Organ für
5 die Interessen des werktätigen Volles der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 170
Gießen, Freitag, den 23. Juli 1915
10. Jahrgang.
Die Antwort der französischen S0ialifen.
Die Friedenskundgebungen der deutschen Sozialdemokratie finden leider in Frankreich immer noch keine Gegenliebe. Die dortigen Sozialisten folgern vielmehr aus der deutschen Kund— gebung, daß sie um so sester zu ihrem Vaterland halten müßten, um die beginnende Unzufriedenheit in Deutschland immer stärker wer—
den zu lassen und so die Möglichkeit des russisch-französisch-englischen
Sieges über Deutschland um so sicherer herbeizuführen.
Der Beschluß des Nationalrats der französischen Partei, der die Annexion von Elsaß⸗Lothringen verlangt, wird von Hervé in der Guerre Sociale so kommentiert:
Anders habe man den deutschen Sozialisten nicht antworten können. Die französischen Sozialisten hätten jetzt ihrem Willen Ausdruck gegeben, Elsaß-Lothringen zu befreien. Sie hätten niemals einen Revanchekrieg führen wollen und hätten ihre Friedensliebe sogar so weit getrieben, darin einzuwilligen, daß Elsaß⸗Lothringen endgültig an Deutsch⸗ land falle, unter der Bedingung, daß ihm Autonomie gewährt werde. Dieses Opfer hätten die französischen Sozialisten noch vor einem Jahre gebracht, aber da Frankreich jetzt bis zu den Knien im Blut wate, und da der Feind aus Belgien und aus sieben Departements vertrieben werden müsse, könne man es den französischen Sozialisten nicht verübeln, wenn sie gleichzeitig Elsaß⸗Lothringen befreien wollten.
Das französische Zentralorgan, die Humanits, schreibt:
Aus dem Kongreß erhellte klar, daß für alle die natio- nale Pflicht gegenüber dem deutschen Imperia⸗ lismus sich mit den sozialistischen Pflichten indentifiziere. Die Resolution würde den Soldaten in den Schützengräben zu Herzen gehen und ihnen moralische Erguickung bringen, welche selbst die Stärksten nötig hätten. Nach all den Aeußerungen führender französischer und belgischer
Sozialisten war— wir sagen leider— kaum eine andere Aufnahme der deutschen sozialdemokratischen Vorschläge zu erwarten. Das sagt auch die Leipziger Volkszeitung, die bekanntlich den Aufruf Haase⸗Bernstein⸗Kautsky zuerst veröffentlichte:
Das Beharren bei dieser Auffassung ist eine ab⸗ lehnende Antwort auf die Aufrufe der Genossen Haase⸗ Bernstein⸗Kautsky und der Vorstände der deutschen Partei und Reichstagsfraktion. Wir haben schon gestern in dem Artikel „Wir und die Franzosen“ darauf hingewiesen, daß es verkehrt wäre, als Wirkung dieser Aufrufe eine alsbaldige Sinnes⸗ änderung der französischen Genossen zu erwarten. Das bestätigt der Kongreß. Wir müssen abwarten, ob die Oppo⸗ sition in der französischen Partei Raum gewinnt und im übrigen unbeirrt unsere sozialistische Pflicht tun.
Die Forderung nach der Herstellung des Rechts in Elsaß⸗ Lothringen ist die bekannte Forderung nach der Volksabstimmung dieses Gebiets über seine künftige Staatsangehörigkeit. Etwas weitgehend ist die andere Forderung, daß der Friede auf der Grundlage der Nationalitäten aufgebaut werden solle. Das Ziel ist sehr schön, aber wenn es erreicht werden soll, so haben nicht nur die Zentralmächte, sondern auch die des Vierverbands vieles zu revidieren. Glauben die französischen Genossen, daß Frankreich, England und Rußland dazu geneigter sein werden als die Zentralmächte?
