Ausgabe 
20.7.1915
 
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vorhandenen Schätze auch zu billigen Preisen an die Ver braucher herankommen.

Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Wehrmann Friedrich Löber aus Heuchelheim, Inf. Regt. Nr. 221. Leutnant Hermann Kromm, Lehrer aus Gedern, Inf.⸗Regt. 118. Reservist Heinrich Watz aus Griedelbach, Kr. Wetzlar, Inf. Regt. 224.

Die Vorzeusur über unser Mainzer Bruderblatt. Ueber die Mainzer Volkszeitung wurde von heute ab die Vorzensur verhängt. Die Maßregel wurde veranlaßt durch den Abdruck eines Artikels, der sich mit dem Lebensmittelwucher beschäftigte.

4500 Zentner Zucker wegen Preiswuchers beschlagnahmt. In Elberfeld ist es gelungen, einem Preistreiber auf dem Zuckermarkte auf die Sprünge zu kommen. Da von Fabriken jetzt kein Zucker zu haben ist, müssen sich selbst Großabnehmer wie die Konsumvereine an Zwischenhändler wenden. Das geschah in Elberfeld, wo der Großhändler nicht weniger als 58,25 Mk. für 100 Kilogramm forderte. Behördlicher Höchstpreis für Anfang August ist 47 Mark. Der Händler wollte also 11,25 Mark Extraverdienst pro Doppel⸗ zentner herausschinden. Der geforderte Preis würde einen Klein⸗ verkaufspreis von über 35 Pfg. pro Pfund bedingen. Die unver⸗ schämte Forderung wurde dem Kriegsausschuß für Konsumenten⸗ interessen in Berlin mitgeteilt. Dieser ging vor die richtige Schmiede und erreichte, daß dem Großhändler der gesamte Vorrat, 4500 Zentner Zucker, beschlagnahmt wurde. Wäre sein Plänchen geglückt, so hätte er auf einen Schlag 25 312,50 Mark über dem amtlichen Preis verdient, in den natürlich schon ein anständiger Gewinn eingerechnet ist. So sollte mit allen Zuckerwucherern verfahren werden!

Ein Kulturmensch. Eine schandbare Leistung eines Schmocks von lästerlich niedriger Gesinnung hat in dem großen Wiener Blatte, der Neuen Freien Presse, Aufnahme gefunden. Dieser Mensch gibt seiner Freude über die Verluste der italienischen Marine in solgen⸗ den gefühlvollen Worten Ausdruck:

Und die Fische, Hummer und Seespinnen der Adria haben lange keine so guten Zeiten gehabt wie jetzt. In der südlichen Adria speisen sie fast die ganze Be⸗ mannung desLeon Gambetta. Die Bewohner der mittleren Adria fanden Lebensunterhalt an jenen Italienern, die wir von dem FahrzeugTurbine nicht mehr retten konnten, und in der nördlichen Adria wird den Meeresbewohnern der Tisch immer reichlicher gedeckt. Dem Unterseeboot Medusa und den zwei Torpedobooten hat sich jetzt der Panzer⸗ kreuzerAmalfi zugesellt. Die Musterkollektion der maritimen Ausbeute, die sich bisher auf dasmaritime Kleinzeug erstreckte, hat einen gewichtigen Zuwachs erhalten und bitterer denn je muß die Adria sein, deren Grund sich immer mehr mit den geborstenen Leibern italienischer Schiffe bedeckt und über deren blaue Fluten der Verwesungshauch der gefallenen Befreier vom Karstplateau streicht.

Es mag Menschen geben, die bei allen Mord und Greuel noch spotten können. Aber das einangesehenes Blatt solchen Schmutz aufnimmt, das ist höchst bezeichnend für dieKultur des Blattes und der Kreise, deren Organ es ist.

