ständen nur formelle Aenderungen, aber keine Beschränkungen der bisherigen Rechte eintreten sollen.
Royalistische Verschwörung in Paris.
Rotterdam, 13. Juli. Auf Umwegen über Brüssel er⸗ fährt man hier, daß man in der französischen Hauptstadt einer ernsten royalistischen Verschwörung auf die Spur gekommen sei. Zwei Generale, ein Bischof und mehrere Staatsbeamte sowie etliche Offiziere seien ver⸗ haftet worden. Die Untersuchung werde streng ge⸗ heim geführt. Als einziges Blatt brachte die Guerre So⸗ ziale einige Andeutungen über die Tätigkeit der Polizei zur Aufdeckung der Verschwörung. Die Folge davon war, daß sie beschlagnahmt wurde. Beschießung von St. Dié und Pont⸗ à⸗Mousson.
DDP. Genf, 13. Juli. Wie die Pariser Blätter berichten, war St. Die am letzten Donnerstag einer starken Beschießung ausgesetzt. Gegen zwanzig 10,5 Zentimeter⸗Geschosse fielen in den Ort, töteten und verletzten mehrere Personen und verursachten einen bedeutenden Schaden. Auch Pont⸗a⸗ Mousson hatte laut Temps vorgestern unter einer Bombar⸗ dierung mi tBrandbomben zu leiden.
Bevorstehender Fall der Festung Ossowiec? T. U. Kopenhagen, 13. Juli. Nach einer Meldung aus Petersburg ist man in dortigen militärischen Kreisen sehr besorgt über das Schickfal der Festung Ossowiec. Bezeichnen⸗ derweise gestattet auch die Zensur bereits den Blättern, dies⸗ bezügliche Informationen zu veröffentlichen. Es scheint dem⸗ nach fast, als ob man die Bevölkerung langsam auf den Fall der Festung vorbereiten wolle.
Die Cholera im russischen Heere.
T. U. Wien, 13. Juli. Curjer Lwaski meldet, daß die Cholera sedenklich im russischen Heere wütet. Selbst während des Winters gabe die Seuche nicht nachgelassen. Die Hauptursache des Umsich⸗ greisens der Seuche im russischen Heere sei der Mangel an hygiene schen Vorbeugungsmaßnahmen.
Zehn Mann gegen einen!
Der Nieuwe Rotterdamsche Courant schreibt in einer Erörterung der Ereignisse in Südwestafrika: Die Deutschen zählten 3370 Mann. Wie groß die Kampfkraft der Union war, wissen wir nicht genau. Am 15. Juni sagte der fran⸗ zösische Generalgouverneur Buxton in einer Rede in Bloem⸗ fontein, daß noch 30 000 bis 40 000 Mann Truppen an den Operationen teilnehmen. Also standen die Deutschen in den letzten Monaten ein Mann gegen 10.
Genadiew.
Aus Sofia erfährt der Secolo, daß der ehemalige Minister Genadiew auf Veranlassung des dortigen Kriegsgerichts ver⸗ haftet wurde, weil er dem Urheber des Königsattentates im Lasino, der mit drei Komplizen zum Tode verurteilt worden ist, 10 000 Francs geliehen und zu ihm auch sonst Beziehungen unter⸗ halten habe.
Die Voss. Ztg. meldet: Eine Bukarester Meldung, die noch der Bestätigung bedarf, lautet, aus Sofia hier eingetroffene Privar⸗ nachrichten besagen, dort sei mit aller Bestimmtheit das Gerücht von einem Selbstword des ehemaligen Ministers des Aeußern, 1 der im Attentatsprozeß schwer kompromittiert wurde, verbreitet.
Die englische Reklame für die Kriegsanleihe. T. U. Rotterdam, 13. Juli. Als Reklame für die Kriegs⸗ anleihe hat die englische Regierung nicht weniger als 11 Mil⸗ lionen Druckschriften im Lande verbreiten lassen, außerdem wurden an 40 000 Arbeitgeber in England Rundschreiben versandt, die vom Ministerpräsidenten und zwei Kabinetts⸗ mitgliedern unterzeichnet waren.
Die deutsche Note in Amerika.
