verrats strafbar. Der§ 89 des Reichsstrafgesetzbuches lautet näm⸗ lich:„Ein Deutscher, welcher vorsätzlich während eines gegen das Deutsche Reich ausgebrochenen Krieges einer feindlichen Macht Vorschub leistet, oder der Kriegsmacht des Deutschen Reiches ader der Bundesgenossen desselben Nachteil zufügt, wird wegen Landes⸗ verrats mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren oder mit Festungshaft von gleicher Dauer bestraft.“.
Ferner bestimmt der§ 4 Abs. 2 des Strafgesetzbuches,„daß ein Deutscher wegen einer landesverräterischen Handlung auch dann verfolgt wird, wenn die Handlung im Ausland begangen ist.“
Sofern also Personen, die sich an der Herstellung von Kriegs⸗ bedarf für die Feinde Deutschlands beteiligen, die deutsche Staats⸗ angehörigkeit besitzen, können sie strafgerichtlich verfolgt werden, so⸗ bald sie deutschen Boden betreten. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die deutschen Strafverfolgungsbehörden jeden Deutschen, der in dieser Zeit seine Pflichten gegen das Vaterland verletzt, ohne Nachsicht zur Verantwortung ziehen werden.
Wirtschaftliche Umwälzung in Ostpreußen.
Infolge der Zerstörungen, die der Russeneinfall in Ost⸗ preußen auf den dortigen Gütern verursacht hat, werden, wie die Magdeburgische Zeitung schreibt, eine ganze Reihe von Besitzern die weitere Bewirtschaftung ihres Gutes auf— geben und ihre Besitzungen zum Verkauf stellen. Auch von den Pächtern königlicher Domänen haben bereits mehrere auf die Fortsetzung der Pachtung verzichtet. Die Domänenver⸗ waltung beabsichtigt nun, die auf diese Weise frei werdenden Domänen für Zwecke der inneren Kolonisation zur Ver— fügung zu stellen. Es stehen bereits zwölf Domänen mit rund 24000 Morgen Land für die Besiedelung zur Ver⸗ fügung. Jedenfalls wird sich aber die Zahl der Domänen, deren Pachtung infolge des Russeneinfalls nicht verlängert Wird, noch vermehren. In welchem Umfange insgesamt in⸗ folge des Krieges Grundbesitz für die innere Kolonisation gewonnen wird, läßt sich zurzeit noch nicht übersehen. In erster Linie wird geplant, Bauerngüter zu schaffen, wie sie in anderen östlichen Provinzen mit gutem Erfolge einge richtet sind. Daneben wird jedenfalls auch auf eine Ansiede lung von Arbeitern Bedacht genommen werden.
Ein politischer Prozeß.
Vor der Strafkammer in Bremen stand am Mittwoch der Vorsitzende der dortigen Filiale des Verbandes der Maschinisten und Heizer, Genosse Heinrich Hüneke unter der Anklage der Auf⸗ reizung zum Klassenhaß, der Verleitung von Soldaten zu Vergehen gegen die militärische Zucht und Ordnung und der Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze. Dieser Straftaten soll sich der Angeklagte schuldig gemacht haben durch Verbreitung von etwa 100 Exemplaren des Flugblattes:„Der Hauptfeind steht im eigenen Land“. Die Verhandlung, zu der vom Verteidiger Dr. Herz⸗ Altona, Rrichstagsabgeordneter Genosse Henke als Zeuge geladen war, fand unter strengstem Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Der Staatsanwalt beantragte ein Jahr Gefängnis, der Verteidiger Frei⸗ sprechung. Das Gericht erkannte nach Wiederherstellung der Oeffent⸗ lichkeit auf neun Monate Gefängnis unter Anrechnung der siebenwöchigen Untersuchungshaft..
