Ausgabe 
30.7.1915
 
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Die Schlacht um Warschau.

London, 29. Juli. Hiesigen Blättern zufolge empfangen die Petersburger Zeitungen keine telegraphischen Meldungen aus Warschau, jedoch erfährt man durch private Nachrichten, daß die Stadt ruhig ist. Die bedeutendste Aktion ist auf der ganzen Linie zwischen Weichsel und Bug im Gange, wo Mackensen, seiner Taktik gemäß, wie ein Schmiedehammer auf die russischen Massen wirkt, die einen hartnäckigen Wider⸗ stand leisten. Die letzte Nacht befanden sich die Deutschen nur noch wenige Meilen von Lublin.

Neue Entdeckungen im belgischen Archiv.

T. U. Berlin, 29. Juli. Wie die Nordd. Allg. Ztg. mitteilt, haben erneute Nachforschungen im beschlagnahmten Archiv Bel- giens wiederum wertvolles Material von geschichtlicher Bedeutung zutage gefördert, nämlich Berichte der belgischen Gesandten im Auslande an ihre Regierung. In ihnen wird auf das bedrohliche Anwachsen des französischen Chauvinismus und das Wiederauf leben der deutsch-französischen Gegensätze als Ergebnis der Entente mit England hingewiesen. Umgekehrt findet die Friedens⸗ liebe des deutschen Kaisers, die friedliche Tendenz des deutschen Volkes und der große Langmut Deutschlands der Provokationen Englands und Frankreichs gegenüber Anerkennung. Am Schlusse seiner Ausführung veröffentlicht das Blatt einen Bericht des bel⸗ gischen Gesandten in Paris, Baron Guilleaume, der in deutscher Uebersetzung lautet: Ich hatte schon die Ehre, Ihnen zu berichten, daß es die Herren Poincaré, Delcassee, Millerand und ihre Freunde gewesen sind, die die nationalistisch-militaristisch und chauvinistische Politik erfunden und befolgt haben, deren Wieder⸗ erstehen wir festgestellt haben. Sie bildet eine Gefahr für Europa und für Belgien. Die Nordd. Allg. Ztg. bemerkt dazu, es ist, als ob Baron Guilleaume die Ereignisse vorausgeahnt hätte, die nur ein halbes Jahr später eintrafen und in so verhängnisvoller Weise in die Geschichte Belgiens eingegriffen haben.

5 Dieheilige Einheit.

T. U. Paris, 29. Juli. In der letzten Sitzung der Präsidenten der verschiedenen Kammergruppen und Kom⸗ missionen wurde die Frage erörtert, durch eine feierliche Manifestation die Aufrechterhaltung der am 4. August prokla⸗ mierten heiligen Einheit zu bestätigen. Viviani wird namens der Regierung, Deschanel namens der Kammer das Wort ergreifen. 5

T. U. Genf, 29. Juli. Viviani erklärte sich unbedingt gegen einen Antrag der Sozialisten, der für die Mitglieder oller großen Kommissionen der Kammer und des Senats das Recht der ständigen und umfangreichen Kontrolle für Intendantur⸗, Sanitätswesen und anderer Dienstzweige des Heeres, einschließlich des Rekrutierungswesens, beansprucht.

Der griechisch⸗italienische Flaggenzwischenfall.

5 abfahr 29. Juli. In der Angelegenheit des italienischen Kriegsfahrzeuges, das unter griechischer Flagge fahrend, von einem griechischen Torpedoboot aufgegriffen und nach Korfu u ge⸗ bracht worden war, hat jetzt die italienische Regierung die Kühn⸗ heit gehabt, anzufragen, wie Griechenland dazu komme, ein italieni⸗ sches Kriegsfahrzeug anzuhalten. Die griechische Regierung hat ihrerseits unter Vorlegung eines eingehenden Berichtes der Be⸗ hörden von Korfu mitgeteilt, daß nur ein die griechische Flagge führendes Fahrzeug aufgegriffen wurde und nochmals um Auf⸗ klärung ersucht, wie das italienische Fahrzeug dazu komme, die hellenische Flagge zu führen. Die italienische Kriegsanleihe.

