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fernen. Den Einwohnern von Kurland wurde nach einer Meldung des Rußkoje Sowo aus Riga befohlen, beim Ein-
rücken des Feindes sofort die Kirchenglocken zu entfernen und die gesamte Aussaat zu vernichten. Der Kultusminister hat allen deutschen Kolonistenschulen befohlen, die russische Sprache als Unterrichtssprache einzuführen und alle Lehrer zu entfernen, die die russische Sprache nicht beherrschen.
Sperrung des Zivilverkehrs an der bessarabisch⸗ rumänischen Grenze.
T. Uu. Wien, 14. Juli. In den Küstengegenden des Schwarzen Meeres wurden aus Furcht vor Unruhen starke polizeiliche Sicher⸗ heitsmaßregeln ergriffen. Die Zeitungszensur wird streng gehand⸗ habt. Wogen der zahlreich vorgenommenen Verhaftungen rumäni⸗ scher Bürger unter dem Verdacht der Spionage ist der Zivilverkehr an der bessarabisch⸗rumänischen Grenze fast völlig unterbunden.
Der russische Panzerkreuzer„Rurik“ beschädigt. T. U. Stockholm, 15. Juli. Der russische Panzerkreuzer„Rurik“ ist, wie aus privaten Nachrichten hervorgeht, in dem Kreuzergefecht bei Gotland am 2. Juli erheblich beschädigt worden und wird zurzeit in Kronstadt repariert. 5 Kriegsnotizen.
Neue deutsche Ausfuhrverbote betreffen u. a. Bier, Suppenwürze und Suppenwürfel, Malzerzeugnisse; ferner photo⸗ grahisches Papier und Platten, belichtete Films. Das frühere Aus⸗ fuhrverbot für Quadrateisen wird genauer umschrieben und auf verwandte Erzeugnisse, u. g. auch Rundstahl über 60 Millimeter, Stahlformguß, Hämmer, Sägen, Meißel usw. ausgedehnt.
Die Große Berliner Straßenbahngesellschaft trägt sich mit der Absicht, die Fahrpreise zu er hö h en. Die⸗ selbe wird mit der Steigerung der Löhne und Materialpreise be⸗ gründet.
Der Kaufmann Theodor Wadler, kgl. Hoflieferant, wurde vom Landgericht Berlin IL wegen versuchter Bestechung des Majors Kolb vom Traindepot zu Spandau zu 1500 Mark Geld⸗ strase verurteilt. Außerdem wurde beschlossen, die Bestechungs⸗ gelder von 1000 Mark der Staatskasse für verfallen zu erklären.
Die aus Schwabsburg am 3. Juli geflüchteten vier rusfischen Kriegsgefangenen sind in der Rheinpfalz tufgegriffen worden.
Das Berliner Tageblatt meldet aus Lindau: Bei der Grenzkontrolle einer Dame, die in die Schweiz zu reisen beabsichtigte, wurde diese einer Leibvisitation unterzogen, wobei sich die Unbekannte plötzlich eine Revolverkugel in den Kopf 1 55 Es stellte sich heraus, daß in dem Frauengewand ein Mann teck te.
Unter der Reihe von Triester Gemeindebeamten, die der landesfürstliche Kommissar in seiner Kundmachung zur Rückkehr auf ihre Dienstposten auffordert, befindet sich auch Reichs ratsabgeordneter Georg Pitacco, der bis zum Ausbruch des italienischen Krieges Gemeindesekretär von Triest war. Er hatte vorher wiederholt Reisen nach Italien unternommen und ver⸗ schwand knapp vor der italienischen Kriegserklärung. Man nimmt an, daß er nach Italien geflohen sei.
Der Parlamentskorrespondent des Daily Telegraph berichtet: Das Handelsamt hat bei den Grubenbesitzern mehr Widerstand ge⸗ funden, als bei den Kohlenhändlern, um die Preise herabzusetzen. Die Regierung dürfte daher genötigt sein, die Kohlenpreise gesetzlich zu fixieren. Die Vorlage wird dem Parlament germutlich diese Woche vorgelegt werden.
