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24.7.1915
 
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Organ. für die Interessen des werktätigen Volkes

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rovinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 171

Gießsen, Samstag, den 24. Juli 1915

10. Jahrgang.

Zum 3

Die Forkschritte im Ofen vom 15. his 19. Juli.

Von Richard Gädke.

Während in den Tagen vom 5. bis 14. Juli im Osten ein all⸗ gemeiner Stillstand der Operationen eingetreten war, der nach einzelnen Nachrichten aus dem österreichischen Kriegspressequartier als ein länger andauernder bewertet werden konnte, hat sich mit dem 15. Juli das Bild mit einem Schlage wieder gewandelt. Es läßt sich gegenwärtig noch nicht völlig übersehen, welche Ursachen die zeitweilige Ruhe bewirkt haben; doch ist ein sehr wichtiger Grund jedenfalls die Notwendigkeit gewesen, der bis dahin hart kämpfenden Armee Mackensens neuen Ersatz an Mannschaften, neben Nachschub an Schießbedarf und Verpflegung nachzuführen und die Etappenlinien neu zu ordnen. Wir müssen uns hierbei vor Augen halten, daß der Verbrauch an Menschen wie an Geschossen in diesem Kriege ein so ungeheurer ist wie auch nur annähernd nie zuvor. Die gewaltig gesteigerte Artillerie, deren Tätigkeit in zahl⸗

auf einem Verschleudern von Geschoßmassen, wie sie vor einem Jahr

vielleicht noch keiner der Berufensten in seinen ausschweifendsten

Träumen sich gedacht hat. Die lebenden Kampfesverluste sind viel leicht in der einzelnen Schlacht durchschnittlich nicht höher als sonst; aber die Kämpfe folgen sich Schlag auf Schlag, wie noch in keinem Kriege. Die Zahl derer wird nicht ganz gering sein, die in diesem Kriegsjahre auf gegen hundert Gefechtstage zurückblicken können, während man die Zahl von 50 Feuertagen wohl als einen guten Durchschnitt ansprechen kann. Bis dahin hielt man aber die Schlachten für die Ausnahme, die Marschtage für die große Regel. Daß diese Aenderung der Kriegführung gewaltig gesteigerte An forderungen für die Schlagfertigkeit der Truppen bedeutet, ist klar; und daraus wieder ergibt sich die zwingende Notwendigkeit, von Zeit zu Zeit längere Ruhepausen zwischen die Hast der Operationen einzulegen. Gerade in jenen östlichen Gefilden ist ja vor hundert Jahren Napoleon daran gescheitert, daß er den Marsch von der ost⸗ preußischen Grenze bis Moskau sozusagen in einem Zuge zurück⸗ legen wollte. Dabei löste sein Heer sich inmitten seiner Sieges⸗ laufbahn an Hunger und Erschöpfung auf. Um wieviel mehr sind heutzutage Aufenthalte nötig, wo die Bedürfnisse der Riesenheere unendlich gestiegen sind und der Troß, der ihnen folgt, unwahr⸗ scheinliche Ausdehnungen angenommen hat.

5 Aber in unserem Falle wird wohl noch ein anderer strategischer Grund für den zeitweiligen Stillstand der Operationen maßgebend gewesen sein. Gleichzeitig mit dem erneuten Aufbruch Mackensens von Süden her hat sich Hindenburg von Norden in Bewegung ge setzt. Dazu aber mußte er seine Heere neugruppieren und un⸗ zweifelhaft Verstärkungen abwarten. Monatelang hatte er sich be⸗ gnügen müssen, eine eiserne Mauer um unsere Sstprovinzen zu ziehen, die sie vor einem dritten Russeneinbruch schützten. Sein kühner Vorstoß gegen Kurland war nur eine Episode und die ein- zelnen siegreichen Angriffe seiner tapferen Truppen kecke Demon⸗ strationen, die die Russen in Respekt halten und möglichst das Fort⸗ ziehen ihrer Truppen zur Verstärkung anderer Fronten erschweren sollten. Der letztere Zweck konnte, solange der Feldherr zu einer großen Offensive nicht stark genug war, natürlich nur teilweise er reicht werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat die russische Heeres leitung in den ersten Julitagen mit Hilfe eines günstigen Bahn⸗ netzes Armeekorps vom Norden nach dem Süden gezogen, um ihren in Galizien geschlagenen Truppen Hilfe zu bringen. Dadurch wur⸗ den diese instand gesetzt, der österreichischen J. Armee des Erzherzogs Joseph Ferdinand nicht nur erneuten Widerstand entgegen zu setzen, sondern sogar zu einem Gegenangriff überzugehen, der ihnen einen Tag lang Erfolge brachte.

