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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 175
Gießen, Donnerstag, den 29. Juli 1915
10. Jahrgang.
Vom Weltkrieg.
Die Befreiungsideale.
Schon von Beginn des Krieges an spfelt in der französischen sozialistischen Partei die Idee eine große Rolle, daß von den Ententemächten dem übrigen Europa die Befreiung aller Völker gebracht werden müsse. Dabei wird in den höchsten Tönen die französische Freiheit besungen, so daß man glauben könnte, nicht die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit haben in Frankreich die sozialistische Paxtei geschaffen, sondern die
gemeinsame Auffassung, daß die französische Bourgeoisrepublik die!
beste Hüterin aller Freiheitsideale ist. Deshalb verspricht man auch wieder in dem Aufruf des Generalrats der französischen Partei allen Völkern die Freiheit. Und wie es so schön in dem
Aufruf der französischen Partei heißt, daß Frankreich durch seinen
Willen zum Frieden, zur Freiheit der Individuen und der Na⸗ tionen sich wieder einmal die Dankbarkeit der ganzen Welt ver—
dienen werde.
Wenn uns die Begeisterung eigen wäre, die bei den Partei— genossen in Frankreich die Menschen gefangen nimmt, dann könnten wir uns einbilden, eine gleiche Mission nach dem Osten zu erfüllen. Der Krieg schafft so harte Tatsachen, besonders wenn er 12 Monate auf das Fühlen und Empfinden der Menschen einge— hämmert hat, daß zu politischen Phantastereien, die bei uns schon schwächer entwickelt sind als in Frankreich, keine Neigung vorhanden ist. Es wäre schon besser, wenn die französischen Ge— nossen etwas weniger dramatisch die Freiheitshelden zur Schau trügen, sondern etwas ruhiger und verständiger über das Ende des blutigen Ringens nachdenken wollten.
Was es mit der Freiheit des Individiums in Frankreich auf sich hat, dafür genügt doch nur das Beispiel anzuführen, wie die französische Regierung 1913 gegen die Gewerkschaften ver⸗ fuhr, als man sich dort gegen die Heraufsetzung der Dienstzeit auf drei Jahre wandte.
Diese Protestaktion der Arbeiter wurde eines Tages jäh da— durch unterbrochen, daß 18 in der Gewerkschaft tätige Genossen ein⸗ gesperrt und fünf Monate in Untersuchungshaft gesetzt wur⸗ den. Der Vorwärts schrieb am 23. November 1913 in einem Be⸗ richt aus Paris über das Ende der Aktion folgendes:
„Die Regierung warf sich wütend auf die Gewerkschaften, ließ in hunderten Privatwohnungen, Arbeiterbörsen und Re— daktionen Durchsuchungen vornehmen und steckte etliche Organi- sationsleiter ins Gefängnis. Natfrlich sollte nun das Publikum zum Glauben an eine Verschwörung gebracht werden, da es ja beim Antimilitarismus der mit dem dritten Jahr be— drohten Wehrmänner nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Literarische Bediente helfen der Polizei bei der Sammlung von „Material“. Sogar die„vornehme“ Revue de deux Mondes be— teiligte sich daran... Und damit die Sache ein besseres Gesicht bekam, wurden außer den Organisationsbeamten, die mit der Versendung der Anweifungen und Begleitschreiben an die Sol⸗ daten mehr oder minder zu tun gehabt hatten, der Sekretär Yvetot und der Kassierer Mark von der Arbeiterkonföderation eingelocht. Der erste wohl darum, weil er als alter„Anti- patriot“ und Verfasser eines vielverbreiteten„Soldatenhand— buches“ als„Oberhaupt“ der Verschwörung präsentiert werden konnte und Mark vielleicht, weil man das Publikum glauben machen wollte, die Arbeiterkonföderation habe die demonstrieren— den Soldaten bezahlt.“
Der Protest aus der Arbeiterschaft wurde damit erstickt, der französische Militarismus triumphierte, die drei⸗ jährige Dienstzeit blieb bestehen.
Dabei hatten wir damals in Deutschland das gerade nicht sehr angenehme Gefühl, daß unsere Militärs dem französischen Bei— spiel solgen könnten. Also, wenn die französischen Genossen den preußischen Militarismus totschlagen wollen, was sie uns wieder einmal heilig versprechen, so sollten sie nicht vergessen, daß wir immer noch die zweijährige Dienstzeit haben, und daß hier, einschließlich Liebknecht, niemand Neigung hat für ein dreijähriges französisches Exerzieren.
