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Hessen und Nachbargebiete.
Gießen und Umgebung.
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Ist das kein Wucher?
Der Marktbericht vom Montags-Viehmarkt in Frankfurt besagt, daß die Preise für Rinder wieder in die Höhe gegangen sind, obwohl der Auftrieb sehr stark war und fast dem der Vorwoche gleichkam. Diese ungesunden, der Volksgesundheit schwere Wunden schlagenden Zustände sind— wir müssen es immer und immer wieder sagen— die Folgen des unver— schämtesten Wuchers, der beim Viehhandel getrieben wird. So wird uns gerade vom letzten Frankfurter Viehmarkte folgender krasser Fall berichtet: Der Metzger August Nebel aus Aschaffenburg und der Makler Engel aus Schaafheim hatten in der Nähe von Aschaffenburg zwei Bullen zum Preise von 1700 Mark eingekauft. Darauf aber haben sie auf dem Viehmarkte dieselben Tiere für 2475 Mark verkauft. Sie haben also auf einen Schlag 775 Mark an zwei Tieren ver— dient, ohne erhebliche Ausgaben gehabt oder irgendwelche besondere Arbeit geleistet zu haben! Ist das kein Wucher? Wir meinen, und sicher mit uns die gesamte Oeffentlichkeit: hier liegt einer von jenen Fällen vor, gegen die nach den Ver⸗ ordnungen der Generalkommandos und neuerdings des Bundesrats mit der ganzen rücksichtslosen Schärfe des Ge— setzes vorgegangen werden soll.
Barfüßler.
Von Zeit zu Zeit tauchten vor dem Kriege sogenannte Natur- apostel auf. Mit einem Haar- und Bartwuchs, dem nie ein Scher⸗ messer nahe kam, barfuß, und in einem härenen Johannes⸗ gewande trabten sie durch die Straßen. Und Männlein und Weib⸗ lein schauten ihnen nach, während die liebe Jugend bis zur über⸗
nächsten Straßenecke mitlief, um sich das Bild dieses„Kultur⸗ losen“ recht tief einzuprägen.
Wir sind ja im Grunde genommen alle noch recht weit von wahrer Kultur eutfernt— der Krieg mit seinen Begleiterschein⸗
ungen beweist es—, aber äußerlich heben wir uns doch durch voll⸗ ständige Bekleidung von den Wilden ab. Das wird bald anders werden, es ist schon anders geworden.
Wir müssen wieder barfuß gehen wie Adam und Eva, und wenn wir nicht ganz in den Urzustand zurücksinken und auch nackt laufen müssen, so verdanken wir das lediglich dem Umstand, daß die„Konfektion“ noch nicht das Interesse deutscher Heeres⸗ lieferanten gefunden hat. Dafür haben sich die Herren desto gründlicher auf Häute und Leder geworfen. Riesengewinne, fabelhafte Verdienste haben einzelne Besitzer und Aktiengesell— schaften eingestrichen, und jeder Tag bringt ihnen einen neuen aus⸗ giebigen Goldregen. Ihr Weizen blüht ebenso reich, reicher noch wie der ihrer Kollegen von der landwirtschaftlichen Fakultät.
Aber je reicher die Ernte jener, desto mehr muß der Ver⸗ braucher zahlen. Werden nicht für Sohlen und Absätze riesige Preise verlangt. und dabei muß der„Besohlanstaltsbesitzer“ noch beinahe um das Leder betteln. Das sind reizende Zustände. Um so reizender, aufreizender und erbitternder als auch hier nicht ein Mangel an Ware, sondern der Lederwucher im großen die Schuld trägt. Es ist Leder genug vorhanden. Man bekommt so viel Sohlen, wie man haben will, aber man muß zahlen, zahlen, zahlen! Eine schon ohnedies millionenreiche Gesellschaft von Spekulanten kontrolliert den Häute- und Ledermarkt und schreibt den 67 Millionen die Preise vor. Da muß es denn natürlich kommen, daß eine einzige süddeutsche Lederfirma in 9 Kriegs- monaten 20 Millionen Mark verdienen konnte, während Millionen Kriegerfrauen nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder anständig in die Schule schicken sollen.
