Ausgabe 
15.7.1915
 
Einzelbild herunterladen

Oberhessi

olkszeitung

Organ für die Juteressen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nach bargebiete.

Die Oberhessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1.80 Mt.

Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraßse 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008.

Inserate kosten die ö mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben.

Nr. 163

Gießen, Donnerstag, den 15. Juli 1915

10. Jahrgang.

Kohle und Krieg.

Die neue Bundesratsverordnung über die zwangsweise Er richtung von Vertriebsgesellschaften für den Steinkohlen⸗ und Braunkohlenbergbau beansprucht eine besondere Beachtung. Sie ist zunächst sicher nur als eine Drohung an die Kohlenbarone gemeint, denn das Kohlensyndikat muß bis zum 1. Oktober d. J. neu abge⸗ schlossen sein, wenn es nicht am 31. Dezember zu existieren aufhören soll. Aber darüber hinaus hat die Verordnung doch auch eine große grundsätzliche Bedeutung. Sie anerkennt auch auf dem Gebiete des Bergbaus die mögliche Notwendigkeit einer staatlichen Aufsicht und einer staatlichen Organisation. Damit kommt sie auf eine Linie mit der alten sozialdemokratischen Forde rung nach Verstaatlichung der Kohlenbergwerke unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß dann die staat lichen Erträge unter das Etatsrecht des Reichstags gestellt und die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Arbeiter und Angestellten be sonders beachtet und gesetzlich geregelt werden. Volkswirtschaftlich handelt es sich bei der Frage um ungeheure Werte und Kräfte. Die Kohle ist die Voraussetzung jeder industriellen Tätigkeit und die Industrie wird nach wie vor die wesentlichste Stütze Deutschlands auf dem Weltmarkte bleiben. Die Kohle spielt aber auch eine bedeutende Rolle als Brennstoff für die Haus⸗ haltungen und als Rohstoff für die chemische Industrie. Es ist daher von der Sozialdemokratie immer als ungeheuerlich bezeichnet worden, daß diese Erdschätze den privatkapitalistischen Profitinteressen überlassen blieben, eine Tatsache, die sich besonders in wirtschaftlich kritischen Zeiten für das Volksganze geradezu als gemeingefährlich erwiesen hat.

Die Kohlenbarone haben in ihrer Preispolitik dank der Macht des Kohlensyndikats, das über die Hälfte der deutschen Kohlen kontrolliert und damit die Preisgestaltung auf dem ganzen Kohlen- markt in der Hand hat, niemals ernsthafte Rücksicht genommen auf die Volksinteressen. Sie zeigen das jetzt während der Kriegszeit mit besonderer Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Die während des Krieges ständig gewachsene Nachfrage nach Kohle hat eine neue große Preissteigerung hervorgerufen und gerade in diesen Tagen ging durch die Presse eine neue Drohung des Syndikats, die Preise ab 1. September weiter um bis 2 Mark pro Tonne zu erhöhen. Die Rechnungsabschlüsse einiger Aktiengesellschaften des Kohlenbergbaus, die alle ihre Dividenden bedeutend erhöhen konnten, geben ein beredtes Zeugnis von den Kriegs- profiten der Syndikatszechen. Die Handelsgesellschaft des Rheinisch Westf. Kohlensundikats, die unter dem NamenKohlenkontor in Mülheim g. d. R. residiert, hat einen Reinüberschuß für 1914/15 von nicht weniger als über 12 Millionen Mark aufgewiesen gegenüber 8 Millionen Mark im Vorjahre. Von diesem Riesenprofit kann man auf die Kriegsgewinne der Zechen einen Schluß ziehen.

Diese Hochkonjunktur hat nun aber in das Syndikat selbst den Apfel der Zwietracht geworfen und der alte Kampf zwischen den großen und den kleinen Zechen ist verstärkt ausgebrochen, sodaß das Zustandekommen des Syndikats bis zum 1. Oktober d. J. in der Tat gefährdet erscheint. Die kleinen Zechen und die Außenseiter e in einer syndikatslosen Zeit den großen Zechen gegenüber chneller vorwärts zu kommen, indem sie ihre Betriebe ausdehnen und intensiver gestalten können, wenn sie nicht mehr der Kontin⸗ gentierung ihrer Produktion durch das Syndikat unterstellt sind. Im Syndikat selbst haben natürlich die großen Zechen, an deren Spitze Gelsenkirchen mit dem allmächtigen Herrn Kirdorff steht, das große Uebergewicht. Wir sind gewiß keine Verehrer des Kohlen⸗ syndikats und des Herrn Kirdorff, und wir sind immer, wie gesagt, für die staatliche Expropriation dieser Riesenbetriebe eingetreten. Aber man muß der Regierung in der gegenwärtigen Zeit Recht geben, daß eine zwangslose Preistreiberei und Konkurrenz der Zechen gegeneinander gerade in der Gegenwart von besonderer Gefährlichkeit werden müßte. Der Kohlenmarkt würde ohne das Syndikat zweifellos von einem Preissturz in den andern fallen.