Aber dieser Abmarsch aus dem Norden erwies sich als ein Nach teil, sobald Hindenburg seinerseits zu einem Schlage ausholte. Mit dem Geschick, das er schon wiederholt bewiesen, versammelte er an der Stelle der schwachen Gruppe des Generals von Lauenstein überraschend die Armee des Generals Below nördlich des Niemen, die nun in breiter Front gegen Nordosten und Osten vordrang. Man wird annehmen müssen, daß er mit einer ganzen Armee mehr als nur demonstrative Zwecke verfolgte und auch größere Absichten hat, als nur feindliche Kräfte zu fesseln.

5 Aus verhältnismäßig schwachen Kräften, die monatelang die Südostgrenze Ostpreußens um Kol no gedeckt und die russische Narewfestung Ossowiez bedroht hatten, entstand nun die neue Armee des Generals von Scholz, und weiter westlich wuchs die bis⸗ herige Armeegruppe Gallwitz ebenfalls zu einer augenscheinlich stattlichen Armee an.

Nun waren die Dinge zu der ganz großen Operation reif ge worden, zu der die an sich so gewaltigen und siegreichen Kämpfe vom Dunajez bis zum Bug im Mai und Juni nur das Vorspiel gebildet haben: zu dem gleichzeitigen Angriff von Norden und von Süden gegen die zahlreichen im östlichen und westlichen Polen noch verbliebenen russischen Streitkräfte.

Am 14. Juli traten die beiden Armeen des Nordens ihre Vor bewegung an; General von Gallwitz besetzte unter siegreichen Ge fechten zum zweiten Male das so heiß umstrittene Prasznysz, während General von Scholz von Osten her auf die Flanke der Russen drückte und sie zwischen Pissa und Skwa mit seinen tapferen Landwehrtruppen zurückwarf.

Am 15. Juli erfocht Gallwitz dann einen großen Sieg, indem er die 40 Kilometer lange, stark befestigte russische Stellung zwischen Ziechanow und Krasnoselz überwältigte; beide deutschen Generale warfen die geschlagenen Gegner in den folgenden Tagen bis auf und hinter die Narewlinie zurück, vor der die Armee Gallwitz nun mehr in der Linie der Festungen OstrolenkaPultuskNowo Georgiewsk steht, während Scholz die weiter östlich gelegenen Jestungen Ossowiez und Lomza bedroht. Mit der Bezwingung der Narewlinie haben beide deutschen Heere natfirlich noch eine schwere Aufgabe zu erfüllen, da der befestigte Flußlauf durch ausgedehnte Sumpfniederungen eine besondere Verteidigungsstärke erhält. Glücklicherweise ist gegenwärtig die beste Jahreszeit zur Ueber⸗ schreitung derartiger Flußabschnitte. Mau wird wohl hoffen dürfen,

Pilaczlowica; am 18. Juli wurde hier ein Gegenangriff der russi⸗

5 2 1 8 7 Tohl-] dem Drucke aller dieser reichen Fällen schlechthin entscheidend gewesen ist, beruht zum Teil 05

daß in diesen Tagen schon die große Schlacht um den Narew im Gange und vielleicht auch günstig entschieden ist. Denn die Wider- standskraft der russischen Truppe ist selbst hinter starken Befesti⸗ gungen augenscheinlich stark erschüttert.

Erst am 16. Juli nahmen die Heere Mackensens von Süden her in der ganzen Breite zwischen Weichsel und Bug die Vorwärts⸗ bewegung wieder auf und durchbrachen die feindliche Aufstellung am folgenden Tage westlich des Wieprz zwischen Krasnostaw und

schen Garde abgeschlagen und weiter östlich bis zum Bug hin sieg reich Raum gewonnen. Am Abend des Tages trat die russische Armee den allgemeinen Rückzug in nördlicher Richtung an.