Der bekannte englische Sozialist Cunningham Graham, der besonders über die Greuel in den Kautschuk⸗Kolonien viel ge⸗ schrieben hat, kehrte kürzlich von einer längeren Reise nach Süd⸗ amerika zurück, wo er im Auftrage der Regierung Pferde und Maultiere aufkaufte. Er gehört der S. D. P. und neuerdings auch dem„Sozialistischen Verteidigungskomitee“ an.
Neben der englischen„Anti-Deutschen⸗Liga“ hat sich jetzt unter den in England lebenden Belgiern eine besondere„Bel⸗ gische Anti⸗Pangermanistische Liga“ gebildet, die ebenfalls mit Festen, Konzerten, Ausstellungen und vielen Reden gegen die Deutschen„kämpft“.
Parteinachrichten.
Für die Fraktion— gegen Parteizerstörer!
Auf einer am Sonntag, 11. Juli in Bremen stattgefundenen Konferenz, an der Genosse Ebert als Vertreter des Parteivor⸗ standes, der Bezixksvorstand, die Kreisvorstände der Wahlkreis Nene des 6., 17., 18. und 19. hannoverschen Wahlkreises, sowie
elegierte der einzelnen Ortsvereine, insgesamt 71 Genossen und Genossinnen teilnahmen, wurde folgende Resolution angenommen: „Die Konferenz des Bezirks„Nordwest“ erklärt sich mit der Haltung der Mehrheit der Reichstagsfraktion sowie mit den Maß⸗ nahmen des Parteivorstandes einverstanden. Desgleichen werden die Bemühungen des Parteivorstandes zur Herbeiführung des Friedens anerkannt und das Vorgehen zu einer internationalen Verständigung gebilligt.
Die Konferenz bedauert die Zersplitterungsversuche einzelner Parteigenossen. Sie ist der Meinung, daß alle Meinungsverschie⸗ denheiten in sachlicher Weise innerhalb der Organisation ausge⸗ tragen werden können und jeder Versuch der Parteizersplitterung als ein Verbrechen an der deutschen Arbeiterklasse bezeichnet wer⸗ den muß. 5 8
3 Kampf gegen den Lebensmittelwucher und die profitsüch⸗ tigen Unternehmer ist entschlossen weiter zu führen. Parteileitung und Reichstagsfraktion werden ersucht, alles zu unternehmen, was dem Lebensmittelwucher ein Ende bereitet.“ 185
Die Abstimmung erfolgte absatzweise. Absatz 1 wurde mit 52 gegen 10, Absatz 2 mit 53 gegen 6, Absatz J einstimmig angenom⸗ men. Die Gesamtresolution wurde gegen 10 Stimmen angenommen. Ein Teil der Genossen mußte leider wegen Zugverbindung vor Be⸗ endigung die Konferenz verlassen. Die Genossen Ebert und
Henke hatten in je zweistündigen Ausführungen ihren Stand⸗ punkt für und wider die Fraktionshaltung begründet. 5
Der Sozialdemokratische Verein für den Wahl⸗ kreis Dortmud⸗Hörde hielt am Sonntag seine Generalver⸗ sammlung ab. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten des Vereins(Wahlen usw.) stand nur noch der Parteizwist zur Ver⸗ handlung. Redakteur Genosse Bredenbeck hatte das Referat zu diesem Punkt. Der Redner unterbreitete der Generalversammlung folgende Resolution: 5 725