T. U. Kopenhagen, 13. Jult. Nachrichten, die über London aus Newyork eingetroffen sind, besagen, daß die Neuxvorker Börse sich gestern sehr gedrückt zeigte. Im Anschluß an die deutsche Antwort⸗ note fielen vor allem die Aktien der Munitions- und Kriegsbedarfs⸗ artilel ruckartig. Der Korrespondent der Morningpost in Washington, der seiner Zeitung die scharfen englisch⸗amerikanischen Preßkommentare der deutschen Note gemeldet, fügt hinzu, daß diese Zeitungserörterungen kein irgendwie zuverlässiges Bild der all⸗ gemeinen Lage geben. An den verantwortlichen Stellen in Washington halte man eine entscheidende Verschärfung des Konflikts für völlig ausgeschlossen und erkenne an, daß Deutschland in nicht mißzuverstehender Weise einen Bruch mit den Vereinigten Staaten zu vermeiden wünsche..
Kriegsnolizen.
Fünf Russen versuchten aus dem Tucheler Ge⸗ fangenenlager zu entfliehen; einer wurde vom Posten er⸗ schossen, ein zweiter verwundet, die übrigen wurden eingefangen,
Aus dem Gefangenenlager„Mitteldeutsche Hartsteinindustrie Niederofleiden in Oberhessen entwichen zwei französi⸗ sche Kriegsgefangene, Marius Fanesse und Henry Ehaussedent, beide von schlanker Statur; ersterer mit schwarzem, letzterer mit blondem Schnurrbart. Beide sprechen nur französisch. Sie sind wahrscheinlich ein Stück Weges gegangen, um dann in dem Bremshäuschen eines Zuges weiterzukommen.
Der erste Zug mit 257 schwerverwundeten deutschen Soldaten kam Sonntag abend von Lyon in Genf an. Montag vormittag trafen die Invaliden in Konstanz ein, wo sie von den Militär⸗ und Zivilbehörden in Empfang genommen wurden. Ein Privattelegramm des Berl. Tagebl. besagt noch: Der Sanitätszug hatte 15 Wagen und war bequem für den Transport Schwerver⸗ wundeter eingerichtet. Die meisten Soldaten sind bei den Kämpfen an der Maas verwundet worden. Sie hatten ein vorzügliches Aus⸗ sehen, und das Bewußtsein, daß es jetzt wieder in die deutsche Heimat geht, hielt sie in guter Stimmung. 155
Das Verordnungsblatt der deutschen Zivilverwaltung für Rufsisch⸗Polen bringt eine Verordnung betreffend die Rück⸗ kehr der Einwohner in das unter deutscher Zivilverwaltung stehende Gebiet Polen links der Weichsel und die Aufforderung an Ver⸗ pflichtete, bis zum 1. August zurückzukehren. 8
Die Morning⸗Post meldet, daß eine japanische Militär⸗ kommission nach Italien unterwegs ist, wo sie vom König und General Cadorna empfangen wird. Die Kommission wird dann ihre Reise nach Paris und London fortsetzen.
Hessen und Nachbargebiete.
Gießen und Umgebung.
— Keine Verdächtigungen! Zu den Auseinander⸗ setzungen in unserer Partei hat der Kreisvorstand des Wahl⸗ kreises Höchst-Usingen folgenden Beschluß gefaßt: „Der Vorstand des Wahlkreises Höchst⸗Homburg⸗Usingen verurteilt alle auf die Störung der Parteieinheit gerichteten Bestrebungen. Er erblickt aber in der in letzter Zeit oft be⸗ sprochenen Eingabe, die eine Anzahl Vertrauensleute der Partei und Gewerkschaften an den Parteivorstand und die Reichstagsfraktion gelangen ließen, weder eine Sonderbün⸗ delei, noch eine gegen das Organisationsstatut verstoßende Handlung. Der Vorstand ist der Ansicht, daß es ein gutes Recht der darum angegriffenen Parteigenossen ist, eine andere Meinung zu haben und diese zum Ausdruck zu bringen. Auf das schärfste weist der Kreisvorstand zurück, daß die Mehrheit in den Parteiinstanzen und ihre Hintermänner jede andere Meinung über die seither von diesen Instanzen betriebene Politik, die sich auf durchaus legalem Wege Geltung zu ver— schaffen bestrebt, mit dem Vorwurf der Parteispaltung brand—⸗ marken will. Dieser Vorwurf paßt eher auf Tendenzen, wie sie Heine, Kolb und andere ungehindert und ungerügt propa⸗ gieren können. Der Kreisvorstand schließt sich den Be⸗ strebungen an, die unsere Partei zu ihrer früheren Stellung zurückführen wollen, weil der ganze Verlauf der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung ihn in dieser Ansicht nur bestärken kann.“ Die hier zum Ausdruck gebrachte Ansicht kann man nur billigen. Es ist in der Tat eine unschöne, ver⸗ werfliche Kampfesweise, einem Genossen, der anderer Ansicht ist, Absichten und Gründe unterzuschieben, die dem betreffen⸗ den fernliegen.