Das glauben die französischen Genossen sicher ebensowenig wie die Leipziger Volkszeitung. Deshalb bleibt uns in Deutschland eben gar nichts anderes übrig, als„unbeirrt unsere sozialistische Pflicht“ zu tun, wie sie die Reichstagsfraktion am 4. Angust 1914 dahin formuliert hat:„Wir lassen in der Stunde der Gefahr unser Vaterland nicht im Stiche!“ Ganz wie unsere französischen Genossen. Da nun einmal drüben die Fortsetzung des Krieges verlangt wird, kann man hüben doch nicht einfach die Waffen strecken. Das ist so einfach und klar, daß auch die Unterzeichner des bekannten Rundschreibens der Opposition— auch die Redakteure der Leipziger Volkszeitung haben es ja unter⸗ schrieben—, sich dieser harten Tatsache nicht entziehen können.
Natürlich schenkt die sozialdemokratische Presse Deutschlands dem Beschlusse der Körperschaft, die jetzt während des Krieges im Namen der ganzen Sozialdemokratie Frankreichs spricht, rege Be⸗ achtung. Den Beratungen des Generalrats mußte mit lebhaftestem Interesse entgegengesehen werden, nachdem die deutsche Sozialdemo⸗ kratie in so nachdrücklicher und zweifelsfreier Weise ihrem Friedens⸗ wunsche Ausdruck gegeben hatte. VBesonders gespannt mußten die⸗ jenigen Parteigenossen und Parteiblätter in Deutschland sein, die sich von dem Aufruf Haase⸗Bernstein⸗Kautsky nicht nur in Deutsch⸗ land, sondern ganz besonders auch in Frankreich die Erweckung eines lebhaften Echos versprochen hatten. Der Beschluß der französi⸗ schen Parteivertretung stellt die klipp und klare Antwort auf die deutschen Manifestationen dar. Wir zeigen nachstehend, wie eine Anzahl von Parteiblättern die französische Kundgebung beurteilen: Da muß zunächst festgestellt werden, daß der Vorwärts bis jetzt von der Tagung des Generalrats der französischen Sozial⸗ demokraten und seinem dem Vorwärts natürlich besonders unan— genehmen Beschluß seinen Lesern nichts berichtete. Die Leser des Vorwärts haben also noch immer keine Ahnu ng davon, wie die französischen Sozialdemokraten über die Fortsetzung des Krieges, die Annexionsfrage und das Problem des Selbstbestim— mungsrechts der Völker denken.
Einige Parteiblätter, die auf dem Standpunkt der Minder⸗ heit in der deutschen Sozialdemokraie stehen, pflanzten noch am Grabe die Hoffnung auf, indem sie die Zuverlässigkeit der Meldung anzweifelten.
Sehr rsicksichtsvoll bemerkt das Volksblatt für Halle:„Ein Urteil über diese Stellungnahme zu fällen, ist für uns sehr schwer, da wir leinen Feind im Lande haben und uns keine Landesteile entrissen sind.“
Die Magdeburger
Volksstimme erklärt:
„Den
französischen Sozialisten muß bekannt sein, daß in Deutschland auch kein Sozialdemokrat in die Abtretung Elsaß⸗Lothringens willigen
—
würde. Die Beschlußsassung des Sozialistenkongresses bedeutet des⸗ halb eine neue Kriegserklärung an die friedliebendsten deutschen Sozialdemokraten.“
Der Stettiner Volksbote sagt:„Wir bedauern aufs schmerzlichste, daß sich die Führer unserer französischen Partei von ihrer totalen Verblendung durch die furchtbaren ö Opfer und Leiden, die dem französischen Volke und insbefondere der französischen Arbeiterschaft in dem verflossenen Kriegsjahre auf⸗ erlegt wurden, nicht haben heilen lassen. Wie sie ihr Verhalten vor der Geschichte verantworten wollen, ist ja schließ⸗ lich ihre Sache.“
Die Münchener Post schließt ihre Betrachtungen wie folgt: „Die Majorität der französischen Nation ist kriegerisch gesinnt, und über diese Gesinnung dürfen wir uns keinen Augenblick, wollen wir nicht eine nebelhafte Illusionspolitik treiben, täuschen. Auf Tatsachen und nicht auf Wünsche müssen wir aber als Wirklichkeitspolitiker unsere politische Taktik stellen.“
Die Frankfurter Volksstimme sagt:„Einstweilen bleibt es weiter dabei, daß die Taten der deutschen Waffe ein stärkeres Friedensargument sind als unser guter Wille.“