So werden wir sie eben barfuß laufen lassen müssen. Wir Er⸗ wachsenen aber können uns ja aus alten abgelegten englisch— ledernen Hosen oder anderen Stoffen serbische Opanken zusammen⸗ flicken und sie mit Bindfaden an den Beinen befestigen. Holländische Holzschuhe wären auch in Betracht zu ziehen. Nur müßten von vornherein Höchstpreise festgesetzt werden, denn sonst kosten auch sie innerhalb 6 Wochen so viel wie eine Saloneinrichtung von Nuß— baum. Sind doch heute schon die Preise für die einfachsten Holz⸗ schuhe auf das Doppelte ihres bisherigen Standes gestiegen, ohne daß die Rohmaterialien auch nur um einen Pfennig teurer ge—⸗ worden wären!
Ach ja! Wir leben in einer großen, großen Zeit. Alle Schlacken sind von der deutschen Seele abgefallen. Warum sollen wir da nicht auch die Stiefel verlieren? Das paßt ganz zum Bilde des Krieges, der, wie seine ganze vieltausendjährige Geschichte lehrt, bisher noch immer die Wenigen reich machte und Hundert⸗ tausende arm.
Wie die Butterpreise herabgesetzt werden können. Wie der Münsterer Anzeiger berichtet, war dort der Preis für das Pfund Butter, der in der vorherigen Woche fast durchweg 1,50 Mark betrug, in der letzten Woche auf 1,70 bis 1,80 Mark gestiegen. Vereinzelt wurde sogar für Molkereibutter 1,90 Mark gefordert. Um eine Herabsetzung dieser für Münster außergewöhnlich hohen Preise zu erlangen, hatte der Magistrat durch Polizeibeamte den Butterverkäufern ein Formular aus⸗ händigen lassen, in dem er aufforderte, mit den Preisen auf 1,50 Mark herunterzugehen. Andernfalls seien Höchstpreise zu erwarten, die noch niedriger sein würden. Die meisten Verkäufer hielten zunächst an ihren hohen Preisen fest. Andere deckten kurz entschlossen ihre Körbe zu und protestierten gegen die Anordnung des Magistrats mit der Drohung, ihre Butter zum Industriebezirk zu fahren, wo noch höhere Preise bezahlt würden. Einige Verkäuferinnen zeigten sich doch bereit, das Pfund Butter für 1,50 Mark zu verkaufen. Die Hausfrauen, die in Scharen die Butterhändler umstanden und die Bestürzung der Verkäufer ruhig mit angesehen hatten, kauften nun von denen, die nur 1,50 Mark verlangten und ihre Ware schnell absetzten. Um die Butter nun nicht wieder mit nach Hause nehmen zu müssen, bequemten sich die Ver— käufer nach und nach dazu, sie zu dem vom Magistrat fest⸗ gesetzten Preise loszuschlagen. An diesen Vorgängen sieht man, daß ein energisches Zugreifen der städtischen Behörden den Konsumenten sehr wohl helfen kann.
Kriegsdarlehen an notleidende Gemeinden. In ihrer vertraulichen Besprechung am vorigen Freitag hat die Zweite Kammer des hessischen Landtags sich unter anderem auch mit der weiteren Gewährung von Darlehen an notleidende Ge— meinden für außerordentliche Kriegszwecke beschäftigt. In der Dezembertagung des Landtags war bekanntlich der Re— Merung zu diesem Zwecke ein Kredit bis zu acht Millionen Mark bewilligt worden. Da dieser Kredit in Kürze erschöpft sein wird, erklärten sich die Kammerfraktionen am Freitag damit einverstanden, daß die Regierung den Landständen
für die kommende Tagung eine Gesetzesvorlage unterbreitet, in der die Bewilligung eines weiteren Kredits von zehn Mil lionen Mark für die in Betracht kommenden Städte Kommunalverbände beantragt wird.
