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Organ für die Interessen des werktätig der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
en Volkes
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Nr. 176
Gießen, Freitag, den 30. Juli 1915
10. Jahrgang.
Erinnerungstage!
Mit dem 23. Juli 1914 beginnen die entsetzlichen Tage, die jedem, der sie miterlebt hat, wohl unvergeßlich bleiben werden. Wohl hat der Krieg mit seinen Schlachten und Siegen selbst zeit— weise große Erregung ausgelöst. Aber an die Tage der Spannung zwischen dem 23. Juli und dem 4. August reichen diese Eindrücke nicht heran. Ein Jahr ist also verflossen, seit Oesterreich in Bel⸗ grad seine befristete Note überreichen ließ, die dann in ihren Nach⸗ wirkungen zu dem Weltkriege führte. Da erhebt sich noch einmal die Frage, wer die Schuld an dieser grauenvollen Verwicklung trägt. Gewiß, die Sozialdemokratie hat, solange noch eine Spur von Hoffnung war, den Krieg zu vermeiden, darauf hingewirkt, daß Oestrreich gegenüber Serbien einen versöhnlichen Ton anschlage und keine Forderungen erhebe, die man bei bös wil⸗
liger Auslegung als einen Angriff auf die Souveränität des kleinen Landes auslegen könnte. Heute, nach einem Jahre, wo diese Rücksichten nunmehr vollständig schweigen, können wir die Frage unbefangener ansehen, und es ist deshalb begreiflich, daß
auch sozialistische Beobachter heute zu dem Resultat kommen,
daß Oesterreich in der Tat gezwungen war, seine Existenz zu verteidigen. Der schwedische Sozialist Gustaf F.
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Steffen in seinem vorzüglichen Buch„Weltkrieg und Imperia— lismus“ hebt diese Ansicht mit aller Schärfe hervor. Er schreibt: „Das erste Grundfaktum, von welchem ich ausgehe, ist das Be— tehen der großserbischen Bewegung und ihr Zweck, gewisse slawische Landesteile Oesterreichs von dieser Monarchie loszu⸗ reißen. Mein zweites Grundfaktum ist die Unmöglichkeit, daß der österreichische Staat, wenn er so wie er jetzt ist, erhalten bleiben will, jene groͤßserbische Bewegung in der extrem aggressiven Form, die sie während der letzten sechs Jahre gezeigt hat, noch länger dulden kann. Ein drittes Grundfaktum ist die Un⸗ denkbarkeit des Bestehens der großserbischen Bewegung. und ihrer Zuversichtlichkeit in dieser ihrer extrem⸗-aggressiven Form ohne vollste Garantie möglichst wirksamer bewaffneter Unter- stützung von seiten Rußlands im Falle einer Krisis. Mein viertes Grundfaktum ist der Umstand, daß gerade im Juli 1914 Oesterreich ein außerordentlich starkes desonderes Motiv hatte, die Frage der sogenannten großserbischen Agitation innerhalb der Grenzen der habsburgischen Monarchie ein für allemal zu erledigen. Wie nach dem Blaubuche Serbiens der serbische Gesandte in Wien schon am 7. Juli seiner Regierung in Belgrad in unheilverkündendem Tone schrieb.“
In der Tat, niemand kann im Ernst verlangen, daß ein Staat
— und sei es ein Nationalitätenstaat nach österreichischem Muster — mit den Worten:„Entschuldigen Sie, daß ich ge⸗ „boren bin“, von der politischen Schaubühne abtritt. Mag man von der theoretischen Ueberlegenheit der Nationalstaaten noch
so felsenfest überzeugt sein, jede bestehende Organssation ver⸗ teidigt ihre Existenz und sie tut recht daran. Wir stellen mit Freude fest, daß dies auch die Ansicht unseres Wiener Bru⸗