Ein Kartoffelwucherer mit Gefängnis bestraft. Der Gutsbesitzer Lehmann in Dittelsdorf bei Zittau in Sachsen hatte sich vor dem Bautzener Landgericht am Freitag wegen Erpressung zu verant⸗ worten. Eine unbemittelte Kriegersfrau in Zittau hatte in der Zeit der Kartoffelnot bei ihm mehrere Zentner Kartoffeln bestellt und einen Zentnerpreis von 3,50 Mark vereinbart. Lehmann wartete jedoch mit der Lieferung solange, bis der Höchstpreis um 1,75 Mark erhöht wurde. Er teilte der Frau dann mit, sie könne die Kartoffeln haben, wenn sie 5,25 Mark pro Zentner bezahle. Die Frau war bereit, die Kartoffeln für den Preis zu nehmen, da sie nirgends billiger zu haben waren. Lehmann ließ aber wieder einige Wochen vergehen, in denen der Preis weiter stieg. Auf Mahnung schrieb er der Frau auf einer zweiten Karte, daß sie die Kartoffeln nur für 7 Mark pro Zentner erhalten könnte, also für das Doppelte des vereinbarten Preises. Unser Zittauer Parteiorgan nahm den menschenfreundlichen Mann unter die Lupe, was die Staatsanwalt⸗ schaft veranlaßte, einzuschreiten. Eine Uebertretung der Höchstpreise kam nicht in Frage, da für Mengen unter 20 Zentner kein Höchst⸗ preis bestand. Das Landgericht erblickte aber in der Handlungs- weise eine versuchte Erpressung und verurteilte L. zu zwei Wochen Gefängnis. Wenn die Verbraucher öfters solche Fälle der Oeffentlichkeit unterbreitet hätten, wäre vielleicht manchem Ikrupellosen Profitjäger auf die Finger geklopft worden.

Der harmlose Kartoffelhändler. Für den Kreis Erbach war als Höchstpreis für Kartoffeln 10 Mark für den Doppelzentner fest⸗ gesetzt. Das hinderte den Landesproduktenhändler Max Oppen⸗ heimer in Beerfelden nicht, einer armen Frau aus Hetzbach 15 Mark für das Malter abzunehmen. Als er am Samstag vor der Darm- städter Strafkammer stand, erzählte er, von einem Höchstpreis nichts gewußt zu haben: er habe der Frau mit der Abgabe der Kartoffeln nur einen Gefallen getan! Da die amtliche Preisfestsetzung von Speisekartoffeln spricht, behauptete der biedere Menschenfreund, ja Saatkartoffeln verkauft zu haben. Zu seinem Pech wurde indessen einwandfrei bekundet, daß die Kartoffeln auch noch schlecht, also keinesfalls ausgelesene Saatkartoffeln waren. In seiner höchsten Not ging dem Angeklagten nun, wie er sagte, ein Licht auf: er habe im Keller drei Haufen gehabt, da müsse die Frau eben unglücklicher⸗ weise an den schlechten Haufen geraten sein! Der Staatsanwalt er⸗ höhte die Pein, indem er darauf bemerkte, daß das Verhalten auch an Betrug grenzt; er beantragte 150 Mark Geloͤstrafe. Das Ge⸗ richt hielt 100 Mark für ausreichend, da Oppenheimer, als er es mit der Angst zu tun bekam, sich nur 8,50 Mk. zahlen ließ.

Folgen des Lebensmittelwuchers. In Eilenburg kam es auf dem Markt zu erregten Szenen. Eine Bauersfrau forderte für ihre Waren so hohe Preise, daß die anwesenden Frauen in Wut gerieten. Sie zertrümmerten schließlich die beiden Körbe der Frau, der eine enthielt Eier, der andere Butter. Die Erregung ist ver⸗ 2 indessen kann solche Selbsthilfe doch recht schlimme Folgen