— Vom Nahrungsmittelwucher. Wie durch die Speko lation die Preise in die Höhe getrieben werden, zeigt ein Beispiel, das dieser Tage im Nassauer Boten zu lesen war. Diesem Blatte schrieb ein im Getreidehandel erfahrener Leser aus Limburg: In Ihrem Blatte wurde unlängst sehr richtig ausgeführt, daß die Brot⸗ bezw. Mehlpreise im Kreise Lim burg im Verhältnis zu den Getreidepreisen zu hoch seien; dieses trifft auch heute noch voll zu. Nachfolgend ein Beispiel, wie der Kreisausschuß bezw. sein kaufmännisches Bureau auch weiterhin für billige Lebensmittel sorgt: Bei der Be schlagnahme lagerte außer Mehl auch Weizengries im Kreise, welcher zu dem sehr anständigen Preise von 47 Mark pro Doppelzentner an diesen übereignet wurde. Der Gries wurde durch obengenanntes Bureau zu 90 Mark pro Doppelzentner, also nach dem recht bescheidenen Gewinn von mehr als 91 Prozent, an Kaufleute abgesetzt; im Handel würde man einen solchen Gewinn mit Recht mit einem wenig schmeichelhaften Ausdruck bezeichnen und den käufer zur Verantwortung ziehen. Im Kleinhandel wurde dieser Gries dann zu 60 Pfg. pro Pfund, also 120 Mark pro Doppelzentner, berechnet; bemerkt sei noch, daß Gries vorzugsweise von der ärmeren Bevölkerung als Kinder- Nahrungsmittel gekauft wird.
— Tod des Eisenbahners. Gestern abend kurz nach 8 Uhr wurde im Gießener Bahnhofe der Bahnarbeiter Joh. Müller aus Großen-Linden von einer Maschine, die auf dem Fuldaer Gleise nach dem Bahnhofe zu fuhr, erfaßt und gräßlich verstümmelt. Ein Bein war vollständig abgefahren, das andere ebenfalls gebrochen und außerdem hatte der Ver— unglückte noch weitere schwere Verletzungen. Der Tod trat in wenigen Minuten ein. Müller steht in den 50er Jahren: er war Lokomotiv- oder Wagenputzer.
— Das Wiedersehen. Dieser Tage wurden eine Anzahl Gefangene aus den Lagern von Gießen, Darmstadt und anderen Orten in ihre Heimat nach Nordfrankreich befördert, soweit dies von den Deutschen besetzt ist. Von einem Partei⸗ genossen, der einen Transport begleitete, werden uns die rührenden Szenen geschildert, die sich bei Ankunft der Leute in Roubaix ereigneten. Man sei so ergriffen gewesen, daß man es kaum habe ansehen können, wenn die alten Mütter ihre Söhne wiedergesehen und geherzt und geküßt hätten. Fast die ganze Bevölkerung sei zusammengelaufen.— Das ist sehr begreiflich. Man kann danach ermessen, wie furcht⸗ bar der Schmerz derjenigen sein mag, welche vergebens auf die Heimkehr ihrer Angehörigen warten.
„Burgfrieden“ und Händlerpresse. Die großen moralischen Erfolge der Konsumvereine in der jetzigen Kriegszeit lassen ge— wissen Kreisen der Kleinhändler keine Ruhe. Immer wieder ver⸗ suchen die Fachorgane des Kleinhandels sich an den Konsumgenossen⸗ schaften zu reiben, als ob diese nicht auch das Recht hätten, den Schutz des Burgfriedens zu genießen. Ein Beispiel hierfür liefert die neueste Nummer des Nahrungs⸗ und Genußmittelhändlers, eine fachwissenschaftliche Beilage zur Leipziger Kolonialwaren⸗ zeitung. Wir lesen da folgendes:
Ein großer Teil der Arbeiterschaft ist dem Nahrungsmittel⸗ handel leider verloren gegangen infolge der politischen Werbe⸗ kraft gewisser Konsumpereine. Wenn sich der Nahrungsmittel- handel auch diesen Verhältnissen angepaßt hat und sich auch ganz gut dabei besindet, daß er von der weniger kaufkräftigen Kundschaft der Proletarier entlastet ist, so ist diese Entwicklung im Interesse vieler Arbeiter und Familien zu bedauern, da sie natürlich durch die Konsumvereinsqualitäten weniger gut ver⸗ pflegt und ernährt werden, als wenn sie ihren Bedarf in einem guten Fachgeschäft decken würden.... Je besser die Industrie beschäftigt ist und je größer der Verdienst der Arbeiterschaft ist, desto mehr suchen sie sich der Konsumvereinswirtschaft zu ent⸗ ziehen und sind bestrebt, ihre Lebenshaltung dem höhern Ver⸗ dienst entsprechend zu verbessern. Das zeigt sich in der Wohnung, der Kleidung und vor allem auch in der Nahrung. Auch der politische Einfluß der Konsumvereinsmacher geht zurück, denn der zufriedene Arbeiter pflegt viel vernünftiger darüber nach— zudenken, weshalb er die auf Kosten der Arbeiterschaft ange— stellten Genossen erhalten soll.