derblattes ist, dessen außerordentlich vom 23. Juli wir hier solgen lassen: „Heute ist es ein Jahr, daß der Weltkrieg begann! Wohl wissen wir, daß auch die Kriegserklärung an Serbien später er⸗ folgte, der Krieg erst am achtundzwanzigsten Juli zur furchtbaren Tatsache wurde. Und haben die Tage nicht vergessen, an denen sich der Konflikt in Serbien zu der Welttragödie entwickelte: die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland, die am ersten August erfolgte, an Frankreich, die am dritten August geschah, die Englands an Deutschland, die am vierten August den Ring schloß. Aber so gewiß sich alles Furchtbare aus dem Krieg gegen Serbien entwickelte, so bestimmt wird auch der Geschichtsschreiber den Beginn des Weltkrieges in jener Note feststellen, deren Jahres⸗ tag nun vor die erschütterte Seele tritt. An dem Tage, da sie be⸗ kannt und überreicht wurde, schrieben wir die düsterahnenden Worte nieder: Der Tag, da Oesterreich-Ungarn bieses Ultimatum stellt, wird ein Tag sein, der der österreichischen Menschheit in ewigschmerzlicher Erinnerung bleiben wird. Unsere Ahnung ist übertroffen worden: diesen Tag wird die gesamte Mensch⸗ heit aus ihrem Erinnern niemals tilgen! 1 Wohl ist es uns nicht unbekannt, daß über die Grundursache des Krieges, soweit sie in den Verhältnissen und Machtkämpfen der Staaten liegt, auch andere Auffassungen bestehen und daß insbe⸗ sondere als seine wahre und letzte Ursache die Eifersucht und der Haß Englands gegen das Deutsche Reich erachtet wird, welche bei der Entfesselung des Weltkrieges die eigentlich treibende
instruktive Darlegung
Kraft gewesen seien. Aber wir wissen es besser! Wir wissen, daß der Krieg entbrannte um den Bestand Oester⸗
reich⸗Ungarns, um Dasein oder Vernichtung unseres Na⸗ tionalitätenstaates, von dem alle diejenigen, die an ihm Beute machen möchten, vermeinen wollten, daß seine Daseinsmöglich⸗ keiten erschöpft seien, daß er dem Anprall der nationalen Aspira⸗ tionen nicht standhalten werde können. Wohl hat ein Funke ge⸗ nügt, alle Pulverfässer in Europa zur Explosion zu bringen, aber die Entstehungsursache eines Brandes suchen wir dennoch in der Tatsache und Handlung, die ihn unmittelbar herbeigeführt hat. Daß danach alle Feinde des Deutschen Reiches aufstanden und sich zum Vernichtungskampf gegen die deutsche Entwicklung ver⸗ einigten, ist richtig, und es war leider auch zu erwarten, Trotz⸗ dem ist der Schluß, daß die Kriegsursache in dem Sein des Deut⸗ schen Reiches liege, ein Fehlschluß, der vor allem die urch die ganze Menschengeschichte erhärtete Wahrheit außer acht läßt, daß ein einheitliches, in sich geschlossenes Staatsgebilde, das sich vor jeder Prüfung als ein lebensfähiger, gesunder und gewaltiger Or⸗ ganismus behauptet, keinem Gegner die Hoffnung erwecken, keinen zu der Meinung verführen wird, es ins Mark treffen, ihm gleich⸗ sam die Lebensmöglichkeit abschneiden zu können. Und wie der
Krieg gegen den Staat der vielen Nationen begann, so setzt er sich
in dem Treubruch Italiens auch fort: die Selbstbe⸗ hauptung Oesterreich⸗Ungarns hat in dem Weltkrieg das Primat. Und so setzen wir den Beglun das krieges nicht
bloß wegen des äußeren Ablaufs, wegen der Verknüpfung und Verkettung, in der alles Nachfolgende mit dem serbischen Konflikt steht, in die Note, die heute vor einem Jahre auf die erschreckte Menschheit niedersauste, sondern deshalb, weil schon mit dem serbischen Streitfall die Daseinsfrage des Nationalitätenstaates aufgerollt wird.