„Die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis Dortmund⸗Hörde billigt die Haltung dersogialdemokratischen Reichstagsfraktion und des Parteivorstandes in der Frage der Kreditbewilligung. Auch der Bewilligung des Kriegsbudgets erklärt sie ihre Zustim⸗ mung; die Generalversammlung spricht aus, daß diese Bewilligung nicht auf gleiche Stufe gestellt werden kann mit der Budgetbewil⸗ ligung in Friedenszeiten. Die Generalversammlung erblickt in der geschehenen Bewilligung keine Vertrauenskundgebung für die Regierung, sondern eine zur Verteidigung des Vaterlandes ge⸗ botene Pflicht. Die Generalversammlung spricht weiter aus, daß jede Ueberzeugung auch über Fragen des gegenwärtigen Krieges zu achten ist. Sie verurteilt aber entschieden jede Art von Ausein⸗ andersetzung, die, gleichviel von welcher Seite sie geübt wird, die gegenseitige Verständigung zu erschweren und die Geschlossenheit der Partei zu gefährden geeignet ist. Mit allem Nachdruck prote⸗ stiert die Generalversammlung gegen die Vertrauensbrüche, die deutsche Genossen in der Berner Tagwacht begangen haben.“
Diese Resolution wurde nach lebhafter Diskussion mit 101 Stimmen gegen 10 Stimmen angenommen. 5
Aus dem Stand der Organisation ist mitzuteilen: Zu Beginn des Berichtsjahres waren vorhanden: 7867 männliche und 1935 weibliche Mitglieder, zusammen 9802. Es wurden neu aufge⸗ nommen 663 männliche und 157 weibliche Mitglieder, zugezogen sind 247 Mitglieder; der Zuwachs beträgt mithin 1035. Dagegen sind als verzogen gemeldet 1462, gestrichen 567, ausgetreten 22, gestorben 42, im Felde gefallen 115 Mitglieder, zusammen 2208. Es ist somit ein Mitgliederrückgang von 1173 zu verzeichnen. Am 31. März d. J. waren vorhanden 6962 männliche und 1667 weibliche, zusammen 8629 Mitglieder. Bis zum 31. März waren 2555 Genossen zum Kriegsdienst eingezogen. 1.
Das finanzielle Ergebnis des Berichtsfahres ist zu⸗ friedenstellend. Der Verein kam seinen sämtlichen Verpflichtungen nach, führte die satzungsgemäßen Beiträge an den Parteivorstand und an den Bezirksvorstand ab und erhöhte dabei noch den Kassen⸗ bestand des Kreises von 12 743,71 Mark auf 15 094,48 Mark.
Die Bezirkskonferenz des sozialdemokratischen Bezirksverbandes für Mecklenburg und Lübeck lehnte gegen vier Stimmen eine Re⸗ solution ab, die die Reichstagsfraktion zur Ablehnung der Kriegskredite verpflichten wollte. Gegen zwei Stimmen wurde eine Resolution angenommen, die nach der Mecklenburgischen Volkszeitung lautet:
„Die Bezirkskonferenz des sozialdemokvatischen Bezirksver⸗ bandes für Mecklenburg und Lübeck, die Redaktionen der im Be⸗ zirk erscheinenden Parteipresse, sowie die Mitglieder der gewerk⸗ schaftlichen Landeszentrale für Mecklenburg erklären sich mit der bisherigen Haltung des Parteivorstandes und der Reichstagsfraktion zu den Kriegsfragen einver⸗ stan den.
Sie erkennen an, daß beide insbesondere bemüht waren, unter Berücksichtigung der Interessen des eigenen Landes und seiner Be⸗ völkerung, zu tun, was der Herbeiführung des Friedens und der Verständigung mit den ausländischen Bruderparteien dienen konnte, und müssen sich deshalb mit aller Entschiedenheit gegen die Sonderbestrebungen einer Anzahl von Mitgliedern der Partei wenden, da solche Bestrabungen nur geeignet sind, die Aktions⸗ fähigkeit der Partei und ihre Einheit zu stören.“
Fernwirkung des Haase⸗Manifestes.