aben. g

Laßt Eure Kinder barfuß laufen! Uns wird geschrieben: Auf eine Eingabe der Kriegsfürsorge ist von den Schulleitern das Barfußkommen in die Schulen gestattet worden. Der Kxiegs⸗ konsumentenausschuß hätte es gerne gesehen, wenn die Schulleiter noch weiter gegangen wären und das Barfußlaufen für alle Knaben⸗ schulen, ob Volks⸗, Mittel⸗ oder Realschulen, angeordnet hätten, wie das in einer Reihe anderer Städte ebenfalls geschehen ist. Daß das Barfußlaufen sehr gesund und für die Entwicklung der Glieder von größtem Wert ist, braucht nicht weiter dargelegt zu werden, das ist männiglich bekannt. Durch das Barfußlaufen kann schon jedes Kind mithelfen, daß die ohnehin recht knappen Ledervorräte auf den Winter aufgespart werden. In einigen Wochen tritt die kühlere Witterung ein, wo der Bedarf an Schuhen wieder ein größerer wird. Sorgt die Bevölkerung nicht dafür, daß durch möglichste Schonung der Ledervorräte diese etwas reichlicher werden, dann wird die Lederknappheit noch größer werden. Der Deutsche Schuh⸗ und Schäftefabrikantenverband hat in der Frankfurter Zeitung bereits auf die Lederknappheit hingewiesen und bekannt gegeben, daß die Lederprelse auch weiterhin steigen dürften. Besonders die Familien mit großer Kinderzahl sehen mit großem Kummer der kälteren Jahreszeit entgegen, sind doch die Kosten für Schuhreparaturen bereits nicht mehr zu erschwingen. Umsomehr sollte erwartet wer⸗ den, daß recht viel Kinder barfuß laufen und dadurch am Interesse des Volksganzen mitwirken. Der starke Bedarf an Leder für das Heer läßt eine große Freigabe für den privaten Bedarf nicht zu. Umsomehr muß haushälterisch gewirtschaftet werden, damit größere Ledervorräte für den Winter aufgestapelt werden. Wer seine Kinder nicht barfuß laufen lassen will, der kaufe ihnen Holzsandalen, die sehr zweckmäßig und gut zu tragen sind. Dem beim Auftreten ver⸗ ursachten Geräusch kann burch Belegen der Sohlen mit altem

Gummi oder S b lfen werden. Die Kriegsfürsorge hat für Seesen eee aufbringen müssen, die

für die Dauer unerschwinglich sind. Schon mit Rücksicht auf die Kriegerfamilien, deren Kinder Holzschuhe tragen müssen, dürfte es angezeigt sein,wenn möglichst allgemein Holzschuhe getragen werden, um auch bei diesen den Gedanken einer Benachteiligung oder Zurück⸗ setzung gegenüber den anderen Kindern nicht aufkommen zu lassen. Allgemeine Interessensolidarität muß sich in gegenwärtiger Zeit der ganzen Bevölkerung bemächtigen. Das kleine Opfer an Be quemlichkeit muß gebracht werden. Es kann jeder in seinem Teil seine vaterländische Pflicht erfüllen, wenn nur der gute Wille vor handen ist. Der Kriegskonsumentenausschuß.