Und so sprechen wir mit Schauer das Wort aus: ein volles
Ein
die Mannheit unseres Landes im Kriege steht! leicht sich's ausspricht und was schließt es ein! O
Jahr:
wie daß wir hoffen könnten, in absehbarer Zeit einen anderen Tag zu erleben! O, daß die Siege, die die verbündeten Heere über Armeen des Zaren gerade in diesen Tagen erringen, jener vol und abschließende Erfolg wären, der den Frieden möglich macht! Dann lönnten wir den Gedanken, daß dieser Weltorand nun schon dreihundertsechzig Tage währt, von denen kein Tag ohne gewaltige Opfer geblieben ist, mit dem Bewußtsein tragen, daß aus der Vernichtung sich Leben erhebt und in der unendlichen Bewegung der Natur alles Gewesene auch zum Werdenden wird.“
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Wie sieht es in Mutssisch⸗Polen aus?
In Holland ist ein Unterstützungskomitee für Russisch⸗Polen ge⸗ gründet worden, das jetzt öffentlich zur Einsendung von Unte⸗ stützungen auffordert. Bei dieser Gelegenheit veröffentlicht das Komitee einen Bericht, dem nach einer Depesche der Tägl, Rundschau folgendes zu entnehmen ist:.
„Russisch⸗Polen umfaßt 127 500 Geviertkilometer. mit 13 Mil⸗ lionen Einwohnern und ist, mit Ausnahme des Gouvernements von Siedlee und einem kleinen Teile des Gouvernements von Warschau, nahezu vollständig durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen wor⸗ den. Mehr als zweihundert Städte und 9000 Dörfer wurden durch den Krieg betroffen. Der unmittelbare Schaden beträgt mehr als 2½% Milliarden Mark. Fünftausend Dörfer sind voll⸗ ständig vernichtet. Zahllose Bauernhöfe, Rittergüter, Schlösser, Landhäuser usw. sind verbrannt: mehr als hundert Kirchen verwüstet; mehr als tausend beschädigt. Getreide- und alle sonstigen Vorräte wurden beschlagnahmt. Zwei Millionen Stück Herdenvieh und eine Million Pferde wurden requiriert oder kamen wegen Futtermangels um. Durch die schweren Geschosse wurde der frucht⸗ bare Boden auseinandergefegt und unter Sand und Kiesel begraben: besonders bei Radom und Lublin, wo ganze Strecken für lange Zeit unfruchtbar sind. Der kleine Bauer ist vollständig ver⸗ armt. Den Großgrundbesitzern geht es auch nicht viel besser. Der gesamte Landbau Russisch⸗Polens, der früher einen jährlichen Ertrag von rund 19, Milliarden Mark hatte, liegt für lange Zeit vollständig brach. Noch immer kommen Menschen durch Hunger um. Auch die Städte haben viel gelitten. Die Industriezentren Czen⸗ 5 Lodz usw. leiden unter einer schrecklichen wirtschaftlichen Krise.