T. U. Lugano, 29. Juli. Der Luzerner Tages-Anzeiger berichtet: Die italienische Kriegsanleihe hat nach einer sehr zuverlässigen Mitteilung aus Schweizer Bankkreisen genau 780 Millionen Lire gebracht. Die sechs italienischen Groß⸗ banken haben auf dringende Vorstellung Salandras nachträg lich noch 300 Millionen Lire gezeichnet, sodaß das Gesamt⸗ ergebnis 1080 000 000 Lire beträgt. Von dem ersten Betrage (780 000 000) sind gleichfalls rund 450 Millionen Lire Bank⸗ zeichnungen, sodaß die Beteiligung des italienischen Privat- kapitals lächerlich gering ist.

England und Amerika.

Aus Genf meldet der Berliner Lokalanzeiger, die neue eng lische Note verspreche den Vereinigten Staaten ein beschleu nigtes Verfahren, sowie gemeinsame Reformen ber Prisengerichte. Sie enthalte auch einen Absatz, von dem

eine Beschwichtigung der am Baum wollhandel Interessier⸗ ten erwartet werde.

Eine Mahnung an die Belgier.

Der Generalgouverneur in Belgien, Generaloberst v. Bissing, hat am 18. Juli an die Bevölkerung des Landes einenoffenen Brief erlassen, worin er sie zur patriotischen Mitarbeit am Wohle Belgiens ermahnt. Er erklärt darin, als Generalgouverneur führe er die Verwaltung des Landes, nicht um einem persönlichen Drange nach Gewaltherrschaft nachzugeben, auch nicht ausschließlich zu Nutz und Frommen des Deutschen Reiches, sondern in Erfüllung schwerer, dem besetzten Belgien gegenüber bestehender Pflichten. Aus diesem Grunde dürfe und müsse von jedem belgischen Staats⸗ angehörigen, insbesondere von den Behörden des Landes, erwartet und verlangt werden, daß man die deutschen Bestrebungen, die

öffentliche Ordnung und das öffentliche Leben im Lande wieder⸗

herzustellen, unterstütze. An vielen Stellen geschehe dies auch be⸗ reits, aber vielfach begegneten die Maßregeln des General⸗ gonverneurs immer noch einem offenen oder geheimen Wider⸗ stand. Es scheine der Wahn zu herrschen, als sei es eine patriotische oder mannhafte Tat, sich den Verordnungen der die Gewalt be⸗ sitzenden Macht entgegenzustellen, vielleicht wirke auch die Besorg⸗ nis, daß bei einer etwaigen Wiederherstellung der früheren staat⸗ lichen Verhältnisse denen Gefahren drohen, die sich willfährig zeigen. Beide Auffassungen aber seien beklagenswert und be⸗ ruhten auf grundsätzlichem Mißverständnisse oder auf nicht zu rüh⸗ menden Charaktereigenschaften. Wie immer das zukünftige Schick⸗ sal Belgiens sich gestalte, gegenwärtig stehe Belgien tatsächlich und auf Grund der völkerrechtlichen Satzungen unter deutscher Ver⸗ waltung. Wer dieser Verwaltung sich willfährig erweise, diene nicht der besetzenden Macht, sondern vorwiegend seinem eigenen Vaterlande, wer ihr widerstrebe, schade ausschließlich seinem Vaterlande Belgien. Von niemandem werde eine Abkehr von seinen Idealen oder etba gar eine heuchlerische Verleugnung feiner Ueberzeugungen verlangt, aber von allen sei die Anerkenn⸗ ung des tatsächlichen Zustandes zu erwarten, nämlich daß die Ver⸗ waltung nach Kriegs- und Völkerrecht die Pflicht und das Recht habe, das Land zu verwalten und die Behörden des Landes wie auch seine geistigen Führer, geistliche und weltliche, zur Mitarbeit heranzuziehen. Jedes religiöse, politische und nationale Glaubens⸗ bekenntnis werde geachtet, jede ehrliche Mitarbeit, woher sie auch komme, begrüßt, aber die Pflicht zwinge, gegen diefenigen rück⸗ sichtslos einzuschreiten, die offen oder geheim die Ordnung stören

oder versuchen, die Wiederherstellung des öffentlichen Lebens zu verhindern. Ohne Ansehen der Person werde der General⸗ gouverneur diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die sich ihm mit