Wir sind auch der Ueberzeugung, daß eines Tages unseren Ge— nossen in Frankreich wieder die Erkenntnis kommt, daß die Gegen⸗ sätze zwischen Kapital und Arbeit in den Regierungssystemen keine großen Unterschiede aufkommen lassen. Gegenwärtig aber ist das Festhalten an der fixen Idee, wir Franzosen haben doch die vom Freiheitsdrang getriebene Regierung und die russische wäre auch besser, wenn das nicht die preußische Regierung verhindert
hätte, wie von anderer Seite entdeckt wurde(Vanderveldel), politisch töricht und eine Hinderung jeder Ver⸗
ständigung, auf die wir doch nun eines Tages hinsteuern müssen, je eher, se besser.
Noch eine Absonderlichkeit des Aufrufs der französischen Ge⸗ nossen auf die Friedenskundgebung des deutschen Parteivorstandes mag hier eine besondere Würdigung erfahren. Es heißt dort, daß ein dauernder Friede nur möglich ist auf dem Prinzip der
Nationalitäten, das den Willen einschließt, jede An⸗ nexionspolitik zu vermeiden und zugleich den unter⸗ drückten Völkern Europas wieder das Recht zu geben, über sich
selbst zu verfügen und zu den Nationen, von denen sie gewaltsam getrennt worden sind, zurückzukehren. 8
Da möchten wir fragen, zu welchem Zweck geschieht denn die Teilnahme des französischen Heeres am Kampf um den Be⸗ sitz der Dardanellen? Welche Völker wollen denn hier die sozialistischen Minister befresen? Wenn nun die Nationen wieder alle in ihre Rechte kommen sollen, wird die französische Re⸗ gierung Marokko und Algier den Eingeborenen wieder⸗
geben, werden die Chinesen wieder Tonkin von Frank⸗ ceich erhalten? Sollen Polen, Finnland, die Mongolen und die
kaukasischen Völlerschaften aus russischer Knechtschaft auch be⸗ freit werden? Natürlich soweit geht der Freiheitsdrang der französisch⸗sozialistischen Regtevung nicht, nur in Elsaß⸗Loth⸗ ringen, Schleswig Holstein und in Oesterreich jollen die Völker„befreit“ werden. Der französische Genosse Com—
perxe⸗Morel wendet sich schon gegen die Annexionsidee, das linke Rheinufer für Frankreich in Besitz zu nehmen; auf ein bischen Mehr oder Weniger kommt es schließlich nicht an.
Gegenüber solchen Auffassungen sind alle Bemühungen einer Verständigung leider zur Fruchtlosigkeit verdammt. Das sind vor— läufig recht trübe Aussichten, die für alle Beteiligten zu bedauern sind, aber es wäre töricht, vor diesen Tatsachen die Augen zu schließen. Die Antwort der französischen Parteigenossen wird manchen unserer Parteifreunde in Deutschland darüber aufgeklärt haben, wie a bg emessen, sachlich und auch entgegen⸗ kommend die politische Stellung der deutschen Reichs fraktion und des Parteivorstandes ist.
* 8 0 —* 77 2e. 282808 2222 2 Französischer und englischer Pessimi mus.
T. U. Kopenhagen, 27. Juli. Pariser Meldungen zu folge schreibt der Temps, nach den letzten Petersburger Tele grammen bestehe Grund zu der Befürchtung, daß die Stellung des russischen Heeres am Narew entweder bereits durchbrochen ist oder in den nächsten Tagen durchbrochen wird. Wie es auch den Anschein hat, ist die Verbindung Warschau-Petersburg sowie die Bahnlinie Grodno-Wilna-Dünaburg stark bedroht.
T. U. Köln, 27. Juli. Ein von einer Londoner Geschäfts— reise zurückgekehrter Kaufmann versichert dem Züricher Korrespondenten der Köln. Ztg., in der letzten Woche hätten sehr große Truppentransporte über den Kanal stattgefunden. Die Soldaten sollen auf französischem Boden weiter aus— gebildet werden. In englischen Kreisen rechnet man damit, daß Frankreich in absehbarer Zeit, was Menschenmaterial anbetrifft, erschöpft sein werde. Auch die Offensivkraft Ruß— lands werde in absehbarer Zeit gebrochen sein. Die Ein⸗ nahme Warschaus sei eine Frage kurzer Zeit. Der Gewährs⸗ mann der Köln. 11 erhielt von urteilsfähigen englischen Persönlichkeiten die Erklärung, daß England die Hoffnung auf einen durchgreifenden Sieg gegen Deutschland aufgegeben habe.
