Ausgabe 
17.7.1915
 
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politische, und wirtschaftlichen Fragen erstrecken und Kanada eine ganz andere tatkräftigere Stellung schaffen.

Schweres Gefecht zwischen Engländer und Deutschen

London, 15. Juli. Wie der Times aus Rodesia nachträglich gemeldet wird, haben dort sehr heftige Gefechte zwischen Engländern und Deutschen an der nördlichen Grenze von Rodesia stattgefunden. Am 29. Juni erfolgte ein besonders heftiger Angriff der Deutschen auf die britische Stellung bei Aberkorn. Die deutschen Streitkräfte bestanden aus 70 Weißen und 500 Schwarzen mit drei Maschinen⸗ gewehren. Die Engländer erlitten schwere Verluste.

Mitteleuropäische Wirtschaftsvereinigung.

Am 23. und 24. ds. Mts. findet in Berlin eine Ver⸗ sammlung von Vertretern der Mitteleuropäischen Wirtschafts⸗ vereine in Deutschland, Oesterreich und Ungarn über die Frage der zollpolitischen Annäherung der beiden Länder statt. Die österreichische Delegation steht unter Führung des früheren Finanzministers Baron Plener, die ungarische unter Führung des früheren Ministerpräsidenten Wekerle.

Achtung auf Spione!

In einer Amtsblattverfüügung der preußischen Staatsbahnver⸗ waltung heißt es:Es besteht der begründete Verdacht, daß neuer⸗ dings wieder eine lebhafte Spionage zum Zwecke der Zerstörung von Eisenbahnanlagen, Speichern und Fabriken betrieben wird. Unter Hinweis auf die früheren Verfügungen zur Verhinderung der Spionage werden die Beamten und Arbeiter der Staatsbahnen zu ganz besonderer Vorsicht erneut ermahnt.

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8 Deutsche Offensive im Osten. Der Uebergang über den Dujestr.

Ueber eine neue Offensive in der Bukowina am Dyjestr wird dem Lokalanzeiger aus Czernowitz gemeldet: Die am Dienstag eingesetzte Offensivbewegung unserer Truppen im Dujesterraume dauert erfolgreich fort. Die Zurückdrängung der Russen aus dieser Stellung ist deshalb von großer Wich⸗ tigkeit, weil der Dujestrlauf hier im Zickzack geht, das Ge⸗ lände vielfach dem Feinde in den Klüften Deckung bot und schwer zu nehmen war. Seit gestern macht sich eine Rück⸗ zugsbewegung der Russen aus dem Nordosten der Bukowina nach dem Norden Bessarabiens bemerkbar.

Uebergang über den Narew.

T. U. Kopenhagen, 16. Juli. Rußki Invalid meldet, daß deutsche Truppen den Narew überschritten haben und die Russen auch im Abschnitt Orezy⸗Lydinig zurückgehen mußten.

Sperrung der Seefahrt zwischen Schweden und Finnland.

T. U. Stockholm, 16. Juli. Die schwedische Seefahrt nach Finnland ist von neuem ernstlich bedroht. Dagens Nyheter berichtet, daß dieser Tage die finnische Küste minierk wurde, und daß im Zusammenhang damit Raumo der einzige größere Hafen, der Schweden mit Finnland verbindet, ge⸗ sperrt wurde. Alle schwedischen Schiffe mußten nach ihrem Hafen zurückkehren, nachdem kein russischer Lotse ihnen ent⸗ gegengekommen war.

Schweden auf der Wacht.

5 T. U. Kopenhagen, 16. Juli. Am Mittwoch durchfuhr ein schwedisches Geschwader, das aus drei Panzerkreuzern und vier großen Torpedobooten bestand, den Oeresund in nördlicher Fahrt. Das Erscheinen bedeutender Seestreitkräfte an der Westküste Schwedens wird mit der fast täglichen Ver⸗ letzung der Neutralität Schwedens durch englische Kriegs schiffe in Verbindung gebracht.

Verstärkung derr norwegischen Militär⸗ Leistungs fähigkeit.