Wort und Tat widersetzen, und soweit sie sich im Besitze eines öffentlichen Amtes befinden, von diesem entfernen. Von dem ge⸗ sunden Sinne der Bevölkerung Belgiens und ihrer Leiter aber sei zu hoffen, daß diese aufklärenden Worte falsche Auffassungen be⸗ seitigen und die Erkenntnis verbreiten werden, daß die deutsche Verwaltung dem Interesse des Landes zu dienen bestrebt ist und eine wahrhafte Betätigung vaterländischer Gesinnung in den jetzigen Zeitläuften allein in der Mitarbeit an den Aufgaben und Zielen des Generalgouverneurs bestehen kann.

Kriegsnotizen.

Wie Grazer Blätter melden, hat ein steyerisches Land⸗ sturm⸗- Bataillon, bas am Bug kämpft, 132 Tapferkeits⸗ Medaillen an einem einzigen Tage erhalten. Die Steyerer haben den heftigen Stürmen der Russen vier Tage lang gegen eine sechsfache Ue schließlich auf das andere Ufer gedrängt..

Nach einer Verfügung des italienischen Ministerpräsi⸗ denten ist deutschen Reichsangehörigen das Ueberschreiten der italienischen Grenze verboten.

Hervés Organ Guerre sociale wurde wegen des Abdrucks zensurierter Stellen und eines sehr scharfen Leitartikels von den Behörden wieder beschlagnahmt.

Secolo meldet aus Syracus: Der Kapitän des aus Buenos Aires kommenden DampfersPrinzessa Trafalgar wurde in der Nähe von Gibraltar fumkentelegraphisch angewiesen, den Tele⸗ graphisten und den Geschäfts führer wegen Spionage⸗ verdachts zu verhaften.

Nach Pariser Blättermeldungen teilte das Kriegsministerium mit, daß die in Algier internierten deutschen Kriegs⸗ gefangenen genau so wie die in Frankreich selbst untergebrach⸗ ten Kriegsgefangenen behandelt werden.

Lord Michelet hat dem Flieger, der einen Zeppelin zer⸗ stört, 1000 Pfund Sterling zugesagt. Die Zerstörung muß in der Luft geschehen. Im ganzen hat der Lord 10 000 Pfund Ster⸗ ling für 10 zerstörte Zeppeline ausgesetzt.

Die amerikanische Regierung beruft die Abordnungen des amerikanischen Roten Kreuzes in Wien und Buda⸗ pest wie alle ähnlichen Missionen auf dem europäischen Kontinent nach genau einjähriger Tätigkeit am ersten Oktober ab, weil die finanziellen Mittel des amerikanischen Roten Kreuzes den an die europäischen Abordnungen gestellten Anforderungen nicht ge⸗ wachsen sind. Die bisherigen Kosten belaufen sich auf fünfzig Millionen Kronen. Das amerikanische Rote Kreuz wird jedoch auch fernerhin fortfahren, den kriegführenden Ländern nach Kräften Sanitätsmaterfal zu senden.

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ermacht nicht nur Stand gehalten, sondern diese!

