländer entgegenzuarbeiten und gegen diese offenbare Verletzung der Neutralität Chinas Protest bei der Pekinger Regierung einlegen. Bei der völligen Ohnmacht der Regierung kann jedoch eine Aenderung der Lage kaum erhofft werden. Französische Verstimmung über Japan.
Zwischen den jede japanische Intervention auf den curopäischen Kriegsschauplatz rundweg in Abrede stellenden Er⸗ klärungen, die der Exzelsior dem japanischen Botschafter in Paris Motono zuschrieb, und die Möglichkeit eines bewaffneten Ein⸗ greisens der japanischen Wehrmacht als möglich hinstellenden Aus⸗ führungen Hanashis, des japanischen Botschafters in Rom, sucht die Presse der Verbündeten vergebens eine verläßliche Orientierung
zufinden. Der Temps hält alle derartigen Auslassungen für zwecklos, solange nicht die Tokioter Regierung ihre maßgebende Auffassung kundgetan hat. Die französische Regierung, meint der Temps, könne der Vorwurf nicht treffen, irgend etwas verabsäumt zu haben, was Japans engeren Anschluß an den Vierverband för⸗ dern könnte. Auch Rußland habe den gegenwärtigen Umständen Rechnung tragend das nötige Entgegenkommen in Tokio gezeigt. Von irgendwelchen englischen Zusagen an Japan weiß der Temps nichts zu melden. Wirtschaftspolitische Wünsche der Industriellen.
Das Direktorium des Verbandes südwestdeutscher Indu⸗ strieller sprach sich in seiner Plenarversammlung, welche dieser Tage in Karlsruhe stattfand, für ein wirtschaftliches und handelspolitisches Bündnis mit Oesterreich-Ungarn nach dem Kriege aus. In dieses müsse aber auch die Türkei einbezogen werden. Wie man sich die Vertretung der einzelnen Indu⸗ strien denkt, darüber soll eine Rundfrage bei sämtlichen Ver⸗ bandsmitgliedern Auskunft geben. Man war sich auch klar darüber, daß in Zukunft die Auslandsbericht⸗ erstattung besser werden müsse,„um deutsches Wesen und deutsche Kultur dem Auslande fruchtbringend vor Augen zu führen“. Dementsprechend beschloß die Versammlung, nach Möglichkeit alle ähnlichen Bestrebungen finanziell zu unter⸗ stützen, vor allem sprach man sich für eine Zentralisierung der Auslandsberichterstattung aus. Es scheint, daß die Er⸗ fahrungen der letzten Monate auch den südwestdeutschen Indu⸗ striellen einige Winke gegeben haben, wie man es im Aus⸗ land nicht machen darf, um Verständnis für deutsches Wesen und deutsche Kultur zu finden.
Die Friedensziele der Industriellen erörterte man nur im vertraulichen Zirkel. Begreiflich, wenn man weiß, welche weitausschauende Pläne manche Fabrikanten in dieser Hinsicht hegen.
Die Spionenfurcht der Engländer.
T. U. Haag, 30. Juli. Wie das Londoner Pressebureau meldet, sind weiter zehn Personen verhaftet worden, darunter zwei nieder- ländische Untertanen, ein Deutscher, der einen falschen amerikani⸗
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schen Paß besaß. ein Amerikaner deutscher Abstammung, ein Brasilianer deutscher Herkunft, ein Peruaner, von dem man an⸗ nimmt, daß er ein Deutscher ist, ein Schwede, ein naturalisierter Deutsch-Amerikaner, ein Engländer. Alle sind beschuldigt, ver⸗
sucht zu haben, sich Angaben über die englische Flotte und Armee zu verschafsen. Bei der Festnahme war keiner länger als drei Wochen auf englischem Boden.
Rumäniens Haltung.
Die Bukarester Blätter veröffentlichen folgende Information: Wir sind ermächtigt, das in gewissen Zeitungen verzeichnete Gerücht kategorisch zu dementieren, wonach Kriegsmunition für die Türkei durch Rumänien transportiert werden poll. Auf allen Punkten der Grenze wurde Weisung erteilt, damit die nassierenden Wagen einer strengen Kontrolle unterworfen werden. Diese Kontrolle wird so streng gehandhabt, daß ein Munitions- transport absolut unmöglich ist.
Der Mißerfolg der Dardanellenaktion.
Der Militärschriftsteller Hauptmann Noerregaard schreibt zusammenfassend über die Kriegslage an den Dardanellen: Seit dem großen Angriff der Alliierten vom 4. bis 6. Juni fanden offenbar nur bedeutungslose örtliche Gefechte und täg— liche Beschießungen statt, ohne daß die Alliierten die geringsten Fortschritte gemacht haben. Offenbar aber beschossen die türkischen anatolischen Batterien die feindlichen Stellungen mit guter Wirkung, obwohl weder die englischen noch die französischen Berichte davon meldeten. Da aber die Kriegs- schiffe der Alliierten in letzter Zeit diese Batterien aus weiter Entfernung beschossen, müsse deren Feuer doch lästig gewesen soin. Bei Kabatepe, wo Australier und Neuseeländer kämpften, sei überhaupt kein Fortschritt zu verzeichnen Bahr sei der äußerste Punkt, den die dart kämpfenden briti⸗
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