Zu gleicher Zeit aber ist die lange unterbunden gewesene deutsche Offensive westlich der Weichsel wieder in Fluß gekom⸗ men; am 16. Juli trat die Armee Woyrsch in der allgemeinen Richtung auf Iwangorod an, sie siegte am 17. nordöstlich Sienno und trug am 18 ihren Angriff an und über die Ilzanka vor. Unter Niederlagen begannen nun aber die Russen auch die lange und zähe verteidigte Stellung an der Bzura und Rawka, 40 Kilometer vor Warschau, allmählich zu räumen; die deutschen Vorhuten folgten ihnen.

So sehen wir in diesen Tagen die größte und gewaltigste Um fassungsschlacht im Gange, die die Weltgeschichte bisher gesehen hat; von Norden, Westen und Süden her drängen deutsche Armeen auf einem Bogen von mehr als 500 Kilometern Länge ungestüm gegen die eingekreisten Russen vor, während andere Heere ihre eigenen äußeren Flanken sichern. Cannä und Sedan verschwinden vor der übermächtigen Riesenhaftigkeit dieses Kampfes.

Noch ist die Schlacht nicht entschieden und noch läßt sich nicht übersehen, ob es möglich sein wird, den ganz großen Erfolg zu erringen; denn das hängt nicht nur von der unvergleichlichen Tapferkeit unserer Truppen, sondern zu einem guten Teil auch von den Maßnahmen der russischen Heeresleitung ab. Lange genug hat sie zwar, man möchte sagen, mit einer gewissen Dickfelligkeit die schwer bedrohte Stellung westlich der Weichsel sestgehalten. Jetzt aber ziehen ihre Armeekorps anscheinend über die Weichsel ab, um vielleicht östlich des Flusses nach Norden wie nach Süden zur Wiederherstellung des Kampfes oder zur Deckung des Abzuges einzugreifen, während unsere Truppen an den starken Weichsel⸗ festungen und dem Flusse selbst notwendig einigen Aufenthalt haben werden. Hierin liegen vielleicht noch einige Aussichten der Rettung für die Russen und wir werden den weiteren Fortgang der Dinge abwarten müssen. Noch sind die Heere Mackensens und Hinden burgs immerhin 250 Kilometer von einander entfernt, und in diesem Raume liegen drei nach Osten führende Bahnlinien, von denen die nördliche allerdings schon einigermaßen bedroht erscheint.

Wie aber auch die Entscheidung schließlich fallen möge: mit der Anbahnung dieser Einkreisungsschlacht hat die deutsche Heer leitung die bisher größte und glänzendste strategische Leistung des Krieges vollbracht.

2 * Eine neue Rede Vanderveldes.

Am Jahrestag der Erstürmung der Bastille hielt Vander velde, der Präsident der sozialistischen Internationale und bel⸗ gischer Staatsminister, im Stadtheater zu Saint Denis eine neue Rede, die sich hinsichtlich seiner Friedensneigung nicht von den früheren abhebt, neu oder eigentlich verblüffend aber ist seine Ansicht über dasimmense Rußland. An die Bastille⸗ erstürmung anknüpfend, sagte Vandervelde, daß sie für alle Völker die Bedeutung des leuchtenden Symboles der allgemeinen Befreiung angenommen habe. Sie bedeute, daß die Kräfte der Unterdrückung einen entscheidenden Niederschlag erlitten hätten. Immerhin 8

die Kräfte der Vergangenheit seit der großen Revolution blutige und grausame Wiederkehr gehabt. Heute stünden sie abermals im Kampf. Auf der einen Seite das liberale Frankreich und England, und Italien, ungeduldig, die Spuren des österreichischen Joches zu ver⸗ wischen, dann das tapfere Serbien und das immense Rußland. Auf der anderen Seite die zwei großen Feudalmächte Europas. ö Italien, Serbien und dasimanense Rußland als lobens⸗ werten Gegensatz derKräfte der Unterbrückung preisen, sie 1