Heuchelheim. Am Sonntag nachmittag hielt unser Arbeiterbildungsverein nach längerer Pause eine Mitglieder- versammlung ab, die einen verhältnismäßig guten Besuch aufzuweisen hatte. Etwa zwei Drittel unserer Genossen sind zum Kriege eingezogen, deren Abwesenheit selbstwer ständlich im Versammlungsbesuche stark bemerkt wird. Ge⸗ nosse Neumann⸗Offenbach sprach über die gegenwärtige poli⸗ tische Lage und seine Ausführungen fanden das regste Inter⸗ esse. Er schilderte die Ursachen der nationalen Konflikte, die ihren Grund in dem Kampf um dieFutterplätze hätten Das sei auch bei diesem Kriege der Fall, auf den er näher einging. Hier zeige sich die Richtigkeit dessen, was von un⸗ serer Partei und unserer Presse über die Furchtbarkeit des modernen Krieges stets gesagt worden ist. Die raffiniert konstruierten Mordmaschinen fordern Opfer in solcher Menge, wie es die Weltgeschichte bisher noch nicht kannte, Ver⸗ wüstungen werden angerichtet, wie man sie vorher nicht für möglich gehalten hätte. Neben den ungeheuerlichen Men⸗ schenverlusten auf allen Seiten steigen die Kosten des Krieges zu schwindelnder Höhe, die Reichsschuld beträgt gegenwärtig bereits 25 Milliarden Mark und erfordert fast 1500 Millio- nen jährlich allein an Zinsen. Wie man später die nötigen Steuern aufbringen will, weiß noch kein Mensch. Noch unter einer anderen Erscheinung leidet das Volk, nämlich unter einem unerhörten Lebensmittelwucher, der sich für die arbeitende Bevölkerung ganz besonders fühlbar macht. Namentlich leiden kinderreiche Familien unter der Teue⸗ rung; es ist Tatsache, daß viele darben müssen und Unter⸗ ernährung eintritt, deren schädliche Folgen sich später zeigen dürften. Die Teuerung erstreckt sich auch auf Lebensmittel, die in genügender Menge vorhanden sind, ein Beweis für das wucherische Treiben der Spekulanten und gewisser Großpro⸗ duzenten. Hier müsse von der Regierung entschiedenes Ein⸗ greifen gefordert werden. Die Erfahrung in dem Kriegs⸗ jahre habe gezeigt, daß mit halben Maßregeln nichts getan ist, wenn man die Ernährung des Volkes sichern wollte. Für uns führte Redner am Schlusse aus ist das hauptsäch⸗ lichste Gebot, unsere Organisation aufrecht zu erhalten. Nach Beendigung des Krieges werden wir sie nötiger haben als je! Die nur in aller Kürze wiedergegebenen Ausführungen des Redners Purden, wie bereits bemerkt, mit großem In⸗ teresse verfolgt. Einige Anfragen bewiesen, daß Versamm⸗ lungen auch in der jetzigen Zeit notwendig sind und von den Parteigenossen gewünscht werden.

Steinberg. Die am Samstag abgehaltene Versammlung des Wahlvereins war gut besucht und nahm die Ausführungen des Red⸗ ners, Genossen Neumann⸗Offenbach, mit Interesse entgegen. Es wurde für notwendig erachtet, die Vereinstätigkeit neu zu beleben, obwohl ein großer Teil der Mitglieder zum Kriege eingezogen ist.

Kreis Wetzlar.

Wetzlar, 19. Juli. Der Kreiswahlverein Wetzlar⸗ Altenkirchen hielt gestern eine Mitgliederversammlung ab, die gut besucht war und in der Reichstagsabgeordneter Vogtherr über weltpolitische Probleme sprach und mit seinen lehrreichen Aus⸗ führungen reichen Beifall fand. Folgende Resolution wurde bei einer Stimmenenthaltung einstimmig angenommen: Die heutige gut besuchte Versammlung erklärt sich mit dem Referat des Genossen Vogtherr einverstanden. Sie findet das Verhalten der Minderheit der Reichstagsfraktion als selbstverständlich und nur vereinbar mit unseren elementaren Grundsätzen. Die Versammlung fordert von unserer parlamentarischen Vertretung endlich ernsthafte Friedens⸗ arbeit und begrüßt insbesondere das Verhalten des Genossen Haase, dem sie hiermit ihr volles Vertrauen ausspricht. Die Anwesenden erwarten von ihren Volksvertretern, in Anbetracht des ungeheuren Lebensmittelwuchers im eigenen Vaterland, der bisher gebrachten riesengroßen Opfer besonders der minderbemittelten Klassen, und vor allen Dingen der alten grundsätzlichen Stellung der Partei, leine weitere Bewilligung von Mitteln zur Kriegsführung. Die Versammlung beklagt ferner auf das tiefste die redaktionelle Haltung der Volksstimme in Frankfurt a. M., insbesondere Artikel des Genossen Quarck, die nur geeignet sind, die Sinne der Genossen zu verwirren und als Abonnenten abzustoßen.