Diese Leistung verdient festgehalten zu werden. Wenn sie auch gerade nicht den bündigen Beweis für die Untadelhaftigkeit der den Konsumvereinen feindlich gesinnten Kleinhändler erbringt, so zeigt sie doch, welche Unverfrorenheit man sich auch in Kriegs—
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Ver⸗
zeiten im Kampfe gegen die Selbsthilfeorganisationen der Ver— braucher erlauben darf. Landesverband der Hausbesitzervereine in Hessen. Uns wird
mitgeteilt: Die Vorstände der Hausbesitzervereine im Großhe tum Hessen hielten am 25. d. M. in Frankfurt a. M. eine ab. Es waren vertreten: Darmstadt, Offenbach, Worms, Gießen, Mombach und Mains-Kostheim. Der Vorsitzende rr Grünwald, der gleichzeitig auch Mitglied des Vorstandes des Zentralverband deutscher Haus⸗ und Grundbesitzer ist, erstattete zunächst erst ssihrlichen Bericht über die am 30. Mai 1915 in Berlin abgehalt Vorstandssitzung und besprach auch die Tagesordnung der am und 9. August in Halberstadt stattfindenden erweiterten Kriegs-Vor⸗ stands⸗Sitzung des Zentralverbandes. Es wurde beschlossen, daf Herr Grünwald an derselben für den Landesverband& nehmen soll. Den Vorständen der hessischen Hausbesitzerve wurde außerdem empfohlen, mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Verhandlung stehenden Fragen, auch ihrerseits unter allen Umst den Vertreter nach Halberstadt zu entsenden. Die Vereine Mainz. Darmstadt, Offenbach a. M., Worms und Gießen werden dies vor- aussichtlich auch tun. Im übrigen wurde über die Herbeiführung der Besteuerung nach dem Ertrag und über Herabsetzung de satz- und Hypothekenstempels beraten. Herr von Hessert, Darmstadt stellte noch in der Sitzung den Antrag: ie Regierung zu ersuchen, durch ihren Vertreter bei dem Bu at dahin zu wirken, daß während des Krieges die Darlehenskassen auf ein schulde n freies Hausgrundstück stempelfrei ein Darlehen gewähren. Der An⸗ tragsteller hob hervor, daß man während des Krieges von den Dar— lehenskassen wohl gegen Verpfänoͤung von Waren und Wertpapieren jederzeit ein Darlehen erhalten könne, dagegen aber nicht gegen Ver— pfändung eines schuldenfreien Hausgrundstückes, was doch recht merkwürdig sei. Ueber alle Fragen wurde längere Zeit eingehend beraten und alsdann beschlossen, durch Eingaben und versönliche Besprechungen mit der Regierung zu versuchen, daß die Regierung die Forderungen als berechtigt anerkennt und ihnen wenigstens sülr die Dauer des Krieges Geltung verschafft. Bevor die Eingaben an die Regierung abgehen, soll zunächst versucht werden, bei den in Be⸗ tracht kommenden Ministerien persönlich vorzusprechen und mit den zuständigen Herren Dezernenten über unsere Wünsche zu verhandeln. In letzterer Beziehung wurde das Erforderliche inzwischen bereits veranlaßt.