Nun gäbe es freilich dagegen ein höchst einfaches Mittel, das bie Regierung in diesen Kriegszeiten ja oft benutzt hat: es brauchte nur für die Stein⸗ und Braunkohlen Höchstpreise festge⸗ setzt zu werden. Es ist auch keineswegs ausgeschlossen, daß die Regierung nicht noch außerhalb der neuen Verordnung zu diesem Mittel greift. Aber wir wissen, daß Höchstpreise ohne Beschlag⸗ nahme der Produkte ein Messer ohne Griff sind, an dem die Klinge fehlt, daß sie Schiebungen und Hintergehungen Tür und Tor öffnen. Die Regierung hat nun augenscheinlich nicht den Mut, die Produkte des Kohlenbergbaus zu beschlagnahmen und sie glaubt, die Beschlagnahme dadurch ersetzen zu können, daß sie die Produkte und die Bestände entweder durch ein freigebildetes Syndikat der Zechenbesitzer oder durch ein Zwangssyndikat mit einem Staatskommissar kontrollieren läßt. Wie weit tatsächlich diese Kontrolle eine Beschlagnahme ersetzen kann, muß erst die Zukunft erweisen. Andererseits muß die Oeffentlichkeit mit größter Energie fordern, daß neben der Kontrolle der Produktion, wie die Form dazu auch immer sein mag, zugleich auch Höchstpreise festgesetzt wer⸗ den. Sonst kommen wir zum Herbst und Winter für den Industrie⸗ und Hausbedarf zu Preisen, die die Sätze des Kohlenwuchers früherer Jahre weit in den Schatten stellen werden.

Wenn das Zwangssyndikat zustande käme, so würde damit auch ein erster ernsthafter Schritt auf dem Wege getan sein, den Kohlen⸗ bergbau zu beschlagnahmen, was die Sozialdemokratie, wie gesagt, unter bestimmten selbstverständlichen Voraussetzungen mit Freuden begrüßen würde. Die Kohlenbarone sehen in der neuen Verordnung ebenfalls schon den Anfang einer solchen vorläufigen Kontrolle, lpäteren Beschlagnahme und schließlichen Verstaatlichung. Die Börsenteile liberaler Blätter hallen bereits wider von dem Geschrei der Interessenten, die an den Kohlenprofiten gerade jetzt besonders sett geworden sind. Diese Oppositlon der Kohleninteressenten ist ein weiterer Beweis dafür, daß die Re⸗

gierung diesmal durchaus auf dem richtigen Wege ist, und sie kann deshalb der Unterstltzung der deutschen Sozialdemokratie in einem Kampfe gegen Kohlenbarone und Kohlenwucher gewiß sein.

Tgeöbericht des Großen Hauptauartierz Große Erfolge der dentschen Argonnen⸗Offensive

Ueber 3000 Franzosen gefangen. In Nordpolen örtliche Erfolge. W. B. Großes Hauptquartier, 14. Juli, vorm.(Amtlich) Westlicher Kriegsschauplatz.

Heute Nacht wurden abermalige Handgranateuangriffe bei der Zuckerfabrik von Souchez abgewiesen. Die Franzo⸗ sen sprengten in der Gegend von Noyon(westlich von Cra⸗ vune) und Perthes(in der Champagne) erfolglos einige Minen. Unser Handgranatenfeuer hinderte sie, sich au den Sprengstellen festzusetzen.

In den Argonnen führten deutsche Angriffe zu vollem Erfolg. Nordöstlich von Viennele Chateau wurde in etwa 1000 Metern die französische Linie genommen. 1 Offi⸗ zier, 137 Mann wurden gefangen, 1 Maschinengewehr, 1 Mi⸗ nenwerfer erbeutet. Nordöstlich von Boureuilles stürm⸗ ten unsere Truppen die feindliche Höhenstellung in einer Breite von 3 Kilometer und einer Tiefe von 1 Kilometer. Die Höhe 285 La ville morte) ist in unserem Besitz. An unverwundeten Gefangenen fielen 2581 Franzosen, darunter 51 Offiziere, in unsere Hände. Außerdem wurden 300400 verwundete Gefangene in Pflege genommen; 2 Gebirgs⸗ geschütze, 2 Revolverkanonen, 6 Maschinengewehre und große Mengen Geräte wurden erbeutet. Unsere Truppen stießen bis zu den Stellungen der französischen Artillerie vor und machten 8 Geschütze unbrauchbar, die zwischen den beiderseitigen Linien stehen.