Die Deutschamerikaner gegen Wilsons Note.
Wie der Newyorker Sonderberichterstatter des Petit Parisien meldet, geht die deutsch-amerikanische Presse mit Wilson wegen der Note scharf ins Gericht. Mam habe den Glauben verloren, daß Wilson den Bruch zu vermeiden suche, und die Ueber- zeugung gewonnen, daß er den Bruch suche, nicht um die Streit⸗ kräfte der Vereinigten Staaten mit denen der Kriegführenden zu vereinigen, sondern um England mit allen ökonomischen und Geldmitteln zu helfen. Die Zeiten seien für die Verbün⸗ deten hart, und die amerikanische Hilfe könnte um so nachdrücklicher sein, als die Lage Englands immer kritischer werde. Der Wille, England zu helfen, erkläre allein den so angreifenden Ton der Note. Scharf verurteilt man das Vorgehen Englands. Wenn England vorhabe, alle Rechte friedlicher Nationen zu brechen und sich bemühe, alle anderen zu opfern, damit es selber triumphiere, so handele es
als Tyrann und verdiene das Schicksal des Tyrannen. Wenn es nicht Krieg führen könne, ohne gegen die Menschlichkeit zu verstoßen, sondern nur durch die Verletzung der Rechte der anderen Nationen; bestehen könne, tue es besser, bald Frieden zu schließen.
Ein amerikanisches Schiff torpediert.
Aus London, 27. Juli, wird der graphiert: Die 29 Mann der Besatzung Schiffes„Leelanow“ wurde in Kirkwall an Land gebracht. Als die Besatzung von Bord des Schiffes gegangen war, gah das deulsche Unterseebvot ein Dutzend Schüsse auf das Schiff ab, und als es nicht sank, ein Torpedo. Die Besatzung wurde an Bord des Unterseebootes genommen und dort gut be handelt. Das Unterseeboot brachte sie bis dicht vor die Orkaden-Inseln. Als sich Rauch am Horizont zeigte, mußten sich die Leute in ihre Boote begeben, und das Unterseeboot tauchte unter. Bevor die„Leelanow“ angegriffen worden war, sah man in der Ferne noch zwei andere Schiffe, offenbar darunter ein englisches, die ebenfalls in den Grund gebohrt wurden. Die„Leelanow“ maß 1924 Tonnen und gehörte nach San Francisco.
Reuter meldet aus Washington: Die Torpedierung des amerikanischen Schiffes„Leelanow“ machte in offi⸗ ziellen Kreisen einen starken Eindruck. Man wünschte sich jedoch nicht zu äußern, da vorläufig nähere Einzelheiten über den Vorgang fehlten und es zweifelhaft ist, ob die Torpedierung unter die letzte amerikanische Note falle. Mit Befriedigung wurde vernommen, daß die Besatzung ge—
rettet ist. Der U⸗Bootkrieg.
Durch den holländischen Fischdampfer„Herkules“ wurde die neun Mann starke Besatzung des norwegischen Schoners„Harbo“, der mit Holz von Kristiania nach Sunder⸗ land fuhr, eingebracht. Der„Harbo“ wurde durch ein deut⸗ sches Unterseeboot in Brand geschossen. Der Besatzung wurde fünf Minuten Zeit gegeben, sich in die Boote zu be⸗
Frankf. Ztg. tele⸗ des amerikanischen
geben, jedoch wurde diese Zeit dann auf zehn Minuten ver⸗ längert. Die Besatzung teilte mit, daß sie in der Nähe noch drei weitere Schiffe sah, die in Brand standen. Außer der Ladung Holz hatte die„Harbo“ auch Pfähle für Stollenanlagen in Bergwerken als Fracht an Bord. Die Besatzung anderer Schiffe wurde durch ein dänisches Dampf⸗ schiff aufgenommen.(Holz ist Bannware.)
Der dänische Dampfer„Nogill“, von Goeteborg nach dem Tyne mit Eisenbahnschwellen unterwegs, ist in der Nord⸗ see von einem deutschen Unterseeboot in die Luft gesprengt worden. Die Besatzung wurde in Wilhelmshaven gelandet. (Schwellen sind Bannware.)
Der von einem deutschen U-Boot nach Cuxhaven am Samstag eingebrachte norwegische Dampfer„Anvers“ von 1100 Tonnen hatte eine für England bestimmte Holzladung, also Konterbande, an Bord.