Zur Begründung führte der Vorsitzende folgendes aus: Bei Be⸗ urteilung des Flugblattes müsse zunächst die Anklage auf Verleitung von Soldaten zu Vergehen usw. ausscheiden. Dagegen liege in dem Flugblatt sowohl eine Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze wie eine Aufreizung der verschiedenen Bevölkerungsklassen gegeneinander. Die Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Ge⸗ setze liege darin, daß den deutschen Arbeitern als Beispiel vorgehal⸗ ten werde der Kampf ihrer italienischen Genossen gegen den Kr mund die Art dieses Kampfes durch die Presse, Versammlungen und! Straßenkundgebungen. Diese Kampfesmittel seien unter dem Be⸗ lagerungszustand durch Verfügung des Stellvertretenden General⸗ kommandos für unzulässig erklärt. Ebenso liege auch Aufreizung der verschiedenen Bevölkerungsklassen gegeneinander vor. Als die gegenüberstehenden Klassen der Bevölkerung seien die deutschen Pro⸗ letarier und die deutschen Imperialisten zu bezeichnen. Der Ansicht der Verteidigung, daß der unter der Bezeichnung Imperialisten zu⸗ sammengefaßte Personenkreis, gegen den sich das Flugblatt richte, keine Bevölkerungsklasse im Sinne des Gesetzes sei, trat das Gericht micht bei. Zu den Imperialisten würden vom Verfasser des Flug⸗ blattes auch die Kapitalisten der Großschiffahrtsgesellschaften und der Schwerindustrie gerechnet. Da Hüneke das Flugblatt in Kenntnis seines Inhalts verbreitet habe, sei er schuldig,— neun Monate Ge⸗ fängnis seien angemessen.
Das Gericht hob dann noch auf Antrag des Verteidigers den gegen den Angeklagten erlassenen Haftbefehl auf, da weder Flucht⸗ verdacht noch Verdunkelungsgefahr zu befürchten sei.
Eine verbotene Konsumentenversammlung. Der Ortsausschuß für Konsumenteninteressen in Aachen, dem neben zfpei Mitgliedern der Gewerkschaften
und der Genossenschaft dreizehn Vertreter verschiedener bür⸗ gerlicher Vereine angehören, hatte für vergangenen Montag.
eine Versammlung einberufen, in der Verbandsdirektor Schlack⸗Köln von den westdeutschen Konsumvereinen christlicher Richtung über die„Ernährung im zweiten Kriegs⸗ jahr“ sprechen sollte. Vor Beginn der Versammlung teilte der Wirt des Lokals dem Ausschuß mit, daß die Polizei die Versammlung verboten habe! Grund des Verbots, das der zuständige Hauptmann des Bezirkskommandos ange⸗ ordnet hatte, war, daß in der Rede Stellen wie:„Einzelne heimsen Millionenprofite ein, während draußen das Volk Blut und Existenz opfert“, vorkamen; eine solche Rede sei, um den Burgfrieden() nicht zu gefährden, nicht zu gestatten!— Der Aachener Konsu⸗ mentenausschuß hat gegen das Verbot Beschwerde erhoben.
Katzenjammer im Vierverband.
Pariser, Londoner und Havreser Stimmungsberichte lassen, wie verschiedene Morgenblätter berichten, keinen
Zweifel über die Panik, welche die Verzweiflungsversuche des russischen Heeres im Vierverbandslager hervorrufen. Man befürchtet eine Katastrophe der russischen Armee. Dazu kommen noch die schweren Sorgen wegen der italienischen Mißerfolge. In London sieht man für die Italiener am Isonzo das russische Schicksal in den Karpathen voraus.
Was die Geschichte kostet.
Wie nach der Deutschen Tageszeitung Wiener Blätter berichten, stellen sich die Kriegskosten des Vierverbandes im Juni für England auf 2100, für Rußland auf 1800, für Frankreich auf 1600 und für Italien auf 500 Millionen Franken, insgesamt also 6 Milliarden Franken, worin die Zinsen für die Kriegsanleihen noch nicht einbegriffen sind.
Die Sündenböcke.
T. U. Hamburg, 23. Juli. Das Hamburger Fremdenblatt meldet aus Kopenhagen: Nach Petersburger Meldungen wurden infolge der galizischen Niederlage 14 russische Generale und Stabs⸗ offiziere ihrer Posten enthoben und vor das Oberste Kriegsgericht in Petersburg unter Anklage gestellt.
Wenn das nicht hilft—!
T. U. Zürich, 23. Juni. Der Neuen Zürcher Zeitung wird aus dem Haag berichtet: General Botha bereitet die Absendung eines Buren-Hilfskorps von 10 000 bis 15 000 Mann nach England vor. Er soll das Korps persönlich nach England bringen.
Der Konflikt zwischen den spanischen Seeleuten nd den Reedereien.
T. U. Madrid, 22. Juli. Der Konflikt zwischen den See⸗ leuten und den Schiffahrtsgesellschaften in Barcelona und Bilbao nimmt einen bedrohlichen Charakter an. Die Re⸗ gierung ist entschlossen, die konstitutionellen Garantien auf⸗ zuheben, wenn es die Lage erfordert.
Englische Kriegsstimmung.