Kopenhagen, 16. Juli. Norwegen wird wahrscheinlich in aller⸗ nächster Zeit eine wesentliche Verstärkung seiner militärischen Leistungsfähigkeit erhalten. Dem Storthing liegt ein Vorschlag des Militärausschusses vor, die Landwehrpflicht auf 12 statt auf 8 Jahresklassen auszudehnen und die Rekruten von 21 statt von 22 Jahren einzustellen.

Ernste Lage in Süd⸗Wales.

T. U. London, 16. Juli. Die Kohlenarbeiter in Süd⸗ Wales weigern sich, dem Regierungsbefehl nachzukommen und die Arbeit wieder aufzunehmen. Der Streik unter den Bergarbeitern in Süd⸗Wales ist beinahe allgemein.

Verurteilung eines französischen Kriegsgefangenen

T. U. München, 16. Juli. Das Kriegsgericht in Bayreuth hat den französischen Kriegsgefangenen Lucien Henriot aus Paris, der

bei Ladearbeiten auf einer Haltestelle in die Schmierbüchsen eines nach dem Kriegsschauplatz abgehenden Eisenbahnwagens Sand gestreut hatte, zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Kriegs notizen.

Die Tarifänderungen, welche die Große Berliner e u-Gesellschaft plant, gehen dahin, den Zehnpfennigsatz für Strecken bis zu 5 Kilom eter bestehen zu lossen, für Strecken bis zu 7,5 Kilometer 15 Pfennige und für wei⸗ tere Strecken 20 Pfennige zu erheben. Dafür soll der Umsteige⸗ verkehr eingeführt werden. 5 5

Die vom Hamburger Senat beantragten weiteren 10 Mil⸗ lionen Mark für außerordentliche Kriegsausgaben sind be⸗ willigt worden.

I Börsengebäude in Leipzig tagte am Mittwoch und Donnerstag eine Konferenz zur Beratung des Winterf ahr⸗ plans 1915/16. Zu der Konferenz hatten die Eisenbahnverwal⸗ tungen Deutschlands, Oesterreich⸗Ungarns, Dänemarks, Luxem⸗ burgs, der Niederlande und der Schweiz, sowie verschiedene Schiff⸗ fahrtsgesellschaften Vertreter entsandt. 5

Im bayerischen Milchland, dem Allgäu, wurde mit der Festsetzung von Höchstpreisen für Milch begonnen. So sind im Amtsbezirk von Markt Oberdorf Milchmarken einge⸗ führt worden. Für Milch, welche gegen diese Marken bei den Produ⸗ zenten und Milchhändlern abgeholt wird, darf nicht über 20 Pfg. pro Liter gefordert werden.

Der sächsische Landtag wurde am Donnerstag nach fast vlerwöchentlicher Dauer mit einer Thronrede geschlofsen. In der Schlußsitzung wurde das Gesetz über die Verlängerung der Landtagsmandate um zwei Jahre(bis 1917) einstimmig ange⸗ nommen.

Mit dem SchiffCordova sind in Genua wiederum 1200 Wehrpflichtige aus Amerika eingetroffen. 5

Das Appellationsgericht in Mailand bestätigte das Urteil erster Instanz gegen 14 Justizoffizie re, die wegen Betrugs gegen die Verwaltung angeklagt waren. Sie erhalten durchschnitt⸗ lich ein Jahr Gefängnis und hohe Geldstrafen.

Vor dem Kriegsgericht des 13. französischen Armee⸗ korps, das in Clermont-Ferrand zusammentrat, gelangte ein großer Unterschlagungsprozeß zum Abschluß. Die angeklagten Mitglieder und Beamten der Verpflegungskommission des Ortes Puy Guillaume, darunter der Präsident, wurden zu 5 bis 9 Jahren Zuchthaus verurteilt. 5

Nach einer Meldung der Indépendence Belge aus Paris wurde auf das Ehepaar Caillaux am Montag früh bei einer Spazierfahrt in Passy ein Attentat verübt. Mehrere Per⸗ sonen drängten sich an das Automobil heran und hieben so brutal auf das Ehepaar ein, daß die Opfer blutüberströmt zusam⸗ menbrachen. Caillaux und seine Frau wurden in schwerver⸗ letztem Zustande in eine Klinik gebracht.