Das Bochumer Volksblatt folgert:„Wenn nun aber die(französischen) Sozialisten, und wir verdenken ihnen das nicht, in der Frage der Landesverteidigung sich sest hinter ihre Regierung stellen, so kannes dochkeine Sünde sein, wenn die deutsche Sozialdemokratie die gleichen Wege einschlägt.“
Die Rheinische Zeitung in Köln klagt:„Die jüngste Entschließung der französischen Parteileitung macht uns wieder um eine Hoffnung ärmer und rückt das Ende des Krieges abermals weiter hinaus. Nicht allein der Passus über Elsaß⸗ Lothringen, sondern jedes Wort der Kundgebung zeugt von einem beharrlichen Eigensinn, der selbst durch die heikle Situation unserer französischen Parteifreunde, die den äußern Feind tief im Lande sitzen haben und sich gegen den inneren Feind der drohenden Realtion wehren müssen, nicht mehr gerechtfertigt werden kann. Die offizielle französische Partei zeigt keine Spur von jener Würde und Selbstbesinnung, die das in vollem Bewußtsein historischer Verantwortlichkeit verfaßte deutsche Manifest atmet. Wir beklagen das tief, mit der bitteren Tatsache aber müssen wir rechnen.“
Die Dresdner Volkszeitung urteilt:„Wir haben zu wiederholten Malen dargelegt, für wie fal sch und vom inter- national⸗sozialistischen Standpunkte aus unmöglich wir die Kriegsziele der französischen Partei halten. Diesmal möchten wir betonen, daß sich in dem neuerlichen Beschluß der westlichen Genossen auch eine derbe Verkennung der Kriegslage zeigt. Gewiß sind die Erfolgschancen des Vierverbandes nicht erschöpft, sind Ueberraschungen zu seinen Gunsten im weiteren Kriegs- verlaufe keineswegs ausgeschlossen, aber so viel klaren Blick für die Situation hätte die französische Parteileitung allmählich ge⸗ winnen müssen, um einzusehen, daß eine Niederwerfung Deutschlands und Oesterreichs nach militärischem Er- messen ausgeschlossen und darum das Kriegsprogramm der französischen Genossen eine dauernde Irreführung der französischen Proletarier ist.“
Die Bielefelder Volkswacht zieht folgende Schluß⸗ folgerung:„Was haben wir da zu tun? Es gibt in Deutschland wohl nicht s einen Menschen, der nicht lieber heute wie morgen den Frieden begrüßen würde. Es gibt aber auch nur wenige, die nicht alles aufbieten möchten, um einen für Deutschland ehrenvollen Frieden zu erringen. Die Absicht der Feinde Deutschlands, es zu schwächen und zu zerstückeln, wird im deutschen Volke nur das eine Echo finden, mit verdoppelter Energie die Pläne des Dreiverbandes zuschanden zu machen. Die Aussichten auf eine längere Kriegsdauer, auf einen Winterfeldzug, lösen keine frohen Gefühle aus, aber noch viel weniger der Gedanke, daß ein Nachlassen an Entschlossenheit und Kraft uns eine Niederlage bringen könnte. Darum muß auch jetzt noch die Parole lauten:„Anspannen aller Kräfte bis zum Siegel“
Das Züricher Volksrecht schreibt zu der Resolution des französischen Parteikongresses:„Diese Resolution bereitet nicht nur den in Opposition zur Durchhaltepolitik stehenden Genossen in den kriegführenden Staaten, sondern auch uns Neutralen eine herbe Enttäuschung. In ihr ist nur vom Willen durchzu- halten bis ans Ende und um jeden Preis, vom Niederwersen des deutschen Militarismus und Imperialismus— als ob es nicht auch einen französischen Militarismus und Imperialismus gäbe!— die Rede. Mit keinem Wort kommt der Wille zu einer unmittelbaren internationalen sozialdemokratischen Friedensaktion zum Ausdruck. Und doch hätten wir erwartet, daß dies geschähe, haben doch auch eine Reihe französischer Orgnisationen, so die sozialistische Ver— einigung der Haute Vienne, das Aktionskomitee der sozialistischen Frankreichs und andere in diesem Sinne an den Conseil National vom 14. Juli petttionsert.“
6 Deutsche Torpedoboote in Zeebrügge. T. U. Amsterdam, 21. Juli. Der Telegrgaf meldet aus Gent, daß in Zeebrügge deutsche Torpedoboote liegen und fragt, wie dies
leltkrieg.