— Zur Getreide-Beschlagnahme der diesjährigen Ernte macht das Kreisamt bekannt, daß als Mischfrucht nur solche Frucht anzusehen sei, die gemischt gewachsen ist und demzufolge auch nur gemischt abgeerntet werden kann. Nicht dagegen ist es zulässig, abgeerntete Frucht nach erfolgtem Ausdrusch miteinander zu mischen, wie dies beispielsweise häufig mit Roggen und Gerste geschehen ist. Wer dies tut, nimmt eine Veränderung an dem beschlagnahmten Getreide vor, die ohne Zustimmung des Kommunalverbandes nicht gestattet ist und, falls sie trotzdem erfolgen sollte, mit Gefäng⸗ nis bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 10 000 Mark bestraft wird. Die Landwirte werden daher in ihrem eigenen Interesse davor gewarnt, Mischungen verschiedener Getreidearten nach deren Aberntung vorzunehmen. Zu⸗ widerhandlungen würden leicht festzustellen sein.
Wochenhilfe während des Krieges. In der Kriegszeit gewährt das Deutsche Reich dem weitaus größten Teil aller
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Diethelm von Buchenberg. a Erzählung von Bertold Auerbach. 22
Als die feinwolligen Schafe, die man ncht im Pferche übernachten ließ, am Abend heimkamen, schauten sie, den Blicken ihres Führers folgend, verwundert nach dem hell⸗ farbigen Täfelchen über der Haustür. Heute kam Diethelm nicht zur Laternenvisitation, und noch spät in der Nacht trug Medard seine geringe Habe zu seinem Vater in das Dorf und übergab ihm noch ein Päcklein Tabak und einen Teil des Trinkgeldes, das er auf dem Kirchheimer Wollmarkt er⸗ halten hatte. Der alte Schäferle, ein schweigsames, dürres Männchen, nickte froh, er bedurfte zu seinem Lebensunterhalt fast nichts als ein paar Kreuzer zu Tabak, und ein Trinkgeld ließ er nicht gern altbacken werden. Vom Waldhorn herab tönte durch das stille Dorf Lachen und lautes Hin⸗ und Her⸗
reden. Als der alte Schäferle in die Wirtsstube trat, wurde er mit großem Hallo empfangen, und Diethelm ließ ihm so⸗ gleich einen Schoppen einschenken, denn alles um ihn her sollte lustig sein, wie er's selber war. Er hatte heute wieder seinen Hauptspaß, er gab dem Lehrer und vielen anderen schwere Rechenexempel auf, Rätselrechnungen, die niemand herausbrachte; und wenn alles ringsum ihn lobte und ihr huldigte, rühmte er den alten Kopfrechner in Letzweiler, von dem er das gelernt, und die Bewunderung und die Schmeichel⸗ reden aller gingen Diethelm mit dem Weine leicht ein. Als man spät in der Nacht, nicht eben sicher auf den Beinen, aufstand, machte ein Witzwort des alten Schäferle noch auf der Straße viel Gelächter, denn er hatte gesagt:„Diethelm, dir schadet ein Brand(Rausch) nichts, du bist ja in der Brand⸗ versicherung.“ Diethelm lachte laut und wurde auf einmal nüchtern, und auf dem ganzen Heimweg vierließ ihn das Wort nicht.