Das englische Kriegsministerium hat den Rekrutierungs⸗ behörden in Birmingham mitgeteilt, die Leute, die wegen unge⸗ nügender Sehkraft, schlechter Zähne, oder sonstiger Körpermängel zurückgewiesen worden seien, zur Nachmusterung aufzufordern.

Partei⸗Nachrichten. Die Hamburger Genossen zum Parteizwist.

Die Hamburger Parteigenossen beschäftigten sich in den letzten Wochen in vier Delegiertenversammlungen derLandes- organisation der sozialdemokratischen Partei Hamburgs mit den Geschehnissen der Kriegszeit, der Haltung der Reichstagsfraktion zum Krieg und den Maßnahmen der Vorstände der Hamburger Organisation. Parteisekretär Genosse Heinrich Stubbe erstattete den Geschäftsbericht, stellte sich dabei auf den Boden des von der Reichstagsfraktion und dem Parteivorstand eingenommenen Standpunktes und vertrat die Maßnahmen und Beschlüsse der Hamburger Vorstände. Seine Ausführungen wurden in ihrer Gesamtheit und in verschiedenen Einzelfragen unterstützt durch die Genossen Stolten, Große, Weinheber, Becker, Winnig, Krause. Dagegen sprachen die Genossen Heber⸗ lein, Lindau und zweimal in mehr als einstündigen Dar⸗ legungen Dr. Laufenberg. Nach einem Schlußwort Stubbes wurde von der sehr stark besuchten Delegiertenversammlung mit einer Dreiviertelmajorität folgende vom Genossen Winnig vorgeschlagene Resolution angenommen:

Die Landesversammlung der sozialdemokratischen Partei Hamburgs spricht den Vorständen für die umsichtige Vertretung der Parteiinteressen ihre Anerkennung aus. Sie erwartet, daß diese auch weiter bemüht sein werden, die Interessen der arbeitenden Klasse entschieden zu vertreten, vor allem bei der Bekämpfung des Lebensmittelwuchers und auf dem Gebiet der sozialen Kriegsfürsorge.

Dagegen sieht sich die Landesversammlung genötigt, jener Gruppe von Genossen, die seit Kriegsausbruch die Haltung und die Maßnahmen der Partei herabsetzt und planmäßig und mit nicht immer einwandfreien Mitteln zu durchkreuzen sucht, den ernsthaftesten Tadel auszusprechen. Die Zeiten sind ernst und die Aufgaben der Arbeiterklasse in Gegenwart und Zu⸗ kunft zu groß, als daß die Partei dieser Zerstörung ihrer Geschlossenheit noch länger zusehen könnte.

Die Landesversammlung erwartet daher von allen Ge⸗ nossen, daß sie diesen unheilvollen Treibereien rück⸗ sichtslos entgegentreten.

Die Tagung der Delegiertenversammlung hat damit noch nicht

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ihr Ende erreicht. In einer oder vielleicht gar mehreren Fort⸗