T. U. London, 23. Juni. Reuter meldet: In einer sozia⸗ listischen Versammlung in Queenstown, wo ein Antrag, den Truppen an der Front den Dank auszusprechen, angenommen worden war, drängten die Redner auf die kräftige Fort⸗ setzung des Krieges. Einige Personen, welche wiederholt den Rednern ins Wort fielen, wurden mit kräftigen Handgriffen entfernt. Die Versammlung in Kingston, welche von dem bekannten Friedensverein organisiert war, mußte abgebrochen werden. Die Redner wurden mit faulen Früchten, Eiern usw., beworfen. Das Publikum versuchte das Podium zu stürmen. Alle Pazifisten wurden innerhalb weniger Minuten aus dem Saale entfernt.
Verschwörung gegen die Pacisic⸗Eisenbahn⸗ Gesellschaft.
London, Juli. Reuters Besonderer Dienst meldet aus Montreal: Einer großen Verschwörung ist man auf die Spur ge- kommen, die den Plan hatte, die Maschinenwerkstätte der Canadian Pacific Eisenbahn in die Luft zu sprengen. Ein Oesterreicher sei festgenommen worden, der einen Tunnel in Brand setzen wollte.
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20.
Nufsischer uebergriff gegen e e 0
ia, 23. j. Ohne vorherige Verständigung beschossen ee in der Nähe von Mangalsa an der rumänischen Küste das aus Konstanza gekommene mit Petroleum
beladene bulgarische Segelschiff„Devng“, das rasch sank. Die Nachricht— 445 Sofia tiefen Eindruck. Die bulgarische
Re⸗ gierung leitete eine Untersuchung ein. 5 Kriegsnotizen.
Für sämtliche Gasthäuser in Sachsen soll eine einheit⸗
11 8 e 5 an 225 Lande gültige Brotmarke ein⸗ eführt werden. 5 1 ain Per Pet Baristen erfährt aus Hare, die rumänische Re⸗ gierung habe durch Vermittlung des vumänischen Gesandten der del gischen Armee 3 Millionen Zigaretten überreichen
lassen. 3 D. 1 zeldet, daß 22 Mann des russischen .(2118 Tonnen) in Pete rhead
Dampfers„General Radetzky“(2. im 1
an Land gebracht wurden. Das Schiff ist durch ein deutsches Unter⸗ seeboot bei den Shetlandsinseln in den Grund gebohrt worden. Der Dampfer gehörte nach Riga und ging von Archangelsk nach
London mit Bauholz. Vermischtes.
Feuer in einer Leder fabrik. f
Dienstag abend brach in der Lederfabrik von Westphal in Stellingen⸗Langenfelde bei Hamburg Großfeuer aus, das in kurzer Jeit sich über die ganze Fabrik ausdehnte und sie völlig vernichtete. Die Wohnhäuser wurden gerettet. Die Höhe des Schadens und die Ursache des Brandes ist unbekannt. Es wird Brandstiftung ver⸗
mutet. 1309 Zentner Spinnstoffe verbrannt. 5
In den von der e und ⸗Weberei in Bäumenheim bei Donauwörth gepachteten Lagerschuppen entstand am Sonntag nachmittag Feuer, das sich bald über das ganze Gebäude verbreitete. Im Innern befanden sich 130 000 Kilogramm Rohstoffe der Spinnerei, die zwar vollständig versichert waren, deren Verlust jedoch um so mißlicher ist, als Ersatz während des Krieges nur schwer zu beschaffen ist. Die Löschung des Brandes war sehr er⸗ schwert, weil sich in der Nähe kein Wasser befindet. Der Inhalt des Schuppens ist vollständig dem Feuer zum Opfer gefallen. Trotz dieses Verlustes ist die Spinnerei noch auf geraume Zeit hinaus mit Rohmaterial versehen. Brandstiftung wird angenommen.
Vom Zuge abgesprungen.
Am Montag abend verfäumte auf der Lokalbahn Mutterstadt⸗ Dahnstadt(Pfalz) der 36jährige Fabrikarbeiter Zahneisen an der Haltestelle das Aussteigen, sprang unterwegs vom Zuge ab und kam unter die Räder, wobei ihm beide Beine glatt abgefahren wurden. Zahneisen starb eine Viertelstunde später.
Kinobrand. g f
Zu Griesheim a. M. entstand in einem Kino unmittelbar nach Schluß der Vorstellung ein Brand, der sämtliche Films, Apparate und Ausstellungsstücke vernichtete. Eine Weiterverbreitung des Brandes auf das Gebäude wurde durch rasch herbeieilende Hilfe verhütet.
Ein Zigeuner als Mörder.