Von Nah und Fern.

Ein Familiendrama.

In Köln a. Rh. versuchte am Sonntag vormittag die Wirts⸗ frau Rösberg sich und ihre beiden Kinder im Alter von vier und sechs Jahren durch Gas zu vergiften. Da nur das kleine Mädchen bewußtlos wurde, schoß die Frau ihr Söhnchen nieder und tötete sich dann selbst durch einen Schuß in die Schläfe. Das jüngste Kind kam wieder zu sich, das Söhnchen wurde sterbend ins Hospital geschafft. Der Mann steht im Felde.

Büdesheim, 19. Juli. Brand durch Kurzschluß. Hier brannte dem Herrn Franz Bürk seine Scheune nebst Stallung ab. Kurzschluß des elektrischen Lichtes soll die Ursache sein.

Raunheim, 17. Juli. Durch Ertränken im Main machte nachts der verheiratete 27 Jahre alte Bahnarbeiter Otto Ochse seinem Leben ein Ende. Er hinterließ in einem Schreiben, daß er seinem Leben ein Ende bereiten wolle. Die Leiche wurde heute früh ge⸗ borgen und in die Wohnung gebracht.

Parteinachrichten.

Für die Fraktionsmehrheit.

Der Vorstand des Reichstagswahlkreises Frankfurt a. M. nahm in seiner letzten Sitzung zu der jetzigen parteipolitischen Situation Stellung. Er faßte einstimmig einen Beschluß, in dem er sich mit der bisher von der Mehrheit der Reichstags⸗ fraktion und vom Parteivorstand eingenommenen Haltung zum Krieg einverstanden erklärt. Der Vorstand heißt auch die Versuche gut, mit den sozialistischen Parteien der neutralen und der feindlichen Länder zu einer Verständigung über eine gemeinsame Aktion für Herbeiführung eines die Rechte der Völker achtenden Friedens zu gelangen.

Der Vorstand fordert alle Genossen auf zu einer Betätigung, die der organisatorischen Einheit der Partei gerecht wird und die Gesamtinteressen der deutschen Arbeiterbewegung beachtet. Die Art, wie Genosse Haase als Vorsitzender der Partei gehandelt hat, verstößt hiergegen und wird mißbilligt.

Der Vorstand erklärt für nötig, daß im Interesse der baldigen Herbeiführung eines gedeihlichen Friedens die Erörterung der Kriegsziele freigegeben wird, und er erwartet von der Rei tom, daß sie bei der erneuten Jestlegung ihrer

Haltung die Beseitigung bestehender Hiubernisse einer offenen Be⸗ sprechung der Kriegsziele und die wirksamere Bekämpfung des Wuchers mit notwendigem Lebensbedarf fordert und durchsetzt.

Der Hannoversche Volkswille schreibt:In drei Sitzungen hatte eine Versammlung der dazu berufenen Vorstände über die Kämpfe in der Partei und den Gewerkschaften beraten. Genosse Brey legte die Gründe der Zustimmung der Fraktion zu den Kriegsanleihen dar. An diesen Vortrag schloß sich eine Aussprache, in der von den Anhängern der Mehrheit und Minderheit alle Redner zu Wort gekommen waren, die sich meldeten. Am Schlusse der dritten Sitzung wurde folgender Beschluß angenommen:

Der Provinzialvorstand der Sozialdemokratischen Partei der Provinz Hannover, die Vorstände des Gewerkschaftskartells und des Sozialdemokratischen Wahlvereins sowie die Bezirksführer des letzteren in Hannover und die in den Organisationen tätigen Redner nahmen Stellung zu den Parteistreitigkeiten über die Haltung und die Taktik der Reichstagsfraktion bei Bewilligung der Kriegsanleihen und erklären folgendes:

Die Bewilligung der Kriegsanleihen durch die sozialdemokratische Fraktion war eine Notwendigkeit im In⸗ teresse des ganzen deutschen Volkes, von dem die in der modernen Arbeiterbewegung organisierten Arbeiter einen großen Teil bilden. Deren Errungenschaften sind mit der Existenz und Unversehrtheit des Landes und Volkes untrennbar verbunden.