Warschau ist von jeder Verbindung mit dem übrigen Rußland abgeschnitten. Die Eisen bahnen sind über eine Länge von 1500 Kilometer vollständig vernichtet. Bahnhöfe und Brücken sind in die Luft geflogen. Die Wege sind durch die Auto⸗ mobile, Munitionszüge und Truppentransporte vollständig unbrauch⸗ bar geworden. Das Kohlenrevier von Dombrowa ist be⸗ reits zu Anfang des Krieges zerstört worden; die Zechen wurden gesprengt. Statt 30000 Waggons Kohlen monatlich erhält Warschau jetzt nur 100 Waggons. Alle Fabriken im Bezirk Warschau liegen stilhl. Ueber hundert industrielle Werke sind größ⸗ benteil stört; 400 000 Arbeiter sind ohne Beschäftigung, darunter zahllose Handwerker, Geschäftsleute ufsw. Dies gilt besonders von den kleinen Städten, wo jede Zufuhr fehlt. Ueberall herrschen Evi⸗ demien, Hunger, Flecktyphus, Diphtherie, Cho⸗ lera usw. Azneien fehlen vollständig.“
Die Italiener z e en sich aus Tripolis zurück. Die Italiener haben nun auch sämtliche Garnisonen an der Greuze von Tunis geräumt. Die Besatzung von Nalut, die abziehen wollte, wurde von Rebellen angegriffen und
konnte nur mühsam Seibat in Tunis erreichen. Nachdem Sinaum und Nanut aufgegeben waren, mußte auch die
wichtige bekannte Oase Ghadames geräumt werden. Auf einen Befehl von Rom wird die Besatzung gleichfalls auf das Gebiet von Tunis zurückgezogen. Hier sind starke französische Kräfte zum Schutze der Italiener vor den verfolgenden Auf ständischen bereitgestellt. Voraussichtlich werden die Italiener von Tunis auf dem Seewege nach Tripolitanien zurückkehren. T. U. Wien, 28. Juli. Das 8 Uhr-Blatt meldet: Nach einer von der italienischen Zensur zugelassenen Nachricht in der d'Italia betragen die Verluste der Italiener in Tripolitanien 8400 Tote, 4000 Verwundete und über 5800 Vermißte. Ueber das Schicksal des restlichen Teiles der Schutztruppe herrscht große Besorgnis. Türkische Erfolge im Kaukasus. Konstantinopel, 27. Juli.(W. T. B. Nichtamtlich.) Nach glaubwürdigen privaten Meldungen aus Erzerum ver— trieben die türkischen Truppen gostern den Feind vor dem
rechten türkischen Flügel aus seiner letzten Stellung und schlugen ihn unter großen Verlusten in die Flucht. Die türkischen Truppen besetzten hierauf mehrere
strategisch sehr wichtige Punkte. Der Feind zieht sich, ver— folgt von den türkischen Truppen, in mehreren Kolonnen in Unordnung zurück.
Vergeltungsmaßnahmen in Oesterreich.
Die russische Militärverwaltung hat den Postverkehr mit den in der Gewalt der Russen befindlichen österrei hen Kriegsgefangenen fast völlig unterbunden. Als Vergeltun aßnahme ist zunächst den sassen eines in Oesterreich befindlichen Russenlagers jeder brief⸗ ze Verkehr mit der Heimat untersagt worden. Beharrt die rus⸗ sische Militärverwaltung auf ihren Maßnahmen, so wird diese Ver⸗ geltungsmaßregel auf alle russischen Gefangenenlager ausgedehnt. Die österreichische Regierung hat ferner in Petersburg eine befristete Protestnote gegen die unwürdige Behandlung ihrer in Kriegsgefan⸗ genschaft gekommenen Offiziere einreichen lassen, denen, ganz abge⸗ sehen von unzulänglichen Unterkünften, bis zum Hauptmannsrang die Offiziersabzeichen abgenommen wurden. Da bis zum 21., dem Ablaufstag dieser Frist, eine Antwort von seiten Rußlands nicht ein⸗ getroffen war, wurden die in österreichischer Gefangenschaft befind⸗ 1 1 Offiziere gehalten, innerhalb 24 Stunden ebenfalls ihre Offi⸗ ziersabzeichen abzulegen.
Verhaftung eines amerikanischen Arbeiterführers.
Reuter meldet aus Newyork: Der Vorsitzende des Streikkomitees von Bayonne, Jermish Bayly, wurde auf den Verdacht hin verhaftet, daß er unter dem Einfluß von außen Störungen in den Betrieb der Standard Oil Co. zu bringen suchte. Bayly widersprach auf das schärfste der Behauptung, daß er durch eine ausländische Re⸗ gierung nach Bayonne geschickt worden sei, er gab jedoch zu, daß er Oesterreicher sei. 0 l
Japan rüstet.