Als Täter, der Ende Juni auf der Landstraße von Dettelsbach nach Lengsfeld den 20jährigen Landwirtssohn Johann Klein aus Lengsfeld ermordete, wurde der 17 Jahre alte Zigeuner Wilh. Kon⸗ rad Dreschner aus Mönsheim in Württemberg ermittelt. Der Hanauer Untersuchungsrichter erließ gegen den flüchtigen Mörder einen Steckbrief.
Die Verzweiflungstat einer Mutter.
Die Wirtsfrau Rösberg in Köln versuchte am Samstag sich und ihre beiden Kinder im Alter von vier und sechs Jahren durch Gas zu vergiften. Da nur das kleine Mädchen bewußtlos wurde, schoß die Frau ihr Söhnchen nieder und tötete sich damn selbst durch einen Schuß in die Schläfse. Das jüngste Kind kam wieder zu sich, das Söhnchen wurde sterbend ins Hospital geschafft. Der Mann steht im Felde.
Kampfhähne.
Bei einem Wortwechsel kamen am Dienstag der ledige Zim⸗ mermann Joseph Fleißner von Schmidmühlen, der Dienstknecht Franz Humel von Burglengenfeld und der Dienstknecht Johann Graf von Gattersdorf in Streit, in dessen Verlauf Fleißner von den beiden angegriffen, mit Biergläsern beworfen und derart verletzt wurde, daß er an den erlittenen Verletzungen starb. Die beiden Täter sind verhaftet.
Eine reiche Bettlerin.
In Steinamanger in Ungarn lebte die 60 Jahre alte Witwe Johanna Ostrie viele Jahre mit ihrer 23jährigen Tochter Jlonka als Bettlerin. Nach ihrem jetzt erfolgten Tode wurde die Behörde verständigt, daß in der Wohnung der Verstorbenen, die für jeden Fremden streng verschlossen war, große Geldsummen verborgen seien. Bei einer Haussuchung wurden dann auch in einer Ofen⸗
röhre ein Barbetrag von 28 000 Kronen und mehrere Sparkassen⸗ bücher mit einer Gesamteinlage von 130000 Kronen gefunden und beschlagnahmt.
Diethelm von Buchenberg. 5 Erzählung von Bertold Auerbach. 31
Im Stalle traf Diethelm den Medard, der ein großes Seil mit Karrensalbe einschmierte, und auf seine verwunderte Frage erhielt er die Antwort, daß dieses Seil aus der Rad— winde sei, das, mit Fett getränkt, als Lunte dienen müsse, um das Feuer blitzschnell in den Neubau auf den Heuboden zu leiten. Diethelm konnte nicht umhin, auch diese erfinde— rische Klugheit zu loben; dennoch sprach er davon, die Sache noch zu verschieben, da man an die dumme Prophezeiung glaube; Medard aber erwiderte:„Just deswegen müssen wir gleich losschießen. Weil alle davon schwätzen, ist jeder vor— sorglich und glaubt niemand dran, und geschieht jetzt was, da heißt's: das hat sein müssen, das hat kein Mensch getan, es hat sein müssen, weil's prophezeit gewesen ist.“
Wie doch alles auch seine Kehrseite hat, das erfuhr jetzt Diethelm; die Wendung, die Medard der Sache gab, war doch überaus sinnreich und fein berechnet, und doch war Diethelm schwer beklommen, schwerer als je; ihm war's, als wäre die Tat nicht mehr sein, sie war in fremde Hand gegeben und mußte geschehen, sei er nun willfährig oder nicht.
Fast die ganze Nacht hindurch war Diethelm mit Medard beschäftigt, alles herzurichten. Die Mäuse liefen ohne Schen wie toll hin und her, als ahnten sie den Untergang des Hauses. Diethelm zitterten oft die Hände, aber Medard war voll heiterer Laune, und wenn es Diethelm versäumte, lobte er sich selbst über hundert kleine Erfindungen, die er noch machte, und kniff sich selbst in die Wangen. Diethelm schau⸗ derte, als Medard über die geweihten Kerzen im Kirchenton einen wild närrischen Feuersegen sprach.
»Als der Morgen graute und ein lustiger Wind pfiff, ent— zündeten sie die Kerzen und verschlossen alles sorgfältig, daß kein Lichtschein nach außen dringe. Diethelm sagte nun, daß er verreise.
„Bis wann kommst du wieder?“ fragte Medard.