Partei⸗Nachrichten. Für die Fraktion.. 1

Der 6. württembergische Wahlkxeis beschloß seiner in Reutlingen abgehaltenen, von 23 Delegierten be⸗ suchten Kreisversammlung einstimmig eine Resolution, die das Einverständias mit der Tätigkeit des Parteivorstandes, der Reichs⸗ tagsfraktion und den Entschließungen des Parteiausschusses aus⸗ spricht, die Beschlüsse des Landesvorstandes billigt und schärfsten Protest gegen das Verhalten der Parteiminderheit im Reiche und in Württemberg einlegt. Zugleich wurde außs schärfste gegen den Lebensmittelwucher protestiert. Nach dem Bericht der Kreis⸗ leitung zählt der Kreisverein noch 21 Ortsvereine. 3 Ortsvereine haben infolge Einziehung der Mitglieder zum Heeresdienst ihre Tätigkeit eingestellt. Im ganzen sind etwa 900 Mitglieder zum Heere eingerückt. 5

Vom 9. württembergischen Wahlkreis, der seine Kreisversammlung in Tuttlingen abhielt, sind etwa 800 Par⸗ teimitglieder im Militärdienst und etwa ebensoviel zahlen noch ihre Beiträge. Nahezu 200 Mitglieder sind im Berichtsjahre aus den verschiedensten Gründen verloren gegangen. Es bestehen noch 11 Ortsvereine, während 12 kleine Vereine zur Untätigkeit verurteilt sind. Gegen 3 Stimmen beschloß die von 30 Delegierten besuchte Versammlung, daß Parteigenossen, die nicht die Marken der Landesorganifation, fondern die der Westmeyergruppe kleben, da⸗ mit aus der Partei ausscheiden. Einstimmig stellte sich die Ver⸗ sammlung auf den Boden der Reichstagsfraktion, des Partei⸗ und des Landesvorstandes. Die Genossen im Reichs⸗ und Landtage werden ersucht, mit aller Entschiedenheit der Auswucherung des Volkes entgegen zu wirken.

Der 5. württembergische Wahlkreis hielt in Eß⸗ lingen seine Kreisgeneralversammlung ab, auf der die starke Hälfte der Ortsvereine vertreten war. Unter den erschienenen 36 Delegierten herrschte Einmütigkeit in der Beurteilung der Haltung der Partei in der Kriegszeit. Gegen zwei Stimmen wurde eine Resolution angenommen, die die Politik der Reichstagsfraktion und des Parteivorstandes billigt und sich die Beschlüsse des Parteiausschusses zu eigen macht.

auf

In Ulm tagte die Kreisversammlung des 14. würt⸗ tembergischen Wahlkreifses, die durch 20 Delegierte beschickt war. Einstimmig nahm die Versammlung eine Resolution an, die das Einverständnis mit der Kreditbewilligung ausspricht, dem Landesvorstand für seine Maßnahmen zur Ueber⸗ windung der Parteiwirren dankt, die Tätigkeit der Hintermänner der Berner Tagwacht aufs schärfste verurteilt und die Handlungsweise des Genossen Haase mißbilligt. Von der Regierung werden schleunigst wirksame Maßnahmen gegen den Lebensmittelwucher verlangt.

Im Sozialdemokratischen Verein in Hameln wurde ein⸗ stimmig folgende Resolution beschlossen: 5 5

Die Versammlung des Sozialdemokratischen Wahlvereins er⸗ klärt sich mit der Stellungnahme unseres Reichstagsabgeordneten und damit der Mehrheit der Reichstags fraktion zur Bewilligung der Kriegskredite durchaus in allen Tei⸗ en einverstanden. Die Versammlung verurteilt das disziplinlose Verhalten einer verschwindenden Minder⸗ heit der Reichstagsfraktion und der Parteimitglieder und erklärt, daß diese Genossen, ohne Ansehen der Person, sich außerhalb der Partei stellen. Die Versammlung hegt den dringenden Wunsch, daß ein Friede nur geschlossen werden möge auf einer Grundlage, die den gebrachten Opfern an Gut und Blut Genüge leistet und die Ge⸗ währ bietet, daß in absehbarer Zeit ein solches Völkermorden nicht mehr stattfinden kann.