setzungen wird si nun noch mit der in den bisherigen Ver⸗ ammfungen ot auch schon ausgiebig besprochenen Haltung des Hamdurger Echo und der sozialdemokratischen Fraktion der. Hamburger Bürgerschaft zu befassen haben. a Eine Parte funktion 5 8 2. weimarischen ine arteifunktionäre des 2. w 0 Waßlkrerses seisenach⸗Dermbach beschäftigte sich am Sonntag unter anderem auch mit den inneren Parteistreitigkeiten. Na 19 1 5 Vortrag des Genossen Leber wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der erklärt wird, daß die Haltung der Mehrheit der Fraktion nicht mit den Ansichten der Genossen des Kreises über⸗ einstimmt. Das Vorgehen der Minderheit wurde als ein Fest⸗ halten an den alten Parteigrundsätzen bezeichnet. Als ein pflichtgemäße Mahnung an diese Grundsätze wurde der Aufruf Das Gebot der Stunde betrachtet. Die Konferenz erkannte ferner dem Genossen Haase auch als Vorsitzenden das Recht zu, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern und erwartet, daß Haase auf seinem Posten beharren möge. en v Das französische Echo der deutschen on. f Unser 11 Korrespondent schreibt u. D. v. 11. Jult: Mit wachsendem Interesse wird in der sozialistischen Partet Frankreichs die Diskussion in der deutschen Sozialdemokratie ver⸗ folgt. Das ist um so begreiflicher, als sich die soziglistische Partei Frankreichs gegenwärtig selber in einer Krise oder richtiger in einer Diskussion über die Haltung der Partei befindet. Durch den be⸗ sonderen Mitarbeiter der Humanits ist man so ziemlich allgemein in der französischen Presse davon überzeugt, daß es in Deutschland zwei Arten Sozialisten gibt: Impersalistische, die für Eroberungen schwärmen, oder mindestens fürwirtschaftliche Angliederungen, die sich mit dem Militarismus ausgesöhnt haben und an Stelle der internationalen eine nationalistische Politik setzen und internationale Sozialisten, die gegen jede Form von Eroberungen sind, an dem Zufammenarbeiten mit der Inter⸗ nationale festhalten. Je nachdem wie man den französischen Sozialisten glauben machen wird, daß die eine oder die andere Richtung die Oberhand behält, werden sie zu einem internationalen Zufammenarbeiten geneigt sein. Es fällt uns nicht ein, gegen die ebenso oberflächliche als falsche Unterscheidung der deutschen Sozial⸗ demokraten zu polemisieren. Von Kolb, Heine und anderen Ge⸗ nossen sind zweifellos Aeußerungen gefallen, die cen aufgestutzt sind und, als Auslassungen dermaßgebenden Führer hingestellt. den Eindruck erwecken müssen, als sei die deutsche Sozialdemokratie in das Lager der Nationalliberalen abgeschwenkt. Es wäre jedoch töricht, sich darllber aufzuregen. Lügen haben kurze Beine. In dieser Zeit des Völkermordes muß jede Polemik mörderisch wirken. Tue jeder seine sozialdemokratische Pflicht, das Resultat wird nicht ausbleiben. a 4 Der Todestag von Jaures. 5 Die sozialistische Fraktion der Deputiertenkammer hat be⸗ schloffen, den ersten Jahrestag des Todes von Jaurès am 31. Juli durch eine Wallfahrt nach dem von Jaures bewohnt gewesenen Hause in Passy, sowie durch Abhaltung einer großen Versammlung zu begehen, in der Auszlige aus den Reden von Jaures verlesen werden sollen.

Arbeiterbewegung.

Der Lederarbeiter⸗Verband im Jahre 1914. f

Der Lederarbeiterverband, der die in der Handschuhindustrie, in der Loh⸗ und Chromgerberei, sowie in der Weißgerberei und Lederfärberei beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen umfaßt, zählte mit Beginn des Berichtsjahres 16 481 Mitglieder, 14 390 männliche und 2085 weibliche. Mit Abschluß der ersten Jahres⸗ hälfte, also unmittelbar vor Kriegsbeginn, waren noch 16 249 Mit⸗ glieder vorhanden. Der Kriegsausbruch wirkte jedoch auch auf die Mitgliederbewegung dieses Verbandes unglünstig ein, obwohl für die Arbeiter in der Lohgerberei eine außerordentlich günstige Konjunk⸗ tur einsetzte. Am Fahresschluß hatte der Verband unter Einrech⸗ nung der im Heere stehenden 4176 Mitglieder nur noch 15377 Mit⸗ glieder, somit einen Verlust von 1104 Mitgliedern, wovon auf die zweite Jahreshälfte allein 872 Mitglieder als Verlust entfallen.