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Es war nun so hellgemut daheim, daß Diethelm nur mit Schmerz daran dachte, auf Geschäftsreisen in der Ferne sich tummeln zu müssen. In der Tat kamen jetzt auch, von Reppenberger und anderen angewiesen, mehrere Händler, besahen die Vorräte Diethelms, konnten aber nicht handels⸗ eins mit ihm werden; und die Mahnung, wie sehr die Wolle durch langes Lagern an Aussehen und Gewicht verliere, wies Diethelm leicht von sich; es war ihm zur Gewißheit geworden, daß der gute Schick, auf den er harrte und hoffte, nicht aus- bleibe; er glaubte an ihn wie an eine Verheißung, und fast noch mehr als an eine solche. Es fiel ihm dabei gar nicht ein, rückwärts dem Urgrund dieser Zuversicht nachzuspüren, und mit einem allgemeinen Troste beschwichtigte er das Grübeln, wenn er sich ausdenken wollte, in welcher Weise denn sein zukünftiges Glück eintreten solle. Diethelm war jetzt auf⸗ sallend weichherzig und gutherzig gegen jedermann und faßte auch immer bessere Vorsätze für kommende Tage; und solch ein Mann, sagte er sich dann oft, solch ein Mann darf nicht untergehen, wenn noch Gerechtigkeit bei Gott und im Himmel ist. Ohne es auffällig zu machen, ging Diethelm öfters in die Kirche, und im Wirtshaus Zum Waldhorn unterhielt er sich viel mit dem Pfarrer, und diefer sagte oft zu den Wirts⸗ leuten und zu anderen: er habe den Diethelm gar nicht so gekannt, unter seinem starktuerischen Gebaren ruhe ein de⸗ mutsvolles und gläubiges Gemüt, und dabei sei er ein guter politischer Kopf. Diethelm war kein Liberaler, er war zu sehr monarchischer Natur und dünkte sich zu erhaben über alle unter sich, als daß er eine Gleichberechtigung anerkannt hätte; nur in Sachen der Wahlen wich er davon ab: die Ehre, von so vielen erwählt zu werden, dünkte ihn fast noch größer, als von der hohen Regierung ernannt zu werden. Manche schalten jetzt sogar auf Martha, die mit ihrem zänkischen und schwermütigen Wesen den braven Mann oft aus dem Hause
treibe. Es muß aber zur Ehre Diethelms gesagt werden,
Wöchnerinnen eine Wochenhilfe. Sie kommt jeder Frau zu, die während des Krieges niederkommt, vorausgeseßt, daß sie innerhalb des Jahres vor der Niederkunft wenigstens 26 Wochen lang Mitglied einer Krankenkasse war oder daß ihr Ehemann zum Heeresdienst eingezogen ist, in diesem Falle aber nur, wenn sie minderbemittelt ist, oder wenn ihr Mann Mitglied einer Krankenkasse war. Minderbemittelt ist eine Frau, wenn sie die Reichsfamilienunterstützung bezieht, und wenn ihr und ihres Mannes Gesamteinkommen um Jahr vor dem Diensteintritt nicht mehr als 2500 Mark betrug, oder wenn während des Krieges die Frau ein jährliches Ein⸗ kommen von nicht mehr als 1500 Mark für sich und von weiteren 250 Mark für jedes Kind unter 15 Jahren hat. Auch für das uneheliche Kind eines Kriegsteilnehmers wird die Wochenhilfe gewährt, wenn seine Vaterschaft durch Urteil oder schriftliches Anerkenntis festgestellt ist oder wenn er für den Unterhalt des Kindes regelmäßig gesorgt hat. Als Wochenhilfe wird gewährt: 1. ein einmaliger Beitrag zu den Kosten der Entbindung in Höhe von fünfundzwanzig Mark: 2. ein Wochengeld von einer Mark täglich, einschließlich der Sonn- und Feiertage, für acht Wochen; 3. eine Beihilfe bis zum Betrage von zehn Mark für Hebammendienste und ärzt⸗ liche Behandlung, falls solche bei Schwangerschaftsbeschwer⸗ den erforderlich werden; 4. für Wöchnerinnen, so lange sie ihre Neugeborenen stillen, ein Stillgeld in Höhe von einer halben Mark täglich, einschließlich der Sonn⸗ und Feiertage, bis zum Ablauf der zwölften Woche nach der Niederkunft. Wenn die Wöchnerin oder ihr Ehemann einer Krankenkasse angehört hat, muß sie bei dieser ihren Anspruch auf Reichs⸗ wochenhilfe geltend machen, in allen anderen Fällen beim Lieferungsverband, das ist in der Regel der Kreisausschuß. Die Verordnung über die Reichswochenhilfe vom 7 Dezember 1914 ist am gleichen Tage, diejenige vom 23. April 1915 am 24. April 1915 in Kraft getreten; Wöchnerinnen, die vor her jedoch während des Krieges niedergekommen sind, er ⸗ halten nur einen Teil der oben angegebenen Leistungen bezw. eine einmalige Unterstützung von höchstens 50 Mark. Alle, denen das Wohl unserer jungen Mütter am Herzen liegt, mögen dahin wirken, daß die Bestimmungen über die Reichs⸗ wochenhilfe möglichst bald allen Frauen und Mädchen be⸗ kannt werden, die Anspruch auf Wochenhilfe zu mathen haben und daß sie diese der Absicht des Gesetzgebers entsprechend zu ihrer und ihres Kindes besserer Pflege und Ernährung verwenden. Sie werden dazu beitragen, daß unsere Krieger. frauen in ihrer schwersten Zeit vor Not geschützt sind, und daß ein gesunder, leistungsfähiger Nachwuchs die schmerz⸗ Volksbestand
lichen Lücken ausfüllt, die der Krieg unserem geschlagen hat.