Zu den schwebenden Parteidifferenzen nahm der Bezirks vorstand der Westpreußischen Sozialdemokratie in seiner letzten Sitzung Stellung. Daran nahmen auch die Vor⸗ stände und Vertrauenspersonen der Kreisvereine Danzig⸗ Stadt und ⸗Land teil. Genosse Gehl erstattete den Bericht von den Verhandlungen des Parteiausschusses in Berlin. Nach gründlicher Debatte erklärte sich die Sitzung mit den Beschlüssen des Parteiausschusses einverstanden. Sie wendete sich aber

gegen die scharfe Note gegen den Genossen Haase, der aller⸗ dings mit der Unterzeichnung des AufrufsDas Gebot der Stunde taktisch unklug gehandelt habe. Die Maßnahmen

der Opposition gegen die Politik der Mehrheit der Fraktion, be⸗ treffend die Bewilligung der Kriegskredite, wurden stark ver⸗ urteilt. Desgleichen auch die Haltung der rechten Seite, die sich ständig bemüht, die Partei in das reformistische Fahr⸗ wasser hinein zu steuern.

Der Bezirksvorstand hielt die Zeit für eine Aenderung der Politik des 4. August noch nicht für gekommen. Er ist der Meinung, daß die Bewilligung der Kriegskredite eine, im Interesse des Vaterlandes liegende, zwin⸗ gende Notwendigkeit war, der die Partei sich nicht ent⸗ ziehen durfte.

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4* Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. 36

Jede Minute, die mit Festschnallen eines Riemens, mit Anlegen eines Stranges verging, däuchte Diethelm eine Ewig keit; er wollte Vorspann, er wollte frische Pferde nehmen, um mit Windeseile heim zu eilen, aber er fürchtete wieder, daß ihn jedes Wort verrate, und wagte nicht einmal mehr, die Einspannenden zur Eile zu drängen. Als der Vetter vor sorglich eine Laterne mitnahm und sogar nach einem zweiten Lichte als Ersatz schickte, erschrak er, aber er hatte gelernt, zu schweigen. Er mußte vor dem Vetter alles verbergen, er hatte ihn ja mitgenommen, um ihn zum Zeugen seiner Unschuld zu gebrauchen.

Man fuhr wieder heimwärts, und Diethelm mußte davon sprechen, daß er seine Frau in dem Schmerze um den Tod ihres Kindes nicht allein lassen wolle.

Warum hast mir denn nicht früher gesagt, fragte er, daß es so mit der Kohlenhofbäuerin steht?

Ich hab' gemeint, Ihr wisset's und wollet nicht davon reden; ich hab' Euch ja oft darauf angespielt, daß Ihr wieder doppelt reich werdet.

Jawohl, jawohl, fahr' nur schärfer, noch schärfer, und wenn die Gäul' morgen auch hin sind, drängte Diethelm.

In dem Bannkreis des Verbrechens, in den er einge schlossen war, hatte er nichts gemerkt von dem, was vielleicht alle Leute wußten und einander sagten. Mit ihm sprach niemand davon, und mitten in der Qual, die ihm die Brust zusammenpreßte, dachte er immer wieder, wie schlecht die Menschen sind, sie gönnten ihm sein unverhofftes Glück nicht und redeten darum kein bestimmtes Wort davon.

Der Wind hatte sich gelegt, die Schneewolken entluden sich, und Diethelm sah nach den halb verschneiten Bäumen am Wege und streckte den Arm aus nach jedem, an dem man vorüber war, als schiebe er ihn damit zurück; war man ja der Heimat immer wieder um eine Strecke näher, aber es dauerte doch lange, und ein tiefer Frost schlich Diethelm durch Mark

und Bein. Er glaubte, das Herz im Leibe gefriere ihm zu Eis, während der Vetter doch sagte, die Kälte sei gebrochen. Diethelm dachte sich die Pein Medards aus, der gefesselt am Boden liegt, die Flamme immer näher knistern, die Schafe in der Ferne blöken hört, und wie die Flamme immer näher heranschleicht, von allen Seiten nach ihm züngelt und ihn still umfängt... wenn sie zuerst seine Bande versengt er hebt die gefesselten Hände den Flammen entgegen, er macht sich frei.