Durch Arbeitslosigkeit seiner Mitglieder wurde der Verband in der zweiten Jahreshälfte in ungewöhnlichem Maße in Mitleiden⸗ schaft gezogen. Während sich die Arbeitslosenziffer des ersten Halb⸗ jahrs 1914 nicht erheblich über den Durchschnitt der des Vorjahres bewegte, wurden für das zweite Halbjahr 1914 bereits 56,1 Prozent Arbeitslose gemeldet. Die Zahl der Arbeitslosen⸗ und Unter⸗ stützungstage hat sich im Jahre 1914 gegenüber dem Vorjahre abso⸗ lut vervserfacht. Dieser Umschwung kommt natürlich auch im Kassen⸗ bericht zum Ausdruck. Die Ausgaben für Arbeitslosenunterstützung sind von 62 865 Mark im Jahre 1913 auf 178 731 Mark im Jahre 1914 gestiegen, obwohl die Unterstützungssätze mit Kriegsausbruch wesentlich reduziert wurden.

Lohnbewegungen, die sich nur auf den Zeitraum der ersten 7 Monate erstreckten, fanden insgesamt 31 statt, von denen 3 mit und 28 ohne Arbeitseinstellung beendet wurden. Die Streiks waren Angriffsstreiks. Abwehrstreiks und Aussperrungen fanden im Be⸗

richtsjahre nicht statt. An den Streiks waren 190 Personen, an den Lohnbewegungen ohne Arbeitseinstellung 2534 Personen beteiligt. Von den 31 Lohnbewegungen verliefen 10 für die Arbeiter erfolg⸗ reich und 21 teilweise erfolgreich. Erreicht wurde für 1872 Personen eine Lohnerhöhung um 3297 Mark und eine Arbeitszeitverkürzung für 492 Personen um 670 Stunden wöchentlich. Außerdem wurde für 5 Personen eine Lohnherabsetzung um 190 Mark wöchentlich ab⸗ gewehrt. 0

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Diethelm von Buchenberg.

Erzählung von Bertold Auerbach. 2⁵

Heute kehrte Diethelm freiwillig auf der Kalten Herberge ein. Es war ihm hier nicht mehr wie in einem verzauberten Hause zumut; alles hatte einen freundlichen Anschein, und das behäbige und wohlgemute Wesen des Wirtes sprach es deutlich aus, daß man nach einer solchen Tat wieder frisch aufleben kann. Diethelm suchte sich immer mehr einzureden, daß der böse Leumund die Wahrheit verkünde und dieser Wirt ein Brandstifter sei. So saß Diethelm in sich gekehrt und mit glänzenden Augen umschauend, als ein alter Be kannter, der Reppenberger, eintrat und seinen Glücksstern pries, der ihm einen Weg erspare, den er eben zu Diethelm machen wollte. Er berichtete, wie er endlich einen willigen Käufer gefunden, der den gesamten Wollvorrat zu einem Preise übernehme, bei dem für Diethelm noch ein mäßiger Gewinn sich ergab. Reppenberger hatte ein so lebendiges Mundstück und wußte es durch Weinzufuhr immer neu zu beleben, daß er gar nicht merkte, wie zerstreut und stotternd Diethelm stets antwortete, wenn er nicht lautlos dahinstarrte, als hätte er gar nichts gehört. Denn Diethelm war es in der Tat, als treibe der Teufel sein Spiel mit ihm. Kaum gibt er ihm die Kerzen in die Hand und erregt in ihm die er findungsreichen Gedanken: da kommt die Versuchung und will alles zum leeren Possenspiel und zunichte machen. Ist darum alles Bedenken und innere Zagen überwunden, damit alles ein eitles Spiel um nichts sei? Das Herz, das einmal den festen Willen zur bösen Tat gefaßt, sieht leicht diese schon im sich vollbracht an, und wie mit dämonischer Gewalt wird es immer wieder dazu gedrängt, und alle Ablenkungen er⸗ scheinen nicht als das, was sie sind, sondern als Hindernisse,

die übersprungen und besiegt werden müssen. Denn das ist das unergründliche Dunkel, daß das innere Sinnen, sei es gut oder böse, alle Vorkommnisse wie eine leibliche Speise verwandelt und sich gleichmacht. Was vor kurzem noch in Kämpfen und Bedenken als freier Entschluß sich darstellte, verkehrt sich in unabänderliche Notwendigkeit, und wie in einen Zauberkreis gebannt, aus dem nichts mehr zu wecken vermag, erfüllt sich das Geschick.