In Erkenntuis dieser Notwendigkeit halten die Vorstände die Einheit und Geschlossenheit der Arbeiterbewegung für unerläßlich und verurteilen das schädliche Treiben derjenigen, die versuchen, die Partei in einer bisher nicht üblichen Form und unter gröblichster Beschimpfung der Mehrheit der Partei und Fraktion zu einer der Arbeiter⸗ 7 und dem ganzen Volle schädlichen Taktik zu ver⸗

eiten.

Mit der Einheit und Geschlossenheit der Arbeiterbewegung, deren Preisgabe das Ende der Bewegung bedeuten würde, steht die vom Genossen Haase als Vorsitzenden der Partei herbei⸗ geführte Veröffentlichung des AufrufsEin Gebot der Stunde in schärfstem Widerspruch, zumal die Veröffentlichung ohne zu⸗ vorige Beratung im Parteivorstand erfolgt ist. Sie miß⸗ billigt das Vorgehen des Genossen Haase, ebenso wie alle Be⸗ strebungen, die darauf hinausgehen, eine Umkehr von der bis⸗ herigen Haltung der Partei zu erreichen.

Die Vorstände erwarten von der Sozialdemokratischen Partei, daß sie in der bisherigen Weise weiter zum Nutzen der ganzen Arbeiterbewegung tätig sein wird. Sie machen es sich zur Pflicht, selbst in diesem Sinne zu wirken.

Von 56 Teilnehmern an der Aussprache stimmten nur z wei gegen diese Resolution.

Ein von Anhängern der Minderheit eingebrachter Antrag wurde vorher mit allen gegen drei Stimmen abgelehnt.

Mit diesem Beschluß haben sich die genannten Körperschaften und die zur Verbreitung unserer Anschauungen berufenen Redner rückhaltlos hinter die Mehrheit der Fraktion ge⸗ stellt, in der sicheren Erwartung, damit in Uebereinstimmung mit den organisierten Arbeitern Hannovers zu stehen.

Sympathieerklärung für Haase.

Die Funktionäre des vierten Berliner Reichstags⸗ wahlkreises beschäftigten sich in ihrer letzten Sitzung mit der jetzigen politischen Situation und nahmen gegen 10 Stimmen nach⸗ stehende Resolution an:

Die heute, am 5. Juli 1915, von 320 Funktionären besuchte Kreiskonferenz des vierten Berliner Reichs⸗ tagswahlkreises nimmt mit Genugtuung Kenntnis von dem in der Leipziger Volksztg. erschienenen Artikel der Genossen Haase,

Bernstein und Kautsky und ist vollinhaltlich damit einverstanden. Sie bedauert das Vorgehen des Parteiausschusses, der die Stel⸗ lungnahme des Genossen Haase gemißbilligt hat, und be⸗ kundet dem Genossen Haase ihre volle Sympathie. Die Konferenz erwartet, daß vom Parteivorstand und der Reichstags⸗ fraktion die in dem Artikel angedeutete Politik befolgt wird.

Abgewiesene Beschwerde.

Vor kurzem wurde, wie mitgeteilt, eine geschäftliche Sitzung der Bezirksleitung des Parteibezirks Niederrhein von der Düsseldorfer Polizei aufgelöst, nachdem die Ueberwachung durch sie nicht geduldet worden war. Die gegen das Vorgehen der Polizeiorgane erhobene Beschwerde wurde vom stellvertretenden Generalkommando des 7. Armeekorps zurückgewiesen mit der Begründung, die Sitzung sei eine anmeldepflichtige Versammlung gewesen. Ein Rechtsmittel gegen diesen Bescheid gibt es unter dem Belagerungszustand nicht.