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sozusagen als Befreier von denzwei Feudalmächten Europas, das ist Deutschland und Oesterreich, hinstellen, verrät eine Au sassung, die man einem Staatsminister des klerikalen Belgien v eicht entschuldigen kann, aber bei dem Vorsitzenden der sozialistischen Internationale einfach unverständlich ist. Doch lassen wir Vander⸗ velde seine eigenartige Anschauung selbst begründen:

Erstaunen Sie nicht, sagt Vandervelde zu seiner verwunderten Zuhöve ft, daß ich Rußland mit unter die Nationen stelle, die die Unabhängigkeit der Völker und die Sache des menschlichen Fort⸗ schritts verteidigen. Ich habe eine hohe russische Persönlichkeit er klären hören, Rußland könnte die größte Demokratie sein, wenn es nicht seit langem vergiftet worden wäre durch das Gift des deutschen Einflusses, der bis jetzt in den kaiserlichen Hof eingedrungen ist. Und das ist ohne Zweifel wahr. größte Teil des Absolutismus, worunter das vussische Volk le kommt ihm von Deutschland, das der russischen Regierung sein Ge⸗ präge aufgedrückt hat. Seid versichert Bürger, daß Rußland mach unserem Siege, an dem ich unerschütterlich glaube, sich eines Tages beglückwünscht an der Seste der Nationen gekämpft zu haben, die in der Welt die Kräfte der Freiheit und des Fort⸗ schrittes, die Sache der Völker vertreten. die sich selbst re⸗

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gieren wollen. Rußland wird dafür belohnt werden. Die Kräfte des Fortschrittes und der Freiheit werden bei ihm ihre

Wirkung haben.

Vandervelde setzt dann auseinander, daß der Vierverband füber dasRegime des Eisens und des Blutes siegen müsse und siegen werbe, zum ersten, weil bei seinen Verbündeten der unbeugsame Wille, bis zum Tode zu kämpfen, vorhanden wäre, zum andern, weil das mächtige England dabei sei. Vandervelde glaubt nicht nur an den Sieg, weil England seit der Einnahme Belgiens an seiner Seite slehe, sondern auch,weil wir für eine gevechte Sache kämpfen und

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weil wir den unerschütterlichen Willen haben, ohne Unterlaß und bis ans Ende zu kämpfen, um den Feind zu Boden zu schlagen. Die Balkaufragen.

Dem Berliner Lokalanzeiger wird aus Konstantinopel berichtet:

Die warme Aufnahme, die dem Fürsten Hohenlohe tür⸗ kischerseits bereitet wird, gilt nicht allein dem Vertreter des deutschen Botschafters, sondern auch der Persönlichkeit, von der, wie in türkischen politischen Kreisen versichert wird, eine endgültige Verständigung Rumäniens und der Zentralmächte erwartet wird. Die Verständigung dieser Mächte wird auch deshalb erhofft, weil als deren Folge eine bulgarisch⸗rumä⸗ nische Verständigung und ebenso die türkisch⸗bulgarische Ver⸗ einbarung, und letzten Endes eine offene Stellungnahme Griechenlands zu den Nachbarstaaten sich ergeben dürfte.

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Die türkische Gesandtschaft im Haag widerspricht der Meldung, daß die kei einen Sonderfrieden herbeizuführen wünsche und

daß sie in dieser Absicht eine Abordnung nach der Schweiz gesandt habe. Ebenso erklärt es die Gesandtschaft für unrichtig, daß zwischen türkischen Truppen und deutschen Offizieren Reibungen oder gar ernstere Zwischenfälle stattgefunden hätten.

Keine griechische Intervention.

T. U. Zürich, 22. Mai. Tribuna meldet aus Brindifi⸗ Die Hoffnung auf eine griechische Intervention zugunsten des Vierverbandes ist auf ein Minimum gesunken. Der deutschfreundliche Hof und der Generalstab stehen der vene⸗ zilistischen Kammermehrheit schroff gegenüber.

Dardanellen und russische Getreideausfuhr.