Scheunen ist, zum Teil sich übersehen läßt, ist so gut geraten, daß man ohne Uebertreibung sagen kann: die Idee, uns während des Krieges auszuhungern, ist eine durch die Tatsache erwiesene Lächer⸗ lichkeit.
Der Mensch lebt aber nicht bloß von Fleisch, Brot, Kartoffeln und Gemüsen, er braucht, namentlich zum Kriegführen, noch an⸗ deres vieles auch, was in der Hauptsache zur Friedenszeit aus dem uns jetzt verschlossenen Auslande eingeführt worden ist. Da ist es nun sehr erfreulich, zu wissen, daß auch von diesen wichtigen Roh⸗ stoffen, teils vegetabilischen Produkten, die Oele und Fette liefern, dann aber auch den für die Industrie und speziell für die Kriegsindustrie wichtigen Metallen, wie neuere forgfältige Auf⸗ nahmen und Schätzungen ergeben haben, die Vorräte über alle Er⸗
wartung und erstaunlich groß sind, die sich in Privatbesitz befinden.
Wir werden nie Mangel an Blei haben; wenn er ja eintreten sollte, sind so ungeheure Mengen von Blei vorhanden, die namentlich durch eiserne Röhren ersetzt werden können, daß jeder mögliche Be⸗ F auf e hinaus gedeckt ist. Von dem Kupfer gar, diesem Welthandelsartikel, der während des Krieges mit Recht so oft ge⸗ nannt wird, befinden sich zurzeit Vorräte zur Verfügung der Mili⸗ tärverwaltung, die über die wahrscheinliche Dauer des Krieges hin⸗ ausreichen. Sollte der Krieg aber nach dem wenigstens in Reden und in Zeitungsartikeln unserer Gegner bisweilen ostentativ bekun⸗ deten Entschlusse noch Jahr und Tag dauern, wir haben auch dann noch Kupfer genug. Genug sogar über jede mögliche Dauer des Krieges hinaus, denn warum soll man eine erfreuliche Tatsache der allgemeinen Kenntnis vorenthalten: eine Schätzung zuverlässioer Statistik hat ergeben, daß an entbehrlichem Kupfer in Privatbesitz in Form von Maschinenteilen, die durch andere Metalle ersetzt wer⸗ den können, ganz besonders in Form von kupfernem Hausgerät, von Kesseln und Pfannen, von bronzenen Gegenständen und in Form von Bedachungen profaner und öffentlicher Gebäude rund zwei Mil⸗ lionen Tonnen in Deutschland vorhanden sind.
Auf diese Vorräte kann eine voraussorgende Heeresverwaltung jeden Augenblick, ohne daß jemand damit eine Entbehrung zugemutet wird, zurückgreifen, und mit dieser überraschend großen Reserve würde der Krieg, wir wollen um niemand zu erschrecken, gar nicht sagen, wieviele Jahre fortgeführt werden können.“
Die Judenverfolgungen in Nußland.
Das Zentralkomitee des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes in Rußland(„Bund“) veröffentlicht folgende Erklärung, die in mehreren illegalen Arbeiterversammlungen als Resolution ange⸗ nommen worden ist. In Warschau haben für diese Resolution 800 Arbeiter gestimmt.
„Der Krieg hat die gewöhnliche antisemitische Pogrompolitik der russischen Regierung nicht nur ungeschwächt gelassen, sondern sie im Gegenteil noch gestärkt. In dieser Zeit, wo das Land die größten Erschütterungen erlebt, fährt die Regierung fort, gleichzeitig mit der Verkündigung der Phrase von„der Befreiung der Völker“ die Völker zu unterdrücken, indem sie dem jüdischen Volke mit der unmittelbaren physischen Ausrottung droht.