Ein englisches Flugzeug wurde bei Frezenger nordöst⸗ lich von Npern heruntergeschossen.

Oestlicher Kriegsschauplatz.

Zwischen Njiemen und Weichsel haben unsere Trup⸗ pen in Gegend Kalwarja, südwestlich von Koln o, bei Praszunuysz und südlich Mlawa einige örtliche Erfolge erzielt.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Bei den deutschen Truppen keine Veränderung.

Oberste Heeresleitung.

Die Haltung Amerikas.

Die Associated Preß meldet aus Washington, die Be ziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten haben einen ernstlichkritischen Anstrich bekommen. Im Hinblick auf die heutigen Verhältnisse würde die Hal⸗ tung der Vereinigten Staaten reiflich erwogen werden. Der deutsche Botschafter Graf Bernstorff fragte den Unterstaats sekretär Lansing, ob er ihn sprechen könne. Wie verlautet, antwortete Lansing, daß er zunächst die Lage erst prüfen wolle. Bernstorff sucht jetzt Erkundigungen über die Haltung der Regierung angesichts der deutschen Note einzuziehen. Allgemein ist man in den amtlichen Kreisen der Ansicht, daß in der amerikanischen Antwort eine endgültige Erklärung über die Haltung Deutschlands verlangt werden wird, derart, daß daraus hervorgeht, ob die diplomatischen Beziehungen fortbestehen können.

Rumänien bleibt neutral.

Ein Bukarester Brief Magrinis, des Korrespondenten des Secolo, stellt laut verschiedenen Morgenblättern fest, daß in Rumänien anstelle der anfänglichen Kriegsbegeisterung jetzt allgemein Gleichgültigkeit getreten sei. Magrini er- kennt an, daß die deutsche Diplomatie in Verbindung mit dem deutschen Heere auf der ganzen Linie gesiegt habe und daß an einen Eintritt Rumäniens in den Weltkonflikt nicht zu denken sei, wenn die militärische Lage in Galizien sich nicht von Grund aus ändere.

Abgeschlagene italienische Angriffe.

T. U. Wien, 14. Juli. Der Kriegsberichterstatter des Neuen Wiener Tagblattes meldet seinem Blatte aus dem K. und K. Kriegspressequartier: Auf dem südlichen Kriegs- schauplatze machten die Italiener im Krnabschnitt und an einigen anderen Punkten in den letzten 24 Stunden mit ihren Offensivversuchen keine angenehmen Erfahrungen. Die Italiener hofften, die Oesterreicher unter dem Mantel heftiger Gewitterbildungen überrumpeln zu können, wurden jedoch überall zurückgeschlagen.

A

Vom Weltkrieg.

Die englische Kriegsanleihe.

T. U. London, 14. Juli. Die auf die Kriegsanleihe gezeich⸗ neten Beträge werden allein für die Londoner Eity auf sechs bis sieben Millionen Pfund geschätzt. Die Banken haben große Be⸗ träge gezeichnet. Der bis jetzt gezeichnete Gesamtbetrag soll 20 Milliarden betragen. 1

General Botha kommt nach Flandern?

Kopenhagen, 14. Juli. Der Daily Mail⸗Korrespondent in Kapstadt telegraphiert seinem Blatte, nach der Okkupation von Deutsch⸗Südwestafrika werde die ganze Armee der Transvaalstaaten unter dem Oberbefehl Bothas an die Front nach Flandern verschickt werden.

Der Wunsch des Zaren.

T. U. Sofia, 14. Juli. Der Zar hat den General Kaulbars in einer wichtigen Mission zum König Nikita von Montenegro ge⸗ sandt. Wahrscheinlich besteht die Mission darin, daß der Zar dem König Nikita nahelegen wird, Skutari zu räumen, da die Italiener gegen die Besetzung dieser Stadt durch die Montenegriner beim Dreiverband Einspruch erhoben haben. g

Vom Pariser Strafgericht verurteilt.