Das Manifest der Genossen Haase usw. wird von den bürger⸗ lichen Blättern, die gegen Deutschland sind, fast durchweg begrüßt. Weshalb, das sagt am offensten der Mailänder Secolo, der nicht bloß das Organ der radikal-bürgerlichen Partei der Lombardei ist, sondern auch Beziehungen zu dem rechten Flügel der italienischen Sozialisten unterhält. Er schreibt:
„Eduard Bernstein, Hugo Haase und Karl Kautsky, was sagen
Sozialismus des großen Deutsch⸗ die 1 der. kund⸗ gegeben. Zeichen! Nach unserem Dafürhalten ein ei i schland müde ist. In der Tat ist es das 2 bers eee ist, daß in einer deutschen Intervention der Schere des Zensors, i in welcher
will, drei Leuchten des großen lands, haben e Gedanken über
Abmachung diskuti ird. 5 e 12 at later Stimme Gott anrufend, das deutsch Schwert zog und das Universum bedrohte! fa in Deutschland, l Saler ie Sozialisten 5 1 c t. 0 800 45210 1 ce eenerf 0 0c Zeichen ist, daß in der eutschen? wenige ich no c schie 1 7— 7 it den Waffen zu siegen. vermöchten. Mißglückt der Traum des Universalreiches, mißglücken die diplomatischen Ränke, so kommen die Revisionfsten und die Marxisten zum Vorschein, um ihre schöne alte Stimme hören zu lassen. Wir haben es vorausgesehen— leichte Prophezeiung dieses verspätete rote Pronunziamento. Aber wir glauben, daß es notwendig ist, sich davon nicht rühren zu lassen. Der fürchterliche Krieg kann nicht anders enden, als mit der Niederlage des deutschen Militarismus und aller jener, die durch ein halbes Jahrhundert den schrecklichsten internationalen Haß gepflegt haben. Sonst würden wir in einigen Jahren wieder am Anfange sein, erst mit den Rüstungen und dann mit den Massakres, mit den Kinderverstümmelungen⸗ mit den giftigen Gasen. Ansonst würde die Gefahr bleiben und sich verschlimmern. Jetzt kann der friedliche sozialistische Auf⸗ ruf nur als ein Symptom betrachtet werden. Protokollieren wir ihn, aber nur, um ihn in der Dokumentenmappe ie
Der„sozialistische“ Popolo d'Italia in Mailand bezeichnet das Friedens⸗Manifest der Partei als letzte Hinter⸗ list der deutschen Sozialdemokratie und fordert, man solle diesen jesuitischen Friedensvorschlag 11 Rufe beantworten:„Krieg bis aufs Messer. delenda Germania“(Vernichtet Deutschland!). Der Corriere della Sera vergleicht den sozialdemokratischen Aufruf mit dem angeblichen Ver⸗ halten deutscher Soldaten, welche ihren Feind, wenn sie ihn al stärker erkennen, Kamerad nennen. 1
Die Protestler zum Friedensaufruf des Parteivorstandes.
Eine flat des bekannten Appells der Oppo- sition der deutschen Sozialdemokratie, der nunmehr yschon von 800 Genossen unterzeichnet ist, bespricht in einer Zusatznote das 75 des deutschen Parteivorstandes in folgender Weise:. 5 „Am 26. Juni hat sich der Parteivorstand zu drei Vorwärts⸗ spalten über„Sozialdemokratie und Frieden bemüht, denen die un verdiente Ehre einer Zensurverfolgung widerfuhr. Diese Kundgebung bedeutet keine Umkehr von der Poki⸗ tik des 4. Au gust, sondern einen atembeklemmenden Versuch, sie für die Vergangenheit zu rechtfertigen und für die Zukunft zu befestigen. Ohne Einsicht in die eigene größere Schuld, oder doch ohne Bekenntnis zu ihr, strömt sie aber von Vorwürfen gegen die Schächer in den Bruderparteien. Das Bemühen, die Partei auf das mit Opfern, aber auch mit Ehren bedeckte Schlachtfeld des internatlo⸗ nalen Klassenkampfes zurückzuführen, wird verdächtigt und verpönt. Dem mißlungenen Versuch der Selbstrechtfertigung sind ein pgar Sätze angehängt: Lufterschütterungen gegen allerhand nichtamtliche Annexionshetzer, schweigende Duldsamkeit gegen die gefährlichen Er⸗ oberungspläne der Regierung, ohnmächtige Friedenswünsche, A Friedenskampfruf: keine Aufsage des Burgfriedens. ö heißt kurzweg: Verharren auf der bequemen Bahn des Beth⸗ mann⸗Offiziösentums. Der Parteivorstand setzt sein parteizerstörendes Gebaren fort. gilt, ihn 129 1 Wucht zur 1 zu zwingen.„Kein Wort des Pro⸗ estes vom 9. Juni ist veraltet. 5
Diese„kurze, bündige Antwort beweist der Berner Tagwacht. daß sich die Opposition in der deutschen Sozialdemokratie keinen Sand in die Augen streuen läßt. Und uns beweist die Antwort, vor allem aber die Berner Tagwacht, daß
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es den Protestlern weniger auf den Frieden als auf etwas ganz anderes ankommt.