— Die Nachtarbeit in den Bäckereien. Jahrzehntelang haben die organisterten Bäcker und allen voran unser unvergeßlicher
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August Bebel die Nachtarbeit im Bäckeresgewerbe bekämpft— ohne
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[Vauquois sprengten wir mit Erfolg Minen.
vaß man jevoch auch nur einen Schritt vorwarts getommen ware. Die Bäckermeister sowohl wie die Regierung hatten sich immer wieder mit aller Kraft gegen jede Einschränkung dieser unhygieni⸗ schen, gesundhei a Nachtarbeit ge⸗
wandt. ohne Gnade revo⸗ 0 Das nteste 11 len diese Naßnahme mit selbf ißt haben, sondern
Bäckerinnungen und die Regierung das Verbot der Nachtarbeit als dauernde Einrichtung betrachteten. Einen neuen eweis ftir dieses Umlernen hat nun eine Versammlung der Be zwangsinnung von Berlin gegeben. Sie beschäftigte sich ausschließlich mit dem Verbot der Nachtarbeit, hörte zwei Referate über e Frage und kam zu dem einstimmigen Beschluß, den An⸗ trag des Innungsvorstandes auf Abschaffung der Nacht⸗ arbeit auch nach dem Kriege anzunehmen. In der Begründung wurde von dem Innungsvorstande ausgeführt: Durch die Be⸗ seitigung der Nachtarbeit werde der ganze Stand dadurch gehoben und ihm ein gebildeter Nachwuchs gesichert. Das Nachtbackver⸗ bot während der Kriegszeit habe die gänzliche Abschaffung der Nachtarbeit in den Bäckereibetrieben wesentlich erleichtert und es werde wohl kein Bäckermeister mehr gern zur Nachtarbeit zurück⸗
auch sehr bald die
kehren.— Wir unterstreichen dieses bemerkenswerte Einge⸗ ständnis; es bekräftigt aufs neue eine der ältesten Forderungen
der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Sozialpolitik. Wie wir bereits mitteilten, sprach sich auch der Verbandstag der Brot⸗ fabrikanten gegen die Nachtarbeit aus.
— Fällige Pachtgelber. Unter den heutigen amtlichen Be⸗ kanntmachungen der Stadt Gießen befindet sich auch die Erinne⸗ rung zur Zahlung des bereits am 15. d. Mts. fällig gewesenen Pachtgeldes. Die Zahlung kann noch in den nächsten 8 Tagen ohne Mahnkosten bei der Stadtkasse erfolgen.
— Die Bekämpfung der Kohlblattlaus. In ganz beängstigender und stark verheerender Weise tritt in diesem Jahre die Kohlblatt⸗ laus auf, die zurzeit der Schrecken der Kleingärtner und Gemüse⸗ bauern bildet. Wegen ihrer grauen Farbe wird sie von vielen nicht gekannt und hat zu den phantastischsten Auslegungen Anlaß gegeben. Im Gegensatz zu anderen Blattläusen ist die ungeflügelte Kohlblattlaus(denn um diese handelt es sich meist) von grau⸗ grüner Farbe und weißlich-blaugrau bestäubt. Am Hinterleib trägt sie zwei kleine schwarze Punkte. Die geflügelte Laus da⸗ gegen zeigt braune Färbung, ist grau bestäubt und hat den Hinter⸗ leib mit braunen Binden versehen. Die Kohlblattlaus tritt in großen Mengen an Spinat, auch Salat, Kohl, Rettich und Rüben auf. Die enorme Vermehrung und Verbreitung der Kohlblattlaus in diesem Jahre ist die Folge der anhaltenden trockenen und heißen Witterung. Die Schädigung der Kohlblattläuse beruht auf dem Aussaugen der befallenen Pflanzen. Das Wachstum bleibt zurück und der Ernteertrag wird stark vermindert. Aber auch indirekt können die Läuse schädigen. Der starken Vermehrung steht auch eine hohe Sterblichkeitszahl gegenüber. Die toten Läuse faulen und bringen dadurch die Blätter ebenfalls zum Faulen. Bei feld⸗ mäßigem Anbau schaltet die Bekämpfung schon wegen der Unaus⸗ führbarkeit von vornherein aus. Im Garten kann man sich die Mühe nehmen und die befallenen Pflanzen mit einer Schmier⸗ seifenlösung(auf 100 Teile Wasser 1 bis 2 Teile Schmierseife in warmem Wasser gelöst) bei trübem Wetter zwei⸗ bis dreimal be⸗ spritzen. Auch eine Quassiaseifenbrühe(250 Gramm Quassiaspäne in 5 Liter Wasser kochen, nach dem Abkühlen 24 Stunden stehen lassen, dann abgießen, mit einer Lösung von 1 Kilogramm Schmierseife in 3 Liter heißem Wasser vermischen und auf 50 Liter mit Wasser verdünnen) tötet die Läuse ab.