Reuter meldet: Der englische Fischdampfer„Gardinell“ ist gestern durch ein deutsches Unterseeboot in der Nordsee versenkt worden. Die Besatzung wurde gerettet. Das gleich⸗ falls versenkte englische Dampfschiff„Grangewood“ maß 2193 Tonnen.
Dienstag ist in Rotterdam kein einziges eng ⸗ lisches Schiff ausgefahren, das Passagiere nach England bringen sollte. Das gleiche geschah in Kopen⸗ hagen. Die Passagiere waren bereits an Bord der „Padang“ gegangen, die sie nach Kopenhagen bringen sollte; sie mußten wieder zurückkehren, da ihnen mitgeteilt wurde, daß das Schiff nicht abgehen werde. Die Ursache scheint darin zu liegen, daß das englische Schiff„Gannet“, das gestern abend von London abging, berichtete, nahe bei dem „Water⸗Weg“(der Kanal nach Rotterdam) ein Untersee⸗ boot gesehen zu haben, worauf auch die englischen Dampfer„Perth“,„Pern“ und„Dromed“, die bereits aus⸗ gefahren waren, zurückkehrten.
Englands Mangel an Farbstoffen.
Die Nationalzeitung meldet aus London: Der Mangel an Farbstoffen in der englischen Industrie macht sich immer stärker fühlbar. Ein Rundschreiben des englischen Fabri⸗ kantenverbandes lautet:„Mit Bedauern müssen wir die Händler benachrichtigen, daß wir wegen der Schwierigkeiten und der Kosten der Beschaffung von Farbstoffen nicht mehr in der Lage sind, uns für die Haltbarkeit der Farben zu ver⸗ bürgen. Unser Bedauern darüber wird noch dadurch erhöht, daß, nachdem in vielen Fällen die Kosten der Farbstoffe um mehrere Hundert gestiegen sind, die weitere Beschaffung in Frage gestellt ist.“
Der englische Lebensmittelmarkt.
Kopenhagen, 27. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) Nationaltidende schreibt: Der Krieg richtet in besonderem Maße die Aufmerksamkeit auf die Versorgung Englands mit Lebensmitteln. Deshalb war es für die englischen Nationalökonomen von größtem Interesse, so zeitig wie möglich zu erfahren, wie die Ernte in England ausfallen würde. Man malte sich erusthaft aus, in welch höherem Grade der Verbrauch durch eine erhöhte landwirtschaftliche Produktion gedeckt werden könnte. Aber eine intensivere Bearbeitung des Bodens, die viele Lehrer der Landwirtschaft im vorigen Jahr dringend befür⸗ wortet hatten, fand nicht statt. Hierzu kommt, daß die jetzige Ernte in England alles eher als gut ist. Der Weizenertrag ist niedriger als der Durchschnitt von 1905 bis 1914, die Gerstenernte um 9 Pro⸗ zent niedriger, die Haferernte um 8, die Ernte an Bohnen um 6, jene an Kartoffeln um 5 Progent niedriger. Die Ernte an Klee und Heu ist durchschnittlich schlecht. Ob die Ursache in geringerer Düngung wegen des Fehlens des deutschen Kalkimports oder in anderen Um⸗ ständen liegt, ist zweifelhaft. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, daß der Gedanke des Schutzzolles für englische Landesprodukte und der weitere Gedanke erwogen wird, durch Zölle die heimatliche Produktion aufzumuntern. In der ganzen Welt, be⸗ sonders in Dänemark, wird man mit größter Spannung die Ent⸗ scheidung der Frage verfolgen.
1 Frankreichs trübe Zukunft.
Mit Frankreichs Aussichten nach dem Kriege beschäftigt sich die Bataille syndicaliste vom 17. Juli. Sie sind trostlos. Von der Landbevölkerung stehen beinahe alle Männer zwischen 20 und 40 Jahren an der Front. Ein Fünftel sei schon jetzt tot oder völlig arbeitsunfähig. Ganze Familien seien aus⸗ gestorben. Man müsse damit rechnen, daß ein Viertel, ja ein Drittel des Landes nach dem Kriege unangebaut bleiben werde. Auf der anderen Seite sei es aber ausgeschlossen, diesen Ausfall durch eine Steigerung der industriellen Aus- fuhr auszugleichen. Es sei lächerlich, davon zu reden, daß Frankreich Deutschlands Märkte erobern solle. Wenn Deutsch⸗ land verdrängt werde, so werden sich Amerika und England an seine Stelle setzen, niemals Frankreich, das froh sein müsso, wenn es mit seiner dezimierten Bevölkerung seine bisherigs Industrie aufrecht erhalten könne,