Darum mutete diese sonst frohe Kunde Diethelm jetzt mit Betrübnis an, und er knirschte innerlich vor Zorn, wie ihm die Rechtfertigung vor sich genommen war, da sonst kein anderer Ausweg blieb. Wie zum Hohn öffnete ihm jetzt die schlechte Welt einen Ausweg, den er doch nicht mehr einschlagen konnte. Einen großen Schick wollte er machen, und was soll jetzt ein kleiner Gewinn? Der spielte ihm die Möglichkeit einer völligen Rettung aus der Hand und über⸗ ließ ihn fort und fort den tausend kleinen Plackereien, deren Ende gar nicht abzusehen war. Darum muß geschehen, was beschlossen ist...

Als erriete er Diethelms Gedanken, sagte der Reppen⸗ berger jetzt:Guck einmal den Wirt an. Sitzt er nicht da so unschuldig und fromm wie der heilige Feierabend, und doch weiß er, was er getan hat, und hat sein Haus ange⸗ zündet und beim Brandlöschen sich einen nassen Finger ge⸗ macht und alles abgewischt, was angekreidet gewesen ist. Jetzt hat er ein neues Haus und bar Geld statt Schulden.

Wer weiß, wie es ihm zumut ist, sagte Diethelm, sich mit der Hand hin und her durch das Halstuch streifend, als wollten die Worte nicht heraus.

Der Reppenberger lachte laut und sagte:Hab' schon gehört, daß du fromm geworden seist, aber glaub' mir, wenn alle Leute, die was Ungrades getan haben, krumm gingen, da könnte sich ein Aufrechter ums Geld fehen lassen.

Ich will nichts mehr davon hören, sagte Diethelm, streng verweisend und sprach nun von dem Verkauf, zu dem er sich willfährig zeigte. Er wußte nicht recht, warum er das tat, aber so viel war ihm klar, er mußte scheinbar darauf eingehen, um nicht Verdacht auf sich zu lenken. Auf diese Rücksicht wollte er fortan alle Klugheit verwenden, und er war im Innern stolz darauf, wie weit er es bereits in der Verstellungskunst gebracht hatte. Diethelm nahm den Reppenberger mit nach Buchenberg, und da der abgehauste Mann keinen Mantel hatte, gab er ihm eine Pferdedecke, in die sich derselbe behaglich wickelte. Diethelm aber fröstelte es bei dem Gedanken, daß auch er einst wie dieser einer ge. liehenen Pferdedecke sich freuen könne, und wie er Peitsche und Leitseil in die Hand nahm, sprach es in ihm:Darum muß geholfen werden, solange ich das noch festhalte. 1

Der Repepnberger entschlief bald, aber Diethelm wurde von mühsamen Gedanken wachgehalten. Zum Scheine ver⸗ kaufen und vor den Leuten sich höchlich darob freuen, aber vor der Ablieferung noch alles in die Luft sprengen und mit der hohen Versicherungssumme sich wieder frisch flott machen das war die Bestimmung, die endlich so fest stand, als wäre sie gar nicht die Geburt seines eigenen Entschlusses; und so ruhig war er dabei, daß er die Peitsche neben sich steckte und die des Weges gewohnten Pferde laufen ließ und in Schlaf versank wie ein Kind nach dem Nachtgebet. In Untertailfingen vor dem Wirtshaus hielten die Pferde an. und Diethelm erwachte; taumelnd schaute er auf und mußte sich besinnen, wo er war, und im ersten Augenblick erschien die weißverhüllte Gestalt neben ihm wie ein Gespenst. Im Dorfe schlief alles, und niemand bemerkte das Anhalten eines Juhrwerkes, nur Reppenberger erwachte, als Diethelm mit einem plötzlichen Ruck in gestrecktem Trabe davonfuhr.

Gortsetzung folgt.* f