Du lebst, schrie er auf einmal unwillkürlich laut auf, und der Vetter wunderte sich über die so innige Liebe Diet helms zu seiner Stieftochter; nicht umsonst hieß er der Familienfürst.

Wir kriegen wieder kalt, der Mond geht heute rot auf, sagte der Vetter, als man auf der Kalten Herberge ange kommen war,seht, dort, Buchenberg zu.

Diethelm spie das Blut aus, das er sich aus den Lippen gebissen.

Was ist denn das? fuhr der Vetter nach einer Weile fort,ich höre die alt' Kathrin brummen, und es riecht in der Luft so greulich.

Diethelm erwiderte nichts.

Als man Buchenberg nahe war, schrie der VetterHerr im Himmel, Euer Haus brennt!, aber Diethelm hörte es nicht, und mit Mühe erweckte ihn der Vetter mit Schneereiben aus dem Schlage, der ihn getroffen zu haben schien.

XVII.

Lautlos und regungslos, weiß überschneit, stand die Menschenmasse am Berge versammelt, und wie sie vom roten Glutschein übergossen war, erschien sie wie von einem Zauber festgebannt. Keine Menschenstimme ward hörbar, nur vom Turme dröhnte die Sturm- und Sterbeglocke, die sogenannte alte Kathrin, und aus der Flamme, die breit und still, von keinem Winde bewegt, hochauf schlug, tönte ein tausend stimmiges Wehklagen, so dumpf und tief und wiederum so gräßlich röchelnd, als hätten die auflodernden Flammen⸗ zungen markerschütternde Stimmen gewonnen, und über der

Flamme glitzerte der fallende Schnee und verdampfte in selt⸗ same Luftgebilde.

Zu Hilfe! Rettet! Rettet! schrie Diethelm vom Schlitten springend,was steht ihr so müßig da? Rettet!

Wie aus einem Zauberbann erlöst, wendeten sich alle plötzlich nach ihm und umringten ihn.

Es ist nichts zu helfen, sagte der Schmied,dein Haus ist an allen vier Ecken angegangen, eh man's gewußt hat, und kein Mensch als dein Medard hat die Kloben aus der Spritze da rausgenommen. Wir können nichts machen.

Wo ist der Medard? fragte Diethelm.

Das weiß kein Mensch, er hat sich heut vor niemand sehen lassen, der hat gewiß angezündet und ist vielleicht im Hause verbrannt; die, wo zuerst kommen sind, sagen, sie hätten ihn schreien gehört.

Rettet! Rettet! schrie Diethelm und eilte nach dem Hause, aber von dorther kam eine Rachegestalt mit weißen Locken und zerfetzten Kleidern und warf sich auf Diethelm und wollte ihn erdrosseln.

Mordbrenner! Mordbrenner! kreischte der alte Schäferle mit schäumendem Munde,wo hast du mein Kind? Wo? Gib mir mein Kind. Mordbrenner! Mein Kind! Mein gutes, braves Kind!

Mit Gewalt wurde der rasende alte Mann von Diethelm losgerissen, er hatte mehr als jugendliche Manneskraft und hielt Diethelm wie mit eisernen Banden umklammert, und Diethelm ächzte laut auf, denn der Schäferle hatte ihn gerade an der Armwunde gefaßt, und als fräßen sich tausend schneidende Spitzen durch Mark und Knochen ein, so schmerzte bei der Berührung der Vaterhand der vom Sohne eingepreßte Biß. Das Blut rann Diethelm von der Hand herab, als er losgemacht war; er taumelte halb besinnungslos umher aber der Vetter stand ihm getreulich bei. Jetzt hörte man deut⸗ lich, woher das Wehklagen kam: die Schafe im Stalle, dessen Eingangswand bereits in Flammen stand, blökten so schmerz⸗ voll klagend, daß es das Herz im Leibe erschütterte; es war

nicht anzuhören. Cortsetzung folgt.)