Betroffen sah Diethelm drein, daß ihn sein Knecht duzte, aber er hielt an sich und erwiderte:„Bis gegen Abend.“
„Drum,“ erwiderte Medard,„wenn du nicht auch da bist, wenn es losgeht, zeig' ich dich an, so wahr die Lichter da brennen; oder nimm mich mit, ich will nicht allein da sein, daß alles auf mich kommt.“
Diethelm bebte vor Wut, er sah, in welche Hände er ge— geben war, er griff sich hin und her am Halse, denn er fühlte, wie es ihm die Kehle zuschnürte; endlich brachte er unter Zähneklappern die Worte hervor:„Kannst dich drauf ver— lassen, daß ich abends wieder da bin, da hast mein' Hand drauf.“
Kaum hatte Diethelm die Hand Medards erfaßt, als e ihm einen Stoß vor die Brust gab, daß er niederfiel, und jetzt kniete er auf ihn und band ihm mit dem Halstuch die Hände zusammen, aber Medard biß ihn in den Arm, schnell raufte Diethelm eine Hand voll Wolle aus einem daneben stehenden Sack, stopfte sie Medard in den Mund, band ihm die Füße mit Stricken zusammen, betrachtete ihn einen Augenblick mit gehobenem Fuße, a's wollte er ihn zertreten, und eilte hinab, alles sorgfältig hinter sich verschließend.
Vor dem Hause rief er absichtlich laut nach Medard, aber die Magd kam und half ihm die Pferde einschirren, und so schnell als der Wind, der den Schnee aufwirbelte, jagte Diethelm davon.
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XV.
Im Rautenkranz in der Hauptstadt lebte indes Fränz auch nicht so vergnügt, wie sie es gehofft hatte. Das Wirts— haus war fast wie eine kleine Stadt für sich; der gepflasterte Hof war so groß wie der Marktplatz eines kleinen Städtchens, bequem konnten zwei Frachtfuhren darin wenden, und in den Scheunen und Ställen war allezeit ein reges Leben: Frachtfuhren, Stellwagen, Botenwagen, Reiter und Fuß⸗ gänger von allen Gegenden des Landes gingen hier ab und zu, und jeder wußte so vollkommen Bescheid im Hause, daß das rührig bunte Treiben sich doch wieder wie eine stille Regel⸗
Haus geleitet gewesen, man hätte in ihm nicht geglaubt, daß man sich mitten in der Hauptstadt befinde. Die weite, offen stehende Küche mit ihrem zahlreichen glänzenden Kupfer⸗ geschirr an den Wänden und dem übermäßig breiten Herd in der Mitte, die steinernern Treppen mit ausgelaufenen Gleisen zeigten, daß hier alles von altem Bestand war, und gleicherweise zeigte sich's in der alten Wirtsstube, wo nicht weit von dem mächtigen Kachelofen an der großen, mit neu⸗ gebackenem Brot überschütteten Anrichte die Herrin des Hauses, eine stattliche Witwe, saß, nähte und sich von den An⸗ kommenden erzählen ließ und ihnen Bescheid gab, ohne sich zu irgend jemand zu drängen. Es gab vielleicht keinen zweiten Menschen im Lande, der dessen innerste Verhältnisse so genau lannte, wie die Frau Rautenwirtin, sie machte aber von ihrer Wissenschaft keinen Gebrauch, außer in seltenen Fällen, wenn sie von alten Hausfrauen um eine Nachricht angegangen wurde; sie wendete vielmehr ihre ganze Macht auf die Re⸗ gierung ihres Hauses, und diese gelang ihr vollkommen, denn sie herrschte unbedingt. Von ihren drei Töchtern hatte eine die Aufsicht in der Küche, während zwei die Gäste bedienten, die beiden Söhne versahen die Bäckerei und Metzgerei, und alle gehorchten der Mutter mit unbedingter Unterwürfigkeit; ja, die Söhne bekamen Sonntags von der Mutter ein Taschen⸗ geld ausbezahlt und fanden diese Abhängigkeit vollkommen in der Ordnung. Und wenn die Rautenwirtin zwei- oder drei⸗ mal des Tages durch das Haus ging, konnte man sich darauf verlassen, daß alles vom Morgen bis zum Abend in fester Ordnung sich hielt; denn die Knechte und Mägde, durch das Beispiel der Kinder belehrt, waren ebenfalls voll Gehorsam und Pflichterfüllung, und wer aus dem Rautenkranz sich anderswohin verdingte, konnte bei gutem Lobe zehn Dienste in einer Stunde haben. Nie hörte man einen Zank im Hause willfährig geschah die Handreichung von 20 zum anderen der Pflichtenkreis eines jeden war fest abgemessen, es konnte niemand aus seiner Bahn abirren; und wenn noch so viele Gäste da waren, bemerkte man nie eine Hast, nie aber auch
mäßigkeit darstellte. Wären nicht Gasröhren durch das
war Unfähigkeit.(Fortsetzung folgt.)