Die Londoner Morning Post bringt Meldungen aus Tokio, nach welchen in Japan eine starke Heeres⸗ und Flottenvermehrung bevor⸗ stehe. In England erregt das von Japan aufgestellte Riesenpro⸗ gramm ernste Besorgnisse. Ein Artikel der Morning Post gibt ganz offen zu, daß die Rüstungen Japans sich nur entweder gegen Eng⸗ land oder gegen Amerika, voraussichtlich aber gegen alle beide richten können. Das Blatt meint, daß zurzeit einige„Mißverständnisse“ über die chinesische Politik Japans zwischen Tokio einerseits und London und Washington andererseits herrschen. In Japan scheint man bedauerlicherweise den Mißerfolg der japanisch⸗chinesischen Ver⸗ handlungen auf die Gegenarbeit Englands und Amerikas zu schieben. Das Blatt hofft, daß das Mißverständnis sich bald zerstreuen wird, warnt jedoch vor dem anscheinend ungemäßigten Ehrgeiz Japans.
Ernste Unruhen in Indien.
Amsterdam, 28. Juli.(W. T. B. Nichtamtlich.) Ein⸗ gegangene amerikanische Zeitungen enthalten folgende Nach⸗ richt aus Manila vom 5. Juli: Offiziere und Fahrgäste des eingelaufenen spauischen Postdampfers„Alicante“, welcher unterwegs Aden, Colombo, Ceylon und Singapore berührte, berichten über ernste Unruhen in ganz Indien. Mehrere Aufstände haben stattgefunden. In Colombo sollen revoltierende Eingeborene von englischen Truppen streng bestraft sein, nachdem mehrere Engländer ermordet und die Läden geplündert worden waren. Das Kriegs⸗ recht wurde v udet und die Europäer bewaffnet und die militärtauglichen englischen Untertanen in die Armee ein⸗ gestellt. Es wurden Vorbereitungen getroffen, die weißen Frauen und Kinder nach Australien oder in die Heimat zu bringen. In Singapore riefen die Behörden alle englischen Untertanen zwischen 20 und 30 Jahren zu den Waffen. Auch unter der eingeborenen Bevölkerung im Norden von Borneo herrscht Unruhe.
Haussuchungen und Vortragsverbot in Dresden.
Im Verbandsbureau und in der Wohnung des Bevollmächtigten der Friseurgehilfen in Dresden, Genossen Frenzel, wurde am Mon⸗ tag zum dritten Male gehaussucht. Man fahndete nach der Zeit⸗ schrift Die Internationale. Obwohl die Haussuchung drei Stunden gedauert hat, wurde das Gesuchte nicht gefunden. Dafür beschlag⸗ nahmte die Polizei einige Exemplare der„Gedichte eines Jugend⸗ lichen im Felde“, Briefe des Genossen Karl Liebknecht an die Redak⸗ tion des Labour Leader und einige Notizblocks„Die Mehrheit sagt — die Minderheit sagt“. Auch in den Wohnungen der Genossinnen Naumann und Lewinsohn in Dresden und des Genossen Wolf in Deuben bei Dresden fanden Haussuchungen statt, die ebenfalls er⸗ gebnislos blieben.
Die Dresdener Arbeiterschaft veranstaltet seit einiger Zeit wissenschaftliche Vorträge für junge Genossen und Genossinnen im Alter von 18—21 Jahren. Am Montagabend sollte wieder ein solcher Vortrag stattfinden. Und zwar sollte Genosse Otto Rühle das kommunistische Manifest behandeln. Am 25. Juli erhielt er jedoch auf Veranlassung des stellvertretenden Generalkommandos für das 2. Armeekorps von der Abteilung B der Dresdener Polizeidirektion folgende Mitteilung:
„Der in der Dresdener Volkszeitung vom 23. Juli 1915 für Montag, den 26. dieses Monats angekündigte Vortrag über das kommunistische Manifest sowie alle weitexen Vorträge über das⸗ selbe Thema werden auf Anordnung en Königlichen stell⸗ vertretenden Generalkommandos vom dieses Monats hiermit verboten. Es wird darauf hingewiesen, daß Zuwiderhandlungen gegen dieses Verbot des Generalkommandos nach§ 9b des Ge⸗ setzes über den Belagerungszustand vom 4. Juli 1851 der Be⸗ strafung mit Gefängnis bis zu einem Jahr unterliegen.“
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