Verbot des Verkaufs von Erzeugnissen der Kartoffel⸗ trocknerei. Das Reichsgesetzblatt Nr. 87 veröffentlicht die folgende Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 7. Juli: „Kaufverträge über Kartoffelflocken, Kartoffelschnitzel(Kar⸗ toffelscheiben, Kartoffelgries), Kartoffel⸗Walzmehl, feuchte und trockene Kartoffelstärke sowie Kartoffelstärkemehl aus der inländischen Kartoffelernte des Jahres 1915 sind nichtig. Dies gilt auch für Verträge, die vor Verkündung dieser Ver⸗ ordnung geschlossen sind.“
Vorläufig keine Milchpreiserhöhung. Bei der Be⸗ sprechung, die unter der Leitung des Ministers v. Hombergk, zwischen den Vertretern der größeren hessischen Städte und den Vertretern der hessischen Landwirtschaft in Darmstadt abgehalten worden ist, versprachen die Vertreter der Land⸗ wirtschaft, wegen der„allgemeinen Lage“, d. h. mit Rücksicht auf die Unmöglichkeit, die beabsichtigte Preiserhöhung stich⸗ haltig zu begründen und auf die in der Bevölkerung über den Lebensmittelwucher herrschende Empörung vorläufig bis zum 1. September von einer Milchpreiserhöhung abzusehen. Vorläufig— es heißt also auch weiter auf der Hut sein.
Die Viehpreise. Der Auftrieb zum Montagsmarkt in Frankfurt setzte sich zusammen aus 2119 Rindern(258 Ochsen, 54 Bullen und 1807 Färsen und Kühen), 363 Kälbern und 1015 Schweinen. Schafe fehlten. Es standen über 600 Stück. Rinder mehr zum Verkauf als am Montag der Vorwoche. Gleichwohl blieben die Preise für Ochsen sowie für die besseren Klassen von Färsen und Kühen die gleichen, nur Bullen
daß er immer entschiedene Einsprache tat, wenn er derartiges merkte. Er hielt es für eine Versündigung, durch Ungerech⸗ tigkeit gegen andere erhoben zu werden; aber so sehr war er bereits in inneren Wirrwarr geraten, daß er diese einfache Ehrlichkeit für ein besonderes Opfer hielt, wofür ihm der Gotteslohn nicht ausbleiben dürfe.
Diethelm hielt sich überhaupt viel im Waldhorn auf und kartelte. Hier war gewissermaßen sein zweites Heimwesen, und ein noch viel willfährigeres als das eigentliche, Er hatte eine Hypothek auf dem Wirtshaus, und der ohnedies ge⸗ schmeidige und schmeichlerische Wirt war sein Neffe, dem er zum Ankauf dieses Hauses verholfen hatte; natürlich also, daß Diethelm hier unbedingte Botmäßigkeit fand, wie sonst nirgends; und er ließ sich diese gern gefallen. Im Wald⸗ horn wartete er nun jedesmal den Postboten ab; die Quit tung für eine drängende Schuld, die er mit der erworbenen baren Summe getilgt hatte, blieb nicht aus, aber auch an⸗ dere Briefe kamen, in die er nur kurze Blicke warf und die er auf dem Heimweg in kleinen Stückchen verzettelte, die der Herbstwind lustig davontrug. Ganz buchstäblich schlug er alle Sorgen in den Wind, und wenn die Frau, die wohl tiefer sah, mit ihm alles besprechen wollte, hatte er hunderterlei Ausreden und versicherte Martha, sie solle nur auf ihre Sachen sehen, er werde die seinigen schon auseinanderhaspeln. Martha war, wie alle Frauen, vornehmlich aufs Erhalten bedacht, und diese durch die kleinlichen Hantierungen des Lebens bedingte Tugend erschien Diethelm in seinen weit ausgreifenden, erobernden Plänen als engherzig. Martha war schon zufrieden, daß er ihrem Drängen nachgab, sich nicht zum Abgeordneten wählen zu lassen, was er eigentlich nie recht im Sinne gehabt; nur tat er jetzt, als ob er damit seinen liebsten Wunsch opfere.
Fortsetzung folgt.)