Treibt das Geflügel auf die Stoppelfelder! Wenn bei uns die Kornernte beendet, sollten unsere Landwirte nicht unterlassen, ihre Stoppelfelder nach der Abfuhr des Getreides durch Gänse und Hühner absuchen zu lassen, damit nicht nur die ausgefallenen Ge⸗ treidekörner oder liegengebliebene Aehren verwertet werden, son⸗ dern die oft massenhaft vorkommenden Unkrautsamen und Gräser beseitigt werden. Eine Unmenge Futter wird alljährlich beim Um⸗ flügen der Stoppelfelder vernichtet. In diesem Jahre darf dies nicht geschehen.
Von Nah und Fern.
Sozialdemokratischer Beigeordneter. In Höhscheid bei Solin⸗ gen wurde der sozialdemokratische Stadtverordnete Freund zum Beigeordneten gewählt. Die Mehrheit des dortigen Gemeinde⸗ kollegiums setzt sich aus Parteigenossen zusammen.
Eine ganze Fuhre Getreide gestohlen! Eine böse Ueberraschung wurde einem Bauersmann in Flörsheim zuteil, als er auf das Feld hinausfuhr, um dort sein bereits in Garben gebundenes Korn heimzuholen. Ein unbekannter Spitzbube hatte die ganze Ernte des Grundstücks im Betrage von 54 Garben gestohlen. Der Schaden stellt sich auf mehr als 100 Mark.
Telegramme. Tagesbericht des Großen Hauptguartiers.
Kleine Kämpfe im Westen. Die russischen Verzweiflungskämpfe abermals vergeblich.
W. B. Großes Hauptquartier, 29. Juli, vorm.(Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
In Flandern schoß unsere Artillerie einen auf dem Furnes-Kanal liegenden Prahm in den Grund, auf dem ein schweres Schiffsgeschütz gebaut war.
Westlich von Souchez wurde ein französischer Angriff, abgewiesen.
Givenchy in und bei
Französische
Sprengungen in der Champagne e verliefen ergebnislos. Oestlicher Kriegsschauplatz.
Nördlich des Njemen ist die Lage unverändert.
Nordöstlich von Suwalki beiderseits der nach Olita führenden Bahn besetzten unsere Truppen einen Teil der feindlichen Stellungen. Sie machten dabei 2910 Gefangene und erbeuteten 2 Maschinengewehre.
Gestern und in der Nacht zu heute wiederholten die Russen ihre Angriffe gegen unsere Front südlich des Na rem und südlich von Nasielok. Alle Vorstöße scheiterten unter schweren feindlichen Verlusten.
Westlich von Nowo-Georgiewsk und dem Süd⸗ ufer der Weichsel nahm eine halbe deutsche Kompagnie bei einem Ueberfall 128 Russen gefangen.
In der Gegend südwestlich von Gora Kalwarja⸗ versuchten die Russen in der Nacht vom 27. zum 28. Juli nach Westen vorgestoßen. Sie wurden gestern angegriffen und zurückgeworfen.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Die Lage bei den deutschen Truppen ist im allgemeinen
unverändert. Oberste Heeresleitung.
den Argonnen