Ein russisches Parteiblatt gegen Vandervelde.

Die Redaktion des in Paris erscheinenden russischen sozialdemo⸗ kratischen Tageblattes Nasche Slowo veröffentlicht in der Nummer vom 26. Juni einenOffenen Brief aun Emile Vandervelde, in dem sie aus Anlaß des jüngsten Artikels Vanderveldes heftige Angriffe gegen ihn richtet und ihn auffordert, sein Amt als Vorsitzender des Internationalen Bureaus niederzulegen. Vandervelde hatte ge⸗ schrieben: Solange auch nur ein deutscher Soldat auf dem Boden des vergewaltigten Belgiens und des der feindlichen Invasion unter⸗ worfenen Frankreichs zurückbleibt, werden wir uns als Antwort auf alle Anregungen über gemeinsame Handlungen zur Herbeiführung des Friedens die Ohren verstopfen. Die Redaktion der Nasche Slowo stellt daran anknüpfend fest, daß Vandervelde eine solche Sprache bisher nicht geführt hat. Der Wille des Proletariats habe ihn an die Spitze des Internationalen Burcaus gestellt, dessen ein⸗ ziger Zweck darin bestehe, die regulären Beziehungen und das enge Band zwischen den nationalen Arbeiterparteien aufrecht zu erhal⸗ ten. Wenn sein Gevissen ihm nicht gestattet habe, dafür zu sorgen, daß das Bureau seine Funktionen erfülle, hätte er sein Mandat niederlegen müssen. Jetzt müsse er das unverzüglich tun, um anderen Leuten die Möglichkeit zu geben, die reale Existenz des In⸗ ternationalen Bureaus fortzuführen. Wenn Vandervelde sichdie Ohren verstopfe gegenüber den Anträgen auf Einberufung des In⸗ ternationalen Bureaus zur Erörterung der Friedensfrage, dürfe er das nicht tun gegenüber dem Antrag, daß das Bureau einberufen werde zur Entgegennahme seiner Demission und zur Wahl eines anderen Vorsitzenden.

Dann heißt es nach dem Hinweis darauf, daß Legien sich geweigert habe, das Internationale Gewerkschafts⸗ sekretariat, entsprechend den Anträgen amerikanischer, eng⸗ lischer und anderer gewerkschaftlicher Zentren nach der Schweiz zu verlegen:

Mit nicht geringerer Entrüstung wird das sozjalistische Prole⸗ tariat anerkennen müssen, daß andere Leute.. sich weigern, seine politische internationale Organisation aus ihren Händen zu geben.

Wir fragen Sie, Genosse Vandervelde: übernehmen Sie die Verantwortung für die Verwandlung des Internationalen So⸗ zialistischen Bureaus in ein Werkzeug der Politik des Dreiverbandes, über das diese Mächtegruppe frei verfügen kann, um diese oder jene Bewegung im Proletaviat im Namen von Interessen zu paralysieren, die mit den Interessen des Prole⸗ tariats nichts gemeinsam haben?

Wir richten an Sie diese Frage im Namen von Tausenden und Abertausenden russischer, polnischer, französischer italienischer, eng⸗ lischer, serbischer, ja auch belgischer Sozialisten, die mit uns der An⸗ sicht sind, daß die zweideutige Lage viel zu lange anhält und daß die Autorität des Vorsitzenden unserer internationalen Organisation nicht als Mitgift bei der politischen Ehe mit der Bourgesisie dieses oder jenes Landes betrachtet werden kann. 8

Wir warten auf Antwort; wann kommt die Demission?

Nasche Slowo ist zwar kein offizielles Parteiorgau, es grup⸗ piert aber um sich einen großen Teil der Elemente der Sozialdento⸗ kratie Rußlands, die seit Beginn des Krieges energisch für die Auf⸗ vechterhaltung der internationalen Grundsätze der Sozialdemokratie