T. U. Paris, 4. Juli. Die Freundin eines in Paris ansässi Deutschen, der Paris bei Kriegsausbruch verlassen hatte, und dessen Wohnung gerichtlich versiegelt und unter Zwangsverwaltung ge⸗ stellt worden war, hatte aus der Wohnung ihres Freundes mehrere Gegenstände weggenommen, um sie über die Schweiz nach Deutsch⸗ land zu schicken. Die Fray wurde wegen dieser Handlung von dem Pariser Strafgericht zu dre Mgpaten Gefängnis verurteilt.

Kriegs notizen.

Aus dem Russenlager in Deutsch⸗Gabel in Böhmen sind 18 Offiziere und ein Korporal entflohen. Sie hatten sich aus einer Baracke vom Lager einen Gang zum nahen Getreidefelde ge⸗ graben und waren so trotz mehrfacher Stacheldrähte und trotz der Wachtposten ins Freie gelangt. 5

Um die für den Winter notwendige große Kohlenein⸗ fuhr zu sichern, beschloß ein von Briand präsidierter Ausschuß für volkswirtschaftliche Fragen, die französische Handelsflotte durch

Dem Professor für slawische Philosophie an der Universität Moskau, P. F. Brandt, wurde bei den Pogromen seine Wohnung und seine wertvolle Bibliothek demoliert und ihm selbst ein Auge ausgeschlagen. Der Professor hatte bei Beginn des Krieges in einer Sitzung des Rates der Universität gegen die Ausschließung von deutschen Gelehrten aus der Zahl der Ehrenmitglieder der Uni⸗ versität protestiert.

Die Bukarester Moldova veröffentlicht zur Orientierung der Bevölkerung eine Zusammenstellung der von den kriegführen⸗ den Staaten bisher okkupierten Gebiete. Danach haben die Zentralmächte 141000 Quadratkilometer feindliches Gebiet, die Alliierten dagegen nur 12 000 Quadratkilometer im Besitz.

Laut Rjetsch werden aus dem Gouvernement Charkow sämt⸗ liche Deutschen und Oesterreicher ausgewiesen selbst diejenigen, denen bisher die Aufenthaltserlaubnis erteilt ist. Ferner ist 5 in Charkow verboten, am Telephon deutsch oder türkisch zu sprechen.

Das Petersburger Kriegsgericht verhandelte gegen sechs Bauarbeiter sowie gegen eine tschechische Kursistin, eine österreichische Untertanin, wegen Zugehörigkeit zum Peters⸗ burger städtischen Komitee der sozial revolutionären Partei. Drei Angeklagte wurden freigesprochen, die übrigen vier bis zu sechs Jahren Kerker verurteilt.

Eine Konferenz von Vertretern der Gewerkschaftsvorstände

tagte in Berlin in der Zeit vom 5. bis 7. Juli dieses Jahres. Sie nahm an erster Stelle den Geschäfts⸗ und Kassenbericht der General kommission entgegen. Ein auszugsweiser Tätigkeitsbericht sowie eine Uebersicht über die Kassenführung soll in der nächsten Ausgabe des Correspondenzblattes veröffentlicht werden. Eine Diskussion knüpfte sich an diesen Teil der Tagesord⸗ nung nicht. Dem Kassierer wurde einstimmig Entlastung erteilt. Zu eingehenden Beratungen führte die Frage der Anrechnung der Kriegsdienstzeit auf die Mitgliedschaft

in den Gewerkschaften, über die zurzeit eine Uebereinstimmung nichr zu erzielen war. Eine der Konfevenz vorgelegte Uebersicht aus den Statuten der einzelnen Verbände ergibt die größte Verschiedenartig⸗ keit der geltenden Bestimmungen, wozu bei einzelnen Gewerkschaften noch neuerliche Beschlüsse der Verbandsinstanzen hinzukommen. Die Konferenz gelangte zunächst nur zu dem Urteil:

Die Konferenz ist der Meinung, daß eine Anrechnung der Kriegsdienstzeit als Beitragszeit nicht allgemein durchführbar ist, weil die dadurch entstehende finanzielle Belastung für den größten Teil der Verbände zu stark sein würde.

und verschob die Beschlußfassung über positive Einheitsgrundsätze bis zur nächsten Konferenz.

Eine Umfrage darüber, wie viele Gewerkschaften ihre alten Satzungen wieder in Kraft

gesetzt haben, ergab daß 16 Gewerkschaften wieder zu ihren alten Satzungen zurückgekehrt sind, bezw. dieselben gar nicht außer Kraft gesetzt hatten, während 31 Gewerkschaften noch nicht wieder die vollen 1 ee zahlen. 1 Teil hat ie früheren Unterstützungen wieder eingeführt, noch nicht die vollen Leistungen. 1