Belgische Sozialisten Ehrengäste von Prinzen.
Bei einem Empfange des belgischen Dichters und So za listen Maeterlinck in London, den die reiche Herzogin von Wellington veranstaltete, waren unter den Ehrengästen u. a.: Die Prinzessin Clementine, der Prinz Napoleon, der belgische liberale Abgeordnete Heimann und der sozialistische Ab⸗ geordnete Vandervelde, beide Staatsminister, deren Frauen wie auch die Frau des sozialistischen belgischen Ab⸗ geordneten Destree usw. Man hielt die üblichen Reden.
Streit in der„Britischen Sozialistischen Partei“.
Innerhalb des„Internationalen Komitees“ der Britischen Sozialistischen Partei brachen ernste Unstimmig⸗ keiten aus. Die Genossen Hyndman, Headingley, Victor Fisher, Fred Gorle und Rosalind Hyndman er⸗ klären in der Presse, daß sie mit der Majorität in internationalen Dingen nicht mehr zusammenarbeiten können und deshalb aus dem Komitee austreten.
Diethelm von Buchenberg.
Erzählung von Bertold Auerbach. 24
Spät in der Nacht, als alles im Hause schlief, schlich Diethelm noch einmal hinab, lauschte, ob Medard in seiner Stallkammer schlief, ging dann nach der Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm das Kienholz heraus, trug es die Leiter hinauf nach dem Heuboden und versteckte es unter einem Dachstuhlbalken. Aber kaum war er wieder die Hälfte der Leiter herab, als ihm gerade dieses Versteck besonders gefährlich erschien; er kehrte wieder um und fand am Ende nichts Besseres, als das Kienholz wieder in dem Kutschensitz zu verschließen, erfaßte dabei den Vorsatz: bei der nächsten Ausfahrt dieses willfährige Brennmaterial wieder auf die Straße zu schleudern. Er schauderte vor sich selber, indem er dachte, was ihm durch den Sinn gegangen war, und die Hand auf das Kienholz legend, schwur er vor sich hin, in stiller, verborgener Nacht, jede Versuchung von sich abzutun, und wie aus einem wüsten Traume erwacht, froh, daß es nur ein Traum war, schlief er ruhig und fest.
Am anderen Tage— es lag ein leichter Schnee auf dem Felde— fuhr Diethelm in Angelegenheit seines Waisen— pflegeramts wieder nach der Stadt. Er wollte unterwegs das Kienholz wieder wegwerfen, und zweimal hielt er an und öffnete den Kutschensitz, als jedesmal Leute daherkamen, so daß er in seinem seltsamen Tun gestört wurde und wieder davonfuhr. Es war ihm, als ob er auf lauter Feuer sitze aber bald lachte er über diese alberne Furcht und wollte sich nun gerade zwingen, sie zu überwinden und heiteren Blickes fuhr er in die Stadt ein. Am Stern wußte er nicht, sollte er besondere Achtsamkeit empfehlen, da er etwas im Kutschen— sitz habe; aber das konnte aufmerksam machen, er müßte Red' und Antwort darüber geben, darum war's besser, er schwieg ganz, und so blieb's dabei. Als er auf dem Waisen- amt war, fühlte er mitten in der Verhandlung plötzlich einen jähen, heißen Schreck; er glaubte, er habe den Kutschensitz
nicht recht verschlossen, es war ihm fast sicher, daß er offen war; wenn nun jemand darüber kam und den wunderlichen Schatz fand, was konnte das für Gerede geben, welche Ahnungen mußten in den Menschen aufsteigen! Ohne nach- zusehen, unterschrieb Diethelm alles, was man ihm vorlegte, und eilte nach dem Wirthaus: seine Vermutung hatte ihn betrogen, der Kutschensitz war wohlverschlossen, aber er wagte es nicht, ihn jetzt zu öffnen und nach dem verräterischen In⸗ halt zu schauen.