Wie früher, so sind auch jetzt die Juden der Sündenbock, an dem die russische Regierung ihre eigene Unfähigkeit, Käuflichkeit, die ganze Faulheit des zarischen Regimes rächt. Für die Nieder⸗ lagen, die die russische Armee dank diesem Regime und der Schuld ihrer Führer erleidet, müssen auf der kaukasischen Front— die Mohammedaner, auf der westlichen— die Juden die Verantwortung tragen. Gegen ste soll sich der Zorn des Volkes richten, denn von den wirklichen Urhebern des Elends, der Schmach, der Mißgeschicke, der Niederlagen soll er abgeleitet werden. Für den Verrat der russischen politischen Polizei(der Gendarmerie), für den Hochverrat
Mjassojedow soll das jüdische Volk mit der Sicherheit
des Ober seiner Existenz, mit seiner Freiheit und seinem Leben bezahlen. Die von Pogromen begleiteten Ausweisungen Hunderttausender von Juden sind zu einer alltäglichen Maßnahme geworden. All die Schauderszenen, das Elend, die Verwüstungen der jüdischen Habe dabei, sind nicht zu beschreiben. Ereignisse solcher Art kennt sogar das finsterste Mittelalter nicht. Um diese grausamen Gewalttaten zu rechtfertigen, erfindet die Bureaukratie Fälle des„Landes⸗ verrats“ von seiten der Juden. Die zweifellos erdachten und absurden Fälle von Kuschi und Kjelze(die jüdische Bevölkerung wurde hier angeklagt, den Einbruch der deutschen Armee begünstigt
u haben) sind krasse Belege dafür und die Tatsache, daß diese Fälle
in den ossiziellen Organen nubliziert und auf den Straßen plakatiert wurden, bedeutet eine direkte, von der Regierung ausgehende, mit ihrem Siegel versehene Agitation für Pogrome. Indessen ist der Presse ihr Mund geschlossen, es wütet die Militärzensur und die gegen die Juden gerichteten Gewalttaten nehmen ihren Gang in einer Atmosphäre des Schweigens von seiten der Gesellschaft und schmachvoller Gleichgültigkeit von seiten der russischen liberalen Kreise.
Wir jüdischen Sozialdemokraten erachten es als unsere Pflicht, die Grausamkeiten der Verfolgung vor aller Welt laut zu bekunden, denen die Juden ausgesetzt sind. Wir fordern alle zum Proteste heraus, alle, die ihr politisches Gewissen nicht ver⸗ loren haben, die die Gefahr begteifen, welche nicht nur den Juden,
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bei der englischen Seeherrschaft möglich sei. Das Blatt gibt an, die Torpedoboote seien aus Hoboken längs der oberen Schelde an Rupelmunde und Dendermonde vorbei nach Gent und dann durch, die Kanäle gekommen. Die deutschen Kriegsvorräte.
Von beachtenswerter Seite wird der Frankf. Ztg. geschrieben:
„Mit leichterem Herzen als nach dem Beginn des Krieges und in den Wintermonaten denkt und spricht man jetzt in Deutschland von den Aushungerungsplänen unserer Gegner und ihren Wirtschaftskriegen und liest hin und wieder mit einigem Humor, daß den Aushungevern noch nicht die Hoffnung geschwunden ist. Unsere vorjährige Ernte in den wichtigsten Halm⸗ und Kmollenfrüchten hat dank unserer Organisation viel weiter gereicht, als jemals gedacht worden ist. Wir kommen mit stattlichen Vorräten in das neue Ernte⸗
sondern ganz Rußland von seiten eines Häufleins von Gewalt⸗ tätern droht, die die Millionenmassen der russischen Soldaten in wilde Horden verwandeln wollen.
Wir wenden uns mit diesem Aufruf allererst an die klassen⸗ bewußten Proletarier aller Nationalitäten, die Rußland bevölkern. Wir fordern von ihnen, daß sie ihre Stimme gegen all die Schauder⸗ taten erheben, die gegen uns begangen werden.
Wir wenden uns weiter an das internationale Prole⸗ tariat, dessen Pflicht es ist, vor aller Welt die Gewalttaten zu enthüllen, denen die jüdische Bevölkerung ausgesetzt ist. Von ihnen, den Proletariern der Verbündeten Rußlands, fordern wir, daß sie ihre Regierungen zum Protest gegen die bintigen Wildheiten ihres „Verbündeten“ drängen.
Wir wenden uns mit unserem Aufruf schließlich an die Sozia⸗ listen der neutralen Länder Europas und Amerikas. In diesen
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jahr hinein, und diese weue Ernte, die zum Teil ja schon in den
Ländern sucht der Zarismus für sich Sympathien und Entgegen⸗