Der Kampf um die Dardanellen ist bekanntlich nicht nur von gewaltiger politischer Bedeutung, sondern ganz besonders für Ruß⸗ land und die Balkanländer ein Kampf um wirtschaftliches Sein oder Nichtsein; denn die Getreideausfuhr aus dem südlichen Ruß⸗ land und aus den meisten Balkanländern hat bisher ihren Weg durch die Dardanellen genommen, um nach dem Westen zu gelangen und sie hat weder gegenwärtig einen anderen Weg, noch in abseh⸗ barer Zeit die Möglichkeit, einen neuen zu schaffen. Um welche Werte und Größen es sich bei der Getreideausfuhr Rußlands und der Balkauländer durch die Dardanellen handelt, zeigt eine Statistik, die soeben über das Weizenjahr 1914 im Verhältnis zu 1915 an die Oeffentlichkeit gekommen ist. Danach haben Rußland und die Balkanländer im Jahre 1915 nur 14,4 Millionen Bushels statt 234,7 Millionen Bushels im Vorjahr exportieren können. Rußland erstickt also sozusagen in seinem Getreidereichtum, während die Westmächte, besonders England, den Weizen aufs bitterste ent⸗ behren. Einen Ersatz hat wenigstens England für den russischen Weizen in der verstärkten Weizeneinfuhr aus den Vereinigten Staaten und Kanada gefunden. Unsere U-Boote haben allerdings auch hier manche englische Hoffnung geknickt und die Zufuhr ver⸗ mindert, was die Preise steigen ließ. Diese Lage des englischen Weizenmarktes wird natürlich die militärische Lage an den Darda⸗ nellen je länger je mehr verschärfen; man kann aber getrost an⸗ nehmen, daß alle Versuche, die Dardanellen mit Gewalt zu öffnen, wie bisher so auch fernerhin scheitern werden, was nicht nur mili⸗ tärische, sondern auch wirtschaftliche Rückwirkungen auf England und seine Verbündeten ausüben muß. Daher der immer dringendere Wunsch, daß nun endlich auch Italien sich am Angriff auf die Dardanellen beteilige. Die öffentliche Meinung in Italien scheint aber nach neueren Nachrichten über diefen Zug an die Dardanellen sehr geteilt zu bleiben; sie wird wissen warum. Der Kampf gegen Oesterreich ist bisher nicht so verlaufen, daß die Begeisterung für eine Ausdehnung der kriegerischen Operationen besonders ge⸗ wachsen wäre. Aber England wird auf seinen Schein bestehen: wozu zahlt es die Subsidien, wenn nicht die Hilfsvölker dazu bei⸗ tragen sollen, den russischen Weizen auf den englischen Markt zu bringen.

Die Brotversorgung Frankreichs.

Wegen der bisherigen schlechten Bedingungen, unter denen die Zivilbevölkerung Frankreichs mit Getreide, Mehl und Brot versorgt wurde, sowie wegen der ungenügenden und von der Regierung zu spät getroffenen Abhilfsmaßnahmen und mit Rück⸗ sicht darauf, daß die Bevölkerung für den nächsten Feldzug, August 1915 bis Ende Juli 1916, zu wohlfeilen Preisen verproviantiert und vor jedem Wucher bewahrt werden müsse, fordert die sozialisti⸗ sche Kammergruppe in einer Tagesordnung von der Re⸗ gierung, daß in Zukunft den Zivilbehörden das 9 der Beschlag⸗ nahme von Getreide und Mehl zusteht, anstatt wie bisher den Mi tärbehörden, ferner die Festsetzung von Höchstpreisen sowie des Ei kaufs und der Importmöglichkeit ausländischen Getreides, die aus⸗ schließlich dem Staat vorbehalten war.

Die Herstellung von Kriegsbedarf durch

Deutsche im Auslande ist Landesverrat.

Durch Wolffs Bureau wird folgende amtliche Warnung ver⸗ breitet:

Wie verlautet, sind in den neutralen Ländern, insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika, Personen deutscher Abstam⸗ mung als Arbeiter, Ingenieure oder in sonstiger Eigenschaft in Be⸗ trieben tätig, die sich mit der Herstellung von Kriegsbedarf für un⸗ sere Feinde befassen. Alle diejenigen, die auf solche Weise die feind⸗ liche Kriegsmacht stärben und dadurch Deutschlands Kriegführung erschweren, laden nicht mur eine schwere moralische Schuld gegen ihr Vaterland auf sich; sie machen sich auch was nicht allgemein be⸗ kannt zu sein scheint nach den deutschen Gesetzen wegen Landes⸗