Als Diethelm hierauf an dem Kaufladen Gäblers vor— überfuhr, rief ihm dieser zu und übergab ihm mit einigen halb höflichen Worten die Rechnung für die eigenen Einkäufe und für die des Zeugwebers Kübler. Diethelm versprach, zu Neujahr zu bezahlen, und Gäbler sagte, er verlasse sich darauf, überhaupt schien es Diethelm, als ob alle Menschen ein ver ändertes Benehmen gegen ihn hätten. Selbst der Sternen⸗ wirt war wortkarg und ging seinem Geschäft nach, während er sonst unzertrennlich bei Diethelm saß und mit ihm über allerlei aus Gegenwart und Zukunft plauderte. Was hatten denn die Menschen, daß sie auf einmal so ganz anders waren? War denn Diethelm nicht noch immer derselbe, der er von je gewesen? Damals am Markttage erglänzte ihm jedes An⸗ gesicht und streckte sich ihm jede Hand entgegen. Was ging denn jetzt vor? Der Zeugweber Kübler, der„den Herrn Vetter und Familienfürsten“ aufsuchte und sich ihm zu Be⸗ sorgungen erbot, konnte nicht begreisen, warum Diethelm über die ganze Welt fluchte und immer sagte, der sei ein Narr, der nur eine Stunde einem Menschen glaube. Woher es kam, das wußte Diethelm nicht, aber offenbar schien es ihm, daß man Schlimmes von ihm dachte und seine Ehre an— gegriffen sei, daß etwas wie eine Verschwörung aller Men⸗ schen gegen ihn in der Luft schwebe. Das von Zweifel und Bangen gepeinigte Herz verlangt besonders huldreiche Zu— neigung der Welt, und gerade da bleibt sie aus, und das düster blickende Auge des Bedrängten sah Unfreundlichkeit der Menschen, wo sonst gar nichts gesehen wurde. 5
Diethelm beauftragte Kübler, eine geweihte Kerze, ein
vierundzwanzig Stunden haltendes sogenanntes Talglicht, zu kaufen für den verstorbenen Vater des Waisenkindes, in dessen Angelegenheiten er eben in der Stadt war. Kaum war Kübler weggegangen, als ein Briefchen vom Kastenver⸗ walter kam, der Diethelm daran erinnerte, daß er das Geld, das in sechs Wochen fällig war, bereits anderweit versagt hätte.„Der hat auch was,“ knirschte Diethelm, den Brief in die Tasche steckend, und hätte er in diesem Augenblick ein Verbrechen an der ganzen Welt begehen können, es wäre ihm eine Lust gewesen. Er hielt noch die Hand auf dem Briefe des Kastenverwalters, als Kübler kam, aber er brachte statt einer Kerze ein Gebund, das vier solcher enthielt.
„Ich hab nur eine gewollt, aber es ist auch so recht,“ sagte Diethelm und hielt in zitternder Hand die Kerzen. Es war ihm, als müßte er damit sengen und brennen.
Der Schnee wirbelte um ihn her und Diethelm fuhr durch die Nacht dahin heimwärts, seine Wangen glühten, und die Schneeflocken, die darauf fielen, konnten die Glut nicht löschen. Am ersten Berge hielt er an, öffnete den Kutschensitz, aber nicht um seinen Inhalt, verborgen vor jedem Späherauge, zu zerstreuen; er legte drei der geweihten Kerzen noch zu dem Kienholz. Er fühlte keinen Stich durchs Herz, und doch bewegte ihn ein freudiger, erfindungsreicher Gedanke: diese Kerzen brennen eine volle Tag- und Nacht⸗ länge, mit ihnen läßt sich verdachtslos etwas bewirken.
Im Schritte den Berg hinanfahrend, überdachte Diet⸗ helm sein ganzes vergangenes Leben. Er spürte ein Jucken in den Augen, als er der unsäglich vielen Freuden gedachte, die er seinen Eltern und allen seinen Angehörigen bereitet hatte; und plötzlich stand es vor ihm, daß sein Bruderskind im Elend verkomme, wenn er nicht dem Kübler zur Ansässig⸗ machung verhelfe. Alles, was er tue, sei ja zum Guten. Und jetzt war es, als sähe er seine Fränz, wie sie unter den Men⸗ schen herumgestoßen würde, die kein Erbarmen haben, und
sich selber sah er sterbenskrank und in Not verlassen. Es muß fein.(Fortsetzung folgt.)


